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Der gefälschte Paulus

Ein Buch zu der Frage, was wir glauben können

Von Wilhelm Fuhrmann

 


Wer wissen möchten, wer wen gefälscht hat, lese das Buch mit dem in der Überschrift zitierten Titel „Der gefälschte Paulus“ von Hermann Detering. Dann weiß er oder sie zwar auch nicht, was „wirklich“ war und ist, ist aber auf einige Fragen und Probleme gestoßen, die möglicherweise etwas mit dem Glauben zu tun haben. Das Problem ist hier, ob das, was wir von Paulus zu wissen glauben, den historischen Tatsachen entspricht. Da haben wir einerseits einige Briefe, aus deren Absender und Adresse zu entnehmen ist, daß Paulus sie an unterschiedliche, vor allem an von ihm selbst gegründete Gemeinden geschrieben hat. Einige dieser Briefe werden aber von der Mehrzahl der christlichen Schriftgelehrten für „unecht“ gehalten: Entweder widersprächen sie dem, was in den „echten“ Pauluschriften zu lesen ist, oder sie spiegeln offensichtlich Zeitumstände, die erst etliche Jahre nach dem Tod des „historischen Paulus“ eingetreten sind. Oder man hat zum Beispiel beim 2. Thessalonikerbrief den Eindruck, daß "Paulus“ geradezu wörtlich Sätze aus dem 1. Thessalonikerbrief abgeschrieben hat, um nun das Gegenteil zu behaupten – was wiederum als Auffassung einer späteren Zeit zu erklären ist.

Andererseits haben wir recht ausführliche Informationen über Leben und Tätigkeit des Menschen Paulus in der Apostelgeschichte des Lukas. Aber diese Berichte lassen sich mit dem, was den autobiographischen Notizen in den „echten“ Paulusbriefen zu entnehmen ist, nicht unter einen Hut bringen. Vor allem hatte der Paulus der Apostelgeschichte eine andere „Theologie“, als der Briefschreiber Paulus sie in seinen Texten entwickelt. Sollte Lukas, der einer seiner Reisebegleiter war, seinen Chef derart mißverstanden haben? War „Lukas“ überhaupt der, als den ihn spätere kirchliche Tradition beschreibt und behauptet?

Die Fragen, auf die sich das Problem angesichts der „unechten“ Briefe und der Apostelgeschichte zuspitzt, lauten: „Kann Paulus das so gesagt haben? Und ist es wirklich so gewesen?“ Da gibt es dann einerseits gewundene Erklärungen. daß Paulus zwar die Themen einiger Briefe genannt, die selbständige Ausarbeitung aber einem Sekretär (“Lukas“?) überlassen habe. Oder: Paulus habe eben eine innere Entwicklung durchgemacht und in reiferem Alter dieses und jenes anders gesehen. Und die sogenannten Widersprüche zwischen den Notizen der Briefe und dem Bericht der Apostelgeschichte seien keine, da es sich jeweils um ganz verschiedene Begebenheiten handle, die irrtümlich in einen Topf geworfen würden.

Und da sitzt das Problem: Die Kirche hat sich bei uns seit der Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert unserer christlichen Zeitrechnung auf die Historizität ihres Glaubens festgelegt: Wir glauben, was und wie es wirklich gewesen ist. Das klingt fast „modern“: Wir glauben nur, was wir anfassen können. So steht es wörtlich im 1. Johannesbrief, 1. Kapitel, Verse 1—3. Beweis für die historische Richtigkeit sind die Zeugenaussagen der zwölf Apostel. die von der Taufe Jesu bis zu seiner Himmel­fahrt dabei waren. Dieses "Dogma" stellt die Apostelgeschichte auf, und deshalb „müssen“ Matthäus und Johannes „Apostel“ sein—und Lukas und Markus wenigstens Apostelschüler. Und deshalb ist Paulus k e i n Apostel, weil er eben nicht „dabei war“. Damit stellt sich die Frage: „Was bleibt“ angesichts so vieler historischer Unsicherheiten? Anders gefragt: Was können wir glauben? Sollen wir „für wahr halten, was die Kirche lehrt“? Sollen wir„glauben“, daß die (ganze!) Bibel „Gottes Wort ist“? Oder sind wir nicht vielmehr darauf angewiesen daß das, was hier oder da aus de Worten der biblischen Schreiben zu uns herübertönt, für uns ein Wort Gottes wird? Mögen diese Schreiber, die uns da ihre Erfahrrungen mit Gott bezeugen, nun Jesaja oder Paulus „sein“ — oder auch nicht. Unser Glaube hängt nicht an Paulus (oder Luther oder Kardinal Ratzinger), sondern an dem, was wir „von der anderer Seite her“, die wir ..Gott“ nennen, als uns betreffend und betroffen machend hören.

Der Verfasser sagt das mit etwas was anderen Worten: Es muß jeder selbst für seinen Glauben einstehen. Da gibt es kein Nachplappern und kein Katechismus-Aufsagen. Und wer ist der Verfasser? Doktor der Theologie Hermann Detering, evangelischer Gemeindepfarrer in Berlin.