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Die Lust der Welt - und die Kunst der
Entsagung
Typen des Verzichts
Unsere Galerie der Entsagungskunst wird neun Ausstellungsräumen haben.
Der erste steht unter der Überschrift „Der Verzicht wird entdeckt“ und
ist den Anfängen gewidmet. „Ex oriente lux“ besagt: der Ursprung liegt
im Osten, bei den indischen und buddhistischen Weisen. Wir besichtigen
den philosophisch-religiösen Innenraum der frühen Entsagungskunst und
werden ihrer Grundlagen ansichtig, Weltpessimismus und/oder
Identitätsphilosophie, ein Muster, dem wir von nun an immer wieder
begegnen. Der Blick des Verzichtenden ist auf befreiende Erlösung
gerichtet: Erlösung von der Welt.
Raum zwei ist dem Thema Vegetarismus gewidmet. Fleischverzicht ist
wieder aktuell. Die Ursprünge in Europa gehen bereits auf Orphik und
Pythagoreer zurück. Hier haben wir Gelegenheit, mehr über die
Hintergründe des frühen Vegetarismus zu erfahren und uns mit dessen
modernen Tendenzen auseinanderzusetzen.
Vorsicht beim Betreten des dritten Ausstellungsraums! Diogenes von
Sinope streckt uns sein Hinterteil entgegen. Mit ihm begegnen wir dem
humanistischen, anti-zivilisatorischen „Mensch ist Mensch-“ und „Zurück
zur Natur-“ Typ, der auch heute noch in der Form des „Aussteigers“
auftritt. Von den vorhergehenden Typen unterscheidet er sich in der
Regel durch Desinteresse an Religion, Mystik und Metaphysik, auch in
Sachen Philosophie ist er relativ leidenschaftslos. Wenn überhaupt, ist
er Vertreter einer handfesten Lebensphilosophie, die ohne große
Distinktionen auskommt. Abstrakte philosophische Diskussionen
interessieren ihn nicht und bieten lediglich Anlass für sarkastische
Bemerkungen.
Als Lebens- und Unterhaltungskünstler ist der humanistische Typ
Fluxus-Künstler und tritt oft durch Happenings und zeichenhafte
Handlungen in Erscheinung, mit denen er seine Umgebung vor den Kopf
stößt. Ihn treibt die Einsicht, dass der Mensch unter dem Ballast von
Luxus, Reichtum und weichen Betten seine Menschlichkeit verloren hat und
daher dringend einer Rückbesinnung auf das wesentlich Menschliche
bedarf. Dazu will er gern verhelfen. Seine Entsagung ist nicht als
Rückzug aus der Welt, sondern als Rückzug aus der zivilisierten Welt zu
verstehen. Auch ihm geht es um Freiheit, freilich im Sinne von Autarkie.
In Raum vier wird der Verzicht getauft. Das zeigt zweierlei: Die
christliche Askese musste nicht erst neu erfunden werden, und die frühe
Kirche war eine Kirche der Entsagung. Da zumal das Letztere inzwischen
weithin in Vergessenheit geraten ist, sieht sich der Ausstellungsleiter an
dieser Stelle zu näherer Erläuterung veranlasst. Dem liberalen Charakter
der Führung entsprechend, wollen wir nicht über Sinn oder Unsinn
moderner Erotikgottesdienste urteilen. Es soll nur der Hinweis gestattet
sein, dass alle, die das Christentum auf historischen Instrumenten hören
möchten, dort fehl am Platz sind.
In Raum 6 gibt es eine große Flügeltür. Die ist weit nach draußen
geöffnet: Wir folgen dem Gang des Verzichts in die Wüste. Auf den Spuren
der Wüstenväter und
Säulenheiligen machen wir uns unter anderem über den
stimulierenden Effekt des Verzichts auf Imagination und Fantasie Gedanken. Zumal künstlerisch interessierte Besucher und Absolventen
musischer Gymnasien sind eingeladen, hier ein wenig länger zu verweilen.
Armut ist geil.
Im nächsten Ausstellungsraum
geht es verstärkt um Sex. Dieser Aspekt des |

Hermann Detering führt
uns kenntnisreich und unterhaltsam durch die Welt der Entsagung und des
Verzichts. Sein Blick geht zurück auf die Anfänge, beleuchtet die
Ursprünge allen asketischen Lebens und seine modernen Tendenzen, zeigt
frühe und moderne Aussteiger, christliche Askese und macht auch vor der
Last mit der Lust und der Lust an der Entsagung nicht halt. All
diejenigen, die sich noch nicht ganz im Dschungel unserer heutigen
Überflussgesellschaft verloren haben, will der Autor neugierig machen
auf Möglichkeiten des Verzichts. Denn wer offen bleibt für alternative
Lebensentwürfe, für Selbstfindung durch Weltdistanzierung, für eine
unbestimmte Sehnsucht nach etwas anderem, kann auf diesem Weg das
Wertvollste überhaupt finden: seine ganz persönliche Freiheit.
DIE LUST DER WELT UND
DIE KUNST DER ENTSAGUNG
ca.
256 Seiten / gebunden mit
Schutzumschlag / 13,5 x 21,5 cm
€19,99 (D) / €20,60 (a) / CHF* 28,50
ISBN 978-3-579-06629-5
Warengruppe: 1973, Gesellschaft
GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS
Erscheint November 2013
Themas, der schon in den
vergangenen Kapiteln diffus herumwaberte, wird nun endgültig auf den
Punkt gebracht. Am Beispiel des Kirchenvaters Augustin erhellt
eindrucksvoll, dass die Entbehrung der Sexualität womöglich die
schmerzlichste Seite des Verzichts darstellt. Notorische Voyeure
erhalten Trost und Rat.
Dagegen steht in Raum 7 wieder der Verzicht auf Besitz und Nahrung im
Vordergrund. Ein Zusammenhang mit Raum 6 ergibt sich nur insofern, als
alle in diesem Raum vorgestellten Personen die Überzeugung teilen, dass
Armut geil sein kann.
Nach dem Besuch von Raum 8 wissen wir, dass der Verzicht im Islam
Dschihad heißt, ohne Nine-Eleven zu meinen.
Im letzten Ausstellungsraum stehen ein paar Vitrinen zum Thema:
Schrumpftum statt Wachstum. Wir begegnen dem politischen Typus des
Entsagungskünstlers. Mit dem von Diogenes repräsentierten humanistischen
Typ verbindet ihn die Freude an spontanen Aktionen und Happenings, denn
der politische Entsager ist wie der humanistische vorwiegend Aktions-
und manchmal auch Unterhaltungskünstler. Außer einigen Vitrinen mit
alten Schwarzweißfotos von „Gammlern“, „Hippies“ und anderen
Aussteigern gibt es noch eine kleine Nische für den Menschen
Gottfried und ein Klettergerüst, auf dem sich Cécile Lecomte, genannt
„Eichhörnchen“, abseilen kann.
Der Autor bittet um Verständnis dafür, wenn die Entsagungskunst in
seiner kleinen Galerie nur am Beispiel der profiliertesten Typen
vorgeführt wird. Damit sich der Leser am Anblick dieser stolzen
Bergmassive erbauen kann, wurde die Messlatte absichtlich sehr hoch
gelegt. Von den hohen Gipfeln führt dann eine Reihe von Hängen, Triften
und bunten Wiesen in die Niederungen und Täler. Gemeint sind die Bereiche, in denen die
hohe Kunst der Entsagung in fließenden Übergängen zur Anleitung für ein fröhliches Gesellschaftsspiel verflacht
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