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„Dr. Bauer schaut immer bis Afrika“

Aus: Agathe Nalli-Rutenberg: Das alte Berlin. Erinnerungen, 1912 (S. 58)
Bruno Bauer war Pate der Verfasserin  (S. 13)

Ein seltenes Original, freilich nicht der großen Menge, sondern nur dem Kreise seiner Freunde bekannt, war auch der frühere Schulkamerad meines Vaters, der Philosoph Dr. Bruno Bauer. Er hatte, wenn ich nicht irre, wegen seiner zu freien politischen Gesinnung seine Stellung als Professor an einer süddeutschen Universität verloren, widmete sich dann wissenschaftlichen Arbeiten und wurde später Mitarbeiter am Wagnerschen Staatslexikon. Eine Zeitlang wohnte er in Rixdorf bei seinem Bruder Egbert, der dort mit seiner Familie eine kleine Landwirtschaft betrieb. Rixdorf war damals wirklich noch ein Dorf, welches es ja heute nicht mehr ist, das übrigens sonst nicht gerade viel Schönheiten aufzuweisen hatte. Wir wanderten im Sommer öfter zu Fuß, schon des Vormittags, um die Bauersche Familie zu besuchen.

Häufig trafen wir dann Egbert im Garten oder im Felde, wo er, mit großen Bauernstiefeln angetan, selbst zu arbeiten pflegte und, eine wichtige Miene annehmend, uns mit folgenden Worten empfing: „Ja, sehen Sie, hier stehe ich nun im Mist und arbeite im Mist! Der Mist ist die Hauptsache; ohne ihn könnten wir nicht existieren: Der Mist ist’s, der uns erhält!“

Da kam dann auch Bruno aus seiner Zelle heraus, in der er eifrig den Tag über seinen Studien oblag, im Hausrock, die damals so gebräuchliche lange Pfeife im Munde, und hieß uns willkommen.

Er hatte ein geistvolles Gesicht, dieser Bruno Bauer! Ich sehe ihn ganz deutlich vor mir, während ich dieses schreibe. Seine Augen waren die eines tiefen Denkers, eines Philosophen, der den größten Teil seines Lebens in einer hohen geistigen Sphäre geweilt. Diese Augen schienen immer in weite, weite Fernen zu blicken, über alles Kleinliche, was in der Nähe war, weit weg. Wir Kinder meinten scherzend: „Dr. Bauer schaut immer bis Afrika“