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Hat Paulus seine Briefe nicht selber geschrieben ?

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von Ekkehard Böhm

 


 Der Verfasser des Markus-Evangeliums war nicht der gleichnamige Jünger Jesu, und auch die Offenbarung des Johannes läuft unter falschem Namen. Darüber sind sich die Neutestamentler inzwischen einig. Aber von den dreizehn Paulus-Briefen, so heißt es heute weitgehend übereinstimmend, sind wenigstens sieben echt, geschrieben in der Zeit zwi­schen 50 und 60, die ältesten originalen Zeugnisse des Christentums. Doch einer meldet auch hier jetzt Zweifel an: der Berliner Pfarrer Hermann Detering. Für ihn handelt es sich bei den paulinischen Briefen allesamt um geschickte Fälschungen aus dem 2. Jahrhundert.

Die Fragen, die Detering stellt, sind berechtigt — freilich nicht neu, denn Zweifel an der Echtheit der Briefe sind schon im 18. Jahrhundert aufgetaucht Warum etwa schreibt Paulus an die römische Gemeinde einen langen Brief, wenn er anschließend gleich selbst nach Röm reist? Warum wendet er sich an das Bergvolk der Galater in so komplizierten Worten, daß ihn dort bestimmt keiner verstanden hat? Warum tut der Jude Paulus so, als sei er keiner? Warum spielt er zwischen 50 und 60 schon auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 an? Und warum tauchen die Briefe erst im 2. Jahrhundert auf? Weshalb erwähnt ihn sonst nur die Apostelgeschichte und kein anderer Autor, wenn er angeblich doch so eine überragende Persönlichkeit war?

Beim Vergleich von Apostelgeschichte und Briefen habe man, meint Detering, den Eindruck, als sei hier von zwei verschiedenen Menschen die Rede. In ersterer erscheint er als Jude, in letzteren lehnt er das jüdische Gesetz ausdrücklich ab. In der Apostelgeschichte ordnet er sich der Jerusalemer Gemeinde unter, da er mit den Jüngern nicht gleichwertig sei, in den Briefen betont er seine Gleichrangigkeit. Die Differenzen hält Detering für unüberbrückbar — und die Apostelgeschichte für eine Sammlung unhistorischer Legenden. Auch das Damaskus-Erlebnis, für das schon verschiedene medizinische Erklärungen herangezogen worden sind, ist für ihn pure Literatur. Aus den Paulus-Briefen spricht ein ungeheures Selbstbewußtsein, das sich vom sonst eher schlichten Briefstil der hellenistischen Welt sehr abhebt. Auch deshalb meint Detering, seien sie nicht Zeugnisse des Apostels selbst, sondern Äußerungen späterer Bewunderer. Ursprünglich dürfte es sich bei ihnen um theologische Traktate gehandelt haben, die dann in Briefform umgegossen wurden, um ihnen eine höhere Autorität zu verleihen. In vielem habe man den Eindruck, der Briefschreiber blicke auf eine längst vergangene Zeit zurück.

Nun beschränkt sich der Autor allerdings nicht darauf, Fragen zu stellen. Er will auch Antworten geben und droht sich damit ins Reich der uferlosen Spekulation zu verirren, selbst wenn er nicht den Anspruch erhebt,  „die Wahrheit“ gefunden zu haben, sondern seine These nur als Diskussionsbeitrag bezeichnet. Der mutmaßliche Verfasser der Briefe ist für ihn der 144 exkommunizierte Marcion, ein Vertreter der christlichen Gnosis. Diese griff den Monotheismus an und postulierte die Existenz eines (jüdischen) Schöpfergottes und eines (christlichen) Liebesgottes. Dem einen sei die Schöpfung mißlungen, der andere habe die Menschheit durch das Opfer Jesu vom „Demiurgen“ befreit. Deshalb gelte der Glaube vor dem Gesetz, die Liebe vor der Gerechtigkeit.

Paulus genoß nun bei Marcion hohes Ansehen, in den Briefen macht Detering gnostische Anklänge ausfindig, und Marcion habe sich legitimieren wollen, indem er Paulus für sich in Anspruch nahm. In ihrer heutigen Gestalt lägen die Briefe aber nur in katholischer Uberarbeitung vor. (Allerdings stellt sich die Frage, warum die Kirche sie übernommen hat, wenn sie doch von einem Ketzer stammen.) Und die Apostelgeschichte sei die katholische Antwort auf die bei den Gnostikern beheimatete Paulus-Legende, die gleichwohl auf eine historische Gestalt zurückgehe.

Und wer war dann Paulus wirklich? Detering meint ihn ausfindig gemacht zu haben, wobei er immer wieder dazu neigt, die von ihm kritisierte Methode der Vertreter der Echtheit der Paulus-Briefe zu übernehmen: Aus der Vermutung wird schnell eine Behauptung. Danach ist der historische Paulus identisch mit dem in der Bibel erwähnten Simon Magus, dem geistigen Vater der gnostisch­marcioninschen Gemeinde. „Paulus“ muß danach nicht als Eigen-, sondern als Beiname verstanden werden. Der fiktive Paulus wurde dann katholisiert, der wirkliche Simon von der Kirche zum Ketzer und Antichrist erklärt.

Uber diesen konkreten Fall hinaus wirft Deterings Buch aber eine Reihe weiterer Fragen auf. Nach gängiger Meinung hat erst Paulus Jesu Lehre zu einer Theologie geformt. Wenn er es aber nicht getan hat, wer war es dann? Was ist zwischen den Jahren 50 bis 150 geschehen? Wer hat das Christentum vom Judentum getrennt? Und was bedeutet das für den Glauben? Für Detering gerät er durch die radikale Frage nach seinen historischen Grundlagen nicht in Gefahr. Eher sieht der Autor eine Chance darin, wenn dieser sich nicht auf Geschichte, sondern auf geistige Autorität gründe.

Aber wenn Detering für die Möglichkeit eines dogmen- und schließlich auch kirchenfreien Glaubens eintritt, dann muß man hier doch Zweifel anmelden. Dann bleibt im Grunde nur eine Sittenlehre, und bei der Frage, was dann Christentum noch ist, äußert Detering sich so dunkel, wie sich manche Stelle in den Paulus-Briefen liest.