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Ein deutscher Monistenbund

 Von Albert Kalthoff

Aus: Blaubuch I, 3, 1906, 109-111

 


 

Die Stadt, in der die Erinnerungen  an die alte Burschenherrlichkeit immer noch nachwirken, ist in diesen Tagen der Ausgangspunkt einer Bewegung geworden, die für die geistige Befreiung des Volkes und die Entwicklung unseres Kulturlebens bedeutungsvoll werden soll. Ganz in der Stille ist am 11. Januar in Jena der Grundstein zu einem deutschen Monistenbunde gelegt worden. Nachdem Ernst Häckel den tausendfachen Anregungen, die in den letzten Jahren von nah und fern immer dringender an ihn ergingen, endlich nachgegeben und die Initiative zu einer Organisation der monistisch Denkenden und Empfindenden ergriffen, hatte eine Umfrage bei einer größeren Anzahl von Männern, unter denen sich Vertreter aller vier Fakultäten, namhafte Schriftsteller, aber auch Männer der Praxis, Industrielle, Kaufleute, befanden, ergeben, daß auf eine freudige Mitarbeit weiter Kreise an dem geplanten Werke gerechnet werden könne. So waren wir der Einladung Häckels in die alte Musenstadt gerne gefolgt.

Häckel hatte mich gebeten, am Vormittage des zur konstituierenden Versammlung angesetzten Tages in Begleitung seines Assistenten, Dr. Heinrich Schmidt, zu ihm in seine Wohnung zu kommen, da er eine vertrauliche Vorbesprechung mit mir wünsche. Da ich Ernst Häckel bis dahin nur literarisch und brieflich kannte, so ging ich mit gespannter Erwartung, wie sich wohl der erste Eindruck seiner Persönlichkeit mir darstellen werde, die nach ihm benannte Straße zu seiner Villa hinauf. Man hatte mir erzählt, Häckel sei leidend, und er selbst hatte mir von den Beschwerden seines Alters geschrieben. Deshalb war ich freudig überrascht, den 72 jährigen, auf dessen Schultern die Last einer Riesenarbeit liegt, mir so elastisch entgegenkommen zu sehen. Das leuchtende Künstlerauge, die sonnige Heiterkeit seines Wesens zeigten mir das Bild eines Kämpfers, der im Kampfe nur sich selber vertieft und verklärt, weil es eine große, eine Menschheitssache war, für die er gekämpft.

Rasch hatten wir uns über die Grundsätze, nach denen der Monistenbund zu arbeiten haben würde, verständigt. Es gab da eigentlich [110] nichts weiter zu verständigen, wo die literarische Verbindung schon allseitig hergestellt war. Daß der Monismus nicht ein neues Dogma, nicht ein bequemes Polster für denkträge, ruhebedürftige Seelen werden dürfe, sondern als ein alle höheren Menschenkräfte anspannendes und in steter Tätigkeit erhaltendes Lebensprinzip gewertet werden müsse, war zwischen uns so selbstverständlich, wie daß es sich bei der Tätigkeit des Monistenbundes in der Hauptsache um eine positive Arbeit, um die Schaffung einer monistischen Lebenskultur handeln müsse. Das zwiespältige Lebensbild, wie es dem kindlich naiven Denken der Vorfahren genügte, ist durch die Entwicklung der Wissenschaft, unter Führung der Naturwissenschaft, entwurzelt. Damit ist eine Halbheit und Zerfahrenheit geschaffen, die auf dem ganzen heutigen Kulturleben lastet und am Marke des Menschen zehrt. Die gewaltsamen Anstrengungen, das zwiespältige Weltbild künstlich aufrecht zu erhalten, seine klaffendsten Risse mühsam genug auszuflicken oder zu verdecken, haben das Übel nur noch verschlimmert. Sie haben einen Zustand der Unwahrhaftigkeit geschaffen, der dadurch, daß er vielfach unbewußt und gewohnheitsmäßig geworden ist, wohl subjektiv erträglicher empfunden wird, objektiv aber noch gefährlicher erscheint. Deshalb gilt es, die Kulturwerte aufzuzeigen, die in einer monistischen, das Weltbild einheitlich betrachtenden, alle Lebensfunktionen auf ihren inneren Zusammenhalt zurückführenden Weltanschauung beschlossen liegen. Es gilt, diese Einheit vielfach noch fester zu bestimmen, den Zusammenhang des einzelnen mit dem großen Ganzen des Lebens oft erst noch aufzusuchen, so daß auch die Moral, die Kunst, die Religion als besondere Erscheinungsformen des in sich einheitlichen Lebens erkannt und gewürdigt, und auch die gesellschaftlichen Vorgänge, die politischen und sozialen Bildungen und Entwicklungen in ihrer biologischen Bedingtheit erfaßt werden. Diese Arbeit ist etwas wesentlich anderes als die einfache Negation der dualistischen Weltanschauung, Sie ist durch und durch schöpferisch. Sie läßt sich gar nicht leisten ohne den Blick auf ein Lebensideal, das mit seiner philosophischen Begründung ebenso in den Tatsachen der Wirklichkeit wurzelt, wie es mit seinen Zukunftsperspektiven auf die höchsten Höhen einer freien und harmonischen Menschenbildung hinweist.

Bei diesen hohen Vorstellungen von den Aufgaben eines Monistenbundes konnte es mir nicht leicht werden, die Bitte Häckels, mich der Versammlung als Vorsitzenden des Bundes vorschlagen zu dürfen, zu erfüllen, und nur die Hinweisung auf die Männer, welche ihre Kräfte in den Dienst der [111] Sache zu stellen sich bereit erklärt haben, konnte mich zuletzt bestimmen, mich wenigstens vorläufig zur Übernahme dieses Amtes bereit zu erklären.

Am Nachmittage fanden wir uns mit Häckel in dem Zoologischen Institut der Universität zusammen, um über den in langen Vorberatungen festgestellten Satzungsentwurf endgültig zu beschließen. Wir bemerkten an dem greisen Forscher eine sichtliche innere Bewegung. Handelte es sich doch um die Bestellung eines Kuratoriums zur Ausführung des Testaments, in welchem Häckels beste Lebensarbeit der Welt vermittelt und erhalten werden sollte. Diese Bewegung teilte sich mit unwillkürlich mit, als er mich einlud, auf einige Augenblicke noch vorher in sein Arbeitszimmer zu gehen, daß er mir zeigen wolle. Den Raum kannte ich ja aus vielen Abbildungen. Aber die Wirklichkeit wirkte doch noch anders als jedes Bild. Diese Einfachheit und dieser Ernst der Ausstattung sind ganz und gar der Ausdruck der Persönlichkeit, die in diesem Raum ein Stück Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts gelebt und gewirkt.

Häckel führte mich an sein Fenster und sagte: „Hier sehen Sie, wie ich mich ausruhe, wenn mir`s einmal zu arg wird in der Arbeit und allem Staub der Lebenskämpfe.“ Dabei öffnete er den Fensterflügel und deutete mit der Hand auf den vor uns liegenden Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel, wie Schiller ihn gegrüßt, und sagte: „Ist das nicht schön?“ Dann nahm er meine beiden Hände, hielt einen Augenblick still und fuhr mit leuchtendem Auge, aber mit vor Erregung zitternder Stimme fort: „Ich denke jetzt an meinen Altenburger Vortrag – Monismus als Bund zwischen Wirklichkeit und Religion. Das soll nun durch uns beide verwirklicht werden.“ Und wie ich seinen Händedruck stumm erwiederte [sic!], fuhr mir`s durch den Sinn: et hic dii sunt – auch dieser Ort ist ein heiliges Land!

Häckel konnte bei unsern Beratungen nicht lange verweilen. Der Arzt hatte ihm höchstens eine halbe Stunde bei uns gestattet. So begrüßte er uns kurz und gab seiner Freude Ausdruck, daß ein Werk, an das er selber nur nach ernstesten Erwägungen Hand angelegt habe, jetzt der Verwirklichung nahe gerückt sei. Als dann am Abend sein Assistent ihm über den Gang der Verhandlungen den Bericht geben konnte, daß der Grundstein zu dem neuen Gebäude gelegt sei, ließ Häckel uns sagen, daß er gerne das Ehrenpräsidium des Bundes übernehme. Und Dr. Schmidt fügte hinzu: „Ich weiß, daß unser Professor, dessen Hauptleiden nervöse Schlaflosigkeit ist, in der kommenden Nach einmal besser schlafen wird.“