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 Der Völkerapostel Paulus im Spiegel

seiner neuesten Interpreten

Jürgen Becker: Theologische Literaturzeitung - Nr 11 - 122. Jg - Nov 1997 - Sp. 977-978

 


Die Auswahl der zu besprechenden Literatur ist zufällig. Eine Begründung für den kurzen Zeitraum, aus der die Literatur kommt, oder für die Selektion selbst wird darum auch gar nicht erst versucht. Da Forschungstrends und -Schwerpunkte nur für einen längeren Zeitraum aufgewiesen werden könnten,1 ist es das Ziel des Referates, allein über Veröffentlichungen, die zur Rezension vorliegen, aktuell zu unterrichten.

1. Nachdem es nun seit Jahren den „ganz anderen" Jesus gibt, versuchen sich auch Paulus-Interpreten in diesem Genre. H. Detering2 erklärt alle Paulusbriefe für spätere Fälschungen; B. Zürner3 macht aus Paulus einen Atheisten. So ganz neu sind beider Thesen allerdings nicht: Detering fußt auf den holländischen Radikalkritikern; B. Zürner schreibt seine Paulusauslegung von dem „unbestechlichen Nietzsche" her (546) und setzt dabei die Anthropologie von L. Klages als Maß. Von F. Nietzsche übernimmt er die inhaltliche Abqualifizierung des Apostels, allerdings ohne die antijüdische Komponente. Detering will für die Paulusbriefe eine „vollständige Unechtheitstheorie in ihrem inneren Zusammenhang" darstellen (9). Zürner möchte Paulus „rigoros seiner Theologie, seines Amtes und seiner offiziellen Würde entkleiden" und sein „Gedankenwerk ... a-theologisch" auffassen (29). Wer sich in verschiedener Weise so kraß außerhalb der recht stabilen gemeinsamen Basis der sonst je eigene Akzente setzenden Ausleger stellt, wird nicht erwarten, daß er viel Beifall erhält. Die Ursache für den fehlenden Beifall sollten dabei beide in erster Linie bei sich selbst suchen.

Denn wer allen Ernstes wie Detering behauptet, „Paulus" sei das verklärte Bild des Simon Magus, wie es sich Marcion schnitzte, indem er die Urform der Paulusbriefe schuf, muß schon sehr fantasievoll mit den Quellen umgehen. Er muß zudem der Apg jeden Geschichtswert absprechen, und auch lClem sowie die Ignatiusbriefe zu späteren Fälschungen abstempeln, weil sie Paulus, bzw. Paulus und seine Schriften vor ihrer angeblich marcionitischen Entstehung bezeugen. Er muß auch zu der bizarren Vermutung Zuflucht nehmen, daß die marcionitischen Paulusprodukte dann von der Großkirche überarbeitet wurden, damit sie als verfälschte Produkte des Erzketzers Marcion auch im kirchlichen Kanon Aufnahme finden konnten. Wer einmal so großzügig im Urchristentum aufgeräumt hat, dem wird man es nachsehen, wenn er gleich auch noch von R. Augstein die These übernimmt, daß Jesus aus mehreren Figuren synthetisiert wurde (209). Damit ist aus der Jesuszeit und den ersten beiden Generationen des Urchristentums eine tabula rasa geworden. Solches Aufräumen macht dem Autor offenbar Spaß, so daß er gar nicht merkt, wie er sich 1000 eigene Probleme für die Erklärung des Christentums im zweiten Jahrhundert schafft und daß er sich eine methodisch seriöse Behandlung der Quellen erst noch aneignen muß.

Dies gilt auf andere Weise auch für Zürner. Er will mit ermüdend breitem Aufwand dem Leser erklären, daß das, was Paulus von seiner Biographie hier und da preisgibt, Fiktionen sind. Dazu gehören seine jüdische Vergangenheit, seine Verfolger­tätigkeit, seine Berufung und das Apostelkonzil. Überhaupt ist Paulus nach seinem eigenen Verständnis kein „Offenbarungsempfänger" (342); er „redet (auch) über den göttlichen Geist nicht aus eigenem Erleben" (435); das bekannte Hohelied der Liebe ist eine Verklärung seines eigenen „Furors" (494); ja „Paulus ,glaubte' weder an Gott noch an Christus; er dachte und lebte als .Gottloser'" (546). Um so mehr hat er seine Ge­meinden ausgeplündert (625) und den „Handelsgeist ... bis in den Kern des Erlösungsmysteriums" vordringen lassen (623). Dazu gehört ein Charakter, der als lieblos, gemüts- und gefühlsarm, unsozial und kaltherzig bezeichnet wird (643). Paulus war „ein gequälter Mann" (661). In diesem Szenario fehlt eigentlich nur noch, daß in Umkehrung von IKor 7,7; 9,5 Paulus ein heimlicher, jedoch um so verklemmterer Triebtäter war. Dieser vom christlichen Sockel gestoßene Paulus ist - Nietzsches Weltanschauung und Christentumskritik lassen grüßen - im stillen natürlich ein eklatanter Einzelfall für das Elend des Christentums überhaupt.

Doch einmal davon abgesehen, daß eine fiktive Biographie für seine Zeitgenossen - vor allem auch für die Gegner des Apostels (Gal!) - ein gefundenes Fressen gewesen wäre, Paulus zu entlarven: Wie kommt es, daß seine Zeit, die für Scharlatane durchaus einen scharfen Blick besaß, nicht erkannte, was Zürner zweitausend Jahre später diagnostiziert? Vor lauter Eifer, aus einem Paulus mit dem Nimbus eines Heiligen das abgründige Gegenteil zu machen, verliert Zürner den Paulus der Geschichte aus den Augen. Hält es ein Mensch überhaupt durch, sich hinter so vielen Fiktionen zu verbergen? Was sollte ihn dazu bringen, so viel Versteckspiel zu betreiben? Warum blieb er nicht bei seinem erlernten Beruf, statt mit der ewigen Angst zu leben, seine Mimikry würde entdeckt? ....


1 Den jüngsten Überblick über die Literatur und den Diskussionsstand bieten: H. Hübner, An. Paulus I, TRE 26, 1996, 133-153, und D. Flusser, Art. Paulus II, TRE 26, 1996, 153-160. Vgl. außerdem: H. Hübner, Paulusforschung seit 1945, ANRW II 25.4, 1987, 2649-2840; O. Merk, Paulus-Forschung 1936-1985, ThR 53, 1988, 1-81; F. W. Hörn, Paulusforschung, in: F. W. Hörn [Hrsg.], Bilanz und Perspektiven gegenwärtiger Auslegung des Neuen Testaments, BZNW 75, 1995, 30-59.

2 Detering, Hermann: Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht. Düsseldorf: Patmos 1995. 245 S. 8°. ISBN 3-491-77969-3.

3 Zürner, Bernhard: Paulus ohne Gott. Eine charakterologische Untersuchung. Bonn: Bouvier 1996. 826 S., 1 Farbtaf. gr.8c. ISBN 3-416-02619-5.


 

Paulus, Jürgen Becker und der methodische Verzicht auf Phantasie 

Hermann Detering

 


Berlin, 4.1. 2005 -  Mit knapp 8 jähriger Verspätung habe ich heute die kurze Buchrezension  des "Gefälschten Paulus"  von Jürgen Becker, dem Verfasser des  Buches "Paulus, Apostel der Völker", auf die Rezensionsseite gestellt. 

Aufschlußreich an dem ansonsten wenig bemerkenswerten Artikel ist Beckers Eingangsbemerkung, daß Autoren, die "sich in verschiedener Weise so kraß außerhalb der recht stabilen gemeinsamen Basis der sonst je eigene Akzente setzenden Ausleger" stellen - wie z.B. Detering und Zürner - nicht erwarten dürfen, daß sie dafür viel Beifall erhalten. Mit anderen Worten: Wer sich außerhalb des "mainstream" begibt, liegt für Becker a priori falsch. Anstatt erst die Argumente für die Unechtheit sämtlicher Paulusbriefe zu prüfen und danach zu sehen, was von der "stabilen Basis" der Ausleger noch übriggeblieben ist, gilt die Übernahme eines alternativen Paradigmas per se als methodischer Fehler, für die kein Beifall erwartet werden darf.

Abgesehen davon, daß es mir bei dem Buch weniger um Beifall als um eine erkenntnisfördernde  Auseinandersetzung zu tun war, scheint mir eine derartige methodische Prämisse für die Arbeitsweise des Theologen und Verfassers eines allgemein beachteten Paulusbuches recht erhellend. Hätte sich die Astronomie daran orientiert, wären wir sicher immer noch bei der Annahme des geozentrischen Systems.

Auf einzelne Beispiele für die Priorität der marcionitischen Fassung vor der katholischen, mit denen ich meine Auffassung untermauere (siehe z.B. Röm 1:1-7) und an denen Becker dem Leser seinerseite eine kleine Kostprobe  einer "methodisch seriösen Behandlung  der Quellen" hätte geben können, wird gar nicht eingegangen.  Für Becker  ist es ganz allgemein eine "bizarre Vermutung" "daß die marcionitischen Paulusprodukte ... von der Großkirche überarbeitet wurden". Warum diese Vermutung  bizarrer sein soll als die von Becker und den meisten anderen Theologen bis heute im Anschluß an die großkirchlichen Väter befürwortete Auffassung, daß Marcion die Briefe überbearbeitet haben soll, bleibt offen. Theologische Voreingenommenheit? Mangel an Phantasie? Oder vielleicht ein methodischer Verzicht darauf?

Ob sich der für die Paulusforschung auf Dauer positiv auswirkt, bleibt zu  bezweifeln.