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Die
Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu
in
Vergangenheit und Gegenwart
Karlsruhe 1926
Arthur
Drews
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Vorwort
Als im
ersten Jahrzehnt des gegenwärtigen Jahrhunderts in fast allen
Kulturländern zumeist aus den Kreisen der Laienschaft sich zahlreiche
Stimmen gegen die Annahme eines geschichtlichen Jesus erhoben, da wurde dies
von theologischer Seite vielfach als ein ungerechtfertigter Einbruch in das
Gebiet der theologischen Wissenschaft, als ein durch nichts
herausgeforderter Angriff gegen die christliche Religion gebrandmarkt. Die
vorliegende Schrift sucht den Nachweis zu erbringen, daß die Leugnung der
Geschichtlichkeit Jesu keineswegs ein Erzeugnis leichtfertiger
Zerstörungslust und unbegreiflichen Hasses gegen die Religion darstellt,
sondern nur die naturnotwendige Folge der theologischen Evangelienforschung
selbst und daß, wie sie einerseits sich auf diese stützt, sie andererseits
dazu beigetragen hat, den theologischen Standpunkt neu zu überprüfen und
über sich selbst hinauszuführen; sie also damit dem Fortschritte der
Wissenschaft einen entschiedenen Dienst geleistet hat. Wie viel und wie
wenig an ihr berechtigt ist, zu untersuchen, steht dem Verfasser dieser
Schrift nicht zu. Er hat sich in dieser Beziehung mit einigen gelegentlichen
Hindeutungen begnügt. Worauf es ihm wesentlich ankam, war, die Geschichte
jener Leugnung in ihrem Zusammenhange mit der theologischen Forschung
darzustellen und sie als eine bedeutsame Äußerung des modernen
wissenschaftlichen und religiösen Geisteslebens aufzuzeigen. Er hat sich
dieser Arbeit um so lieber unterzogen, als die bezüglichen Darstellungen
von gegnerischer Seite einseitig den Standpunkt der Theologie vertreten, und
dies nicht immer in einer Weise, die dem wirklichen Sachverhalt gerecht
wird. Wenn der Leser nach dem Studium dieser Schrift finden sollte, daß die
Frage der Geschichtlichkeit Jesu doch nicht so leicht zu nehmen ist und
deren Leugner nicht so einfach als „Dilettanten“ bei Seite geschoben
werden können, wie dies auf theologischer Seite beliebt ist, so wird sie
ihren Zweck erfüllt haben, insbesondere wenn sie jenem die Veranlassung
dazu geben sollte, die Schriften der Jesusleugner selbst zu lesen.
Karlsruhe im September 1925.
Prof. Dr. Arthur Drews
[1] Einleitung
Der christliche Glaube lehrt, daß Gott aus Liebe zu den Menschen
seinen einzigen Sohn, den „Gesalbten“, Christus, vom Himmel auf die Erde
herabgesandt und daß Christus in Gestalt Jesu von Nazareth als Mensch unter
Menschen gelitten habe, gekreuzigt und gestorben sei, um durch diesen seinen
unschuldigen Sühnetod die Sündenschuld der gesamten Menschheit auszutilgen
und ihr durch seine Auferstehung von den Toten das ewige Leben zu
vermitteln.
In diesem
Gedankengang ist zweierlei enthalten: erstens die Vorstellung des von Gott
gesandten Christus, des himmlischen Erlösers, der durch Tod und
Auferstehung zum Vermittler des ewigen Lebens wird, und sodann die Annahme,
daß Jesus, der gekreuzigte Prophet von Nazareth, eine geschichtliche
Persönlichkeit, die zu Beginn unserer Zeitrechnung in Palästina lebte,
eben jener göttliche Christus sei, den die Menschen als ihren Heiland zu
verehren haben. Beides zusammen erst, als ein untrennbares Ganzes
aufgefaßt, macht den wesentlichen Inhalt des christlichen Glaubens aus.
Dabei ist Christus das metaphysische Erlösungsprinzip, durch den
Glauben an welches der Mensch das Heil erlangt. Jesus hingegen in seiner
geschichtlichen Wirksamkeit bildet die Gewähr der Wirklichkeit jenes
Prinzips und verleiht dem Glauben erst seine sichere Begründung. Ohne der
„Sohn Gottes“ oder Christus im Sinne einer übermenschlichen und
übernatürlichen Kraft zu sein, würde Jesus nicht der Erlöser, der Glaube
an ihn kein religiöser Glaube sein, der den Menschen [2] die Hoffnung auf
ein ewiges Leben auf Grund der Liebe Gottes eröffnet. Ohne in Jesus Fleisch
geworden und zur unmittelbaren Erscheinung gelangt zu sein, würde Christus
eine bloße mythische Persönlichkeit sein, wie die heidnischen
Erlösergötter auch, und der Glaube an ihn der Gewißheit und zweifellosen
Sicherheit entbehren, die doch gerade das Christentum vor allen übrigen
Religionen vorauszuhaben behauptet. „Was von Anfang war, was wir gehört,
was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir geschaut und unsere Hände
betastet haben, vom Wort des Lebens—denn das Leben ist offenbar geworden,
und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben,
welches bei dem Vater war und uns offenbar geworden ist“, so beginnt der
erste Johannesbrief. Und im Eingang zum Johannesevangelium heißt es: „Das
Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit.“
Das ist in der Tat der Kern und Sinn des christlichen Glaubens, wodurch er
sich von allen ähnlichen religiösen Glaubensvorstellungen unterscheidet:
die übernatürliche Kraft Gottes, sein Liebes- und Erlösungswille
ist in Jesus von Nazareth offenbar, den Sinnen zugänglich geworden: die
außerordentliche Persönlichkeit des Propheten von Nazareth bezeugt die
unmittelbare Gegenwart Gottes und seine Hilfsbereitschaft im Interesse der
Menschen. Nicht Christus, das göttliche Erlösungsprinzip für sich allein,
auch nicht Jesus, die menschliche Verkörperung dieses Prinzips, sondern
Jesus Christus, der menschgewordene Gott, der göttliche Mensch, der
Gottmensch, bildet den Gegenstand der christlichen Verehrung.
Die „frohe Botschaft“ des Christentums besagt, daß Jesus der
von den Juden erwartete Erlöser, der Christus, der Messias ist, und wir
durch ihn Gottes selbst, und zwar als eines Gottes der Liebe im Unterschied
vom jüdischen Gotte der Gerechtigkeit unmittelbar gewiß werden. Von
Gottessöhnen, Heilanden, die sterben und wiederauferstehen, wußten auch
die heidnischen Religionen zu erzählen, aber ihr Schicksal gehörte einer
längst [3] entschwundenen Vergangenheit an, und ihre Vorstellungen
verknüpften sich mit Naturvorgängen, die deren rein mythische
Beschaffenheit dem tiefer Blickenden nur zu deutlich zu erkennen gaben. Der
christliche Heiland hingegen sollte vor noch gar nicht langer Zeit, unter
Umständen, die möglicherweise noch irgendwie feststellbar erschienen, sein
Leben auf der Erde vollendet haben und beanspruchte schon dadurch eine viel
höhere Glaubwürdigkeit als aller sonstige Heilandsglaube. Sehr
begreiflich, daß die Gegner des neuen Glaubens ihre Kritik nicht sowohl
gegen die Annahme eines leidenden, sterbenden und auferstehenden göttlichen
Heilbringers als gegen dessen Geschichtlichkeit gerichtet haben werden, denn
diese mußte dem draußen Stehenden als das eigentümlich Neue und vor allem
Unglaubwürdige erscheinen. In seinem Streitgespräche mit dem Juden Tryphon
legt Justin (um 150) diesem Gegner die Worte in den Mund: „Ihr
folget einem leeren Gerücht und bildet euch selbst euren Christus. Wenn er
geboren ist und sich irgendwo aufhält, so ist er doch völlig unbekannt
[1]
“. Und bei Origenes wirft der heidnische Philosoph
Celsus den Christen vor: „Ihr speist uns mit Fabeln ab und wißt ihnen
nicht einmal Wahrscheinlichkeit zu verleihen, obwohl einige von euch gleich
Trunkenen, die an sich selbst Hand anlegen, drei- oder viermal oder
noch mehr die Texte eurer Evangelien bearbeitet haben, um die Vorwürfe, die
man daraus gegen euch erhebt, zu entkräften.
[2]
“ Gewiß würden wir noch zahlreiche ähnlichen Zweifeln an der
Geschichtlichkeit des christliche Heilbringers aus dem heidnischen oder
jüdischen Altertum begegnen, wenn die Juden nicht aus Furcht vor Verfolgung
sich solcher Äußerungen vor der Öffentlichkeit möglichst enthalten bzw.
die bezüglichen Stellen aus ihren Schriften ausgemerzt hätten und wenn die
Kirche nicht alles getan hätte, [4[ um alle ihre mißliebigen Äußerungen
der Andersgläubigen zu unterdrücken
[3]
. Im Christentume aber bildet die Vorstellung vom Ursprung dieses
Glaubens selbst einen Teil des Glaubens: nie haben die Christen sich ihren
Jesus als ein einfaches menschliches Wesen vorgestellt. Stets war ihr Glaube
an den geschichtlichen Jesus theologisch gefärbt
[4]
. Und darum konnte es ihnen auch nicht einfallen, die
Geschichtlichkeit Jesu zu bezweifeln, solange der Glaube an den Gottmenschen
Jesus Christus unerschüttert war.
Diese Erschütterung vollzog sich im Zeitalter der Aufklärung
und nahm ihren Ausgangspunkt von England, wo der sog. Deismus sich gegen die
dogmatischen Voraussetzungen der Kirche wandte und die überlieferten
Glaubensvorstellungen des Christentums zum Gegenstande seiner Angriffe
machte. Was der Deismus erstrebte, war eine natürliche oder vernünftige
Religion im Gegensatze zur Offenbarungsreligion des Christentums. Nicht,
daß er dieses selbst bekämpfte, aber er fand in dessen Glaubensinhalt so
viel Anstößiges, der Natur und Vernunft Widersprechendes, daß er dem
Christentume keinen größeren Dienst glaubte erweisen zu können, als durch
Ausscheidung aller vernunftwidrigen Bestandteile seines Glaubens es selbst
zur Vernunftreligion emporzuläutern. Was aber konnte der Vernunft mehr
Anstoß geben als die Vorstellung eines göttlichen Sohns, den sein Vater
zur Erlösung der Menschheit in menschlicher Gestalt auf die Erde schickt,
der den Kreuzestod erleidet, aus dem Grabe wieder aufersteht und dadurch die
Menschen von ihren Sünden loskauft? Der mythische oder dogmatische
Christus, wie wir ihn nennen können, mußte der Kritik zum Opfer fallen,
wenn das Christentum den Forderungen der Vernunft genügen sollte. Folglich
konnte der wahre, d. h. vernünftige, christliche Glaube nur der Glaube an
den Menschen [5] Jesus sein, der hiermit seiner göttlichen Wesenheit und
Besonderheit entkleidet, in den Rang eines bloßen außerordentlichen
Propheten und Verkünders einer idealen Sittlichkeit herabgedrückt und nur
insofern noch zum Gegenstande religiöser Verehrung gemacht wurde, als er
für seine Lehre in den Tod gegangen sein und damit sowie durch seinen
vorbildlichen Lebenswandel die
Menschen zur Nacheiferung angespornt haben sollte. Natürlich, daß bei
dieser Auffassung auch alle außergewöhnlichen Ereignisse im Leben Jesu,
von denen die Evangelien berichten, vor allem also seine Wunder, seine
Auferstehung und Himmelfahrt wegen ihres Widerspruches gegen Natur und
Vernunft angezweifelt werden mußten. Man entledigte sich ihrer dadurch,
daß man sie entweder den Berichterstattern und ihrer überschwenglichen
Phantasie zuschrieb oder aber sie natürlich zu erklären suchte. Jedenfalls
erblickte man im Evangelium nur eine neue Art der Naturreligion und tat sich
etwas darauf zugute, die Geschichte Jesu von ihren priesterlichen
Verfälschungen durch Wunder und dogmatische Phantastereien gereinigt und
sie so erst wahrhaft religiös verwendbar gemacht zu haben. Es ist nach
alledem nicht so unwahrscheinlich, was Voltaire berichtet, daß Anhänger
des deistischen Philosophen Bolingbroke mit historisch-kritischer
Begründung die Geschichtlichkeit Jesu leugneten
[5]
.
Jedenfalls war der Standpunkt der englischen Deisten, eines Herbert
von Cherbury, Locke, Toland, Tindal, Woolston und anderer, auch
derjenige der französischen Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts, an
deren Spitze Voltaire stand. An zahlreichen Stellen seiner Werke hat
er sich über den christlichen Glauben kritisch ausgelassen und seinen Spott
an dessen dogmatischen oder mythischen Voraussetzungen, an der
Dreieinigkeit, der Gottheit Christi, seiner Auferstehung usw. geübt. Und
wenn er auch nirgends ernsthaft eine genauere [6] Untersuchung der
Evangelien vorgenommen hat, so hat er doch keinen Zweifel darüber gelassen,
daß er fast alle angeblichen Tatsachen des Lebens Jesu für anfechtbar
gehalten hat. Und auch Holbach, der Verfasser des „Système de la
nature“ (1770), der sog. Bibel des Materialismus, hat in seinem Werke „La
thélogie portative" (1768) sich überaus ketzerisch über die Wahrheit
des kirchlichen Dogmas und die Glaubwürdigkeit der evangelischen Berichte
ausgesprochen.
[7]
Volney
und Dupuis
Ein Freund und Schüler Holbachs war Constantin François Volney
(1757-1820). Er hat sich vor allem als Reiseschriftsteller in Frankreich
einen Namen gemacht, war Mitglied der Nationalversammlung und stand als
Politiker Mirabeau nahe. Während der Schreckensherrschaft unter Robespierre
geriet er wegen einer unbedachten Äußerung in den Verdacht, ein Gegner der
Revolution zu sein, und entging nur mit knapper Not der Guillotine. Dann
hielt er, vorn Konvent berufen, eine Zeitlang Vorlesungen an der sog.
Normalschule zu Paris, einer Art Lehrerseminar. Hier bekämpfte er auf dem
Gebiete der Geschichte den blinden Autoritätsglauben und suchte seine
Schüler zu unbefangener Prüfung der Glaubwürdigkeit der überlieferten
Berichte anzuleiten. Die Heimkehr Bonapartes aus Ägypten, den er von
Korsika her kannte, im Jahre 1799 rief ihn wieder ins politische Leben. Er
leistete dem Freunde wichtige Dienste, zog sich jedoch ganz von ihm zurück,
als dieser sich die Kaiserwürde beilegte, weil er darin einen Verrat am
Ideal der Freiheit erblickte. Hinfort widmete er sich ganz und gar seinen
schriftstellerischen Arbeiten, die sich besonders auf die orientalischen
Sprachen und das Gebiet der Geschichte bezogen. Sein bekanntestes Werk
führt den Titel „Die Ruinen oder Betrachtungen über die Umwälzungen der
Reiche“ und erschien im Jahre 1791.
Volney schildert sich als Reisenden in den Ruinen von Palmyra,
wie er angesichts der wüstem Trümmerhaufen verfallener Städte, der
verödeten Landstriche, der versandeten Häfen und Flüsse, aller jener
Orte, an denen einst ein reges [7] Leben herrschte, über das Schicksal
dieser Gegenden nachsinnt. Er legt sich die Frage nach dein Sinn des Lebens
vor und grübelt über die Ursachen des Verfalles alles Bestehenden. Ein
Genius erscheint und belehrt ihn, daß der Mensch diesen Untergang so vieles
blühenden Lebens durch seine eigene Schuld herbei geführt habe. Habgier
und Unwissenheit waren die Hauptursachen dafür, daß er den einstigen
Zustand einer idealen Gesellschaft nicht aufrecht zu erhalten vermochte. Sie
waren schuld an der verhängnisvollen sozialen Schichtung, infolge deren die
Gesellschaft aus Herren und Sklaven, aus Unterdrückern und Unterdrückten
besteht. Vor allem aber war es die Religion, die seine besten Kräfte in
Fesseln schlug, ihn dem verderblichsten Aberglauben auslieferte, die
Individuen und Völker gegeneinander hetzte und dadurch den Verfall ihrer
früheren Herrlichkeit bewirkte. In einer Vision sieht Volney die Anhänger
der verschiedenen Religionen versammelt und sich gegenseitig ihre
Daseinsberechtigung streitig machen. Ein Anhänger des Buddha macht die
Christen auf die Ähnlichkeiten ihres Glaubens mit demjenigen der Buddhisten
aufmerksam und stellt die Behauptung auf, daß ihre Lehre der so viel
früheren Buddhas entlehnt und ihr Jesus am Ende bloß der veränderte
Buddha selbst sei. „Beweiset uns seine Existenz durch geschichtliche
Denkmäler aus jener Zeit, denn da sie von allen authentischen Zeugnissen
entblößt ist, leugnen wir sie euch förmlich und behaupten, daß eure
Evangelien nur die Bücher der persischen Mithriaken und der syrischen
Essäer sind, die selbst nur veränderte Samanäer (Schamanen Buddhisten)
waren. In den seinem Werke beigegebenen Noten bemerkt Volney hierzu: „Aus
allem, was dafür oder dawider geschrieben worden ist, geht hervor, daß der
Ursprung des Christentums nicht genau bekannt ist, daß die angeblichen
Zeugnisse des Josephus (Ant. Iud. lib.
XVIII c. 3)
und des Tacitus (Annales lib.
XV c. 49) zur Zeit des Nicänischen
Konzils interpoliert worden sind, und daß noch niemand das Hauptfaktum, d,
h, die wirkliche Existenz [9] der Persönlichkeit, welche das System
veranlaßte, mit unzweifelhafter Klarheit erwiesen hat.“ Er selbst hält
das Auftreten des Christentums zu der bekannten Zeit ohne das wirkliche
Dasein des Stifters zwar für schwer begreiflich, aber keineswegs für
unmöglich, und er fordert dazu auf, „um dies wirklich interessante und
wichtige Problem zu lösen“, die Lehre Buddhas und ihre Beziehung zum
Abendlande, insbesondere zur Sekte der Essäer sowie die Frage einmal
genauer zu untersuchen, ob und inwieweit eine geschichtliche
Persönlichkeit, wie Jesus, bei der Entstehung des Christentums irgendwie
mitgewirkt haben könnte, will diese Möglichkeit also jedenfalls nicht
gänzlich leugnen. Was jedoch die Gottheit Christi anbetrifft, so verhält
sich der christliche Heiland hierin nach Volney nicht anders, wie die
übrigen Götter auch, die dem Sternhimmel entnommen sind, und deren
angebliche Geschichte dem Gange der Sonne durch die zwölf Tierkreiszeichen
entspricht. Geht doch selbst der Name Christus auf Haris oder Chris, der
Hüter oder Erhalter, zurück und ist mit demjenigen des indischen Krishna
einerlei, während Jesus mit Yes, einem alten kabbalistischen Namen des
jungen Bacchus, zusammenhängt, des heimlichen (nächtlichen) Sohnes der
Jungfrau Athene, welcher in der ganzen Geschichte seines Lebens und selbst
seines Todes die Geschichte des Gottes der Christen enthält, d. h. des
Gestirns des Tages, dessen Sinnbild sie beide sind.
Die Christen pochen auf die Vorzüglichkeit ihrer Ethik und
wollen daraus die Wahrheit ihrer Religion beweisen. Dem läßt Volney die
Muselmänner entgegenhalten, daß ihre evangelische Moral keineswegs die
Vollkommenheit besitze, die jene in sie hineinlegen: „Es ist nicht wahr,
daß sie unbekannte, neue Tugenden in die Welt eingeführt hätte: die
Gleichheit der Menschen vor Gott, diese Bruderliebe und dies Wohlwollen, die
ihre Folgen sind, waren förmliche Lehrsätze der Sekte der Hermetiker oder
Samanäer, von welchen ihr abstammt. Vergebung der Beleidigungen hatten
schon die Heiden gelehrt; in der Ausdehnung [10] aber, welche ihr derselben
gebt, wird sie, weit entfernt, eine Tugend zu sein, Unmoralität und Laster.
Eure so gepriesene Vorschrift, einen Backen nach dem andern darzureichen,
läuft nicht nur allen Empfindungen des Menschen, sondern auch allen
Begriffen von Gerechtigkeit entgegen; sie verhärtet durch Straflosigkeit
die Bösen und erniedrigt durch Knechtschaft die Guten; sie überliefert die
Weit der Unordnung und Tyrannei, löst die Gesellschaft auf, und dies ist
der wahre Geist eurer Lehre. Eure Evangelien stellen in ihren Vorschriften
und Gleichnissen Gott nie anders dar als einen Willkürherrscher ohne Regeln
der Billigkeit. Er ist ein parteiischer Vater, der ein verführtes,
ausschweifendes Kind mit mehr Zärtlichkeit behandelt als seine anders
ehrerbietigen Kinder von guten Sitten. Er ist ein eigensinniger Herr, der
den Arbeitern, die nur eine Stunde arbeiten, gleichen Lohn mit denen gibt,
die sich den ganzen Tag gequält haben, und der die zuletzt Gekommenen den
Ersten vorzieht. Überall ist es eine menschenfeindliche, unselige Moral,
welche den Menschen des Lebens, der Gesellschaft überdrüssig macht und nur
Einsiedler und Abgeschiedene hervorbringt.“ Und dabei hat das Christentum
in der Moral, wie gesagt, nicht einmal etwas Neues gebracht: sein ganzes
Verdienst in dieser Beziehung besteht vielmehr nur darin, daß es
Grundsätze in Anwendung brachte, deren schließlichen Triumph den
Zeitumständen zu verdanken war.
Volneys astrale Ausdeutung der evangelischen Geschichte ist
ziemlich dürftig ausgefallen. Sie bezieht sich nur auf den Sündenfall und
die Erlösung. Dabei schließt er sich aufs engste an Dupuis an, ohne dessen
Gedanken etwas eigentlich Neues hinzuzufügen.
Charles Francois Dupuis, geboren am 16. Oktober 1742 zu Trie
la Chateau bei Chaumont, aus armer Familie, erregte frühzeitig durch sein
mathematisches Genie die Aufmerksamkeit des Herzogs von Larochefoucauld, der
sich seiner annahm und ihn auf seine Kosten studieren ließ. Schon mit [11]
vierundzwanzig Jahren wurde er Professor der Rhetorik am Kolleg von Lisieux,
wandte sich alsdann der Rechtswissenschaft zu und wurde Advokat in Paris.
Bald nahm er jedoch auch die Mathematik wieder auf und widmete sich dem
Studium der Astronomie, in welcher der berühmte Lalande sein Lehrer war.
Mit solchen Kenntnissen ausgerüstet, schrieb er sein großes Werk über den
Ursprung der Gottesverehrung. Einzelne Teile desselben wurden von ihm schon
frühzeitig im Journal des Savants veröffentlicht und der Akademie der
Inschriften gewidmet. Dann sammelte er diese Bruchstücke und ließ sie in
der „Astronomie de Lalande“ erscheinen, um sie später unter dem Titel
„Mémoire sur l'Origine des Constellations et sur l'Explication de la
Table par l'Astronomie“ in Buchform einer größeren Öffentlichkeit
zugänglich zu machen. Endlich faßte er seine gesamten über den Gegenstand
geschriebenen Abhandlungen zusammen und gab sie 1794 unter dem Titel „Origine
de tous les Cultes ou la Religion universelle“ heraus in drei Quartbänden
mit Atlas sowie in einer zwölfhändigen Oktavausgabe.
Das Werk erregte starkes Aufsehen. Der Beifall der Freunde war
nicht weniger groß als der Haß und die leidenschaftliche Feindseligkeit,
mit welcher sich die Frommen gegen seinen Verfasser wandten. In einem
Augenblick des Mißmuts hatte Dupuis, da er diesen Haß vorausgesehen hatte,
schon daran gedacht, seine Handschrift den Flammen zu überliefern, um sich
dadurch der Verfolgung durch die Gläubigen zu entziehen. Aber seine Frau
hatte sich seiner Arbeit bemächtigt und sie dadurch vor dem Untergange
gerettet.
Im Jahre 1798 veröffentlichte Dupuis einen Auszug aus seinem
großen Werke mit dem Untertitel: „Die Glaubenslehren und
Religionsgebräuche aller Zeiten und Völker und die damit verbundene
Herrschaft des Priestertums und Aberglaubens in ihrer Entstehung und
Entwicklung“ (deutsch von F. Streißler 1910). Dupuis hat auch später
noch mancherlei [12] geschrieben, so „Mémoires sur les Pelasges“, „Mémoires
sur le Zodiaque de Tentyra, Dendera ou Dendra“, „Mémoires sur le
Phénix“ (veröffentlicht in den Denkschriften der Akademie der
Inschriften), sowie über ägyptische Hieroglyphen und Übersetzungen des
Nonnus und ausgewählter Reden Ciceros. Er war Mitglied der genannten
Akademie und Verwalter des öffentlichen Unterrichts. Während der
Revolution verließ er die Hauptstadt und zog sich nach Evreux zurück, um
sich jedoch wieder nach Paris zu begeben, als er zum Vertreter des
Departements Seine-et-Oise gewählt wurde. Nach dem Sturze des
Konvents gehörte er dem Rate der Fünfhundert an und war Vorsitzender der
gesetzgebenden Versammlung im achten Jahre der Republik (1799). Er ist, 67
Jahre alt, am 29. September 1809 in seinem Landhause bei Dijon gestorben.
Als echter Sohn des Aufklärungszeitalters geht Dupuis von der
Voraussetzung aus, daß alle unsere Vorstellungen aus unsern Sinnen stammen
und so auch diejenige von Gott. Gott ist nichts anderes als die Natur, das
Weltall selbst, dies letztere als lebendige Kraft vorgestellt; die
verschiedenen Götter sind nur sichtbare Teile dieses Weltalls, und ihre
Geschichte ist dem Ablauf der Naturerscheinungen entnommen, die dabei nur in
eine allegorische Form gekleidet worden sind. In diesem Sinne haben alle
Völker und Zeiten die Welt und ihre tätigsten und glänzendsten Teile, den
Himmel, die Erde, die Sonne, den Mond, die Planeten, die Fixsterne,
die Elemente und überhaupt alles angebetet, was das Merkmal einer Ursache
und der Beständigkeit an sich trägt, wie das nicht bloß die Geschichte
der Völker beider Erdteile beweist, sondern auch die religiösen und
politischen Denkmäler, die Einteilungen und Verteilungen der heiligen und
gesellschaftlichen Ordnung, ihre Feste,Hymnen, religiösen Gesänge sowie
die Ansichten ihrer Philosophen und die Auslassungen ihrer Dichter zeigen.
Hier liegt mithin der Ursprung der Gottesverehrung. Man muß das
theologische System aller alten Völker durch die Natur und ihre Teile und
[13] durch das Spiel der natürlichen Ursachen zu erklären suchen. Wir
müssen unsere Blicke auf, den Himmel, die Sonne, die Gestirne, die Erde und
die Elemente richten, wenn wir die Götter aller Völker wiederfinden und
sie unter dem Schleier entdecken wollen, womit die Allegorie und der
Mystizismus sie oft umhüllt haben, entweder um unsere Neugier zu wecken
oder uns mehr Ehrfurcht einzuflösen.
Zugleich mit der Einteilung der Welt oder der großen Ursache
aller Dinge in eine Menge von Teilursachen, die, wie sie selbst, als eine
beseelte und verstandesmäßig begabte aufgefaßt wurden, geht nun aber eine
andere Hand in Hand, nämlich in zwei große Massen oder Teile, von denen
man die eine als die tätige oder männliche, die andere als die leidende
oder weibliche auffaßte, und von welchen diese der Erde, jene dem Himmel
entsprechen sollte. Während der Himmel oder die Welt über dem Monde für
eine ewige, immer sich selbst gleiche angesehen wurde, erblickte man in der
Erde das Reich der Vergänglichkeit und des Wechsels, wie sie durch den
Himmel, vor allem durch die Sonne bewirkt sein sollten; und während man in
Übereinstimmung hiermit die Erde als Mutter oder Amme der aus ihrem Schoße
hervorgebrachten Wesen ansah, verehrte man den Himmel als den Vater und das
alles beherrschende Prinzip der Dinge.
Aber auch der Gegensatz des Lichtes und der Finsternis spielt in
aller Gottesverehrung eine entscheidende Rolle. Man faßte jenes als die
Ursache des Guten, diese als diejenige des Bösen auf und suchte, aus dem
Widerstreit der beiden alles Naturgeschehen zu begreifen. Dem lichten oder
guten Prinzip, wie es sich vor allem in der Sonne während ihres Durchganges
durch die sechs Tierkreiszeichen der guten, sommerlichen, warmen Jahreszeit
verkörpern sollte, stellte man das finstere oder böse Prinzip entgegen,
von welchem man sich die Erde während des Durchgangs der Sonne durch die
sechs Zeichen der kalten oder winterlichen Zeit beherrscht dachte; und da
[13] man sich, wie gesagt, die Welt als eine beseelte vorstellte und auch
jedem ihrer Teile Geist und Leben zuschrieb, wodurch sie die Gestalten von
Engeln, Genien, Göttern und Dämonen annahmen, und diese Vorstellung
besonders auf die Sonne und die Gestirne übertrug, so stellte sich die
ganze Welt der Phantasie als ein großes Schauspiel dar, das von jenen auf
der glänzenden Bühne der Welt aufgeführt wurde, und zu dem die Dichter
den Text lieferten. In diesem Sinne sind, wie Dupuis zeigt, Erzählungen,
wie die von Herakles, Theseus, Jason, Dionysos, von Osiris und Isis zustande
gekommen. Ihre Helden sind die Sonne oder der Mond, der Schauplatz, auf dem
die von ihnen geschilderten Ereignisse sich abspielen, ist der Himmel, und
die Taten, welche sie verrichten, die Schicksale, die sie erleiden, sind
bestimmt durch den Gang der beiden großen Himmelslichter durch den
Tierkreis, indem, entsprechend der Ansicht der antiken Astronomen, jeweils
diejenigen Fixsterne, die gleichzeitig mit der Sonne auf- oder
untergehen bzw. sich im unteren oder oberen Meridian befinden, eine Rolle in
dem am Himmel sich abspielenden Drama übernehmen und in den Gang der
Ereignisse hineinbezogen werden. Und was von den genannten Dichtungen gilt,
dasselbe gilt auch von solchen Göttern, wie dem ägyptischen Ammen, von
Apis, Pan, Mithra, von Apollo, Asklepios, Serapis, Adonis, Horus, Attis,
Pluto und vielen anderen. Auch sie erweisen sich nur als allegorische
Verkleidungen der Sonne sowie sich auch die Verehrung der Pflanzen, der
Tiere und anderer religiöser Sinnbilder durch astrale Vorstellungen bedingt
herausstellt und ebenso das Geheimnis der antiken Mysterienkulte, ihrer
Einrichtungen, Vorstellungen und Gebräuche unter dem hier hervorgehobenen
Gesichtspunkte sich entschleiert.
In diesem Zusammenhange untersucht Dupuis auch das Christentum.
Im ersten Augenblicke sträubt das Gefühl sich dagegen, daß die
physikalische und astronomische Erklärung auf die Person des christlichen
Heilands Anwendung finden [14] sollte, da doch das Christentum sich
feindlich gegen alle übrigen Götter stellt und die Naturverehrung der
heidnischen Religionen als Aberglaube und Irrwahn bekämpft. Und doch ist
auch Christus nur ein Name für die Sonne, die Christen sind demnach
Sonnenanbeter, und ihre Priester dienen derselben Religion, wie die
peruvianischen, die sie deswegen haben umbringen lassen. Oder auf welche
Grundlagen stützt sich die christliche Religion?
Die erste ihrer Grundlagen ist die Annahme der Verderbnis, die
durch eine Schlange in die Welt gebracht ist. Die ganze Lehre vom
Sündenfall aber ist vom Himmel abgelesen und entstammt der persischen
Religion, wo sie einen Abschnitt in dem großen Kampfe zwischen Ormuzd und
Ahriman, dem guten und dem bösen Prinzip, d. h. den göttlichen Vertretern
des Sommers und des Winters, darstellt. Die selige Zeit des ersten
Menschenpaars im Paradiese entspricht den sechs Monaten der Herrschaft des
guten Prinzips, d. h. den Monaten von der Frühlingsgleiche bis zur
Herbstgleiche. Dann führt der Aufgang des Schlangengestirns (beim Stand der
Sonne in der Wage) den Umschwung in der Natur herbei; die Herrschaft
Ahrimans, des Bösen, nämlich des Winters beginnt. Da lernt der Mensch das
Übel kennen, fühlt das Bedürfnis, sich zu bedecken und wird genötigt,
das Feld zu bestellen. Die Zeit des fröhlichen und sorglosen Dahinlebens
ist zu Ende. So bleibt dem Menschen nur die Hoffnung auf die Wiederkehr der
Sonne, die jetzt in die andere Halbkugel hinabgesunken ist, im Zeichen des
Frühlings oder Lammes übrig, wie diese ihm in der Bibel durch Jahwe unter
Hinweis auf den Versöhner und Besieger der Schlange verheißen wird.
Dupuis weist hierbei auf die Notwendigkeit hin, die Geschichte
vom Sündenfalle als geschichtliche Tatsache anzusehen, wenn man die
Versöhnung durch Christus als eine solche anerkennt. Denn, fragt er, wenn
das Vergehen nicht Tatsache ist, wozu alsdann eine Versöhnung? Nun ist aber
die Ge[16]schichte vom Sündenfalle ganz sicher nur eine astrale Phantasie.
Wir haben daher alles Recht, auch in der Versöhnung eine solche zu
vermuten. Und in der Tat lassen schon die beiden hauptsächlichsten
christlichen Feste, dasjenige der Geburt Christi und dasjenige seines Todes
und seiner Auferstehung, von denen jenes mit der Wintersonnenwende, dieses
mit der Frühlingsgleiche zusammenfällt, die Sonnennatur des Christus
erkennen. Wie so viele andere heidnische Götter, deren natürliches Wesen
die Sonne ist, gilt auch Christus in der Wintersonnenwende, wo der Tag
anfängt, zuzunehmen, als ein kleines Kind. Seine Geburt ist die
(vermeintliche) Neugeburt der Sonne, die auch Plato den „Sohn Gottes“
nennt, und die näheren Umstände seiner Geburt, wie die Evangelien sie uns
schildern, entsprechen Zug für Zug der Sonne in ihrer Beziehung zum
Fixsternhimmel in der Mitternachtsstunde des 25. Dezembers. Seine Mutter ist
das Sternbild Jungfrau die alsdann am östlichen Himmel aufsteigt, die
einzige Jungfrau, die allegorisch Mutter werden kann, ohne aufzuhören,
Jungfrau zu sein, und mit welcher die Sonne sich am Tage Mariä Himmelfahrt
vereinigt, wo Christus sie in seine Herrlichkeit aufnimmt. Sie entspricht
der göttlichen Jungfrau Isis, der Mutter des Horus, der Demeter als der
Mutter des Sonnengottes Dionysos, der Themis, die den Jupiter Ammon erzogen
haben soll usw.; und wenn man in Ägypten zur Zeit der Wintersonnenwende die
Niederkunft einer Jungfrau und die Geburt ihres Sohnes feierte, den man in
einer Krippe dem Volke zur Anbetung ausstellte, so ist dies nur die irdische
Widerspiegelung des gekennzeichneten Vorganges am Fixsternhimmel.
Die Sonne ist es denn auch, die das Übel wieder gut macht, das
der böse Winter verursacht hat. Nach dreimonatlichem Aufenthalt in der
Gegend unter dem Himmelsgleicher, während welcher Zeit sie allen
Gebrechlichkeiten des sterblichen Lebens ausgesetzt sein sollte, läßt man
sie zur Zeit der Frühlingsgleiche, wo sie wieder über den Himmelsgleicher
emporkommt [17] und die Herrschaft des Gottes der Finsternis sich von
derjenigen des Lichtes scheidet, die Rechte der Gottheit im Triumphe wieder
an sich nehmen. Die Sonne tritt alsdann in das Tierkreiszeichen des Lammes
ein, und es ist das Lamm, das nach christlicher Ansicht die Versöhnung der
Welt mit Gott zustandebringt. Wie die Syrer ihren Adonis, die Phryger ihren
Attis, die Ägypter ihren Osiris usw., so lassen auch die Christen ihren
Heiland in diesem Zeitpunkt sterben und nach drei Tagen wiederauferstehen,
die dem Aufenthalt der Sonne in den drei winterlichen Monaten nach seiner
Geburt am 25. Dezember entsprechen, und in derselben Art, wie die genannten
Völker, feiern auch die Christen alsdann den Triumph ihres Heilandes über
die Mächte der Finsternis und des Todes. Die alten Verteidiger des
Christentums wollten darin eine teuflische Nachäffung ihrer Mysterien und
Zeremonien durch den Teufel erblicken. „Wir, die wir nicht an den Teufel
glauben und nicht, wie sie, mit seinen Geheimnissen bekannt sind, sagen ganz
einfach, daß die Christusreligion die, wie alle übrigen, auf die Verehrung
der Sonne gegründet ist, dieselben Gebräuche, dieselben Grundlehren,
dieselben Mysterien, bis auf einige Formen
beibehalten hat, daß alles gemeinschaftlich ist, weil der Gott es war,
daß nur Nebensachen verschieden sein konnten, daß aber die Grundlage
dieselbe ist.
[6]
“ Das kommt auch darin zum Ausdruck, daß die Christen heim
Gebet sich immer gegen Morgen oder den Teil des Himmels wandten, wo die
Sonne aufgeht. Alle ihre Tempel oder Plätze ihrer religiösen Versammlungen
waren von alters her gegen die aufgehende Sonne gerichtet. ihr
wöchentlicher Festtag entsprach dem Tag der Sonne, wie denn auch gewisse
christliche Sekten, wie die Manichäer und Gnostiker, aus dieser Sonnennatur
ihres Christus gar kein Hehl machten und der Kaiser Hadrian die Christen
Anbeter des Serapis, d. h. der Sonne, nannte.
[18] Und nun erklärt sich auch die Lehre von der Dreieinigkeit.
Auch sie ist der Anschauung der Natur in ihrem Vergleiche mit dem Menschen
entnommen. Als allgemeines Prinzip der Bewegung und des Lebens heißt sie
der Vater. Dieser offenbart sich uns durch den Atem, lateinisch spiritus,
der die ganze Natur durchflutet und beseelt: als Weltseele oder heiligen
Geist. Außer dem genannten aber unterschied man noch ein weiteres Prinzip,
durch welches der Mensch urteilend und Ideen verbindend zur Weisheit
gelangt: die Vernunft, den Logos oder das Wort, dessen Erscheinung man im
Licht erblickte, weswegen die Christen von ihrem Heiland sagten, er sei das
Licht, das jeden Menschen, der auf die Welt kommt, erleuchte und den sie
daher zum „Sohn“ des Vaters alles Lichtes machten und in der Sonne
unmittelbar verkörpert sein ließen. Dabei unterschieden die Alten eine
geistige und körperliche Natur der Sonne. Dies drückt sich in der Lehre
von den zwei Naturen Christi aus, von denen man sich die eine mit dem Vater
unmittelbar verbunden dachte, während man die andere als Sonne, die die
Finsternis vertreibt, unter uns wohnen, in der Form oder dem Zeichen des
Lammes zu Ostern das große Werk der Wiedergeburt aller Wesen vollziehen und
sich so als den Versöhner erweisen ließ, den die ganze Erde erwartet. So
ist auch die Lehre von der Dreieinigkeit nichts anderes als eine religiöse
Fabel, eines jener geistigen Bilder, die auf einen Augenblick in Gedanken
das trennen, was seinem Wesen nach, an sich unteilbar und untrennbar ist,
und die zusammengehörigen Teile eines Wesens, das notwendig eins ist,
vereinzeln, um sie zu personifizieren, und es bestätigt sich auch aus
diesem Gesichtspunkte, daß das Christentum seine wesentlichsten
Vorstellungen von den alten Religionen entlehnt und sie nur unter einen
neuen Gesichtspunkt gerückt hat.
Ob wir außer diesen mythischen Zusammenhängen einen
geschichtlichen Christus annehmen müssen? Dupuis leugnet es. Denn welche
Bürgschaft haben wir für die Existenz eines [19] solchen Menschen? „Den allgemeinen Glauben der Christen
seit der Entstehung dieser Sekte oder wenigstens seit die Anhänger dieser
Sekte geschrieben haben? Aber offenbar nehmen diese keinen anderen Christus
an, als den, der von einer Jungfrau geboren wurde, gestorben, in die Hölle
gefahren und wieder auferstanden ist, den sie das Lamm nennen, das die
Sünden der Welt gesühnt hat, und nachher der Held ihrer Legenden ist. Eben
dieser aber ist die Sonne und kein Mensch, weder Philosoph noch Betrüger,
und sie selbst werden ebensowenig zugeben wollen, daß es ein Philosoph sei,
den sie als Gott verehren, wie sie die Sonne in ihrem Christus erkennen
wollten
[7]
."
Man verweist auf den Geschichtsschreiber Tacitus und seine
Erwähnung Christi. Allein Tacitus erwähnt diesen nur, um die Wortbedeutung
des Namens Christen zu geben, von welchem man sagte, er komme von dem Namen
eines gewissen Christus, der unter Pilatus hingerichtet worden sei. Tacitus
sagt aber nur, was die Legende erzählte, und diese Legende ist eine
Dichtung von der Sonne. „Hätte Tacitus von den Brahmanen gesprochen, so
hätte er ebenfalls gesagt, sie hätten ihren Namen von einem gewissen
Brahma, der in Indien gelebt
habe, denn man machte auch seine Legende; und doch hätte Brahma darum
ebensowenig als Mensch existiert, da Brahma nur der Name eines der drei
Abzeichen der personifizierten Gottheit ist. Da Tacitus in seiner Geschichte
von Nero und der Sekte der Christen zu sprechen hatte, so gab er die
angenommene Wortbedeutung dieses Namens, ohne sich darum zu bekümmern, ob
Christus wirklich gelebt habe, oder ob dies der Name des Helden einer
heiligen Legende sei. Diese Untersuchung war seiner Arbeit völlig fremd
[8]
.“ Ist doch das ganze Leben Christi, wie es in den Evangelien
erzählt wird, nur im Geiste der übrigen Sonnenheilande und
Religionsstifter verfaßt worden, denen die Völker [20] des Altertums ihre
Verehrung darbrachten. „Die, welche es fabrizierten, haben, die
Begebenheiten nicht nur an bekannte Plätze geknüpft, wie es alle alten
Dichter in den Fabeln von Herakles, Dionysos, Osiris getan haben, sondern
auch an eine bekannte Zeitspanne und an bekannte Namen, wie das Zeitalter
des Augustus, des Tiberius, des Pontius Pilatus usw. Das beweist jedoch
nicht, daß Christus wirklich existiert hat, sondern nur daß die
priesterliche Fabel später entstanden ist als die Zeitspanne, woran wir
nicht zweifeln
[9]
.“ Ganz ebenso wie Tacitus, hat nach Dupuis auch Sueton nur auf
unbestimmte Sagen hin gesprochen, wenn er Christus als einen jüdischen
Aufrührer anführt. Wäre die Existenz Christi so unzweifelhaft gewesen, so
würden zur Zeit Tertullians (zu Beginn des dritten Jahrhunderts),
Schriftsteller, welche die Frage ernsthafter erörtert und den Ursprung des
Christentums genauer untersucht hatten, nicht geschrieben haben, Christus
sei die Sonne und beziehe sich nicht auf einen Menschen, der ehemals gelebt
habe.
Und welche Gewähr bieten uns die Verfasser der
neutestamentlichen Schriften für die Wahrheit ihrer Berichte? „Wenn man
ihnen glaubt, so haben sie, was sie erzählen, nicht sagen hören, sondern
sie haben es gesehen. Was? Absurde, wunderbare Dinge, welche jeder Mensch,
der den Gang der Natur kennt, für unmöglich halten muß. Es sind, sagt
man, einfache Leute, welche es geschrieben haben. Ich weiß, die Legende ist
ziemlich einfältig; aber Menschen, die so einfältig sind, alles zu glauben
und zu sagen, was sie gesehen haben, wo sie nichts sehen konnten, sind für
uns keine geschichtliche Bürgschaft
[10]
.“ Gibt es doch keine unwissenderen und leichtgläubigeren
Leute, als die ersten Christen: man konnte sie ohne Mühe zur Annahme einer
orientalischen Legende über den Mithra oder die Sonne bringen, ohne daß
die Kirchenlehrer selbst, die sie von andern älteren Priestern erhalten
hatten, be[21]merkten, daß sie ebenfalls die Sonne anbeteten. Und wo hätte der Betrug
eine größere Rolle gespielt als in der Urzeit des Christentums? „Wenn
man aufmerksam das Verzeichnis der Märtyrer der ersten Jahrhunderte und die Geschichte der Wunder des Christentums liest, so muß man für das menschliche
Geschlecht erröten, das der Betrug auf der einen und die Leichtgläubigkeit
auf der andern Seite so schmählich entehrt haben. Und auf solche Grundlagen
will man die Geschichte und Existenz eines Gottmenschen stützen, von dem
kein verständiger Mensch noch eia seiner Sekte fremder Schriftsteller zu
der Zeit selbst, wo er die Welt durch seine Wunder in Esstaunen setzen
mußte, gesprochen hat? Man macht den allgemeinen Glauben der Christen
geltend, die von Jahrhundert zu Jahrhundert seine Existenz und seine Wunder
bezeugt haben, wie sie auch die vielen Märtyrer und Heiligen bezeugen, an
deren Wunder man nicht mehr glaubt. Allein in Sachen der Religion beweist
der Glaube mehrerer Geschlechter schlechterdings nichts als die
Leichtgläubigkeit derjenigen, welche daran glauben, und Herakles war um
nichtsdestoweniger die Sonne, was auch die Griechen von ihm geglaubt und
gesagt haben möchten. Ein großer Irrtum pflanzt sich noch leichter fort
als eine große Wahrheit, weil es leichter ist, zu glauben, als nachzudenken
und die Menschen das Wunderbare der Romane der Einfachheit der Geschichte.
vorziehen.“
Dupuis hat die hier ausgesprochenen Ansichten im ersten Teile des
dritten Bandes der dreibändigen Ausgabe seines großen Werkes entwickelt.
Er hat außerdem im gleichen Bande eine eingehende Darstellung der
Offenbarung des Johannes vom astralen Standpunkte aus geliefert und auch die
Bilder und Vorstellungen dieses Werkes als dem Sternhimmel entnommen
nachgewiesen, und dies in einer Gründlichkeit und mit einem Scharfsinn,
daß selbst Boll in seinem Werk „Aus der Offenbarung Johannis,
hellenistische Studien zum Weltbild der Apokalypse“ (1914) in der astralen
Erklärung kaum wesentlich über [22] ihn hinausgelangt ist. Die astrale
Beschaffenheit der Offenbarung bestätigt den Sonnencharakter Christi und
zeigt, daß der Sternhimmel tatsächlich in die Gedankenwelt des frühesten
Christentums hineinspielt. Und welchen Eindruck Dupuis auf seine
Zeitgenossen mit seiner Leugnung der Geschichtlichkeit Christi gemacht hat,
das beweist u. a. auch das vom Kanzler v. Müller mitgeteilte Gespräch
Napoleons mit Wieland im Oktober 1808, in welchem der Kaiser es diesem
gegenüber in Frage stellte, ob Jesus Christus jemals gelebt habe. „Ich
weiß wohl, Majestät“, gab Wieland ihm zur Antwort, „daß es einige
Unsinnige gab, die daran zweifelten, aber es kommt mir ebenso töricht vor,
als wollte man bezweifeln, daß Julius Cäsar gelebt hat oder Ew. Majestät
leben
[11]
.“ Der Kaiser soll Wieland hiernach auf die Schulter geklopft,
„wohl, wohl“ gesagt und sich lobend über das Christentum ausgesprochen
haben. Er wird sich aber vermutlich seinen Teil über die wahrhaft
verblüffende Erwiderung des deutschen „Philosophen“ gedacht haben.
Übrigens hat Wieland mit seiner Antwort Schule gemacht. Spuckt sie doch
auch heute noch in den Köpfen der Gegner der Christusmythe, wobei man nur
nicht weiß, worüber man sich mehr wundern soll, über die Einfältigkeit,
die sich in ihr verbirgt, oder über die—Keckheit, mit welcher man auch
heute noch mit ihr auf naive Gemüter glaubt Eindruck machen zu können. |
Die
deutsche Leben-Jesu-Forschung vor Strauß
Auch in Deutschland war übrigens der Zweifel an der
Geschichtlichkeit Jesu im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts nichts
Ungewöhnliches. Metzger, Mediziner in Straßburg, berichtet an den Geh.
Hofrat Ring in Karlsruhe, daß der junge Goethe bei seiner Promotion in
Straßburg die These auf [23] gestellt habe, „nicht Jesus sei der Gründer
unserer Religion gewesen, sondern einige weise Männer hätten sie unter
seinem Namen verfaßt, und die christliche Religion sei nichts anderes als
eine vernünftige politische Einrichtung
[12]
“. Bekannt ist auch die Stelle in seinem Brief an Herden vom 4.
September 1788: „Das Märchen von Christus (so!) ist Ursache, daß die
Weit noch 10,000 Jahre stehen kann und niemand recht zu Verstande kommt,
weil es ebenso viel Kraft des Wissens, des Verstandes, des Begriffs braucht,
um es zu verteidigen, als es zu bestreiten.“
In der Wissenschaft hat bei uns der Zweifel an der evangelischen
Überlieferung wohl zuerst in Reimarus eitle Form angenommen, die zur
gänzlichen Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu führen mußte. Hermann
Samuel Reimarus, geboren in Hamburg 1694, lebte daselbst bis zu seinem
1768 erfolgten Tode als Professor der orientalischen Sprachen am Johanneum.
Er war ein ausgesprochener Anhänger der aufklärerischen Vernunftreligion
und vertrat diese mit besonderem Nachdruck auch in seinen vielgelesenen und
oft aufgelegten „Abhandlungen von den vornehmsten Wahrheiten der
natürlichen Religion“ (1755). Bei seinen Lebzeiten erfuhren es nur wenige
seiner allernächsten Bekannten, daß der gutmütige und scheinbar so
harmlose Reimarus der Verfasser einer umfänglichen Schrift gegen die
geschichtlichen Grundlagen der Offenbarungsreligion war, die geeignet war,
wie Dynamit zu wirken und die gesamte gläubige Weit in die größte
Bestürzung zu versetzen. Sie führte den Titel „Apologie oder
Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ und erregte auch so
nicht wenig Aufsehen, als Lessing, der selbst der Meinung war, daß es mit
der geschichtlichen Grundlage des Christentums „misslich“ aussehe
[13]
, nach dem Tode ihres Verfassers von 1774-1777(78) Bruchstücke
daraus in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Literatur aus den
Schätzen der herzoglichen Bibliothek zu [24] Wolfenbüttel“
herausgab, die dann unter dem Namen „WolfenbüttlerFragmente“
volkstümlich wurden und ihren Herausgeber in die bekannte literarische
Fehde mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze verwickelten. Eine vollständige
Veröffentlichung des gesamten Werkes existiert nicht. David Friedrich
Strauß hat in seiner Schrift „Hermann Samuel Reimarus und seine
Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ (1862) den Inhalt
des Werkes genauer bekannt gemacht und Albert Schweitzer in seiner „Geschichte
der Leben-Jesu-Forschung“ (zweite, neu bearbeitete und vermehrte Auflage
des Werkes „Von Reimarus zu Wrede", 1913) ihm eine anerkennende
Darstellung gewidmet
[14]
.
Die Bruchstücke, die vom Christentume handeln, führen den Titel
„Über die Auferstehungsgeschichte“ und „Vom Zwecke Jesu und seiner
Jünger“. Wie dem alten, so streitet Reimarus auch dem Neuen Testament den
Charakter der Offenbarung ab. Es gibt überhaupt gar keine Offenbarung. List
und Betrug, die im Alten Testament eine so große Rolle spielen, haben auch
die Geschichte Jesu bestimmt. Ja, Reimarus scheut sogar nicht davor zurück,
den Charakter Jesu selbst zu verdächtigen, z. B. in seinem Verhältnis zum
Täufer Johannes sowie bezüglich seiner Wunder. Jesus maßte nach Reimgrus
Wunder tun, um sich als weltlichen Messias, der er sein wollte, zu erweisen.
Abers seine Wunder sind solche nur im Sinne seiner Zeitgenossen, Anpassungen
an deren Aberglauben und entbehren jedes übernatürlichen Charakters. Vor
allem aber beruht das Wunder seiner Auferstehung auf Betrug von Seiten der
Jünger. Ersttäuscht in ihren weltlichen Hoffnungen, die sie an ihren
Meister knüpften, stahlen sie die Leiche Jesu und verbreiteten das
Gerücht, daß er von den Toten wieder erstanden sei, wie es denn auch erst
die Jünger gewesen sein sollen, die dem Auftreten Jesu dadurch die Wendung
ins Übernatürliche und seiner [25] Person die Bedeutung eines Erlösers im
geistigen Sinne gegeben haben. Solche Ansichten werden auch sonst im
Zeitalter der Aufklärung vielfach im Sehwange gewesen sein, aber niemand
hat ihnen einen so unverblümten Ausdruck gegeben und seinen Widerwillen
gegen das vernunftwidrige Christentum und seine ersten Anhänger so
unbekümmert die Zügel schießen lassen, wie Reimarus. Bei aller
Hochachtung vor der Tugendlehre Jesu macht er doch kein Hehl daraus, daß
Jesus durch seine politischen Bestrebungen sich mit Recht den Haß seiner
Gegner zugezogen und nicht unschuldig, sondern um seines politischen
Verbrechens willen den Tod am Kreuz erlitten habe.
Die große Bedeutung, die Reimarus dem Betrug in der
Lebensgeschichte Jesu zugeschrieben hatte, gab die Veranlassung dazu, diesen
Gedanken romanhaft weiterzuspinnen und, indem man die Lücken der
Überlieferung durch phantastische Erfindungen ausfüllte, ein Leben Jesu
ganz im Sinne der aufgeklärten Zeitgenossen herzustellen. Der Theologe Karl
Friedrich Bahrdt (1741-1792) stellt Jesus in seinen „Briefen über die
Bibel im Volkston“ (1782) sowie in deren Fortsetzung „Ausführung des
Plans und zwecks Jesu“ (1784-1792) als ein gefügiges Werkzeug der Essener
hin, die er sich wie einen der geheimen Orden seines Zeitalters vorstellte,
und läßt den Orden sich seiner bedienen, um das Volk von seinen sinnlichen
messianischen Vorstellungen abzuziehen und es zu einer höheren geistigen
Erkenntnis zu führen. Nichts geschieht von Seiten Jesu freiwillig. Überall
hat der Orden seine Hand bei dessen Reden und Taten im Spiele. Auch die
Wunder Jesu sind künstliche Veranstaltungen, vom Orden in Anpassung an den
Aberglauben des Volkes ins Werk gesetzt, und beruhen auf sehr natürlichen
Kniffen. Ja, sogar Jesu Tod und seine Auferstehung sind ein verschmitzt
ausgeführtes Theaterstück um des guten Zweckes willen.
Das ist im Grunde auch die Ansicht Venturinis (1768 bis 1849) in
seiner „Natürlichen Geschichte des großen Propheten [26] von Nazareth“
(1804-1802). Auch nach ihm ist Jesus nur der Schützling und das Werkzeug
des essenischen Ordens. Seine Wunder sind auf rein natürlichem Wege
zustande gekommen, wofern sie nicht etwa auf bloßen Mißverständnissen
beruhen. Und wenn er auch den Tod Jesu nicht geradezu, wie Bahrdt, als eine
durch die geheime Gesellschaft herbeigeführte Gaukelei auffaßt, so soll
doch auch hierbei alles natürlich zugegangen sein und seine Auferstehung
nur die Handlung eines zum Leben erwachten Scheintoten darstellen. Es
versteht sich von selbst, daß diese Lebensgeschichten Jesu für uns heute
völlig ungenießbar sind zumal bei ihrer langstiligen, umständlichen und
ungeschickten Art der Darstellungsweise. Trotzdem haben sie zu ihrer Zeit
eine große Wirkung ausgeübt, sie leiten die Leugnung der Geschichtlichkeit
Jesu ein und sie bilden die Vorlage aller jener zahlreichen ähnlichen
Darstellungen des Lebens Jesu, die diesen mit dem Essenerorden in eine
geheimnisvolle Verbindung bringen. –
Inzwischen
suchten die rationalistischen Theologen sich in ihren wissenschaftlichen
Darlegungen mit den Wundern Jesu kaum viel anders als Bahrdt und Venturini
abzufinden, nämlich indem auch sie dieselben möglichst natürlich
erklärten, nur daß sie sie moralisch auszudeuten und dadurch die
Aufmerksamkeit von der Frage nach ihrem Zustandekommen abzulenken suchten.
Dafür ergingen sie sich um so behaglicher in der Ausmalung der tugendhaften
Persönlichkeit Jesu und im Preise seiner Lehre, die sie sich ganz im Sinne
ihrer Zeit zurechtlegten, und stellten Jesus wesentlich als Moralprediger
hin. Das ist im Grunde auch der Fall bei Herder: „Vom Erlöser der
Menschen. Nach unsern drei ersten Evangelien (1796); Von Gottes Sohn, der
Welt Heiland. Nach Johannes Evangelium“ (1797)
[15]
. Auch Herder leugnet die Wunder Jesu nicht. Er betrachtet sie,
ebenso wie die genannten Theologen, als Anbequemung Jesu an seine
wundersüchtige Zeit. Aber er legt ihnen möglichst wenig Be[27]deutung bei
und sucht sie, als bloße Sinnbilder einer höheren Wahrheit aufzufassen.
Von seinen Vorgängern trennt ihn nur der größere Geschmack, den er bei
ihrer Behandlung an den Tag legt. Vor allem aber ist er diesen dadurch
überlegen, daß er, als einer der ersten, die Unmöglichkeit erkennt,
zwischen Synoptikern und Johannes zu vermitteln und ein Leben Jesu auf Grund
aller vier Evangelien zu entwerfen.
Bei dieser Verdunkelung der Wunderfrage durch Umgehung ihrer
Schwierigkeiten, wie sie mehr und mehr bei den Theologen in Aufnahme kam,
war es als ein entschiedener Fortschritt anzusehen, daß ein Mann auftrat,
der den rationalistischen Standpunkt unbeirrt in seine letzten Folgerungen
durchführte und damit dessen ganze Auffassungsweise ad absurdum führte.
Dieser Mann war Heinrich Eberhard Gottlob Paulus, Professor der
Theologie in Jena, Würzburg und Heidelberg. Er lebte von 1761-1851. Paulus
war wohl von allen Rationalisten der nüchternste. Die natürliche
Erklärung der Wunder war für ihn etwas so Selbstverständliches, daß er
sich eine andere Möglichkeit ihrer Auffassung überhaupt nicht vorzustellen
vermochte. In seinem „Leben Jesu als Grundlage einer reinen Geschichte des
Urchristentums“ (1828) erkennt er höchstens nur ein wirkliches Wunder an,
und das ist die übernatürliche Geburt des Heilands. Alle übrigen Wunder
hingegen sind dies nur im Sinne ihrer Zeitgenossen gewesen. So sollen die
Heilwunder Jesu auf nervösen Einflüssen sowie auf Heilmitteln beruhen, die
nur ihm allein bekannt waren. Das Meerwandeln war eine Vision der Jünger.
Die wunderbare Speisung beruht nur auf dem guten Beispiel, das Jesus und
seine Jünger durch das Verteilen ihrer Vorräte gaben, womit sie auch die
übrigen veranlaßten, ihre mitgebrachten Vorräte auszuteilen. Bei den
Totenerweckungen handelt es sich um Scheintote; so auch bei der Ruferweckung
des Lazarus, die Paulus unbesehen für Geschichte hinnimmt, und bei der
Auferstehung Jesu. Die Verklärung war eine nächtliche Zusam[28]menkunft
mit ein paar Ehrwürdigen auf einem Berge, die von seinen Begleitern
fälschlich für Moses und Elias angesehen wurden, der Lanzenstich ein
Aderlaß usw. Man kann die Seichtigkeit nicht gut weiter treiben, als Paulus
es bei der Wundererklärung getan hat, wie denn auch sonst sein Werk an
absonderlichen und platten Auffassungen reich ist und mehr als einmal zum
Lachen reizt.
Und doch steht seine Leistung, wissenschaftlich betrachtet,
entschieden höher als diejenige eines Karl August Hase (Das Leben
Jesu zunächst für akademische Studien, 1829) und Schleiermachers (Das
Leben Jesu, 1864, hrsg. nach einem 1832 geschriebenen Kollegheft), von denen
jenes seinerzeit wegen seiner „schönen“ Darstellungsart eine so hohe
Bewunderung erregte. Denn Paulus ist bei aller Plattheit wenigstens ehrlich,
was man bei Hase und besonders bei Schleiermacher nur zu oft bezweifeln
möchte, wie denn auch Schweitzer von ihnen sagt, daß ihr geistreiches
Schwanken zwischen Rationalismus und Supranaturalismus sie zuweilen his hart
an die Grenze des „unwahrhaftig Reaktionären“ führe. Auch Hase und
Schleiermacher wenden die vernünftige Wundererklärung an, wo es nur irgend
geht, wobei der letztere es zugleich so einzurichten versteht, daß man oft
nicht errät, was er denn nun eigentlich selbst von den Wundern gehalten
hat, während Hase mit gefühlvollen Phrasen und blumigen Redewendungen die
Dunkelheiten in der Geschichte Jesu verschleiert. Die Zeitgenossen
bewunderten die feine Psychologie in seiner Auffassungsweise Jesu. Es ist
aber überall nur die Psychologie des Verfassers, nicht diejenige Jesu, die
Hase uns bietet, und so wird man auch die beiden genannten Werke trotz der
Berühmheit ihrer Verfasser nicht für einen Fortschritt ansehen können
[16]
.
[29] Und was sagten nun zu alledem die sog. Supranaturalisten,
jene Vertreter eines „reinen“ Glaubens, die an der Annahme einer
göttlichen Inspiration der Bibel festhielten und geneigt waren, mit dem
Neuen Testament durch Dick und Dünn zu gehen? Auch sie konnten sich einer
vernünftigen Erklärung der evangelischen Wundergeschichten nicht ganz und
gar entschlagen, aber sie fanden auch anscheinend keine Schwierigkeit in
diesen, so wenn Steudel, der Lehrer Straußens in Tübingen, den Teufel in
der Versuchungsgeschichte bloß zur Einkleidung rechnete, die Engel aber auf
den Sternen ansiedelte, während er den Tod der gadarenischen Säue nicht
von der Legion von Teufeln ableitete, deren jeder sich eines Schweines
bemächtigt hätte, sondern in dem Losstürzen des Besessenen auf die Säue,
das die Herde erschreckt und sie dadurch veranlaßt habe, sich in den See zu
stürzen. Die Himmelfahrt betrachtet er als eine bloße Vision der Jünger.
Die Höllenfahrt erklärt er so, daß die Kunde von Jesu Heilswerk den
unseligen Geistern irgendwie zugute gekommen sei. Und auch das Wunder des
Pfingstfestes soll bloß darauf beruhen, daß die Apostel bei jener
Gelegenheit so warm und herzlich gesprochen hätten, daß auch die Fremden
sich ganz heimisch angesprochen fanden.
Schwierigkeiten machten den Supranaturalisten höchstens die
Widersprüche der Evangelien und ihre voneinander abweichenden Erzählungen
des nämlichen Ereignisses. Aber ein gläubiger Theologe wird mit allem
fertig. Wo zwei verschiedene Darstellungen vorlagen, da machte man ganz
einfach zwei verschiedene Geschehnisse daraus. Nach Matthäus soll Jesus
eine Rede auf einem Berg, nach Lukas in der Ebene gehalten haben. Nun, er
hat eben zwei Reden gehalten, einmal auf dem Berg und eismal in der Ebene.
Die Erzählung von der Erweckung eines zwölfjährigen Mädchens bei
Matthäus bezieht sich auf ein anderes Ereignis als die Geschichte von der
Erweckung. der Tochter des Jairus bei Markus und Lukas: Johannes läßt
Jesus die Tempelreinigung bei seinem ersten, die Synoptiker lassen
[30] ihn dieselbe bei seinem letzten
Aufenthalte in Jerusalem vornehmen. Aber warum soll er den Tempel nicht
zweimal gereinigt haben? Nach Lukas soll Jesus von einer verrufenen
Sünderin, nach Johannes von Maria, der Schwester des Lazarus, gesalbt sein.
Also muß ihn zweimal eine Frau gesalbt haben. Matthäus läßt Jesus beim
Auszuge aus Jericho zwei Blinde heilen, Markus einen und auch Lukas nur
einen, der sich aber vor, nicht hinter Jericho befunden haben soll. Nun
wohl, erklärten die Supranaturalisten, er hat zwei Blinde geheilt: der eine
saß vor, der andere hinter Jericho. Folgerichtigerweise hätten sie
hiernach behaupten müssen, daß Jesus viermal gekreuzigt, dreimal begraben
und auferstanden und zweimal gen Himmel gefahren sei, einmal in Galiläa
(Matthäus und Markus) und einmal bei Jerusalem (Lukas). Aber
Folgerichtigkeit war auch damals keine Tugend der theologischen
Geschichtsdarsteller.
David
Friedrich Strauß
Man sieht, auf diesem Wege konnte es in der Theologie nicht
weiter gehen.
Man hätte nun erwarten können, die Philosophen wären den
Theologen zu Hilfe gekommen und hätten ihnen aus der Sackgasse, in die sie
geraten waren, herausgeholfen. Allein die Philosophen hatten selbst zumeist
einen theologischen Bildungsgang durchgemacht, waren ganz in kirchlichen
Vorurteilen befangen und erblickten in Jesus höchstens den Vertreter ihrer
eigenen Lieblingsmeinungen oder die Verkörperung gewisser abstrakter Ideen,
ohne die Wahrheit der evangelischen Berichterstattung selbst kritisch zu
untersuchen. So ist Jesus für Kant nur einfach das verkörperte
Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit, und obwohl es für ihn keines
Beispiels der Erfahrung bedarf, um diese Idee für uns zum Vorbilde zu
machen, er den Geschichtsglauben verwirft und es für „das
Widersinnischste“ erklärt, „was man denken kann“, die evangelische
[31] Erzählung für die oberste Bedingung eines allgemeinen und
alleinseligmachenden Glaubens anzunehmen
[17]
, so äußert er doch selbst nirgends einen Zweifel an der
grundsätzlichen Wahrheit der Geschichte Jesu. Fichte interessiert in
seiner „Anweisung zum seligen Leben“ nur der dogmatische Christus in
Johanneischer Aufmachung, und auch Schelling handelt nur von Christus
als zweitem Gliede der kirchlichen Dreieinigkeit, während Hegel zwar
in seiner Jugend als Hauslehrer in Bern (1795) ein eigenes „Leben Jesu“
ganz im Sinne des Rationalismus geschrieben hat
[18]
, aber im übrigen ihn gleichfalls nur als Glied in seinem
philosophischen System behandelt und die rein geschichtliche Auffassung Jesu
vom religionsphilosophischen Standpunkt aus mit verächtlicher Miene
beiseite schiebt.
Und doch ist es gerade die Hegelsche Philosophie gewesen, die den
Anstoß zu einem entschiedenen Hiaausschreiten über den bisher erreichten
Standpunkt in der Leben-Jesu-Forschung gegeben hat. Er lag in der Hegelschen
Annahme der Übereinstimmung der philosophischen mit der religiösen
Weltanschauung, in der Behauptung, daß jene nur in der Form des Begriffes
dieselbe Wahrheit enthalte, wie diese in der Form der sinnlichen
Vorstellung. Wie steht es nämlich alsdann mit dem geschichtlichen Teile der
Religion? Gehört die Geschichte mit zur Wahrheit der Idee, die nach Hegel
die Wirklichkeit selbst ist, und muß sie daher vom Philosophen anerkannt
werden? Die Philosophie lehrt nach Hegel, daß die Idee oder Gott Mensch
werden müsse, um zur vollen Verwirklichung ihres Wesens zu gelangen. Aber
wenn sie nun das Evangelium nur einmal, an einem bestimmten Orte, zu einem
bestimmten Zeitpunkte der Geschichte in Jesus von Nazareth Mensch geworden
sein läßt, folgt das aus dem Begriffe Gottes, der Idee, oder ist es am
Ende nur eine vorstellungsmäßige Einkleidung der Wahrheit, [32] daß Gott
in der Menschheit zu sich selbst, d. h. zum Selbstbewußtsein, kommt und
damit erst sich rein verwirklicht?
Es war der junge schwäbische Theologe David Friedrich Strauß
(1808-1874), der in seinem „Leben Jesu“, kritisch bearbeitet
(1835-36), diese Frage zu beantworten suchte.
Strauß schloß aus den Widersprüchen der Evangelisten sowohl
wie aus den Wunderberichten, daß wir es in ihren Darstellungen überhaupt
nicht mit wirklicher Geschichte zu tun haben. Jene Widersprüche beweisen,
daß die Evangelien nicht inspiriert sein, auch nicht von Augenzeugen
herrühren können; diese Wundergeschichten lassen darauf schließen, daß
die Erzählung eine Dichtung ist, nach deren geschichtlichem Gehalte wir gar
nicht fragen dürfen. Was die Evangelien uns in dieser Beziehung mitteilen,
sind nicht absichtlich ersonnene Märchen, keine Lügengeschichten, sondern
ist die dichterische Einkleidung eines religiösen Gedankens in die Form der
Geschichte, um die Messunität Jesu zu beweisen. Die evangelischen
Erzählungen sind Geschöpfe der absichtlos dichtenden Phantasie innerhalb
der christlichen Gemeinde und in diesem Sinne Mythen. Man verkennt das Wesen
der Evangelien völlig, wenn man in ihnen nach Geschichte sucht. Ihren
Erzählungen liegt keine geschichtliche Wirklichkeit, sondern das Alte
Testament zugrunde, dem diese Geschichten im Hinblick auf Jesus
nachgedichtet sind. Man wollte Jesus als denjenigen erscheinen lassen, in
dessen Persönlichkeit, Taten und Schicksalen sich die Züge vereinigten,
die auf Grund der Weissagungen der Propheten usw. zu dem damaligen
Messiasbild gehörten. Dabei leugnet Strauß nicht, daß es einen Jesus
gegeben habe. Dieser bildet ihm vielmehr den Mittelpunkt, um welchen die
christlichen Mythen sich herumkristallisiert haben, und an dem sie zu
anschaulicher Bestimmtheit gelängt sein sollen. Der „gewaltige Eindruck“,
den Jesus auf seine Umgebung gemacht, soll die Veranlassung dazu geliefert
haben, daß man die Messiasidee auf ihn übertrug und ihm all die
wunderbaren Dinge zu[33]schrieb, die doch nur der unbewusst schaffeaden
Phantasie und der abergläubischen Vorstellungswelt der christlichen
Gemeinde entstammten. Nur wissen wir von diesem Jesus selbst so gut wie
nichts, und Strauß läßt uns völlig darüber im Unklaren, was er für
seine Person an den evangelischen Erzählungen etwa für geschichtlich hält
und was nicht. Er spielt jeweils nacheinander die supranaturalistische und
die rationalistische Erklärung gegeneinander aus und zeigt, daß sie beide
Unrecht haben. Was sich denn nun aber wirklich ereignet hat, darauf erhalten
wir fast nirgends eine bestimmte Antwort.
In der mythischen Erklärung der Bibel waren auch schon andere
dem kühnen Kritiker vorangegangen. De Wette, Eichhorn, Gabler und
andere hatten sie unbekümmert auf das Alte Testament angewendet, und auch
der Eingang und Ausgang des Lebens Jesu waren bereits vielfach als Mythen
erkannt worden. Straußens Verdienst besteht in dieser Beziehung wesentlich
nur darin, diese Erklärung folgerichtig auf das ganze Evangelium angewendet
und dabei zugleich den Begriff des Mythus schärfer als seine Vorgänger
gefaßt zu haben. Immer deutlicher stellte sich ihm dabei die Unmöglichkeit
heraus, das Johannesevangelium für die Geschichte Jesu zu verwenden, worauf
Schleiermacher gerade das Hauptgewicht gelegt hatte, während er Matthäus
als Berichterstatter vor allem hochschätzte und er in Markus nur einen
Ausschreiber des Matthäus von nebensächlicher Bedeutung erblicken wollte.
Johannes ist ein Gnostiker, sein Christus ist ganz dogmatisch und
absichtsvoll, und wenn schon die Reden, wie die Synoptiker sie Jesus halten
lassen, künstlich zurechtgemacht sind, so gilt dies erst recht von den
Reden Jesu bei Johannes.
Auf die Frage nach dem Verhältnis der evangelischen Erzählung
zur Idee kann hiernach die Antwort nur lauten, daß deren geschichtliche
Einkleidung nicht zur Wahrheit gehört. Wohl hat die Idee sich in der
geschichtlichen Persönlichkeit Jesu verwirklicht. Die Wahrheit der
evangelischen Berichte ist, [34] daß seine Geschichte uns die Einheit
Gottes und des Menschen, die Gottmenschlichkeit, an einem vorbildlichen
Exemplare zu unmittelbarer phantasiemäßiger Anschauung bringt und dadurch
unser frommes Gefühl ins Spiel setzt. Aber es ist falsch, daß diese
Verwirklichung als Erscheinung eine vollkommene sein müsse, da keine Idee
sich geschichtlich vollkommen verwirklichen kann und ihre Vollendung bei
einem Einzelnen immer erst durch dasjenige zustande kommt, was an Idee von
außen in die Geschichte hineingetragen wird. Ist es doch nicht die Art, wie
die Idee sich verwirklicht, daß sie in ein Exemplar ihre ganze Fülle
ausschüttet und gegen alle anderen geizig ist, sondern in einer
Mannigfaltigkeit von Exemplaren, die sich gegenseitig ergänzen, liebt sie,
ihren Reichtum auszubreiten. Lebendig also ist die Idee nur in dem
gemeinschaftlichen Bewußtsein derer, die durch ihre sinnliche Erscheinung
zu einem bestimmten Verhalten sich anregen lassen, sich in jene Erscheinung
einfühlen und darin ihrer eigenen Einheit mit Gott bewußt werden. Darum
ist auch nur die Idee der Gottmenschlichkeit, wie sie sich in jedem von uns
verwirklichen soll, das eigentlich und ewig Wirkliche an Jesus. Dieser soll
es nach Strauß gewesen sein, der, als der Erste, jene Idee in sich
verwirklicht und sie der Menschheit eingepflanzt hat. Darin beruht seine
Bedeutung: durch den Glauben an Christus, als Verkörperung der Idee der
Menschheit, wird der Mensch vor Gott gerecht, d. h. durch die Belebung der
Idee der Gattung wird der Einzelne ihres gottmenschlichen Lebens selbst
teilhaftig.
Die Aufregung und Bestürzung, die Strauß mit seinem Leben Jesu
hervorrief, kann man sich kaum zu groß vorstellen. Ein einziger Schrei der
Entrüstung ertönte durch ganz Deutschland. Wie? Ein unbekannter Tübinger
Dozent der Theologie sollte sich herausnehmen dürfen, die gelahrtesten
Kirchenlichter und angesehensten Theologen des Irrtums zu zeihen und ihre
anerkannten Auseinandersetzungen über das Leben Jesu als wertloses Gerede
zu behandeln? Gelehrte und fromme Laien [35] fühlten sich gleichermaßen in
ihren „heiligsten“ Empfindungen verletzt. Wie die Raben über einen
Leichnam, so fielen sie über den Frechling her und suchten, ihr Mütchen an
ihm zu kühlen, wobei denn freilich ein großer Lärm erregt wurde, aber
für die Wissenschaft sehr wenig herauskam.
Am wenigsten Grund glaubten noch
die Supranaturalisten zu haben, ihm zu zürnen. Sie sahen an ihm im ersten
Augenblicke fast nur seine Gegnerschaft gegen den verhaßten Rationalismus,
so daß sogar ein Hengstenberg, das Haupt der preußischen Rechtgläubigkeit
und Herausgeber der „Evangelischen Kirchenzeitung“, ihn als einen
Bundesgenossen im Kampfe gegen den Unglauben meinte, begrüßen zu können.
Die Rationalisten jedoch zeigten sich mehr überrascht und verzagt, als
siegesgewiß, wenn sie gegen das Straußische Leben Jesu loszogen, und der
Ton, auf den die Entgegnung eines Neander gestimmt war, nämlich, daß wir
die Einzelheiten im Leben Jesu zwar nicht mehr einzusehen vermöchten, das
ganze Leben Jesu vielmehr für uns voller Schwierigkeiten und Rätsel sei,
wir aber trotzdem keinen Grund hätten, an der Wahrheit der evangelischen
Überlieferung zu zweifeln, war auch die Stimmung zahlreicherer anderer
Theologen, wie voll sie auch den Mund gegen ihren Kritiker nehmen mochten.
„Keine Lage ist so verzweifelt“, sagt Albert Schweitzer, „daß die
Theologie keinen Ausweg wüßte.“
[19]
Sie fand ihn darin, daß sie sich ohne viel Aufhebens des
ferneren Redens über die Wunder möglichst enthielt und sich immer mehr auf
gewisse Grundgesichtspunkte und die moralische Bedeutung Jesu zurückzog. Im
übrigen tat sie, als ob nichts geschehen sei, spielte sich vor der
Öffentlichkeit als unüberwunden und zu Unrecht angegriffene Unschuld auf
und suchte sogar durch Spottschriften ihren Standpunkt ins rechte Licht zu
setzen, die sich gegen die Straußische Methode wandten, z. B. indem sie
bewies, daß für den zukünftigen Geschichtsschreiber auch das Leben
Luthers nur ein Mythus sein würde,[36]daß auch Napoleon gar nicht
existiert habe, ja, Strauß selbst eine mythische Persönlichkeit sei,
woraus hervorgeht, daß so witzige Einfälle keineswegs erst eine
Errungenschaft unserer eigenen erleuchteten Gegenwart sind. Der ganze Kampf
gegen Strauß und die Art, wie die Theologen sich seiner zu erwehren
suchten, liefert ein ausgezeichnetes Schulbeispiel für Schopenhauers
Behauptung der Vorherrschaft des Willens im Selbstbewußtsein.
Eines wurde durch Strauß wenigstens erreicht, nämlich daß der
Supranaturalismus fürs erste aus der ernsthaften Geschichtsschreibung
ausschied und hinfort höchstens noch in der Kanzelberedsamkeit und in
Traktätchen zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der ganz Naiven
weiterwurstelte. Und wie ging Strauß selbst aus dem Kampfe um den
mythischen Jesus hervor? In einer Reihe glänzend geschriebener
Streitschriften hatte er den Gegnern seine Zähne gezeigt. Dann hatte er,
einen Augenblick verwirrt durch das übeltönende Geschrei der Gegner und
des Kampfes müde, in der zweiten und dritten Auflage seines Werkes einen
Teil seiner Einwände gegen die evangelische Geschichte wieder
zurückgenommen, manche Ausdrücke abgeschwächt und dem geschichtlichen
Jesus eine größere Bedeutung zuzuschreiben versucht, als wie er es in der
ersten Ausgabe getan hatte. Aber bald war ihm sein Zweifel selbst wieder
zweifelhaft geworden, und so hatte er in der vierten Auflage von 1840 alle
Zugeständnisse wieder zurückgenommen. Das hatte natürlich nicht dazu
beitragen können, seine Gegner zur Versöhnlichkeit zu stimmen. Sie
verhärteten sich nur um so mehr in ihrer Wut gegen seine Aufstellungen,
verschlossen ihm ihre Reihen, und wenn er schon vorher seine Stellung in
Tübingen verloren hatte und seine Anstellung als Professor der Theologie in
Zürich infolge der Umtriebe seiner Gegner wieder rückgängig gemacht
worden war, so mußte er jetzt einsehen, daß er ein für allemal sich jede
Anstellung an einer Universität verscherzt habe. Der Ekel über das
Verhalten seiner theolo[37]gischen Zunftgenossen und die Feindschaft der
Presse saß ihm bis an den Hals und machte ihn zum Menschenverächter.
Ja, es ist gefährlich, eine Ansicht anzugreifen, von welcher die
Existenz einer ganzen Kaste abhängt, und dem Volke seine „Ideale“ zu
nehmen. Das sollte auch derjenige an sich selbst erfahren, der es unternahm,
das von Strauß begonnene Werk fortzusetzen, und mit einer
Leidenschaftlichkeit, wie Strauß sie nie bei sich aufzubringen vermocht
hätte, der Theologie zu Leibe rückte.
Bruno
Bauer
Bruno Bauer
wurde 1809 zu Eisenberg in
Sachsen-Altenburg geboren. Er war Dozent der Theologie in Berlin und stand im
Anfang seiner Laufbahn durchaus auf Seiten der Hegelschen „Rechten“, wie
Strauss sie genannt hatte, nämlich jener Richtung von Hegelianern, die, wie
Gabler, Hinrichs, Göschen, Gans, Marheinecke und v. Henning, die Lehre Hegels
im kirchlich rechtgläubigen Sinne auslegten, indem sie das System des
Meisters als den endlich gefundenen Ausgleich zwischen Glauben und Wissen,
zwischen Theologie und Philosophie betrachteten. Er hat diesen Standpunkt mit
Entschiedenheit in einer Reihe von Aufsätzen in der von ihm gegründeten „Zeitschrift
für spekulative Theologie“, als Organ aller Gegner der Straußischen
Evangelienkritik, vertreten und ihn auch in seinem zweibändigen Werke über
„Die Religion des alten Testaments“ zur Geltung zu bringen gesucht. In
seiner Kritik des Straußischen Lebens Jesu wendet Bauer gegen dessen
Verfasser ein, daß die ganze bisherige Geschichte, insbesondere diejenige der
jüdischen Religion die zunehmende Vereinigung des absoluten mit dem
subjektiven Geiste des Menschen zum Gegenstande habe, der vollkommene
Zusammenschluß des göttlichen und menschlichen Geistes in Jesus eingetreten
sei, weil er notwendig eintreten mußte und somit auch notwendig wahr sei, was
die Geschichte uns von [38] Jesus berichte. „Es ist wirklich an dem, daß
Gott als dieser einzelne Mensch unmittelbar daseiend gesehen, gefühlt,
gehört wird“. In Jesus mußte sich die angemessene Wirklichkeit der Idee
darstellen. Die alttestamentliche wie die neutestamentliche Geschichte ist als
wirkliche Geschichte anzusehen, und Jesus ist so gewiß der Gottmensch, wie
die Evangelien ihn schildern, als in ihm das göttliche und menschliche
Selbstbewußtsein eins geworden und zur sichtbaren Erscheinung gelangt ist.
Aber Bauer war seiner Sache schon selbst nicht mehr so sicher, als er im Jahre
1839 eine Schrift gegen Hengstenberg verfaßte und diesen wegen seiner
ablehnenden Stellung gegen Hegel und dessen Philosophie angriff. Die Schrift
hatte zur Folge, daß Bauer vom Minister Altenstein von Berlin nach Bonn
versetzt wurde. Und hier vollzog sich jetzt ein völliger Wechsel seiner
Anschauung. Den ersten Schritt auf diesem Wege stellt seine „Kritik der
evangelischen Geschichte des Johannes“ (1840) dar.
Die geschichtliche Glaubwürdigkeit des
Johannesevangeliums, die durch Bretschneider (1776-1848) zuerst erschüttert,
aber durch Schleiermachers Ansehen von neuem gefestigt worden war, hatte durch
Strauß einen argen Stoß erhalten. Dann hatten Chr. Hermann Weisse in seiner
„Evangelischen Geschichte“ kritisch und philosophisch bearbeitet, und Chr.
Gottlob Wilke in seinem Werke „Der Urevangelist“, beide im Jahre 1838
erschienen, den geschichtlichen Wert jenes Evangeliums so gut wie ganz
geleugnet und Markus für den ursprünglichen und zuverlässigsten
Berichterstatter erklärt. Bauer nimmt sich das Johannesevangelium vor, um
seinen wahren Charakter aufzuzeigen. Dabei leugnet auch er aufs Entschiedenste
den Quellenwert dieses Evangeliums. Sein Verfasser steht ganz unter dem
Einfluß der alexandrinischen Religionsphilosophie eines Philo. Sein
Evangelium ist eine absichtsvolle Zurechtmachung, wenn man will ein Kunstwerk,
aber nichts weniger als eine einfache Erzählung vom geschichtlichen Leben
Jesu. Was dieses Evangelium uns kennen lehrt, ist eine Stufe in [39] der
Entwicklung des Selbstbewußtseins der Gemeinde. Darin liegt sein
geschichtlicher Wert; nur dürfen wir nicht hoffen, daraus irgend eine
Kenntnis über den geschichtlichen Jesus zu gewinnen. Diese kann also nur in
den Synoptikern gesucht werden, und Bauer machte sich sofort ans Werk, den „historischen
Granit“ dieses Schrifttums an das Licht zu ziehen. Das Ergebnis seiner
Untersuchungen war die „Kritik der evangelischen Geschichte der
Synoptiker" (1841-1842).
Bauer schließt sich hier der Erkenntnis von Weisse und
Wilke an, daß wir in Markus den ältesten Evangelisten vor uns haben. Das
Johannesevangelium hatte sich ihm als ein solches von rein
schriftstellerischem Ursprung erwiesen. Nun zeigt sich, daß
schriftstellerische Motive auch bei Markus und den übrigen Synoptikern
entschieden mitgewirkt haben. Aber könnten dann nicht ebenso auch diese
überhaupt blosse künstliche Zurechtmachungen sein? Bauer geht die
synoptischen Evangelien daraufhin Zug für Zug durch, und siehe da, es zeigt
sich, daß auch hier alles einzelne Erzählte nicht der Geschichte, sondern
der Überlegung und Absicht des Erzählers seinen Ursprung verdankt.
Insbesondere sind es die Widersprüche in der Auffassung Jesu als Messias, die
Bauer zur Verneinung der geschichtlichen Wahrheit der Evangelien veranlassen.
Sie lassen nur zu deutlich erkennen, daß niemand auf dem Boden Palästinas
öffentlich als Messias aufgetreten und vom Volk als solcher anerkannt war;
daher auch Jesus nicht wirklich als Messias hingestellt wird. Der Begriff der
Messianität Jesu ist der christlichen Gemeinde entsprungen, ja, hat diese
erst ins Leben gerufen. Bauer leugnet die Geschichtlichkeit Jesu zunächst
noch nicht. Dieser soll es vielmehr gewesen sein, der durch sein Auftreten und
seine Reden die Veranlassung dazu gab, daß der Evangelist ihn für den
Messias erklärte, und deshalb ihn alles dasjenige erleben ließ, was auf
Grundlage des Alten Testaments der Messias erleben und vertreten sollte. Der
evangelische Jesus ist demnach ein Erzeugnis nicht sowohl des Mythus als der
Überlegung, des Ur[40]evangelisten nämlich, und was er uns von Jesus
erzählt, ist Versinnbildlichung des inneren Lebens oder Erlebens der
Gemeinde, dargestellt als Leben einer wirklichen Person, ein Erzeugnis nicht
sowohl der Masse als des Schriftstellers. Nur so erklären sich die Wunder,
nur so die vielen Unstimmigkeiten der evangelischen Berichte, z. B. wenn sie
Jesus Wunder tun lassen und dieser sich dadurch doch nicht als Messias
offenbart, weil der geschichtliche Jesus, wie gesagt, eben noch garnicht als
solcher anerkannt war. Jesus war nach Bauer zweifellos eine überragende
geschichtliche Persönlichkeit. Er hat wirklich den Anstoß zur Entstehung der
christlichen Religion gegeben. Nur ein grundsätzlicher Unterschied ist
zwischen ihm und den andern Menschen nicht vorhanden, und alles, was uns in
dieser Beziehung mitgeteilt wird, kommt lediglich auf die Rechnung des
Evangelisten.
Insoweit stimmt Bauer noch mit Strauß überein und
unterscheidet sich von diesem wesentlich nur durch den gereizten Ton und die
bissige und absichtlich verletzende Weise, womit er dabei gegen seine
theologischen Zunftgenossen loszieht. Und diese Gereiztheit schlägt bei ihm
nach innen und wendet sich gegen die Person Jesu selbst. Hatten die ersten
beiden Bände seines Werkes die Geschichtlichkeit Jesu noch bestehen lassen,
so stellt er im dritten die Behauptung auf, der Messias habe als sinnlich
gegebenes Individuum gar nicht existiert. „Der evangelische Jesus, als eine
wirkliche, geschichtliche Erscheinung gedacht, wäre eine Erscheinung, vor
welcher der Menschheit grauen müßte, eine Gestalt, die nur Schrecken und
Entsetzen einflössen könnte“
[20]
. Zum mindesten wissen wir von dem geschichtlichen Jesus nichts.
Alles, was wir über ihn aus den Evangelien erfahren, gehört der christlichen
Vorstellungswelt an und hat mit einem Menschen der wirklichen Welt
schlechterdings nichts zu tun. Der Unterschied zwischen den Synoptikern und
Johannes ist nicht ein Art-, sondern ein blosser Gradunterschied; es sind [41]
Kunstwerke, bei denen das Ganze als geschichtliche Wirklichkeit ebenso
unmöglich ist, wie seine Einzelheiten. Ihr Inhalt ist das Selbstbewußtsein
der Gemeinde, deren Anschauungen und Erlebnisse uns die Evangelisten in ihrer
Darstellung Jesu vorführen. Ist aber dies der Fall, ist das
Selbstbewußtsein, wie es uns im Christentum entgegentritt, nicht objektiver,
sondern bloß subjektiver Art, so fällt damit auch die Anerkennung eines
Gottes hinweg, der sich in diesem Selbstbewußtsein offenbart, und der nackte
Atheismus ergibt sich als die Grundlage der christlichen Religionsauffassung.
Nur der christlichen? In
Wahrheit handelt es sich in aller Religion nur um eine Form des menschlichen
Selbstbewußtseins. Jede stellt nur ein Zeugnis für die Stufe dar, auf
welcher die Menschheit sich jeweils befand. Das Christentum ist insofern die
bis jetzt höchste Religion, als in ihr das Selbstbewußtsein sich in seiner
Einzelheit und Besonderheit zugleich als das Allgemeine, Unendliche erfaßt
hat. Aber auch dies ist noch nicht das Endziel der Entwicklung. Dies letztere
wird erst dann erreicht, wenn auch das Christentum beseitigt und der Mensch
sich selbst unmittelbar als Gott in seiner schlechthinnigen Freiheit und
Unendlichkeit begreift, d. h. sich von alter religiösen Bevormundung
losmacht. Bauer war mit solchen Anschauungen, wie er sie in seiner „Kritik
der evangelischen Geschichte der Synoptiker“ zunächst noch mehr
durchschimmern läßt als entwickelt, zu dem gleichen Standpunkt gelangt, den
um dieselbe Zeit Feuerbach in seinem „Wesen des Christentums“ (1841)
vertrat. Er faßt das Christentum als die Erziehung des Menschen zur höchsten
wahren Freiheit, derjenigen des eigenen unmittelbaren Selbstbewußtseins, auf
und erblickt in Christus das sich selbst entfremdete, in den Himmel erhobene,
zu Gott gewordene Ich, das die Weltherrschaft Roms zertrümmert, die alte Welt
gestürzt hat, um das Selbstbewußtsein an die Stelle aller früheren Götter
zu setzen. Dies aber ist in dem Augenblick erreicht, wo der grausige Zauber
der Selbstentfremdung des Ich in der christ[42]lichen Religion überwunden
ist, wo der Nachweis erbracht wird, daß Jesus Christus nur wirklich ist als
das eigene Geschöpf des menschlichen Selbstbewußtseins.
Der Radikalismus seiner Kritik der evangelischen
Geschichte, die Leidenschaftlichkeit und der höhnische Ton in der Behandlung
seiner theologischen Zunftgenossen kosteten Bauer seine Stellung in Bonn. Er
zog sich nach Rixdorf bei Berlin zurück und schrieb während der nächsten
Jahre eine Reihe von Streitschriften gegen seine theologischen Widersacher und
das Christentum sowie zahlreiche Werke politischen und geschichtlichen
Inhalts. Dann wandte er sich zu Beginn der fünfziger Jahre von neuem der
Kritik des Neuen Testamentes zu. Zuerst nahm er die Apostelgeschichte vor. Sie
stellt, wie seine „Kritik der Apostelgeschichte“ (1850) darzulegen suchte,
ein ebenso absichtsvolles Machwerk dar, wie die Evangelien. Auch sie ist ein
Werk der Überlegung, der freien Erfindung ihres Verfassers, geschrieben zur
Ausgleichung des Gegensatzes zwischen dem gesetzesfeindliehen radikalen
Paulinismus und dem Judentume innerhalb der christlichen Kirche, worunter
Bauer eine konservative, gegenrevolutionäre und alle Schärfen abschleifende
Strömmung innerhalb der ersten Christen versteht, wie diese durch den Namen
Petrus gekennzeichnet sein soll. Das führte ihn dann weiter zur „Kritik der
Paulinischen Briefe“ (1850-1852). Nach der kirchlichen Ansicht sollen diese
sämtlich vom Apostel Paulus herstammen. Eine genauere Untersuchung indessen
zeigt, daß verschiedene Verfasser an diesen Briefen gearbeitet haben, die
vielfach voneinander abhängig sind; ob unter ihnen auch der Paulus der
Apostelgeschichte, muß durchaus zweifelhaft erscheinen. Wir erfahren aus
ihnen jedenfalls nichts über einen solchen. Die ihm zugeschriebenen Briefe
gehören sämtlich erst dem zweiten Jahrhundert an. Sie verlegen nur die
Kämpfe und Anschauungen ihrer Zeit in die Vergangenheit, um ihren Forderungen
durch deren Zurückführung auf den gefeierten Paulus die erwünschte
Zustimmung [43] zu verschaffen. Auch hier also nichts als Überlegung, das
künstliche Erzeugnis absichtsvoller Schriftsteller.
Das Christentum ist aus der Auflehnung der furchtsamen und
glaubensbedürftigen Klasse gegen eine Form des Selbstbewußtseins
hervorgegangen, die das Ich zum alleinigen Gesetzgeber des Lebens machte. Es
ist jedenfalls nicht in Jerusalem zustande gekommen, und der Widerspruch gegen
jene Form, worauf das Christentum beruht, ist erst ein Werk der gesamten
Gemeinde des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Dies Ergebnis seiner
Untersuchung über die Apostelgeschichte und die Paulinischen Briefe sucht nun
Bauer durch eine erneute „Kritik der Evangelien" (1850/51) zu
befestigen. Sie untersucht besonders die Frage, wie die Evangelienlitteratur
zustande gekommen ist. Ursprünglich handelte es sich hier um nichts anderes
als um eine plastische, anschauliche Darstellung des Kampfes des neuen
revolutionierenden Prinzips der Freiheit des Selbstbewußtseins mit der
gesetzlichen Welt, wie sie im Judentume ihre auffälligste Verkörperung
erhalten hatte. Dabei zeigt sich, daß die Evangelien nur verschiedene
Abschnitte der Entwickelung dieses Kampfes widerspiegeln, eines Kampfes, in
welchem das oben gekennzeichnete Judentum schließlich den Sieg davongetragen
hat. Als rein jüdische Tat ist das Christentum völlig unbegreiflich. Alle
Kulturelemente der alten Welt sind bei seiner Entstehung beteiligt, am meisten
aber das römische Welt reich, denn dieses ist es vor allem gewesen, das durch
seinen Druck das revolutionäre Selbstgefühl der Gemeinde hervorgerufen und
sie dazu veranlaßt hat, der römischen Gewaltherrschaft gegenüber die
Rettung in einem sog. Himmelreich zu suchen und im Kampf für dieses der
ersteren ein Ende zu machen.
Mehr als zwanzig Jahre hat Bauer darüber hingehen lassen,
ehe er die Arbeit, die er sich vorgesetzt hatte, in Angriff genommen hat,
nämlich in dein hier dargelegten Sinne die Entstehung des Christentums zu
schreiben. Es geschah dies in drei Schriften „Philo, Strauß, Renan und das
Urchristentum“ (1874), „Christus [44] und die Cäsaren. Der Hervorgang des
Christentums aus dem römischen Griechentum (1877)“ und „Das Urevangelium
und die Gegner der Schrift ,Christus und die Cäsaren’ (1878)".
Nicht in Palästina ist das Christentum entstanden,
sondern in Alexandria und Rom: das bildet den Grundgedanken in den genannten
Schriften. In Alexandria war es besonders Philo, der die religiösen Ideen des
Judentums in das allgemeine Bewußtsein des Altertums geleitet und die
Verschmelzung zwischen ihnen und der griechisch-römischen Gedankenwelt
vollzogen hat. Er verband den Logos des Heraklit mit der Weltseele Platos und
der Stoiker, erklärte ihn für den ewig gegenwärtigen Offenbarer, Tröster
und hohenpriesterlichen Vermittler zwischen Erde und Himmel, zwischen
Sinnenwelt und Ideenwelt, die seit Plato sich in einem schroffen Gegensatze
gegenüberstanden, und kam dadurch dem Sehnen des Menschenherzens nach
Vereinigung mit dem Göttlichen entgegen. Auf der anderen Seite hat vor allem
Seneca an der Entstehung des Christentums gearbeitet. Er zeigte in der Gestalt
des Gottmenschen das ideale Vorbild des Menschen auf und gab durch die nähere
Ausmalung seines Bildes, wie er unansehnlich, arm und leidbewährt durchs
Leben geht, der verschwommenen Vorstellung des philosophischen Logos
bestimmtere Umrisse, wodurch sie fähig wurde, die Verzweifelnden
aufzurichten, die Menschen mit neuer Hoffnung zu erfüllen und den Glauben an
die Erfüllung des Ideals in ihnen hervorzurufen. Seine Lehre und
Sittensprüche, diejenigen der Stoa, klingen daher auch überall in dem
neutestamentlichen Schrifttum wider, vor allem bei Paulus, und dies in einem
solchen Maße, daß man in einem gefälschten Briefwechsel den Paulus sogar
zum Lehrer des Seneca hat machen wollen. Und nicht nur Senecas Gedanken, auch
diejenige sonstiger Philosophen und Dichter der Kaiserzeit haben, wie Bauer
dies an zahlreichen Beispielen nachweist, die neutestamentliche Gedankenwelt
beeinflußt. Endlich aber haben auch die Kaiser selbst an der Gestalt des
Erlösers mitgeformt, besonders Augustus, der Friedens[45]fürst, aber auch
Tiberius, der nicht wollte, daß man sich vor ihm erniedrigen sollte, und Mark
Aurel, dessen müde Weisheit gleichfalls uns aus dem Gedankenschatz des Neuen
Testaments entgegenleuchtet.
Und sollten es nicht nach den früheren Darlegungen Bauers
die römischen Kaiser gewesen sein, die den Widerspruch gegen die weltliche
Macht der Cäsaren auslösten? Unter dem Druck ihrer Herrschaft breitete sich
die Ansicht von einem geistigen Reiche aus, das im Innern des Menschen seine
Stelle haben sollte, und dem die Herzen aller Gedrückten, Unterjochten,
Unglücklichen und Verzweifelnden entgegenschlugen. Schon Plato hatte die
gequälten Seelen nach oben verwiesen: „Der wahre Staat ist im Himmel“.
jetzt stellte man diesen himmlischen dem Staat, als dessen Bürger man sich
fühlte, dem irdischen, gegenüber, erklärte Christus für den Herrn jenes
Staates und bemühte sich, es ihm in der Arbeit an der eigenen Besserung, an
Liebe, Wohltun und Hilfsbereitschaft gleichzutun, zu dulden und zu sterben, um
dafür den Lohn im Himmel zu erlangen.
Was will es demgegenüber besagen, wenn Tacitus und Sueton
das Christentum aus Judäa herleiten und Christus als dessen Stifter
hinstellen! Der Bericht des Tacitus über die Christen ist so verworren und
voller Dunkelheiten, daß sich daraus keine Geschichte machen läßt. „Daß
der Urheber des Christennamens unter Tiberius durch Pilatus zum Tode
verurteilt ward“, meint Bauer spöttisch, „wird der sonst nicht besonders
gründliche Archivforscher wohl demselben Staatsarchiv entnommen haben, in dem
nach Tertullian (Apologet. 21) auch die Tatsache, daß im Augenblick des Todes
Jesu, zu Mittag, die Sonne verdunkelt war, sich aufgezeichnet befand“, d. h.
er wird es erdichtet haben. Sueton hatte wohl nur durch die Annalen des
Tacitus von der Existenz der Christen im Neronischen Rom erfahren und hat sich
durch die dort berichtete blutige Christenverfolgung zu der Annahme berechtigt
geglaubt, der Schlag, welcher die [46] Juden unter Claudias traf, sei durch
die Hetzarbeit des fremden Sektenstifters veranlaßt worden. Was aber den
Briefwechsel zwischen Trajan und Plinius anbetrifft, so ist er erst recht
wertlos. Bauer hält ihn für christlich interpoliert und meint, es könne
nichts für die Christen Rühmliches darin gestanden haben, sonst hätte
Tacitus nicht so geurteilt. Das Schreiben des Plinius wird von einer
superstitio prava et immodica berichtet haben; Tacitus, hiervon abhängig,
nennt den Aberglauben der Christen exitiabilis, und Sueton endlich erzählt
uns von der superstitio nova et malefica. Daraus kann kein Schluß auf einen
geschichtlichen Christus und den jüdischen Ursprung der christlichen Gemeinde
gezogen werden.
Nimmt man zu alledem noch die römische Begabung für
geistige Zentralisation während der ersten christlichen Jahrhunderte hinzu,
so kann nach Bauer kein Zweifel sein, daß das Christentum auf römischem
Boden erwachsen und der Urevangelist ein geborener Italiker gewesen ist, der
zu Beginn der Regierung Hadrians in der Geschichte Jesu diejenige der Gemeinde
geschildert und damit die Unterlage für das Markusevangelium geliefert hat.
Jüdisch ist nur der Rahmen des Evangeliums, sein Inhalt hingegen ist
heidnisch, und um diesen Inhalt zustande zu bringen, bedurfte es keines
geschichtlichen Jesus.
Daß eine Auffassung vom Ursprung des Christentums, wie
diejenige Bauers, bei den Zeitgenossen nur ein allgemeines Schütteln des
Kopfes hervorrufen kannte, ist nur zu verständlich. Die Theologen hatten sich
für die verletzende Behandlung von Seiten Bauers durch völliges Totschweigen
seiner Werke gerächt. Jetzt, wo er sich in neuen Arbeiten zur Geschichte des
Christentums eine so ungeheuere Blöße zu geben schien, wie man sie allgemein
darin zu finden glaubte, erhoben sie ein Triumphgeschrei und konnten sich
nicht genug über den „Phantasten“ und die „Unwissenschaftlichkeit“
seiner neuen Arbeiten lustig machen. Heinrich Holtzmann bezeichnete sein Buch
über „Christus und [47] die Cäsaren“ in der Protestantischen
Kirchenzeitung (1882 als „himmelschreienden Unsinn“. Und doch dürfte
Bauers Auffassung bei allen ihren Übertreibungen, Einseitigkeiten und
Verkehrtheiten der geschichtlichen Wahrheit zum mindesten so nahe kommen, wie
Holtzmanns anerkannte Ansicht von der Entstehung des Christentums und der
Persönlichkeit Jesu. War es auch sicher viel zu weit gegangen, wenn Bauer die
griechischrömische Welt hierbei fast zum alleinigen Schöpfer der neuen
Gedankenwelt des Christentumes machen wollte, seine Entstehung aus Palästina
ganz und gar ins Abendland verlegte und den jüdischen Anteil hieran viel zu
gering einschätzte: es war doch immerhin ein genialer Instinkt, der ihn
leitete in einer Zeit, die diese Seite der Frage bisher noch so gut wie gar
nicht ins Auge gefaßt hatte. Und auch darin hat Bauer recht, auf die
Verwandtschaft der christlichen Gedankenwelt mit der alexandrinischen und
stoischen Philosophie aufmerksam gemacht und Seneca eine Hauptvermittlerrolle
zwischen jenen beiden zuerteilt zu haben.
[21]
Aber auch sonst hat Bauer tatsächlich zahllose
Schwierigkeiten im neutestamentlichen Schrifttum aufgedeckt, die so noch von
niemandem empfunden worden waren, und die zu einer ganz anderen Auffassung
ihres geschichtlichen Hintergrundes nötigen, als die Theologen diesen bei
ihrem Standpunkt zu sehen gewohnt sind. Schweitzer sagt von Bauers
Lebensarbeit: „Bauers Kritik der evangelischen Geschichte ist ein Dutzend
gute Leben-Jesu wert, weil sie, wie wir das erst jetzt, nach einem halben
Jahrhundert erkennen können, das genialste und vollständigste Repertorium
der Schwierigkeiten des Lebens Jesu ist, das überhaupt existiert
[22]
.“
Es ist daher auch wohl zu viel gesagt, wenn Kegel in seiner Schrift über „Bruno
Bauer und seine [48] Theorien über die Entstehung des Christentums“ (1908)
auf Bauer das Wort anwendet: „Ein großer Aufwand ist umsonst vertan“,
wenn er meint, daß alle seine Thesen von der Wissenschaft abgelehnt worden
sind und von ihr abgelehnt werden mussten
[23]
. Es ist wahr: die Theologie, wenigstens bei uns in Deutschland,
mußte diese Thesen ablehnen, denn sie zogen ihr den Boden unterweg, auf dem
sie stand. Aber wirkungslos sind sie darum trotzdem nicht geblieben, wie denn
überhaupt kein Gedanke in der Wissenschaft ganz und gar „vertan“ ist, der
mit Ernst erfaßt und unter Hintansetzung der eigenen Persönlichkeit so
gründlich durchdacht ist, wie die theologischen Ansichten Bauers. Bauer starb
im Jahre 1882 in Rixdorf als Inhaber eines Grünkramladens. Vier bis fünf
Jahre vorher waren seine Gedanken in Holland, wo damals auf theologischem
Gebiete eine freiere Luft wehte als bei uns in Deutschland, wieder aufgenommen
worden, wenn auch zunächst unabhängig von ihrem ersten Urheber.
Bevor wir sie hier weiter verfolgen, dürfte es sich
empfehlen, zunächst die Entwicklung der Leben-Jesu-Forschung im eigenen
Vaterlande zu betrachten.
Die
deutsche Leben-Jesu-Forschung nach Straußens „Leben Jesu“ und Bauer
Die nächsten Jahrzehnte nach dem Erscheinen des Werkes von
Strauß waren in theologischer Beziehung ausgefüllt mit dem Bemühen, die
Ergebnisse der Straußischen Kritik sich einzuverleiben, ohne doch etwas
Grundsätzliches von der herrschenden Vorstellung über Jesus aufzugeben. Daß
ein Leben Jesu nur nach gründlicher vorheriger literarischer Kritik der
Evangelien geschrieben werden könne, darüber war man sich jetzt allerdings
völlig klar. Und so war man denn zunächst [49] auf alle Weise bemüht, die
Evangelien genauer auf ihren Quellenwert hin zu untersuchen. Dabei drängte
zwar der Gegensatz zwischen dem Johannesevangelium und den Synoptikern sich
immer deutlicher dem Bewußtsein auf, jedoch ohne daß man sich dazu
entschließen konnte, dem ersteren jede geschichtliche Bedeutung abzusprechen.
Glaubte man doch seiner zu bedürfen, um dem Bilde des Erlösers, den man
immer mehr seiner göttlichen Züge entkleidete und ins Irdisch-Menschliche
herabzog, wie der badische Theologe Schenkel sich ausdrückte, die „unergründliche
Tiefe“ und die „unerreichbare Höhe“ zu verleihen. Man scheint demnach
bei den Synoptikern nicht genug hiervon gefunden zu haben, obschon man sich
alle Mühe gab, die Taten und Reden Jesu durch glänzende Rhetorik und
gefühlvolle Aufmachung ins Übermenschliche aufzubauschen und ihm damit jenen
kleinbürgerlichen Zug zu nehmen, den er unter den Händen der theologischen
Gelehrten immer mehr anzunehmen drohte. Als das maßgebende Evangelium wurde
hierbei unter Heinrich Holtzmanns Einfluß immer mehr dasjenige des Markus
angesehen, das schon Weiße und Wilke für das ursprünglichste erklärt
hatten. Glaubte man doch auch aus diesem die einzelnen Stufen der Entwicklung
im Leben Jesu am deutlichsten herauslesen zu können, wobei man freilich mehr
aus der eigenen Psychologie in Markus hineinlas, als wirklich in ihm enthalten
war, und man ängstlich beflissen war, alle eigentümlichen, fremdartigen und
schwärmerischen Züge aus dem Bilde Jesu auszumerzen. Das deutsche
Bürgertum, um nicht zu sagen der deutsche Philister, brauchte eben, wie man
meinte, einen solchen Jesus, und dies um so mehr, als der im Jahre 1863 von
Schenkel begründete Protestantenverein mit jenem Jesus die gebildeten Kreise
in Deutschland für den Protestantismus zu gewinnen und der um sich greifenden
Glaubenslosigkeit hoffte, steuern zu können.
Unter solchen Umständen kam es der liberalen oder freisinnigen
Richtung in der deutschen Theologie, die damals immer entschiedener die
Führung übernahm, sehr zu paß, daß in Frankreich ein Leben Jesu
hervortrat, wie es mehr als ein anderes geeignet schien, die Herzen für den
reinen Menschen Jesus einzunehmen. Ernest Renan (1823-1892)
veröffentlichte sein „Leben Jesu“ im Jahre 1863. War die katholische Welt
bisher von der Leben-Jesu-Forschung kaum berührt worden, so erschien hier „ein
in französischem Geiste geschriebenes Buch, das der romanischen Welt den
Ertrag der ganzen deutschen Forschung mit einem Schlage übermittelte
[24]“. Und was für ein Buch! In rein schriftstellerischer Beziehung
ein Meisterwerk, wie es so nur dem Geiste eines Franzosen entstammen konnte:
hinreißend in seiner glänzenden Schilderung der Umwelt und der Zeit, in
welcher die Geschichte Jesu sich abgespielt haben sollte, ein lyrisches
Kunstwerk ersten Ranges, mit einem Zuschuß von Empfindsamkeit und einem
leichten Anflug von einschmeichelnder Erotik, kitschig in jeder Beziehung, wie
wir heute sagen würden, oberflächlich, effekthascherisch, ohne jeden
sittlichen Ernst, ohne Blick für die eigentlichen Tiefen der Probleme,
kunstvoll über alle Schwierigkeiten hinweggleitend, aber gerade dadurch so
recht geschaffen für den Geschmack des gebildeten Lesers der Zeit: kein
Wunder, daß es auf der einen Seite bei den ernsteren Naturen und den
ergebenen Dienern der Kirche einen ebensolchen Abscheu hervorrief, wie es auf
der anderen bejubelt wurde. Auch in Deutschland flogen ihm die Herzen zu,
mochte die katholische Presse sich noch so sehr darüber aufregen. Die
freisinnigen, protestantischen Theologen begrüßten in Renan den Befreier von
Strauß, und man rechnete es ihm besonders hoch an, in seiner Darstellung Jesu
auch das vierte Evangelium mit in Rechnung gezogen zu haben, mochte die Art
und Weise noch so sophistisch und unwahrhaftig sein, wie Renan das
Johannesevangelium für seine Darstellung benutzt hatte, über dessen wahre
ge[51]schichtliche Bedeutung er doch wahrlich nicht im Zweifel sein konnte
[25]
.
Als das Werk von Renan erschien und die romanische Welt für den
rein menschlichen Jesus zu gewinnen suchte, schrieb auch Strauß an einem
neuen „Leben Jesu“. Auch er wandte sich hiermit an einen größeren
Leserkreis: „Das Leben Jesu für das deutsche Volk bearbeitet“ (1864).
Aber Strauß war kein Renan. Er war als Gelehrter zu ernst und zu
gewissenhaft, um den Gegenstand wirklich volkstümlich behandeln zu können.
Dem Volk erschien sein Werk zu hoch, und den Gelehrten hatte er im Grunde zu
wenig Neues darzubieten, was sie nicht schon aus seinem früheren Werke
wußten. Er beginnt sein Buch mit einer Darstellung der früheren
Bearbeitungen des Lebens Jesu und der Evangelien als Quellen dieses Lebens.
Die Tübinger Schule unter F. Chr. Baur wird von ihm gelobt, den wahren
Charakter des Johannesevangeliums in seiner ganz und gar dogmatischen
Beschaffenheit endgültig begründet und damit den ganzen bisherigen Streit um
dieses Evangelium zum Abschluß gebracht zu haben. Die Markushypothese von
Weiße und Wilke lehnt er ab und erklärt Matthäus für den ältesten
Evangelisten im Sinne der genannten Tübinger.
Straußens Hauptbestreben ist darauf gerichtet, die Gestalt Jesu
bestimmter herauszuarbeiten, als sein früheres Leben Jesu dies getan hatte.
Er untersucht, was an diesem wirklich geschichtlich und was mythisch ist,
freilich ohne dabei zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen. Wird doch das bißchen Positive, das er als geschichtliche Wirklichkeit
herauszuarbeiten sich bemüht, von ihm selbst doch auch nicht als besonders
sicher hingestellt. Er will nicht glauben,[52] daß wir, wie dies manche
meinen, von keinem einzigen der Aussprüche, die in den Evangelien Jesu in den
Mund gelegt werden, mit Gewißheit sagen könnten, ob er denselben wirklich
getan habe. So schlimm, meint er, stehe es nicht; wahrscheinlich besitzen wir
doch solche Aussprüche. „Aber sehr weit“, gesteht er gleich darauf zu,
„erstreckt sich diese der Gewißheit nahekommende Wahrscheinlichkeit nicht,
und mit den Taten und Begebenheiten des Lebens Jesu sieht es, seine Reise nach
Jerusalem und seinen Tod ausgenommen, noch übler aus. Weniges steht fest, und
gerade von demjenigen, woran der Kirchenglaube sich vorzugsweise stützt, dem
Wunderbaren und Übermenschlichen in den Taten und Schicksalen Jesu, steht
vielmehr fest, daß es nicht geschehen ist
[26]
.“ Über wenige große Männer der Geschichte sind wir so
ungenügend unterrichtet, wie über Jesus. Und darin ändert auch der Hinweis
auf Sokrates nichts, da hier der Fall doch ganz anders liegt, wie bei Jesus.
Das mythische Schlinggewächs, wie es sich an dem Baum der Überlieferung von
diesem hinaufgerankt, hat, wie die Schmarotzer, ihm die eigenen Blätter
abgetrieben, den Saft ausgesogen, Zweige und Aste verkümmert, seine
ursprüngliche Figur zum Verschwinden gebracht. „Jeder mythische Zug, der zu
dem Bilde Jesu hinzukam, hat nicht nur einen geschichtlichen verdeckt, so daß
mit der Wegräumung des ersteren der letztere wieder zum Vorschein käme,
sondern gar viele sind auch von den darüber gelagerten mythischen Gebilden
gänzlich aufgezehrt worden und verloren gegangen
[27]
“. Von dem Glauben an den übrig gebliebenen Jesus kann man sein
Seelenheil vernünftigerweise nicht mehr abhängig machen, ganz abgesehen
davon, daß Jesus auch keineswegs so einzigartig ist, wie er von seinen
Anhängern hingestellt wird, und daß er als ideales Vorbild unseres Lebens
schon deshalb nicht angesehen werden kann, weil wichtige Seiten und Züge des
menschlichen Lebens in seinem Bilde [53] fehlen, die wir doch beim Stande
unserer heutigen Kultur unmöglich entbehren können oder möchten.
Bei alledem
kann man nicht einmal sagen, daß es Strauß gelungen sei, ein der
Überlieferung auch nur einigermaßen entsprechendes Jesusbild zu zeichnen. In
dem Bemühen, doch wenigstens etwas von dem herkömmlichen Jesus zu retten,
geht er selbst in der Schilderung des wenigen übrig gelassenen Positiven noch
zu weit, z. B. wenn er seinem Jesus möglichst alles Fremdartige abzustreifen
und durch Vergeistigung seiner Ansichten ihn dem Herzen seiner Leser näher zu
bringen sucht. Sein Jesus ist nicht gerade der sanfte, süße, reizende Lehrer
Renans, dessen Leben in Galiläa sich wie ein „köstliches Hirtengedicht“
abspielt, der auf die Frauen einen so tiefen Eindruck ausübt und mit den
Kindern sich vergnügt, auch nicht der Jesus der üblichen katholischen
Heiligenbildnerei, wie er uns aus den Bildern eines Hoffmann entgegenblickt,
und für den die ganz Naiven schwärmen, aber er kommt ihm doch stellenweise
bedenklich nahe, so, wenn Strauß das religiöse Selbstbewußtsein Jesu
schildert, dessen „harmonische Gemütsverfassung“ hervorhebt und ihn als
„eine schöne Natur von Haus aus“ hinstellt, die sich kampflos zur
höchsten menschlichen Höhe emporgeschwungen habe. Nein, dieser Jesus von
Strauß ist weder Fisch noch Fleisch, und man begreift, daß das „deutsche
Volk“ sich für ihn nicht zu erwärmen vermocht hat, wie denn übrigens auch
Strauß selbst am Ende die Menschheit vom Jesus der Geschichte auf den idealen
Jesus oder den Christus des Glaubens verweist, in welchem allein dasjenige zu
finden sein soll, dessen sie für ihr Seelenheil bedürfe. Vgl. auch Strauß'
bereits erwähnte Schrift: „Der Christus des Glaubens und der Jesus der
Geschichte“.
Das
Jahr 1864 war sehr fruchtbar für die Darstellung des Lebens Jesu. Außer den
erst jetzt herausgegebenen Vorlesungen Schleiermachers und den Werken von
Renan und Strauß erschien im gleichen Jahre Daniel Schenkels „Das
[54] Charakterbild Jesu“ sowie Karl Heinrich Weizsäckers „Untersuchungen
über die evangelische Geschichte, ihre Quellen und den Gang ihrer Entwicklung“,
während H. Holtzmann schon im Jahre vorher in „Die synoptischen Evangelien,
ihr Ursprung und ihr geschichtlicher Charakter“ sein rein geistiges
Jesusbild entworfen und der Markushypothese durch eine eingehende Begründung
zum Sieg über die entgegenstehenden Auffasungen verholfen hatte. Dann
erschien in den folgenden Jahren Theodor Keims großes Werk „Die
Geschichte Jesu von Nazareth“ (1867-1872). In seinen drei Bänden voll
abgründiger Gelehrsamkeit stellt es wohl die bedeutendste Leistung auf diesem
ganzen Gebiete dar. Es ist entschieden bewundernswürdig, was Keim oft auf
Grund kleinster Andeutungen alles aus den Evangelien herausgeholt hat, wie er
die überlieferten Züge zu verwerten und zu einem lebendigen Ganzen
ineinander zu arbeiten weiß. Leider hat die Phantasie des Verfassers auch
hier einen größeren Anteil an dem auf diese Weise zustande gekommenen
Jesusbilde als die Überlieferung, und die Art, wie auch Keim bemüht ist, die
fremdartigen Züge der Evangelien möglich auszuglätten und einen geistigen
Jesus zu schildern, der das Himmelreich wesentlich im Sinne modernliberaler
Anschauungen aufgefaßt hat, um Jesus dadurch für die Frömmigkeit zu retten,
rauben auch seiner Arbeit trotz alles kritischen Gebahrens ihren eigentlich
geschichtlichen Charakter.
Neben dieser hervorragenden Leistung könnte die „Geschichte
Jesu“, die Hase im Jahre 1876 nach seinen akademischen Vorlesungen
herausgab, die Arbeit eines vorsichtigen Weltmannes, der nirgends auf die
entscheidenden Fragen eine eindeutige Antwort gab, ebenso wenig aufkommen, wie
das „Leben Jesu“ von Bernhard Weiß (1882-1884) und Willibald
Beyschlags gleichnamiges Werk, das 1885 und 1886 erschien. In rein
künstlerischer Beziehung kommt das Werk von Beyschlag Renan noch am nächsten
und hat durch seine „gemütvolle“ Darstellung und seine Virtuosität, den
Leser mit [55] schönklingenden Redewendungen über die Schwierigkeiten der
Sache hinwegzutäuschen, sich viele Freunde erworben, während das Buch von
Weiß eine lederne Gelehrtenarbeit ist und an willkürlicher Ausdeutung der
Überlieferung und unbedenklicher Anwendung modern-psychologischer
Gedankengänge auf Jesus wohl so ziemlich das Äußerste leistet.
Und der Ertrag aller dieser kritisch-liberalen Leben Jesu? Man
mag das Nähere hierüber bei Schweitzer nachlesen. Hier genügt es, darauf
hinzuweisen, daß diese ganze Leben-Jesu-Literatur sich selbst ad absurdum
geführt hat durch ihr Bemühen, auf der einen Seite zwar das geschichtliche
Bild Jesu mit wissenschaftlicher Genauigkeit aus der Überlieferung
herauszuarbeiten, auf der andern Seite jedoch ein solches Bild zu liefern, das
zugleich dem frommen Gemüte etwas bot, und einen Jesus hinzustellen, an
welchem die christliche Gemeinde sich erbauen könnte. Weitere Kreise meinten,
daß dies Ziel erreicht sei. „Die Anerkennung von seiten der Zeitgenossen
wurde dieser Forschergeneration in einem Maße zuteil, wie sonst keiner
andern. In den Kreisen der Gebildeten war man überzeugt, ihr den
authentischen Jesus zu verdanken, und freute sich, daß er in den Hauptpunkten
als moderner Mensch und Verkündiger der freisinnigen Religiosität erkannt
worden war
[28]
“. In einer Zeit, wo der materialistische Unglaube immer weiter
um sich griff, wo die spekulative Philosophie in Verachtung geraten war, die
Metaphysik als Unsinn galt und der Gottesglaube unter Berufung auf Kant für
abgetan erachtet wurde, brauchte man einen Ersatz für die verlorene
Anerkennung des kirchlichen Dogmas, und man bildete sich allen Ernstes ein,
einen solchen in der Persönlichkeit Jesu finden zu können, und zwar des rein
geschichtlichen von allen mythischen und dogmatischen Zutaten befreiten Jesus,
den man mit den Mitteln der Psychologie herauszustreichen und zu einem
Übermenschen emporzu[56]himmeln bestrebt war, um ihm trotz seiner bloßen
Menschlichkeit doch eine Art von religiösem Kulte widmen zu können.
Vergebens, daß einzelne Stimmen laut wurden und auf die Gefahr aufmerksam
machten, die darin lag, die ganze christliche Religion unter Ausmerzung aller
metaphysischen Bestandteile auf ein sog. „Christentum Christi"
zurückzuführen. So wies E. v. Hartmann in seinen „Briefen über die
christliche Religion“, die er 1870 unter dem Decknamen F. A. Müller
herausgab, auf die zeitgeschichtliche Bedingtheit, auf die uns ganz
fremdartige Weltanschauung Jesu und die hieraus sich ergebende schon von
Strauß betonte Unmöglichkeit hin, uns Jesus zum sittlichen Vorbild zu
nehmen. Vergebens, daß Strauß selbst in seinem „Alten und Neuen Glauben“
(1872) den Versuch, die menschliche Entwicklung Jesu an der Hand unserer
Quellen nachzuweisen, für einen ruhmredigen Humbug erklärte und die
Unmöglichkeit hervorhob, aus den überlieferten Nachrichten ein in sich
zusammenstimmendes klares Bild von Jesus zu gewinnen. Den Gebildeten war das
liberale Jesusbild gerade recht: gestattete es ihnen doch, den altgewohnten
Zusammenhang mit der Kirche aufrecht zu erhalten, ohne die vielen veralteten
Glaubensmeinungen mit in den Kauf nehmen zu müssen, über die sie nur mehr
lächeln konnten. Und die Theologen freuten sich, auf der Höhe der
Wissenschaft stehen und doch zugleich Christen sein zu können, mochten auch
die Rechtgläubigen mit sauersüßer Miene auf ihren vermeintlich rein
geschichtlichen Jesus blicken und ihre Leugnung der Gottheit Christi als eine
Versündigung am Heiligsten brandmarken. So hinterließ auch E. v. Hartmanns
Schrift „Die Selbstzersetzung des Christentums und die Religion der Zukunft“
(1874), in welcher der Philosoph den Grundgedanken seiner oben genannten
Briefe eine neue Form gab und die Behauptung aufstellte, daß der liberale
Protestantismus ebenso irreligiös wie unchristlich sei, keine tieferen
Spuren. Nur die unbarmherzige Kritik des künstlich zurechtgestutzten
liberalen Jesus erregte [57] Aufsehen, aber die Grundlinien
einer „Religion der Zukunft“,
die Hartmann an die Stelle des entchristlichten Christentumes setzen
wollte, fanden kaum Verständnis und forderten nur den Spott der Gegner heraus.
Der
holländische Radikalismus
Es war im Jahre 1878, als Allard Pierson
(1831-1895), Professor der Kirchengeschichte in Heidelberg und später der
neuen Literatur, Ästhetik und Kunstgeschichte in Amsterdam, seine „Bergpredigt
und andere synoptische Fragmente“ herausgab. Pierson machte in diesem Werk
auf Fehler der bisherigen Kritik des Evangeliums aufmerksam und zeigte, daß
die Bergpredigt weder von Jesus gehalten noch vor dem Jahre 70 geschrieben
sein könne. Sie ist nur eine Sammlung jüdischer Spruchweisheit und dem
Halbgott Jesus, der dieser ursprünglich war, wie alle seine Reden, bloß
nachträglich in den Mund gelegt worden. Einen geschichtlichen Jesus
anzunehmen, liegt keinerlei Veranlassung vor. Die außerchristlichen Zeugnisse
für ihn sind mehr als zweifelhaft, auch dasjenige des Tacitus, das Pierson
rücksichtslos zerpflückt. Und da auch der Galaterbrief des Paulus, der „echteste
der echten“, wofür die Tübinger ihn angesehen, sicher unecht ist, wie
Pierson dies an zahlreichen Einzelheiten nachweist, so liegt die Stiftung des
Christentums für uns in völligem Dunkel. Pierson gilt auf Grund seiner „Bergpredigt“
als der Begründer der radikalen holländischen Theologenschule. Man möchte
in ihm einen Nachtreter Bruno Bauers sehen. Indessen hat van den Bergh van
Eysinga auf das Unzutreffende dieser Annahme hingewiesen
[29]
. Pierson ist vielmehr der selbständige Erneuerer des schon von
Bruno Bauer in Deutschland entdeckten, aber dort totgeschwiegenen
Sach[58]verhalts bezüglich der Paulinischen Briefe, und Anschauungen, die
1852 ausgesprochen wurden, sind 1877 in Holland ganz unabhängig vom deutschen
Vorbild wieder aufgetaucht.
Schon im Jahre 1871 hatte Hoekstra, Professor am
mennonitischen Seminar zu Amsterdam, auf die Wertlosigkeit des
Markusevangeliums für die Kenntnis des Lebens Jesu hingewiesen, das Recht
bestritten, von einer synoptischen Überlieferung zu sprechen, und die
evangelischen Erzählungen der dichtenden Symbolik oder symbolischen Dichtung
zugewiesen. Aber erst durch Pierson kam die Frage in Fluß, und zwar dadurch,
daß Abraham Dirk Loman (1823-1897), Professor am Lutherischen Seminar
zu Amsterdam, nach anfänglichem Widerstande die Bemerkungen Piersons aufgriff
und ihnen sein besonderes Interesse zuwandte. Bedeutsam wurde hierbei vor
allem sein Vortrag über das älteste Christentum, den er am 13. Dezember 1881
in der freireligiösen Gemeinde zu Amsterdam hielt. Loman stellte hier die
Behauptung auf, daß sämtliche neutestamentliche Schriften dem zweiten
Jahrhundert angehörten, ihr Inhalt widerspruchsvoll und unzuverlässig und
der Jesus der Evangelien keine greifbare Persönlichkeit sei. Jesus ist die
Verkörperung von Gedanken und Prinzipien, die zuerst im Christentum des
zweiten Jahrhunderts entwickelt worden sind. Er ist der ideale Sohn der
jüdischen Nation selbst, der die zähe Geduld, den Glauben, die Begeisterung
seiner Mutter vertritt, der leidende Gottesknecht, der aus seiner Erniedrigung
zuerst auferstanden und mit Herrlichkeit gekrönt ist, nachdem Stadt und
Tempel von den Römern zerstört worden waren. Das fleischliche Israel ist in
ihm gestorben, um in vergeistigter Gestalt als Christentum wieder
aufzuerstehen. Die ganze evangelische Geschichte ist demnach rein symbolisch
aufzufassen.
Das waren Gedanken, die allerdings mit Bauer sich sehr
innig berührten, und Loman hat denn auch kein Hehl daraus gemacht, wieviel er
dem deutschen Kritiker verdankte. Sein Vortrag verursachte die größte
Erregung und Entrüstung, ganz [59] besonders auch seine Behauptung, daß die
Paulinischen Briefe gegen seine Auffassung von Jesus nicht ins Feld geführt
werden dürften, weil deren Echtheit nicht bewiesen sei. Der Kampf um die
Echtheit der Paulusbriefe und die Geschichtlichkeit Jesu war entfesselt.
Leider wurde er in Holland zumeist in Versammlungen sowie in Zeitschriften
ausgefochten, und darin liegt die Entschuldigung dafür, daß man in den
anderen Ländern so wenig über ihn erfuhr und besonders auch die deutsche
Theologie ihm kaum die nötige Beachtung geschenkt hat. Zu um so größerem
Danke sind wir van den Bergh van Eysinga verpflichtet, daß er uns jetzt die
einzelnen Abschnitte dieses Kampfes mit großer Ausführlichkeit und
Genauigkeit in seinem genannten Werke vorgeführt hat.
Unter den holländischen Theologen näherte sich außer
Pierson besonders van Loon (1838-1907) dem Standpunkte Lomans. Er wies
darauf hin, daß sowohl die Evangelien wie die Hauptbriefe uns einen
metaphysischen. Christus, aber keinen geschichtlichen Jesus zeigen, daß die
Annahme eines geschichtlichen Jesus demnach eine bloße Hypothese sei und uns
jeder Maßstab fehle, um an der Überlieferung von Jesus das Geschichtliche
vom Ungeschichtlichen trennen zu können. Die ganze Frage kann nur sein,
welche Hypothese die Tatsachen am besten erklärt. Was die
Leben-Jesu-Darsteller bisher geboten haben, sind jedenfalls nur mehr oder
weniger willkürliche, euhemeristische Versuche, einen Jesus aus den Quellen
herauszudestillieren, der ihrem eigenen Geschmack entsprach, und lassen keinen
Anspruch auf geschichtliche Wahrheit erheben.
Loman
selbst wandte hinfort seinen ganzen
Eifer der Untersuchung der Echtheit der Paulinischen Briefe zu. Er schrieb
unter dem Titel „Quaestiones Paulinae“ eine Reihe von Abhandlungen, die er
1882 und sodann in den Jahren 1883 und 1886 in der „Theologisch Tijdschrift“
veröffentlichte. Hier legte er dar, wie unter der Voraussetzung der Echtheit
dieser [60] Briefe Paulus ein vollkommenes psychologisches Rätsel sei. Nicht
nur widersprechen Apostelgeschichte und Galaterbrief einander: auch die
übrigen drei Hauptbriefe des Paulus (Römer- und Korintherbriefe) können
nicht in der Zeit entstanden sein, in welcher man sie gewöhnlich geschrieben
sein läßt. Sie gehören erst dem zweiten Jahrhundert an. So kommt es, daß
sie auch erst höchstens von der Mitte dieses Jahrhunderts an bei anderen
erwähnt werden. Das Christentum ist nicht die Stiftung jener wenigen bis zu
Halbgöttern gesteigerten Personen, denen man sie zuschreibt, sondern es ist
zustande gekommen durch die vereinten Kräfte vieler Frommen und Edlen, deren
wirkliche Lebensgeschichte niemals geschrieben wurde, und die uns daher
völlig unbekannt sind.
Übrigens leugnet Loman nicht gerade die Möglichkeit,
daß einzelne Eigenschaften und Besonderheiten, die von den Evangelisten Jesus
von Nazareth zugeschrieben werden, sich in einer damals in Palästina lebenden
Person vereinigt haben könnten, betont jedoch, daß, was von dieser Person
aus guten Gründen geschichtlich genannt werden könne, nicht ausreiche, um
ihn zum Anreger einer neuen religiösen Weltbewegung zu stempeln. Vielmehr
haben wir in der ältesten evangelischen Erzählung die messianisch gefärbten
Erinnerungen aus der langen Zeit der blutigen Tragödie zu sehen, die sich in
Jerusalem und Rom abspielte, in dem mit der Christusfigur verschmolzenen Jesus
aber die Versinnlichung und Symbolisierung der Frömmigkeit, der prophetischen
Begeisterung, des Heldenmutes, der Geduld der Heiligen und Märtyrer, vor
allem aber der unüberwindlichen Kraft und des unzweifelhaften, den
standhaften Gottesfreunden sicheren Triumphes. Der Kultus eines
geschichtlichen Jesus kann die Entwicklung des Christentums nur hemmen. Unsere
Verehrung des galiläischen Lehrers ruht nicht auf guten Gründen und stimmt
nicht mit den Grundsätzen der modernen Welt- und Lebensanschauung überein.
Der Held der modernen Leben-Jesu-Darstellungen ist nicht den Evan[61]gelien
entnommen, die diesem vielmehr auf Schritt und Tritt widersprechen. Und
jedenfalls erklärt die Geburt desjenigen Christentums, das weltgeschichtliche
Bedeutung erhielt, sich nur aus der Verschmelzung der entgegengesetzten
Prinzipien des Judentums und der griechisch-römischen Welt, wie dies schon
Bruno Bauer erkannt hat. „Von der jüdischen Seite her kam das große
Kapital der ethisch-religiösen und prophetischen Literatur und der
geschichtlichen Überlieferung betreffs des frommen, aber immerfort gequälten
Volkes, das sich selbst als Gottes Sohn wußte (Jes. 42 u. 53). Von der
griechisch-römischen Seite her kam die bildende Kraft der Kunst, der
Gesetzgebung und der Wissenschaft, das organisierende Talent und die
Virtuosität des abstrakten Denkens. Israel lieferte die Materie, den Stoff,
die griechisch-römische Kultur die Form. Die Mutter war eine israelitische
Jungfrau, der Vater der Geist der Menschheit, wie er in dem sich
verwirklichenden Ideal der römischen Weltmacht und des griechisch-römischen
Menschentums lebte. Israel bot den Gottessohn als zukünftigen theokratischen
König; der griechische Idealismus lieh seine Hilfe zur Entwicklung des
Präexistenzbegriffes. Aus beider Verbindung entstand die göttliche
Persönlichkeit, die, unmittelbar aus Gott geboren, im vorgesehenen Augenblick
in menschlicher Gestalt unter den Menschen erscheint, damit er ihnen Gottes
eigene Gedanken und die Verwirklichung ihrer heiligsten Erwartungen bringe.
Israel gab den Heldensinn und das Märtyrertum einer dem Gottesgebot mit
kindlicher Treue ergebenen Nation. Auf der andern Seite wurde die Religion des
am tiefsten erniedrigten, unter Roms Füßen geradezu zertretenen frommen
Volkes angenommen und die in diesen Kreisen neue und sonderbare Geschichte des
ursprünglichen Christentums als die Geschichte eines vergötterten Menschen
aufgefaßt.“ Wenn die Gegner einwandten, daß Loman mit dieser Auffassung
die Geschichte um ihre großen Männer bringe, so erklärt er ihnen: im
Gegenteil: in jener großen Zeit nehmen wir mehr große Männer an, [62] als
gewöhnlich geschieht. Die evangelische Geschichte ist das Erzeugnis
zahlreicherer Faktoren, als in den darin auftretenden Personen geschildert
sied. Diesen Personen fehlt nur die Einheit des Persönlichen. Das beweist,
daß mehr als eine Person den Stoff für diese Bilder geliefert hat, wobei
Loman daran erinnert, wie gerade die sog. Volksschichten einen ungemein
fruchtbaren Boden für Sage und Dichtung bilden.
Am fruchtbarsten erwiesen sich bei dem allen die
Bemerkungen Lomans über die Echtheit der Paulinischen Briefe. Immer weniger
vermochte der Kritiker diese der bisherigen Ansicht gegenüber aufrecht zu
erhalten. Das ganze Paulinische Schrifttum, das Lukasevangelium mitsamt der
Apostelgeschichte sind Erzeugnisse der Gnosis und konnten erst nach einem
verhältnismäßig langen Vorbereitungsprozeß entstehen, dessen Anfang
schwerlich vor 70 angesetzt werden darf, und nicht eine geschichtliche
Überlieferung, sondern nur ihre Brauchbarkeit für die katholische Kirche
bestimmt das Urteil über die Echtheit der kanonischen Briefe. Diese sind denn
auch gar keine Briefe im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern im Interesse
der wahren Gnosis, d. h. der Verbreitung eines universalistischen
Christentums, geschriebene Abhandlungen in der Form von Briefen des Apostels
Paulus, um das Christentum den Heiden zu empfehlen. Je mehr Spuren von
Genialität und schöpferischem Vermögen man in ihnen findet, um so mehr muß
man sich wundern, daß sie länger als ein Jahrhundert ohne jeden
unmittelbaren Einfloß geblieben sind. Müssen doch selbst die Gegner
zugestehen, daß es keine positiven Beweise für die Existenz unserer
Paulusbriefe vor etwa 180 gibt!
Eine wichtige Unterstützung erhielten diese Behauptungen
Lomans durch die Untersuchungen, die Pierson und S. A. Naber,
Professor der klassischen Philologie in Amsterdam, im Jahre 1886 unter dem
Titel „Verisimilia“ herausgaben. Sie unterwarfen die Paulinischen Briefe
einer ganz vorurteilsfreien und unbefangenen Kritik und deckten ihre
Schwierigkeiten mit un[63]nachsichtlicher Wahrheitsliebe auf. Woran sie dabei
vor altem Anstoß nahmen, war der Mangel an logischem Zusammenhang, das
Bruchstückartige in diesen Briefen sowie die Unvorstellbarkeit ihres
Verfassers und ihrer Adressaten. Wenn heutige Philologen diese Briefe nicht
verstehen können, wie konnten dann kürzlich Bekehrte, größtenteils Leute
niederen Standes, diese dogmatischen Auseinandersetzungen begreifen? Es sind
jüdische, urchristliche und christliche Bruchstücke früherer und späterer
Zeit, die nur lose zu einem Ganzen vereinigt sind, und ihr Überarbeiter ist
ein Mann, den die Verfasser als „Paulus Episcopus“ bezeichnen und in das
zweite Jahrhundert setzen. Sie vertreten die Ansicht, daß das ursprüngliche
Christentum, eine Art gnostischer Bewegung innerhalb des Judentums, es nur mit
dem Messiasglauben allgemein zu tun gehabt hätte, und daß der Glaube, der
Erwartete sei schon einmal dagewesen und durch Tod und Auferstehung
hindurchgegangen, erst später durch Vermengung griechischer Mythen mit Jesaia
53 aufgekommen sei. jedenfalls ist der Paulus der Apostelgeschichte der
historische, während derjenige der Briefe eben jener „Paulus Episcopus“
ist, dessen dichterische Arbeit uns vor allem im Galaterbriefe entgegentritt.
Naber hat seiner Ansicht über die Paulinischen Briefe 1888 auch noch in
seinen „Nuculae“ Ausdruck gegeben, worin er vierzig Fragen aufstellte,
deren Lösung er von denen forderte, die die Paulinischen Briefe und
insbesondere den Galaterbrief zu verstehen behaupten. Diese „Nüsse“ sind
nach seiner Ansicht nie geknackt worden. Im Gegenteil erhielten die Leugner
der Echtheit des Gafaterbriefes im selben Jahre unerwartete Hilfe durch den
Berner Theologieprofessor Rudolf Steck (1842-1923), der in seiner
Schrift „Der Galaterbrief nach seiner Echtheit untersucht nebst kritischen
Bemerkungen zu den Paulinischen Hauptbriefen“ (1888) sich auf den gleichen
Standpunkt, wie die Bestreiter der Echtheit der Paulinischen Briefe, stellte.
Er war ein Gegner Lomans gewesen; als er aber den Galaterbrief mehrmals in
seinen [64] Vorlesungen behandelt hatte, hatte er zu seiner Bestürzung
bemerkt, daß er bei der Behauptung seiner Unechtheit anlangte.
Auch
W. C. van Manen (1842-1905), Professor der Theologie zu Leiden, war
ursprünglich ein Gegner der radikalen Auffassungsweise. Er wollte sich die
Geschichtlichkeit Jesu nicht nehmen lassen, obschon er sich den Bedenken ihr
gegenüber nicht verschließen konnte und obwohl die Leben-Jesu-Forschung
seiner Zeit ihm wenig zusagte. Ein Christusbild, das mit dem Jesusbilde der
freisinnigen Protestanten in Deutschland übereinstimmte, erschien ihm von
vornherein verdächtig, und er gestand, weniger genau Bescheid über Jesu
Person und Werke zu wissen, als die deutsche Theologie. So verhielt er sich
auch ablehnend gegenüber der Annahme der Unechtheit der Paulinischen Briefe,
weil er fürchtete, mit ihr auch den geschichtlichen Jesus aufgeben zu
müssen. Erst als er sich überzeugte, daß beides unmittelbar viel weniger
miteinander zu tun habe, als man gewöhnlich meinte, trat auch er auf die
Seite der Bestreiter der Echtheit der Paulusbriefe hinüber. Er war, wie van
Eysinga bezeugt, ebenso wie Loman, ein durchaus konservativer Geist, und
nichts ist daher unrichtiger, als den psychologischen Grund für die radikale
Kritik in einem ihren Anhängern angeborenen Hange nach Neuerungen zu suchen.
Er hat längere Zeit darunter gelitten, als er den Apostel Paulus zu verlieren
fühlte. Aber dann nahm er den Kampf für die Unechtheit der Paulusbriefe um
so kraftvoller auf und ist wohl derjenige gewesen, der ihn am gründlichsten
und folgerichtigsten durchgeführt hat. Es geschah dies in seinem
dreibändigen Werke über „Paulus“, von denen der erste Band die
Apostelgeschichte (1890), der zweite den Römerbrief (1891), der dritte die
beiden Korintherbriefe (1896) behandelt. Der zweite Band ist 1906 auch in
seiner deutschen Übersetzung von Gustav Schläger unter dem Titel „Die
Unechtheit des Römerbriefes“ herausgekommen.
[65]
Es würde zu weit führen, die Ansichten van Manens im einzelnen näher
darzulegen. Man mag das Nähere hierüber bei van Eysinga
[30]
, sowie bei Schweitzer in seiner „Geschichte der Paulinischen
Forschung von der Reformation bis auf die Gegenwart“ 1911, 98 ff. nachlesen.
van Manen hat alle Gründe noch einmal durchgeprüft und zusammengefaßt, die
bisher über die Paulusbriefe vorgebracht waren, sie durch neue Einwände
erweitert und eine eigene Ansicht über die Entstehung dieser Briefe
entwickelt. Er nahm einen geschichtlichen Paulus von freieren Anschauungen als
den vorher im Judentum herrschenden an, läßt aber die Briefe selbst erst
etwa im ersten Drittel des zweiten Jahrhunderts entstanden sein, wobei der
oder die Verfasser sich auf die Autorität des geschichtlichen Paulus
stützten, um ihren Anschauungen und Forderungen die erwünschte Anerkennung
zu verschaffen. Seine Untersuchungen über den Galaterbrief herauszugeben,
dazu ist van Manen leider nicht gekommen. Seine Ansichten lassen sich aber aus
seinen Vorlesungsheften ziemlich genau erkennen, und das Urteil über diesen
Brief, auf den die deutschen Theologen noch heute schwören, lautet auch hier,
daß er bei seiner widerspruchsvollen und verworrenen Beschaffenheit und der
völligen Unmöglichkeit der von ihm vorausgesetzten Verhältnisse eine
künstliche Zurechtmachung darstellt
[31]
. Denjenigen aber, die da einwenden, daß es den Bekämpfern der
Echtheit der Hauptbriefe bis jetzt nicht gelungen sei, eine befriedigende
Darstellung der Entwicklung des Christentums im ersten Jahrhundert zu geben,
erwidert van Manen mit Recht, ob sie denn meinen, daß ihnen eine solche
gelungen sei, und ob mit ihrem Einwande die Echtheit bewiesen oder auch nur
ein einziges Bedenken dagegen aus dein Wege geräumt sei.
[66] Man liest mitunter, so auch bei Schweitzer
[32]
, daß Loman seine ursprüngliche Leugnung der Geschichtlichkeit
Jesu später eingeschränkt oder gar zurückgenommen und einen geschichtlichen
Kern in der evangelischen Darstellung angenommen habe. Davon kann, wie van
Eysinga gezeigt hat, nicht die Rede sein
[33]
.
Lomans bezügliche Aussage
[34]
ist durchaus nur als argumentatio ad hominem aufzufassen, und wenn er sich
über die Frage der Geschichtlichkeit Jesu für längere Zeit nicht näher
ausgesprochen hat und Zugeständnisse gemacht haben sollte, so sicherlich nur
unter dem Einfluß des Entrüstungssturmes, der sich gegen seine Annahme
erhob. Loman war ein stiller Gelehrter, dem jeder laute Streit zuwider war.
„Man kann aber“, wie van Eysinga mit Recht bemerkt, „in der
wissenschaftlichen Welt nur ruhig leben, wenn man der evangelischen Geschichte
wenigstens ein Mindestmaß von Historizität beläßt
[35]
.“
Hat doch Loman noch im Jahre 1893 dem später noch zu erwähnenden Buche von
Brandt gegenüber sich aufs Bestimmteste dagegen ausgesprochen, in den
Evangelien Geschichte, und sei es auch nur in der Darstellung der Kreuzigung
Jesu, finden zu wollen. Diese Darstellung ist, ebenso wie die Zeichnung der
Pharisäer als Gegner Jesu, geschichtlich ganz und gar unmöglich und nur
symbolisch zu verstehen, wie denn überhaupt die ganze Leidensgeschichte nur
einen ins Christliche umgearbeiteten Abschnitt aus der jüdischen
Märtyrergeschichte darstellt. Man sagt, so sei es unverständlich, daß die
Gegner des Christentums auf diesen Umstand nicht den Finger legten. Indessen
erwidert Loman mit Recht: „Als etwa um 150 unsere ältesten kanonischen
Evangelien ihre jetzige Form erhielten, besaßen weder die katholisch
gesinnten Christen noch ihre Gegner zur rechten und linken Seite zuverlässige
Urkunden über die Person und [67] das Werk Jesu, die als Grundlage zur
Aussprache hätten dienen können.“
Abseits von den bisher genannten radikalen Holländern
steht der Leidener Philosophieprofessor G. I. P. I. Bolland (gest.
1922). Wie jene die Bauersche Kritik der Paulusbriefe, so führt er
gewissermaßen die Gedanken Bauers in „Philo“ und „Christus und die
Cäsaren“ fort. Seine erste öffentliche Kundgebung zur Jesusfrage war seine
Untersuchung über „Het Eerste evangelie in het licht van oude gegevens“
(Das erste Evangelium im Lichte alter Angaben), 1906. Im Gegensatze zur
deutschen Theologie, die seit Holtzmanns Darlegung des Gegenstandes in Markus
das älteste Evangelium erblickt, sucht Bolland hier den früheren Ursprung
des Matthäus zu erweisen. Darin stimmt er mit den übrigen radikalen
Holländern überein, die sich hierin an Meybooms Schrift „Geschiedenis en
kritiek der Marcushypothese“ (1866) und Hoekstras Arbeit über „De
Christologie van het kanonische Markus-Evangelie“ (1871) angeschlossen
haben, wie denn übrigens auch Strauß die Markushypothese für einen „Zeitschwindel“
erklärt hat. Als Grundlage des Matthäusevangeliums betrachtet Bolland
dasjenige der Ägypter, das bei den gnostischen Naaßenern in Gebrauch war und
das Gleichnis vom Säemann, d. h. vom saatsäenden Logos der Stoiker,
enthielt. In Ägypten existierte bereits eine Art Christentum ohne Christus im
Anschluß an die Lehren Philos. Von Alexandria nach Rom gebracht, soll es hier
von Matthäus in judaistischem Sinne überarbeitet sein. Auch Bolland will das
Evangelium rein symbolisch aufgefaßt wissen und erblickt in Christus die
Verkörperung der heiligen, in aller Menschlichkeit zugleich himmlischen
Kirche, dazu bestimmt, das irdische Reich der Heidengötter und Cäsaren durch
das Himmelreich zu überwinden.
In der im gleichen Jahre 1906 erschienenen Schrift über
„Gnosis en Evangelie“ wiederholt er seine Ansicht von der
symbolischen und allegorischen Beschaffenheit der Evangelien [68] und der
Entstehung des Christentums aus einem vorchristlichen jüdischen Gnostizismus,
dessen Ursprung er mit Friedländer in der hellenistischen Synagoge von
Alexandria sucht, während die jerusalemitische Muttergemeinde wohl eine
Erdichtung darstellt. „Eine Evangelienkritik, die hinter den Evangelien
nichts suchen will, ist nicht gescheit.“ Das Evangelium ist für die Vielen
bestimmt, die wenig begreifen, sich aber viel vorzustellen vermögen. Christus
ist die Verkörperung der wahren Vernunft und der wahren Lehre. Er ist der
Chrestos, der gute Gott (Osiris-Serapis) der Ägypter, in der Gestalt des
jüdischen Messias und weist insofern auf jüdische Herkunft des Christentums
hin. Die Auferstehung ist ein gnostisches Dogma. Im übrigen sind es nicht so
sehr jüdische, als vielmehr hellenistische, und zwar alexandrinische und
römische Schriftsteller gewesen, die hinter dem neutestamentlichen
Schriftsurn stecken.
Wie dies bereits van Loon vermutet hatte
[36]
,
nimmt Bolland in „Her lijden en sterven van Jezus Christus“ (1907) an,
daß der Josua- oder Jesuanismus ebenso auf den Mosaismus gefolgt ist, wie
Josua auf Moses, weil dieser die wahre Gotteserkenntnis noch nicht gebracht
hatte; und dieser Josuanismus war vor der frohen Botschaft
über den nazoräischen Jesus
da, wie dies Apollos von Alexandria
in der Apostelgeschichte beweist, der die Lehren über Jesus genau vortrug und
von einem fleischlichen Jesus noch keine Ahnung hatte. Den Beinamen Nazoräus
faßt Bolland als „Behüter“ auf und erklärt ihn für eine bloße
Dichtung der alexandrinisch-jüdischen Schriftauslegung. Christus oder
Chrestos ist die verkörperte göttliche Liebe (chrestotes), deren Offenbarung
in einem Menschen nach Weish. 2, 12-20 den Tod erleiden und auferstehen muß,
um den Sieg der Idee über die Materie zu erweisen. Jesus, so führt Bolland
in der Schrift „Der evangelische Josua“ (1907) aus, ist aus dem Geiste der
jüdischen Propheten geboren. Seine Mutter, als Verkörperung der jüdischen
Nation, aber führt den Namen Mirjam, um den [69] Zusammenhang zwischen
Josuanismus und Mosaismus auszudrücken. Und daß er so das Übergangs- und
Vermittlungsglied zwischen dem Mosaismus und der überstaatlichen Religion des
Geistes bildet, darin liegt, wie Bolland in „De achtergrond der Evangelien“
(1907) auseinandersetzt, die Bedeutung des evangelischen Jesus, indem er dabei
auf den Zusammenhang des Todes und der Auferstehung Jesu mit dem Osirismythus
hinweist.
Bolland hat die bisher erörterten Ansichten noch einmal
im Zusammenhange in „Het Evangelie“ (1909) vorgetragen. Hier legt er dar,
wie im zweiten Jahrhundert das Überwuchern der gnostischen Phantasie dazu
zwang, an dem Buchstaben der Evangelien festzuhalten, um seiner
Verflüchtigung vorzubeugen. Die Paulusbriefe sind theosophische Abhandlungen
aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, das Johannesevangelium sucht
eine Vereinigung der erbaulichen Synoptiker und der Paulusbriefe herzustellen.
Welcher Art war die griechisch-jüdische Theosophie, wie
sie uns aus diesen Paulusbriefen entgegentritt? Das hat Bolland versucht, in
den beiden Schriften „De Theosophie in Christendom en Jodendom“ (1910)
sowie in „Onze Evangelien en de Theosophie“ (1911) auseinanderzusetzen.
Sie hat ihre Wurzel in Philo und beruht auf der Unterscheidung des guten vom
gerechten Gotte, der eins sein soll mit dem grimmigen Gott des Moses, und von
dessen Herrschaft uns Jesus loskauft. Der Paulinismus sucht diesen
Gnostizismus den Interessen und Bedürfnissen der großen Masse anzupassen.
Jesus, der wahre Josua oder Nachfolger des Moses, die himmlische Weisheit, ist
die verkörperte Idee des gottmenschlichen Geistes und insofern ein rein
metaphysisches Wesen. Er entspricht dem jüdischen Metatron, der am
Neujahrstage in der Synagoge auch Josua genannt wurde. Er heißt der „Menschensohn“
sofern sein göttlicher Vater von den Gnostikern auch der „Mensch“ genannt
wurde. Sein Erscheinen auf das Auftreten eines dreißigjährigen [68] Juden
zurückzuführen, der schön geredet hat, menschenfreundlich war und
unglücklich geendet hat, hält Bolland für eine Plattheit und
Oberflächlichkeit, die sich nur als Gegensatz zu der vorangehendem,
altherkömmlichen, albernen Orthodoxie rechtfertigen läßt. Schon ziehen die
im Jahre 1909 gefundenen „Oden Salomos“, die soviel Christliches
vorwegnehmen, dieser Auffassung den Boden unteraus. Sie vertreten einen
Mystizismus alexandrinischer Juden und bahnen einer Freisinnigkeit den Weg,
die der Geschichte nicht weniger gerecht wird als dem religiösen Bedürfnis
der Menschen.
Bollands letzte Schrift über die Jesusfrage steht bereits
unter dem Einfluß des Kampfes um die „Christusmythe“, wie dieser
inzwischen in Deutschland entbrannt war. Sie erschien im Jahre 1911 und führt
den Titel „De groote vraag voor de Christenheld onzer dagen“. Noch einmal
setzt Bolland hier seine bisherige Ansicht auseinander: Jesus ist keine
geschichtliche Persönlichkeit. Er ist das Göttliche auf Erden, gekleidet in
menschliche Gestalt, um so dadurch dem Herzen der Menge näher zu bringen. Die
außerchristlichen Zeugnisse sind wertlos. Paulus ist eine erdichtete Gestalt
und weiß jedenfalls nichts von einem geschichtlichen Jesus. Die auf seinen
Namen gehenden Briefe sind Äußerungen einer gemäßigten Gnosis, sind aber
außer Geltung gesetzt, als die römische Gemeinde um die Mitte des zweiten
Jahrhunderts mit dem Gnostizismus brach und Petrus an Paulus' Stelle zur
Verkörperung der römischen Gemeindeverwaltung wurde.
Bollands Schriften zeugen von einer erstaunlichen
Belesenheit auf religionsgeschichtlichem Gebiete und enthalten viele
treffliche Einzelheiten von weitesttragender Bedeutung. Die Art, wie er die
Evangelien symbolisch deutet, ist oft schön und tiefsinnig, wenn man auch
vielfach im Zweifel sein kann, ob er dabei nicht mehr von seiner Hegelischen
Philosophie in das Neue Testament hineinliest, als dessen Verfasser sich dabei
gedacht haben. Leider sind Bollands Schriften schon im Hollän[71]dischen
schwer zu lesen - sie bestehen zumeist aus aneinandergereihten Zitaten - und
haben daher außerhalb Hollands so gut wie gar keine Leser gefunden. Aber auch
in Holland selbst sind die Schriften Bollands ziemlich unbeachtet
vorübergegangen und haben fast nur Widerspruch gefunden. Dazu trägt, wie van
Eysinga bemerkt, von seiner stilistischen Eigenart abgesehen, gewiß auch die
Unbeliebtheit ihres Verfassers in seinem Vaterlande die Schuld, der ein
eigenes Geschick darin besaß, sich mit aller Welt zu verfeinden. Aber es
liegt doch auch an der ihm ungünstigen Zeitströmung. Die Tage des
theologischen Radikalismus in Holland sind gezählt. Ein reaktionärer Wind
von oben her läßt es untunlich erscheinen, sich offen zu ihm zu bekennen,
und hat entgegengesetzte Richtungen zur Herrschaft gebracht. Van den Bergh van
Eysinga (geb. 1874), ein Schüler van Manens, Tieles und Bollands, ist wohl
der letzte radikale holländische Theologe. Als Herausgeber der „Nieuw
Theologisch Tijdschrift“ hält er noch immer die Fahne seiner Lehrer hoch,
verteidigt deren Ansichten gegen unberechtigte Einwände und sucht sie durch
neue Untersuchungen zu befestigen
[37]
.
Eine Ironie des Schicksals hat es gewollt, daß er, der Leugner der
Geschichtlichkeit Jesu, auf Veranlassung der Hooperschen Gesellschaft zur
Verteidigung der christlichen Religion 1923 zum außerordentlichen
theologischen Professor in Utrecht ernannt ist, um der immer kühner
auftretenden Orthodoxie ein Gegengewicht zu bieten.
Der
Radikalismus in England: Johnson, Robertson und Whittaker
Auf Deutschland hat die radikale holländische Theologie so gut
wie gar keinen Einfluß ausgeübt. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, daß
die deutschen Theologen sich meist nicht die [72] Mühe zu geben pflegen, ein
Werk in fremder Sprache zu lesen, und nun gar in der holländischen, die man
auf der Schule „nicht gehabt“ hat, und die Lehrer an den Universitäten
sich nicht veranlaßt fühlen, ihre Schüler durch die Ergebnisse der
Holländer zu beunruhigen. Wohl aber fand jene Theologie in England Beachtung.
Davon zeugt ein Buch, das 1887 unter dem Titel „Antiqua Mater.
A Study of Christian Origins” erschien.
Sein ungenannter Verfasser war Edwin
Johnson. Die Frage, die er behandelt, ist die, was wir, abgesehen von den
Büchern des Neuen Testaments, aus dem altchristlichen und griechisch-römischen
Schriftum über den Ursprung und die erste Entwicklung des Christentums
erfahren. Und die Antwort? Sie ist eine niederschmetternde. Abgesehen von der
bekannten Stelle bei Tacitus, die, wenn sie überhaupt echt ist, auf einer
Verwechslung jüdischer Messianisten zur Zeit Neros mit den Christen der
Trajanischen Zeit beruht, in welcher sie geschrieben ist, abgesehen ferner von
gewissen dürftigen und zweifelhaften Angaben bei Justin (um 150), schweigt
das zweite Jahrhundert sich so gut wie gänzlich über das Leben Jesu und
dasjenige der Apostel aus. Justin weiß nur von einer einzigen autoritativen
Schrift: dem Alten Testament. Er kennt weder unsere Evangelien noch die
Paulinischen Briefe.
Die ersten
Anhänger der neuen Religion werden Heilige, Gläubige, Auserwählte und
ähnlich genannt. Diese scheinen hellenistische Juden der Zerstreuung gewesen
zu sein, die den alten Anspruch Israels auf göttliche Auserwähltheit
aufrecht erhielten, dem amtsförmlichen Judentum gegenüber eine freiere
Auffassung der Religion und tiefere Sittlichkeit vertraten und auf
Vergeistigung des jüdischen Monotheismus abzielten, indem sie der Ansicht
Philos von einem Mittler oder mehreren Mittlern zwischen dem unerkennbaren
Gott und der stofflichen Welt anhingen. Allein der eigentliche Ausgangspunkt
der neuen Bewegung war der Gnostizismus, eine vorchristliche religiöse
Bewegung, in welcher wir die Quelle des Christentumes als einer [73] Religion,
verschieden vom Judentum und den Verfallsformen des Heidentums, zu erblicken
haben. Seine Anhänger leiteten sich von Simon von Samaria, dem sog. Magier
zur Zeit des Kaisers Claudias, her, traten als Geisterbeschwörer, Zauberer
und Propheten auf und gewannen das Volk durch ihre aus den
verschiedensten Religionen zusammengewürfelte Geheimlehre und ihre mystischen
Zeremonien, wie Taufe, Firmelung, Abendmahl usw., worauf sie die Erlösung
gründeten. Sie haben das Christentum als die Offenbarung eines Mysteriums ins
Leben gerufen, das sich auf die Verhältnisse zwischen Himmel, Erde und Hölle
bezieht, und das nur der Geist zu verstehen imstande ist. Sie verkündigten
die Lehre von einem Erlöser, der Erscheinung des guten Gottes Chrestus, der
auf Jesus bei der Taufe herabgestiegen sei und in ihm als Mensch gewirkt haben
sollte. So hießen sie ursprünglich Chresten, was die Römer in Chrestiani
oder Christiani verdrehten, und sind als die Schöpfer der evangelischen
Überlieferung anzusehen, denen die Erzählung vom Tode Jesu unter Pilatus
entstammt. In ihrer an den Mythus des Dionysos Eleutherios anklingenden
Kaltlegende von dem Selbstopfer eines Gottmenschen an Stelle eines
Menschenopfers, die in dramatischer Form und wirksamen Bildern den Gläubigen
vor die Augen gebracht wurde, haben sie dem Christentum seinen allen
verständlichen Inhalt gegeben. Trotz aller Bemühungen der Evangelisten
jedoch, ihren Christus zu vermenschlichen und unter Verhältnisse von Fleisch
und Blut zu bringen, bleiben die Grundlinien ihrer Erzählung schemenhaft,
geistig und übernatürlich im eigentlichen Sinne, jener Erzählung, die doch
allein imstan war, den Puls der Menschheit höher schlagen zu machen. Paulus
ist vermutlich keine geschichtliche Persönlichkeit, sondern vielleicht
Markion oder doch eine diesem nahe stehende Persönlichkeit. In jedem Falle
war, wie Simon der Vorbereiter, so Markion der Erneuerer und Kritiker der
Überlieferung im zweiten Jahrhundert: die Apostelgeschichte ist
antimarkionitisch, der Galaterbrief [74] markionitisch, während die zwölf
Apostel der Legende angehören und das Christentum in seiner kirchlichen
Gestalt erst dem Zeitalter der Antoninen (138-180) entstammt.
Nach alledem ist es widersinnig, im Evangelium Geschichte suchen
zu wollen. Die erste Bedingung eines geschichtlichen Zeugnisses ist doch wohl
dessen Zuverlässigkeit. Aber mehr rein gefühlsmäßig bestimmte,
phantastischere, weniger unterrichtete oder weniger unbedenkliche Zeugnisse,
als die Evangelien es sind, können schwerlich gefunden werden. Was wir
Christentum nennen, kann nicht auf einen örtlichen Ursprung, auf ein
Dorfidyll zurückgeführt werden, sondern einzig und allein auf jene große
Welt religiöser Leidenschaft und Einbildung, wie sie uns das Studium des
Schrifttums des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung enthüllt. Das
Christentum ist der große Ausdruck des idealen Lebens in der Menschheit. Die
Überlieferung selbst, das ist die „alte Mutter". Sie gilt es daher zu
befragen, nicht durch ein erneutes Studium der Altertümer dieses oder jenes
Volkes, sondern des gemeinsamen Herzens der Menschheit, das in ihnen allen
schlägt.
Von einer ganz anderen Seite als der Verfasser von „Antiqua
mater" sucht der Schotte John Mackinnon Robertson (geb. 1856) dem
Jesusproblem beizukommen. Robertson ist kein theologischer Fachmann und macht
kein Hehl daraus. Er ist ein Schriftsteller, der sich in einer ansehnlichen
Zahl von Schriften auf dem Gebiete der Literatur, der Geschichte, Politik,
Wirtschaft und Soziologie betätigt hat. Er fühlt sich der
fachwissenschaftlichen Sonderforschung gegenüber zu Dank verpflichtet, aber
er erinnert ihre Vertreter auch daran, daß ihre eigenen Lehren zeitweilig
unter dem Druck von Gedankenbewegungen, die von Außenstehenden ausgehen,
einer Umgestaltung unterworfen werden müssten, da sie nur allzu leicht Gefahr
liefe, sich in Irrtümern zu befestigen, und er weist dabei auf den „Dilettanten"
Colenso hin, der die [75] Theologie aus der Sackgasse wieder herausgeführt
hat, in die sie mit dem Problem des Pentateuch geraten war.
Robertson ist auf das Jesusproblem als Soziologe gestoßen. Er
dachte, ein Werk über den Ursprung des Christentums vom soziologischen
Standpunkt aus zu schreiben: Dabei setzte er die Existenz eines Jesus voraus.
Allein bald überzeugte er sich, daß die Vorstellung von diesem Jesus erst
geklärt werden müßte, bevor er an die eigentliche Arbeit geiten könnte.
Das Jesusproblem aber erwies sich ihm als ein vorwiegend mythologisches. So
wandte er sich zunächst mythologischen Studien zu, um in der Sache klar zu
sehen. Die Ergebnisse dieser Arbeit waren seine Werke „Christianity und
Mythology“ (1900), „Pagan Christs“ (1902) sowie „A skort History of
Christianity“ (1902). Die zwei erstgenannten Werke sind 1910 und 1911 in
zweiter Auflage erschienen. Das dritte erschien 1910 in einer deutschen
Übersetzung unter dem Titel „Geschichte des Christentums“, während der
dritte Teil von „Christianity and Mythology“ im gleichen Jahre deutsch
unter dem Titel „Die Evangelienmythen“ herausgekommen ist
[38]
.
Wer die mythische Beschaffenheit der Jesusgestalt behauptet, muß
sich zunächst darüber Rechenschaft geben, was er unter einem Mythus
verstehen will. Robertson, der Positivist und Freidenker im Sinne des englisch-französischen
Sensualismus, hat davon eine sehr nüchterne Vorstellung. Mythus ist ihm nur
ein Gattungsname für eine vielgestaltige Masse überlieferten Irrtums, mag es
sich dabei nun um religiöse, wissenschaftliche oder sonst irgendwelche
Irrtümer handeln. Weit entfernt, auf irgend eine besondere Quelle, einen
eigentümlichen Hang in der menschlichen Natur, eine Intuition, eine
Äußerung unbewußter Vernunft oder etwas derartiges zurückzugehen,
entstehen Mythen auf keinem anderen Wege, wie alle irrigen Ansichten: aus
falschen Auffassungen von Naturerschei[76]nungen, aus fehlerhaften Deutungen
von Worten, aus wissenschaftlichen Irrtümern, mißverstandenen
Kultgebräuchen, aus Aberglauben wie aus wohlerwogener Erdichtung usw. Und so
ist nach Robertson auch alle Religion dem Gebiete des Mythus zuzurechnen.
Robertson verzichtet daher auch darauf, wie die meisten der bisher
besprochenen Forscher, in den Mythen, die auf Christus Bezug haben,
irgendwelchen tieferen Sinn erblicken zu wollen. Er betrachtet sie nur als
solche und ist zufrieden, bei irgend einer evangelischen Erzählung ihre
mythische, d. h. erdichtete, Beschaffenheit nachgewiesen und ihre Herkunft
aufgezeigt zu haben.
Dabei glaubt er
durch seine Studien auf dem Gebiete der vergleichenden Religionsgeschichte
sich zu der Annahme be rechtigt, daß alle Religionen sich nach den gleichen
Gesetzen entwickeln. Ihre Verschiedenheiten sind nur durch die Umgebung und
die jeweiligen äußeren Umstände verursacht, und ihre Entwicklung besteht
darin, daß neue Gottheiten an die Stelle der alten treten, die letzteren im
Kampf ums Dasein verdrängen und sich selbst an deren Stelle setzen, wobei die
jüngeren als Söhne der älteren angesehen zu werden pflegen.
Das läßt sich
auch bei der israelitischen Religion beobachten. Auch hier waren trotz des
amtsförmlichen Monotheismus, wie er von den Priestern gepflegt wurde, die
früheren Gottheiten nicht völlig ausgestorben. Sie lebten unter der
Oberfläche des Monotheismus fort und drängten nach oben, als die bisherige
Anschauung die Gemüter nicht mehr völlig zu befriedigen vermochte und
griechische und orientalische Einflüsse den polytheistischen Instinkten der
Masse Vorschub leisteten. Einer dieser alten Götter war der als angeblicher
Nachfolger des Moses verehrte Josua oder Jesus, ursprünglich ein
ephraimitischer Sonnengott, der unter der Form des Lammes, d. h. des Widders
im Tierkreis, verehrt wurde, und dessen Kultus mit Passah und Beschneidung im
Zusammenbange stand. Er war eia Verwandter des babylonischen Tamuz und
syrischen[77] Adonis, und . zu seinem Kultus gehörte ein Mahl mit zwölf
Teilnehmern, wie es ähnlich auch im Kulte des Dionysos und Mithra eingenommen
wurde. Robertson schließt sich in den näheren Darlegungen der bezüglichen
mythischen Züge vielfach an George Frazer an, der in seinem Werke "the
Golden Bough" (1890) den Kultus der hierher gehörigen Gottheiten
behandelt und sie als Vegetationsgötter nachzuweisen versucht hat, die zum
Pflanzenwuchse in näherer Beziehung stehen.
Auch der
altisraelitische Josua war ursprünglich ein Vegetationsgott. In diesem Sinne
wird er im Alten Testamente als „Zweig“ (nezer oder tsemach) bezeichnet,
und schon hier erscheint sein Name mit einer messianischen Bewegung verbunden.
Nach dem nezer nannte sich vermutlich um die Wende u. Z. die messianische
Sekte der Nazaräer. In ihrem Kulte lebte der alte Josua, der Zweiggott,
wieder auf, den eine altpersische Überlieferung als den Sohn der Mirjam
(Maria) bezeichnete. Und da sie eine asketische Richtung innehielten, so mag
in ihrem Namen zugleich derjenige der Naziriten oder Naziräer anklingen, wie
die altisraelitischen Asketen hießen. in jedem Falle hat ihr Name nichts mit
einer Stadt Nazareth zu tun, da sie sonst Nazarethäer oder ähnlich gehießen
haben müßten, und ihr Jesus ist keine geschichtliche Persönlichkeit. So
allein erklärt es sich, daß Paulus keinen solchen Jesus, sondern nur das
Schattenbild eines Gekreuzigten kennt.
Wie aber kam man
alsdann dazu, einen geschichtlichen Stifter dieser Sekte anzunehmen? Robertson
gibt die Möglichkeit zu, daß ein Jesus, Sohn des Panthern, wie er uns im
Talmud begegnet, der unter Alexander Jannäus um 100 zu Lydda in Kleinasien am
Abend vor dem Passahfest gesteinigt wurde, und der vielleicht der Stifter der
Sekte der Essener war, die Veranlassung zur Vergeschichtlichung der
Jesusgestalt gegeben haben könnte. Auch mögen Aussprüche und einzelne Züge
aus dem Leben anderer sogenannter Messiase auf Jesus übertragen sein. Allein
dieser selbst, so wie die Evangelien ihn uns schildern,[78] gehört ganz und
gar dem Mythus an, und seine vermeintliche Geschichte ist, worauf auch schon
der Verfasser von „Antiqua mater“ hingewiesen hatte, ihrem Grundstocke
nach einem Mysterienspiel, einer szenischen Darstellung des Mythus von einem
leidenden, sterbenden und wiederauferstehenden Gott entnommen,wie wir ihr so
vielfach in den Religionen des Altertums, z.B. im Kulte des Osiris, des Tamuz,
des Adonis, Attis, Dionysos, den eleusinischen Mysterien usw., begegnen. Hier
wurde nicht bloß der Tod, sondern auch die Geburt des Gottes den Gläubigen
in eindrucksvoller Weise vor die Augen geführt, und wenn wir daraufhin die
evangelische Darstellung (Salbung, Abendmahl, Gethsemane, Verurteilung,
Kreuzigung und Auferstehung) betrachten, so können wir, meint Robertson,
nicht zweifeln, daß sie nur die Umschreibung eines solchen kultischen
Mysterienspieles ist. Wie leicht sich aber hieraus der Glaube an die
Geschichtlichkeit der vorgeführten Begebenheiten ent wickeln konnte, bedarf
keiner Auseinandersetzung. So vertrat z. B. im Passionsdrama Judas die Rolle
des Judenvolkes. Man sah ihn Jesus verraten und dann hingehen und sich selbst
erhängen. Die unkritischen Zuschauer des ursprünglichen Mysterienspiels aber
glaubten an den Verrat des Judas, weil sie ihn mit angesehen hatten, und damit
war die Sache erledigt.
Wie richtig Robertson hiermit die Geistesverfassung der Masse,
und nicht nur im Altertum, eingeschätzt hat, dafür ist wohl nichts
bezeichnender als die vielen Passionsspiele, wie sie gegenwärtig unter
kirchlicher Begünstigung an so vielen Orten aufgeführt werden. Oder sollen
wir annehmen, daß diese im Zeitalter der Bedrohung des Glaubens an die
Geschichtlichkeit Jesu nichts bezweckten, als die Schaulust des Publikums zu
befriedigen? Das Christentum, soviel hat sich inzwischen immer deutlicher
herausgestellt, wurzelt in einem Mysterienkulte. Dieser aber gründet sich
letzten Endes immer auf eine Art innerer Vereinigung des Gläubigen mit dem
entsprechenden Kultgott, von dem man die Erlösung erwartet, und eine solche
[79] vollzieht sich, wenigstens als scheinhafte, in der ästhetischen
Betrachtung des Lebens und Sterbens jenes Gottes.
Und warum starb der Mysteriengott? Sein Mythus bezieht sich, wie
Frazer dargelegt hat, immer irgendwie auf das Leben und Sterben der Natur, des
Pflanzenwuchses, der Sonne, auf den Streit zwischen Licht und Finsternis und
die Wiedererneuerung (Auferstehung) der Natur im Frühling. Der Gläubige
fühlt sich eins mit der Natur, er lebt und stirbt mit ihr, um mit ihr wieder
aufzuerstehen. Dieser innerliche Vorgang findet seine Versinnbildlichung im
Opfer eines Menschen, als Verkörperung der Gottheit, das alljährlich im
Frühling dargebracht wird, um den Menschen mit seinem Gotte zu versöhnen und
der Natur durch das vergossene Blut des Opfers neue Kraft zur Auferstehung
zuzuführen und sich ihrer Fruchtbarkeit zu versichern. Robertson erinnert an
die Khonds in Indien, die noch bis vor kurzem der Erdgöttin ein solches Opfer
darzubringen pflegten. Bald stirbt das Opfer am Kreuz, bald in der Art, daß
es an einen lebenden Baum in der Form eines Kreuzes gestellt und so getötet
wird. Robertson bringt hierfür nicht nur zahlreiche Beispiele aus dem
Altertum und der Neuzeit bei, er zeigt auch, wie gewisse Besonderheiten des
Kreuzestodes Jesu (z. B. der Lanzenstich) bei solchen Opferhandlungen fremder
Völker und früherer Zeiten vorkommen. Hat doch übrigens auch das Abendmahl,
das Essen des Fleisches und das Trinken des Blutes des Geopferten keine andere
Bedeutung, als das göttliche Leben des Verstorbenen in sich aufzunehmen und
dadurch mit ihm eins und mit ihm zugleich von den Toten wiedererweckt zu
werden.
Auf
einen solchen uralten Opferbrauch haben wir nach Robertson auch das jüdische
Mysterienspiel, als szenische Nachahmung eines früheren Menschenopfers, und
das christliche Abendmahl zurückzuführen. Heidenchristen sollen es alsdann
gewesen sein, die nach dem Falle von Jerusalem, als die neue Lehre unter
Paulus sich in der Welt auszubreiten begann, diese [80] Form der szenischen
Darstellung besonders gepflegt und damit die Ausbreitung des Christusmythus
gefördert haben. Ja, Robertson hält es sogar nicht für ausgeschlossen, daß
der Apostel selbst, da, wo er sagt, daß er „mit Christus gekreuzigt“ sei,
die Rolle des Gekreuzigten im Mysteriendrama gespielt haben kennte, so wie der
Priester des Attis und Osiris selbst die Rolle der gekreuzigten Gottheit
mimte.
Nun könnte man dies zwar alles zugeben und doch an der
Annahme eines geschichtlichen Jesus festhalten, dessen Leben sich irgendwie in
der Erzählung der Evangelien verwendet findet. Allein dies wird durch die
Tatsache widerlegt, daß alle eigentümlichen Züge in der Lebensgeschichte
Jesu dem Gebiete des Mythus angehören und daher keinerlei Berechtigung
besteht, an eine Persönlichkeit von Fleisch und Blut zu glauben, die hinter
den evangelischen Geschichten stünde. Robertson unterscheidet Mythen der
Begebenheit und Mythen der Lehre. Zu den ersteren gehört die
Geburtsgeschichte Jesu, an deren mythischem Charakter schon längst kein
vernünftiger Mensch mehr zweifelt. Aber auch eine Geschichte, wie diejenige
seiner Versuchung, möchte Robertson auf ein Bildwerk zurückführen, auf
welchem Pan und Zeus auf einem Berge dargestellt waren, oder auf welchem man
den Atlas erblickte, wie er den Erdball dem Sonnengott entgegenhält. In
derselben Weise sucht Robertson das Urbild der Geschichte von der Vertreibung
der Wechsler aus dem Tempel in einer bildhauerischen Darstellung des Osiris,
wie er Diebe oder sonst jemand bedroht oder züchtigt, während das Wandeln
Jesu auf dem Wasser daran erinnert, daß Poseidon dargestellt wurde, als
Meeresgott über die Oberfläche des Meeres hinschreitend. In der alten Kunst
erscheint Herakles, zwei Säulen dergestalt unter dem Arme tragend, daß sie
die Form eines Kreuzes bilden. Herakles ist die griechische Form des
Sonnengottes Simson oder Simon, dessen Kultus auf Kyrene in Libyen hinweist.
Daraus ist die Geschichte von Simon aus Kyrene entstanden, der Jesus das Kreuz
abgenommen haben [81] soll. Die zwölf Apostel sind aus den sog. Aposteln
hervorgegangen, die vom Hohenpriester zum Einsammeln der
Tempelabgaben ausgesendet wurden. In Petrus haben wir ebensowohl den
mithrischen „Felsgott“ Petros, den Schlüsselträger, wie den italischen
Himmelspförtner Janus und den ägyptischen Petra zu erkennen. Aus dem Kulte
des Mithra stammt auch das Felsengrab Jesu sowie die Erzählung vom Abendmahl.
Wie Dionysos verwandelt Jesus Wasser in Wein, speist er Fünftausend und reuet
er beim Einzug in Jerusalem auf einem Esel. Wie Asklepios gibt er Blinden das
Augenlicht zurück und erweckt er Tote. Und wie Attis und Adonis, wird er bei
der Bestattung von Frauen beweint, um aus dem Grabe wiederaufzuerstehen.
Jüdische und heidnische Gedanken sind es, die wir auch in den
Lehren Jesu wiederlinden. Robertson weist an zahlreichen Worten Jesu nach,
daß sie so niemals von einem leibhaftigen Lehrer gesprochen sein können und
nur Formeln ausder Spruchweisheit und den Mysterienkulten des Altertums
Robertson hat sich in den Anhängen zur zweiten Auflage von „Christianity
and Mythology“ und „Pagen Christs“ sowie in „The Historical Jesus, A
Survey of Positions“ (1916) mit seinen englischen, französischen (Loisy)
und deutschen Gegnern (Schmiedel, Pfleiderer) auseinandergesetzt und in
"The Jesus Problem. A Restatement of the Myth Theory“ (1917) seine
Auffassung von der Entstehung des Christentums aus dem Mythus noch einmal im
Zusammenhang entwickelt.
Ihm nahe steht Thomas Whittaker. In seinem Buch „The Origins of
Christianity“ (1909) sucht er die Mythentheorie Robertsons mit van Manens
Auffassung von der Unechtheit der Paulusbriefe zu verbinden, von denen
Robertson wenigstens die vier Hauptbriefe als echt bereit ist, gelten zu
lassen. Mit Robertson nimmt er an, daß die christliche Bewegung ursprünglich
ein Geheimkult war, der sich um das quasihistorische Leben und den Tod eines
alten Gottes Jesus gruppierte, etwa in dem Sinne, wie jener es beschrieben
hat, um alsdann nach der Zerstörung Jerusalems bestimmtere Formen anzunehmen
und in Paulus seinen hauptsächlichsten Verbreiter zu finden. Bis zum Ende des
ersten Jahrhunderts war die Mythenbildung eine nur mündliche. Dann begann die
Erzeugung des neutestamentlichen Schrifttums. Sie ist ganz und gar
pseud[83]epigraphisch, d. h. unecht, und dieser Vorgang war etwa um die Mitte
des zweiten Jahrhunderts beendigt. Zum Beweise seiner Annahme der Unechtheit
der Paulinischen Briefe gibt Whittaker im zweiten Teile seines Werkes eine
Inhaltsangabe der Untersuchungen van Manens über die Apostelgeschichte, den
Römer- und die beiden Korintherbriefe und fügt dem einen Anhang über den
Galaterbrief hinzu. Sein Buch enthält eine Anzahl vortrefflicher
Beobachtungen, z. B. über das Vorkommen eines Gottes Josua im Judasbrief und
eines gekreuzigten Josua in den Sibyllinischen Orakeln, und ist zur
Einführung in die ganze Frage sehr geeignet.
Der
liberale Jesuskultus in Deutschland
Die in Deutschland erschienenen „Leben Jesu“ verfolgten, wie
gesagt, den Zweck, einen Jesus herauszustellen, der dem frommen Gemüte der
Zeitgenossen etwas Wesentliches zu bieten habe. Daneben jedoch ging eine
Beschäftigung mit Jesus her, die diesen rein geschichtlich zu erfassen und
ihn in seiner Wirklichkeit ohne apologetische und theologische Nebenabsichten
zu begreifen suchte.
Welche Stellung nahm Jesus zum Judentum ein? In welchem Sinne
teilte er die auf die Endzeit bezüglichen (eschatologischen) Anschauungen
seiner Zeit? Hat er sich selbst für den erwarteten Messias gehalten? Und
welche Vorstellungen verband er mit dieser Bezeichnung? Das waren die Fragen,
die vor allem eine Antwort erheischten, und sie erhielten sie in zahlreichen
theologischen Abhandlungen. Freilich, nicht immer zur Zufriedenheit der
Fragesteller. Je tiefer man sich in diese Fragen versenkte und je gründlicher
man die Verhältnisse, unter denen Jesus gelebt haben sollte, in Betracht zog,
desto fremdartiger und unverständlicher mutete dieser die Heutigen an. Seine
Anschauungen erwiesen sich als den unsrigen so fern stehend, ja,
entgegengesetzt, daß es immer schwieriger erschien, eine Brücke [84] von
diesem „rein geschichtlichen“ Jesus zu den Menschen unserer Tage zu
schlagen. Man hatte erwartet, ihn durch derartige Untersuchungen dem Herzen
der Gegenwart näher zu bringen, und siehe da! er entschwand deren Blicken
mehr und mehr, je eifriger man bemüht war, ihn aus seiner Zeit heraus zu
begreifen und in seiner Umgebung zu erblicken. Zwar fehlte es auch hier nicht
an solchen, die jenes Ergebnis abzuschwächen, die fremdartige Denkweise Jesu
als nachträglich in den evangelischen Text eingeschwärzt und belanglos
hinzustellen suchten und diejenigen Züge in seinem Bilde in den Vordergrund
zu rücken bemüht waren, die ihn uns auch heute noch als Vorbild der eigenen
Lebensführung erscheinen lassen konnten. Allein auf die Dauer ließ es sich
doch nicht verheimlichen, daß der Jesus der Evangelien, als geschichtliche
Persönlichkeit aufgefaßt, etwas so Fremdes und Rätselhaftes an sich habe,
daß es immer weniger möglich schien, ein inneres Verhältnis zu ihm zu
gewinnen.
Man verglich die Anschauungen Jesu mit denjenigen anderer
Religionsstifter. Man prüfte seine Worte und Gleichnisse an denjenigen der
Rabbinen des jüdischen Schrifttums seiner Zeit, sowie denjenigen fremder
Religionen, und erlebte auch hier eine unliebsame Überraschung. Denn wenn man
es bisher als selbstverständlich angesehen hatte, daß alles, was Jesus
gelehrt haben sollte, turmhoch über jeder sonstigen Denkweise stehe und vor
allem seine Sittenlehre an Tiefe und moralischem Gehalt alles bisher
Dagewesene überrage, so mußte man sich jetzt, wenn auch widerwillig, mehr
und mehr davon überzeugen, daß dieser Unterschied, wofern von einem solchen
überhaupt die Rede sein konnte, doch höchstens nur ein gradweiser war und
die Ethik mancher Rabbinen, heidnischer Kultgemeinden und antiker Philosophen
jeden Vergleich mit derjenigen Jesu aufnehmen könne, ja, diese wohl gar noch
überrage, wofern sie nicht gar offensichtlich auf Jesu Worte abgefärbt
hatte.
Man nahm die einzelnen Begebenheiten
und Lagen im [85] Leben Jesu vor und untersuchte sie mit kritischer
Genauigkeit nach ihrem Wirklichkeitsgehalte. Jede Handlung, jeder
Ausspruch, jeder Name der Evangelien wurde um und umgewendet, um daraus
Kapital für eine wirklich geschichtliche Auffassung des christlichen Heilands
zu gewinnen. Und was war das Ergebnis? Einen bisher für unantastbar
gehaltenen Zug nach dem andern sah man sich genötigt, als ungeschichtlich
fallen. zu lassen, ihn der sog. Gemeindetheologie zuzurechnen oder ins Gebiet
des Mythus zu verweisen, und dies in um so weiterem Maße, als die immer mehr
erstarkende vergleichende Religionsgeschichte die Bedeutung und den Umfang
aufdeckte, den der Mythus in sämtlichen Religionen spielte. Schon gab es nach
der Darstellung Volkmar
[39]
, in den Evangelien kaum noch einen Zug, der sich nicht aus
alttestamentlichen Andeutungen, nicht aus mythischen Einflüssen erklären und
dadurch dessen Geschichtlichkeit zweifelhaft erscheinen ließ. Schon erklärte
W. Brandt
[40]
, außer der Tatsache, daß Jesus gestorben und auferstanden sei,
gäbe es keine sichere Nachricht aus seinem
Leben, und wies nach, wie auch selbst die Leidensgeschichte Jesu mit
Zuhilfenahme alttestamentlicher und mythischer Züge zurechtgemacht sei. Statt
dessen stellte sich, wie gesagt, immer deutlicher heraus, daß der Jesus, den
man aus seiner Umwelt heraus rein zeitgeschichtlich zu verstehen suchte, für
uns immer unverständlicher wurde und kaum noch irgendwelche Möglichkeit bot;
mit dem Gefühl des heutigen Menschen an ihn heranzukommen, wie dies besonders
durch Joh. Weiß aus seiner Schrift „Die Predigt Jesu vom Reiche
Gottes" (1892) offenbar wurde. Ja, schon erhoben sich Stimmen aus
medizinischen Kreisen, die Jesu hochgeschraubtes Selbstgefühl, sein sog. [86]
„messianisches Bewußtseins und seine endzeitlichen Ideen aus seelischer
Erkrankung glaubten, verstehen zu müssen und Jesus geradezu für einen
Geistesgestörten erklärten (de Loosten, Binet-Sanglé, E. Rasmussen).
Aber
welchen Sinn hatte es dann, sein religiöses Bedürfnis an Jesus befriedigen
zu wollen, und worin bestand alsdann die Wesenseigentümlichkeit dieser
Persönlichkeit, die ihn zum Wegweiser und Vorbild unserer heutigen
Lebensführung machen sollte, wenn seine Anschauungen, soweit sie sich von
denjenigen anderer Religionsstifter unterschieden, nicht die unsrigen waren,
soweit sie jedoch auch für uns noch gültig sein konnten, sich inhaltlich in
keiner Weise von denjenigen seiner Zeitgenossen und anderer Sittenlehrer
unterschieden? Ja, worin bestand eigentlich die Größe Jesu, das
Eigentümliche an ihm, was ihn über alle übrige Menschheit hinausheben und
ihn als Heiland und Erlöser für alle Zeiten erscheinen lassen sollte?
Immer schwerer wurde es den Theologen, auf diese Frage
eine eindeutige, klare Antwort zu geben. Immer verzweifelter wurden ihre
Bemühungen, das „Einzigartige“ an ihm, wovon sie beständig sprachen, in
einwandfreier Weise aufzuzeigen. Immer geschwollener und unbestimmter auch
ihre Ausdrucksweise, wenn es sich darum handelte, verständlich zu machen, wie
der von ihnen geschilderte Jesus, ein kleiner jüdischer Rabbi, der sich kaum
irgendwie aus seinen Zeitgenossen heraushob, dessen angebliche Wundertaten man
für mythisch erklärte oder auf die Erkenntnisse der modernen Psychologie und
medizinischen Wissenschaft glaubte, zurückführen zu können, dessen
außerordentliche Erlebnisse, wie die Erscheinungen bei der Taufe, die
Verklärung und Auferstehung, man für Visionen seiner selbst oder seiner
Anhänger erklärte, und der im Grund nichts gelehrt haben sollte, was dem
heutigen Zeitgenossen nicht gefällig erschien, wie dieser der Stifter der
christlichen Religion zu sein vermochte. Je weniger Gehaltvolles man nach
dieser Richtung hin zu sagen wußte, desto [87] voller nahm man den Mund,
redete mit verzücktem Augenaufschlag von der „alles überragenden Größe“
Jesu, von der unerhörten „Gewalt seiner Persönlichkeit“, von der „Einzigartigkeit“
und „Unüberbietbarkeit“ des Heilands und sonnte sich dabei in dem
erhebenden Gefühle, mit der Herausstellung dieses „geschichtlichen“ Jesus
im Gegensatze zum dogmatischen der alten Kirche die Versöhnung zwischen
Religion und Wissenschaft, zwischen Christentum und moderner Kultur vollzogen
zu haben. Und dieses Gefühl erreichte seinen höchsten Gipfel, als Harnack
in seinem „Wesen des Christentums“ (1900) einen Jesus zeichnete, so
brav, so allgemein menschlich im modernen Sinne, daß kein tugendhafter
Zeitgenosse sich nicht in ihm wiederlinden konnte. Schon brachte der Dichter Frenssen
in seinem Roman „Hilligenlei“ (1905) diesen liberalen Professoren-Jesus
gar mit der modischen Heimatkunst in Verbindung und richtete, in seinem modern
auffrisierten Jesus die „Grundlage deutscher Wiedergeburt“ zum Entzücken
aller derjenigen auf, die, wenn sie es überhaupt jemals getan, schon längst
keinen Blick mehr in die Evangelien geworfen hatten und von allen Geistern des
Urteils und guten Geschmacks verlassen waren
[41]
, und Houston Stewart Chamberlain entdeckte in Jesus den Arier und
erhob den Anspruch, die „echten" Worte Jesu durch bloße „Intuition“
aus der Spreu der Überlieferung herausfinden zu können
[42]
.
Noch einmal erhob E. v. Hartmann seine warnende Stimme in
„Das Christentum des Neuen Testaments“ (1905), worin er die früher
unbeachtet gebliebenen „Briefe über die christliche Religion“ in
umgearbeiteter Gestalt neu herausgab. Noch einmal erinnerte er daran, auf wie
verkehrtem Wege der theologische Liberalismus sei, wenn er meinte, einen
Fort[88]schritt in religiöser Hinsicht durch Rückgang auf die Urform des
Christentums, dasjenige Christi, wie es uns im Neuen Testament .entgegentritt,
bewerkstelligen zu können, während doch die Religion, wie alle geistigen
Kulturgüter, nur durch Entwicklung nach vorwärts weiter kommen könne,
nämlich durch Entfaltung von Keimen, die bisher unbeachtet geblieben sind,
aber nicht durch Pflege der Keime als Keime, durch Erweiterung, nicht durch
Verengerung des geschichtlichen Gesichtskreises, durch synthetische
Verknüpfung möglichst vieler gesonderter Entwicklungsreihen, nicht durch
Isolierung der Anfänge einer einzigen. Mit vernichtender Schärfe wandte er
sich gegen die Bemühungen, dem Neuen Testament eisen Wert für unsere Zeit
andichten zu wollen, der ihm nicht mehr zukommt. „Das System der
Kirchenlehre steht nicht niedriger, sondern sehr viel höher als das Neue
Testament, denn es ist aus der geschichtlichen Ausgleichung, Fortentwicklung
und Systematisierung der neutestamentlichen Lehrstandpunkte hervorgegangen und
ist trotz aller bei seiner Ausbildung mitspielenden geschichtlichen
Zufälligkeit und weltlichen Interessen im großen und ganzen doch ein
Niederschlag der in der Geschichte waltenden objektiven Vernunft in ihrer
Anwendung auf die Bedürfnisse des religiösen Bewußtseins.“ Dem modischen
Rufe „Hie Jesus“ stellte Hartmann den Ruf „Hie Christus“ entgegen,
nämlich die Behauptung, daß nur die Christusidee, als die Idee der in jedem
Menschen zu verwirklichenden Gottmenschheit, den Kern der Religion
auszudrücken vermag und daß diese Idee dem geschichtlichen Jesus noch ferner
lag, als den sämtlichen Verfassern des Neuen Testaments. Und im Anschluß an
Hartmann ging Wilhelm v. Schnehen in seiner Schrift „Der moderne
Jesuskultus“ (1906) der Art zu Leibe, wie die Liberalen die ganze Religion
auf die Persönlichkeit und Lehre des evangelischen Jesus gründen wollten,
und geißelte die geschichtliche Unhaltbarkeit jener „religiösen
Neuromantik", [89] diese ganze „kecke Scheinwissenschaft“, die den
einfachen Wahrheitssinn unseres Volkes systematisch untergrabe, um alsdann in
seiner Schrift „Friedrich Nauetann vor dem Bankrott des Christentums“
(1907) den Zusammenbruch jener Richtung an einem seiner Hervorragendsten und
verehrungswürdigsten Vertreter zu kennzeichnen und auf den Ernst der
religiösen Lage der Gegenwart hinzuweisen.
Es war alles umsonst. Der metaphysikfeindliehe Zeitgeist, wie er
auch in der herrschenden Theologie eines Ritschl seinen Ausdruck fand, die
Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit der großen Masse in religiösen
Dingen und nicht zuletzt die Macht, die die Theologen und die Kirche durch die
Presse auf die Gemüter ausübten, gestattete es den Liberalen, jeden Ruf nach
Umkehr in den Wind zu schlagen. Zwar das gaben sie. nach gerade zu, daß bei
dem Mangel an sicheren Nachrichten ein „Leben“ Jesu nicht geschrieben
werden könne, zumal nachdem Wrede in seinem „Meresiasgeheirmis“
(1904) den Nachweis geliefert hatte, daß auch Markus, der angeblich älteste
und zuverlässigste Evangelist, keine rein geschichtliche Darstellung
enthalte, sondern ganz und gar von dogmatischen Gesichtspunkten bestimmt sei.
„Als Gesamtdarstellung bietet das Evangelium keine historische Anschauung
mehr vom wirklichen Leben Jesu. Nur bloße Reste einer solchen sind in eine
übergeschichtliche Glaubensauffassung eingegangen. Das Markusevangelium
gehört in diesem Sinne in die Dogmengeschichte.“ Aber dafür glaubte man
jetzt, in der sog. „Zweiquellentheorie", wie sie besonders durch Wernle
in seinen Werken über „Die synoptische Frage“ (1899) und „Die Quellen
des Lebens Jesu“ (190) entwickelt war, über die Entstehung der Evangelien
ins Reine gelangt zu sein. Darnach sollte das Markusevangelium oder doch ein
sog. Urmarkus mit seiner Aufzeichnung der Taten Jesu die eine Quelle der uns
heute vorliegenden Evangelien sein. Die andere aber sollte die sog. Reden-
oder Spruchquelle in den von Papias erwähnten Aufzeichnungen des Matthäus,
des sog. [90] Urmatthäus, sein. Außerdem aber sollte noch jeder von diesen
ein „Sondergut“ besessen haben, das nicht in der Spruchquelle noch im
Urmarkus enthalten war, sondern das man auf mündliche Überlieferung
zurückführte. Im übrigen hatte die historische Theologie es doch durch ihre
Kritik bereits dahin gebracht, daß von dem evangelischen Jesus höchstens nur
noch die Tatsache, er habe gelebt, das bloße „Daß“ seiner Existenz für
sicher angesehen werden konnte. Schon räumte man—und nicht bloß auf
liberaler Seite—ein, daß man kein einziges sicheres Wort Jesu besitze. Aber
da man trotzdem in Wort und Schrift ruhig fortfuhr, zu tun, als ob alles beim
Alten sei, in der Predigt von den neutestamentlichen Geschichten sprach, als
ob sie sich wirklich zugetragen hätten, von Jesus nach wie vor als „Herr“,
„Vorbild“, „Führer“, „Heiland“, „Mittler“, „Sohn Gottes“,
„Versöhnen“ und „Erlöser“ redete, wie wenn diese
Bezeichnungen auch auf den liberalen Jesus zuträfen, und im übrigen sich
einer so „vorsichtigen, modulationsfähigen
[43]
“ Ausdrucksweise zu bedienen wußte, daß jeder aus den Worten
herauslesen mochte, was ihm beliebte, so wurde der Widersinn des Jesuskultus
nicht empfunden, wurden schillernde Redeblumen und tönende Beiwörter, mit
denen die Liberalen ihren Jesus zu schmücken beliebten, unbesehen
nachgesprochen, und erfreute man sich an dem Gedanken, ein moderner Mensch und
trotzdem zugleich ein gläubiger Anhänger des evangelischen Heilands sein zu
können. Ja, der Sieg der liberalen Jesustheologie schien vollends gesichert,
als sie sich dazu entschloß, ihre vermeintlich wissenschaftlichen Ergebnisse
durch die Herausgabe einer Sammlung allgemein verständlich gehaltener
Darstellungen, den „Religionsgeschichtlichen Volksbüchern“, den weitesten
Kreisen zugänglich zu machen und sie für jene zu. gewinnen.
War sie doch auch so ungeheuer
einfach und bequem, diese liberale Leben-Jesu-Theologie! Mochte das Evangelium
[91] immerhin, wie man bereitwillig zugab, manches Anstößige, Fremdartige
und Rätselhafte für uns enthalten: das Wesentliche und wahrhaft Wertvolle
konnte darüber doch nicht übersehen werden. Die Sache selbst gibt, wie
Harnäck seinen Zeitgenossen versicherte, den Maßstab hierfür an die Hand.
„Das Evangelium im Evangelium,“ behauptete er, „ist etwas so Einfaches
und kraftvoll zu uns Sprechendes, daß man es nicht leicht verfehlen kann. Wer
einen frischen Blick für das Lebendige und wahre Empfindung für das wirklich
Große besitzt, der muß es sehen und von den zeitgeschichtlichen Hüllen
unterscheiden können
[44]
.“ Und er berief sich dabei auf das „gesunde, an
geschichtlichem Studium gereifte Urteil“. Wer hätte dem großen Theologen
hierin widersprechen und durch seine Zweifel offenbaren wollen, daß er, als
gebildeter Mensch, jenen „frischen Blick“ und die „wahre Empfindung für
das wirklich Große“ nicht besitzen
[45]
? Aber schon erstand dieser liberalen oder sog. wissenschaftlichen, geschichtlichen Theologie ein Gegner, der sich nicht bei ihrem „Jesuanismus“ zu beruhigen vermochte, und er kam aus ihrem eigenen Lager.
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Albert Kalthoff
Albert Kalthoff (1850-1906), Pastor in Bremen, selbst früher ein
Anhänger des modischen Jesuskultus, ließ im Jahre 1902 seine Schrift über
„Das Christusproblem. Grundlinien zu einer Sozialtheologie“ erscheinen und
nach dieser im Jahre 1904 „Die Entstehung des Christentums. Neue Beiträge
zum Christusproblem“ folgen. Kalthoff stellt sich hier auf den Boden der materialistischen
Geschichtsbetrachtung von Karl Marx, die alle Bewegungen der Geschichte aus
den in der Gesellschaft wirken den
„Produktivkräften“ ableitet und die Klassenkämpfe, wie [92] diese aus
dem beständig sich erneuernden Widerspruch zwischen den bestehenden
Eigentumsverhältnissen und den fortschreitenden Produktionsweisen des
wirtschaftlichen Lebens entstehen sollen, für die treibenden Kräfte des
gesamten geschichtlichen Lebensvorganges ansieht. Er nennt sie die „monistische“
oder noch lieber die „realistische“ Geschichtsauffassung, weil sie auch
die abstraktesten geistigsten Lebensgebiete als Kulturfaktoren in der
Geschichte nur insofern in Betracht zieht, als sie Realitäten sind und dem
Wirklichkeitsleben gerade so gut angehören, wie die bestimmten Erscheinungen
des ökonomischen und sozialen Lebens, und er feiert Kant als den ersten
wissenschaftlichen Vertreter einer Weltanschauung, von der die Marxistische
Geschichtsbetrachtung nur eine einseitige Anwendung gemacht habe. So lehnt er
die Theorie von den großen Einzelnen als den Trägern der Weltgeschichte, die
Carlylesche Heldengeschichte, ab. Sie diene, meint er, lediglich noch zur
Befriedigung eines aus Gemüt und Phantasie seine Nahrung ziehenden
Bedürfnisses, sofern sie nicht gar nur das Werk einer allzu durchsichtigen
Interessenvertretung bedeute. Denn wiewohl die Individuen unter allen
Umständen die Träger der Menschheitsgeschichte bilden, so seien doch auch
sie, ebenso wie die von ihnen vertretenen Ideen, naturgesetzlich und
gesellschaftlich bestimmt, und darum dürfe die Forschung nicht bei ihnen Halt
machen, sondern habe auch sie, wie Spencer ausführt, aus den wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Bedingungen Ihres Zeitalters zu begreifen.
Daß
in diesem Sinne auch die Religion in einem genauen und lebendigen
Zusammenhange mit dem ganzen Entwicklungsgange des Volkslebens steht, ist
nachgerade für diejenige des Alten Testamentes durch die Forschungen von
Wellhausen und Stade anerkannt. Nur das Christentum pflegt noch immer als eine
über den Menschen schwebende Macht, als eine von allen übrigen Betätigungen
des Menschenlebens abgesonderte Erscheinung behandelt und von dem einen
großen Menschen Jesus [93] Christus hergeleitet zu werden. Es ist jedoch
Zeit, daß auch die Theologie wahrhaft geistlich denken lerne und aus eitler
liberalen zu einer sozialen Theologie werde. Dazu aber muß sie aufhören,
hinter den Verschiedenheiten der synoptischen . Berichte und des
Johannesevangeliums eine geschichtliche Persön lichkeit zu suchen,
Bemühungen, die ihrer Natur nach nie ans Ziel führen können, und eine
Überprüfung des ganzen Problems der Entstehung des Christentums vornehmen,
nachdem es bisher nicht gelungen ist, den angeblich geschichtlichen Jesus in
den von ihm handelnden Berichten aufzufinden. Was die liberale Theologie in
dieser Beziehung zustande gebracht hat, ist doch nur ein willkürlicher Auszug
aus den Evangelien, noch dazu von einer solchen Dürftigkeit und
Belanglosigkeit, daß es nicht als Fortschritt gegenüber der rechtgläubigen
Auffassung angesehen werden kann. „Die zahlreichen Stellen in den
Evangelien, die von dieser Theologe bei Seite geschoben, für ihren
historischen Jesus gestrichen werden müssen, stehen literarisch genau auf
einer Linie mit denjenigen Stellen, aus denen die Theologie ihren historischen
Jesus zusammensetzt, sie beanspruchen also auch den gleichen historischen
Wert, wie diese. Der synoptische Christus, in dem die moderne Theologie
durchweg die Züge des historischen Jesus zu haben meint, steht einer wirklich
menschlichen Auffassung des Christentums nicht um ein Haar breit näher, als
der Christus; des vierten Evangeliums. Der Jungfrauen‑Sohn, der
Auferstandene und gen Himmel Gefahrene ist als historische Persönlichkeit
genau so unvorstellbar, wie der Johanneische Christus, und was die Epigonen
der freisinnigen Theologie aus diesem synoptischen Christus als historischen
Extrakt glauben, herausdestillieren zu können, das hat historischen Wert nur
als Denkmal der virtuosen Sophistik, die unter dem Namen der theologischen
Wissenschaft ihre üppigsten Schößlinge getriebene.
[46]
“
[94] Wie Strauß, so glauben auch die modernen Theologen, daß
sie nur einfach das Mythische in den Evangelien wegzuschneiden brauchten, um
den geschichtlichen Kern übrig zu behalten. Aber dieser Kern ist unter ihren
Händen nachgerade so dünn geworden, daß er keinesfalls das
leidenschaftliche Interesse rechtfertigt, wie es Jesus heute noch von
Anhängern und Gegnern entgegengebracht wird. Inwiefern der von ihnen übrig
behaltene Jesus, dessen grundlegende Gedanken und Sittensprüche sich in
keiner Weise von denjenigen seiner Zeitgenossen unterscheiden oder über sie
erheben, der bahnbrechende Religionsstifter und Genius gewesen sein soll, als
welchen sie ihn rühmen, ist nicht einzusehen. „In Ermangelung jeder
historischen Bestimmtheit ist der Name Jesus für die protestantische
Theologie ein leeres Gefäß geworden, in welches jeder Theologe seinen
eigenen Gedankeninhalt hineingießt
[47]
.“ Harnacks „Wesen des Christentums“ hat die ganze religiöse
Unzulänglichkeit und Harmlosigkeit der Leben-Jesu-Theologie offenbart. Diese
„historische“ Theologie ist deshalb so ganz und gar unhistorisch, weil sie
das neutestamentliche Schrifttum nicht aus den treibenden Kräften ihrer Zeit,
sondern aus einem Jesus zu verstehen sucht, den sie sich willkürlich bloß
nach ihren eigenen zufälligen Bedürfnissen zurechtgestutzt hat. So hat sich
der Liberalismus bei der Christusfrage in eine Sackgasse festgerannt. Nachdem
er nicht mehr den Mut hat, sich zu dem dogmatischen Glauben zu bekennen, soll
der Heros Jesus im Bewußtsein der Kirche dieselbe Stelle einnehmen, wie einst
der Gottmensch. Aber diese Unterschiebung eines modern‑liberalen
Menschenbildes unter einen ganz anders gearteten Begriff ist eben der
Grundirrtum der liberalen Theologie. Denn entweder hat dieser Mensch Jesus ein
Religionsstifter sein wollen und sich selbst für den Messias, den Begründer
eines Weltreichs. und einer Weltreligion, des Christentums, gehalten:
dann ist er als Mensch ein Schwärmer gewesen, der [95] höchstens noch ein
pathologisches Interesse beanspruchen kann, und sein Werk ist dann die
katholische Kirche, nicht die protestantische. Oder dieser Jesus war wirklich
der, als den die liberale Theologie ihn beschreibt: dann hat sein Wesen fast
neunzehnhundert Jahre gebraucht, um endlich erkannt zu werden, und die ganze
bisherige kirchliche Entwickelung erweist sich als ein großer Irrtum.
Nichts hat im Leben Jesu bisher so viel Anstoß erregt wie die
Geschichte von dessen Auferstehung. Sie hat, wie wir gesehen haben, neben den
Wundern Jesu den Hauptanstoß zu einer Kritik der evangelischen Berichte
gegeben. Nach liberaltheologischer Ansicht soll die Wahnvorstellung des
Messianismus die Vision von der Auferstehung des Gekreuzigten hervorgerufen
und die Verkündigung dieser Vision zur Entstehung der ersten christlichen
Gemeinde die Veranlassung geliefert haben. Damit wäre alsdann das Christentum
aus den denkbar trübsten und krankhaftesten Erscheinungen des menschlichen
Geisteslebens abgeleitet und selbst wohl gar als Wahn gekennzeichnet! Allein
neue soziale Gebilde, wie das christliche Mittelalter in seinen kirchlichen
Einrichtungen, bauen sich nicht auf Wahnvorstellungen auf, sie bedürfen eines
festeren Bodens für ihre Entwickelung, und dieser kann nach Kalthoff eben nur
in den sozialen Bewegungen der Entstehungszeit jener Religion gefunden werden.
Die
Voraussetzung des Protestantismus ist die, daß die Bibel, insbesondere das
Neue Testament mit seinen vier Evangelien gegenüber der Kirche das
Ursprüngliche, Normative bedeute, die Kirche also den Evangelien gegenüber
das später Gewordene, Abgeleitete sei. In Wahrheit jedoch ist die Kirche als
das Ursprüngliche, die Bibel als das Abgeleitete anzusehen. Die Kirche hat
die Bibel geschaffen, nicht umgekehrt. Die ältesten kirchlichen Schriften
kennen Christus noch nicht als geschichtliches Individuum, sondern nur als
verkörperte Idee, als. das transzendente Prinzip der Kirche. Und auch in den
[95] einzelnen Büchern des Neuen Testaments ist Christus ganz unzweifelhaft
nur die werdende Kirche, das verkörperte Lebensprinzip der religiösen
Gemeinschaft. Ja, selbst die Evangelien lassen gar keinen Zweifel darüber,
daß sie nicht geschrieben sind, um von einem Jesus zu erzählen, sondern um
einen, d. h. ihren kanonischen, Christus zu schildern. Sie gehören dem
messianischen Schrifttum an, dessen typische Form die Apokalyptiker war, eine
religiöse Betrachtungsweise der Dinge, wie sie auf die alten Propheten
zurückgeht und die sittliche und soziale Wiedergeburt des Volkes unter dem
Gesichtspunkte eines Endgerichts erblickt, in welchem die durch die
Prophetische Gesetzgebung geschaffenen Ideen ihre zeitgeschichtliche
Erfüllung finden sollen. Dabei liebt es die Apokalyptik, die ihr zu Grunde
liegenden Zeitverhältnisse rückwärts zu datieret oder sie in eine anders
geartete geographische Umgebung zu verlegen, wie es denn ebenso in den
literarischen Erzeugnissen der Synagoge gang und gäbe war, Personifikationen
zu schaffen, die als Träger der rabbinischen Gedankenwelt erscheinen. So
verbirgt auch der Christus der Evangelien unter dem Schleier einer
apokalyptischen Darstellungsweise ein Stück Geschichte aus der zum
Gottesstaate auswachsenden Bewegung, zu der die ersten Anfänge in der von den
Propheten angestrebten Sozialreform zu suchen sind.
Die Evangelien lassen ihren Christus unter Pontius Pilatus den
Kreuzestod erleiden. Wie aber, wenn dem „Leiden Christi“ ganz andere
geschichtliche Daten zu Grunde lägen, die nur in apokalyptischer Manier in
eine andere Zeit versetzt wären ? Kalthoff wirft die Frage auf, ob nicht
unter der Maske des Pilatus der Statthalter Plinius eingeführt sein könnte,
der unter Trajan zuerst von Staatswegen das Todesurteil an den Christen
vollstreckt habe. Die alten christlichen Katakombenbilder zeigen keinen
geschichtlichen Jesus, sondern Christus in der Gestalt des guten Hirten nach
dem Vorbilde des griechischen Hermes und versinnbildlichen darin die junge
Christenge[97]meinde, die, als der wahre Christus, die Schwachen trägt und
die Irrenden führt. Sie kennen Christus auch nicht als den geschichtlichen
Stifter des protestantischen Abendmahls, sondern nur als mystischen Träger
des kirchlichen Sakraments, wobei die Kirche sich selbst als Leib Christi in
Brot und Wein versinnbildlicht, die sie im Gemeindemahl den Gläubigen zur
Seelenspeise anbietet. Und dieses kirchliche Gemeindemahl ist älter als die
Erzählung von der synoptischen Passahfeier; es ist die kirchliche Umbildung
der in den eleusinischen Mysterien begangenen Lebensfeier, mit der es nicht
nur den religiösen Grundgedanken, das Auferstehungsleben in der Natur,
sondern auch die Elemente der kultischen Feier gemeinsam hat. Die den
synoptischen Evangelien zugrunde liegenden Daten der Leidensgeschichte Jesu
widerstreiten, wie besonders Brandt
gezeigt hat, dem jüdischen Gesetz und den Gepflogenheiten des jüdischen
Gerichtswesens; sie sind nur verständlich, wenn es sich bei der
Leidensgeschichte um eine apokalyptische Schilderung der unter Trajan
verhängten Verfolgung handelt. Die Evangelien lassen das Leben Jesu sieh in
Palästina abspielen. Aber die Szenerie, die sie schildern, ist ganz
unbestimmt, fließend und voller Widersprüche im Einzelnen.
Wie, wenn die evangelischen Erzählungen in bekannter
apokalyptischer Darstellungsweise von anderswoher nach Palästina verlegt sind
und frei mit den geographischen Verhältnissen schalten? Diese Verlegung aber
soll nach Kalthoff von Rom aus erfolgt sein. Dafür scheint ihm besonders die
Gestalt des Petrus in den Evangelien zu sprechen. Er ist unverkennbar die
Verkörperung der römischen Gemeinde und ihrer weltgeschichtlichen
zentralisierenden Bestrebungen, und das Messiasbekenntnis des Petrus ist die
erste Anerkenntnis des katholischen Kirchenideals von Seiten jener Gemeinde,
die in der Gegend von Cäsarea Philippi stattgefunden haben soll, weil diese
Stadt für Palästina die politische Gegenwart Roms bedeutete, da hier der
Sitz der römischen Verwaltung war. In der Verleugnung [98] Petri spiegeln
sich Vorgänge der römischen Gemeinde nach dem Tode des Bischofs Clemens
wieder, wo unter dem Einfluß der durch Plinius veranlaßten
Christenverfolgung ein Rückfall in den alten Partikularismus stattgefunden
hat, der jedoch bald wieder überwunden wurde. Das blutflüssige Weib ist
vielleicht Poppäa Sabina, die anrüchige und sittenlose Gemahlin Neros, die
wegen ihrer starken Hinneigung zum Judentum für eine apokalyptische
Schreibweise wohl als die Frau, die den Saum des Gewandes Jesu berührte,
gelten konnte. Weist doch übrigens auch die Sprache der Evangelien darauf
hin, daß sie außerhalb Roms verfaßt sein müssen. Ihr Griechisch ist
zweifellos urtümlich, nicht eine Übersetzung aus dem Aramäischen. Selbst wo
alttestamentliche Stellen angeführt werden, liegt dem Zitat der Text der
griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta,
zugrunde. Nach Rom soll ferner die Erzählung vom Zinsgroschen, die
Anrede Kyrios, lateinisch Dominus, Herr für Christus weisen. Und endlich
schildern die Evangelien nach Kalthoff soziale Zustände, wie sie in dieser
Gestalt nur auf die Agrarverhältnisse Italiens in der römischen Kaiserzeit
passen, nicht auf diejenigen Palästinas.
Welches waren nun die sozialen Verhältnisse in Rom, die zur
Entstehung des Christentums die Veranlassung gegeben haben? Nach der
Niederwerfung des Sklavenaufstandes des Spartakus durch Pompejus waren die
revolutionären Bestrebungen im römischen Reiche keineswegs erloschen. Sie
fanden ihre beste Nahrung und ihre mächtigsten Antriebe in der religiösen
Ideenwelt des Judentums in Rom, das dem Messianismus zugetan war und, von
kommunistischen Ideen erfüllt, sich in utopischen Schwärmereien über seine
gedrückte Lage hinwegzutäuschen suchte. Aus dem Kampfe der religiösen von
den Propheten verkündigten Rechtsidee mit zwei entgegengesetzten Polen, der
Gewalt von oben und der Gewalt von unten, ist das Christentum hervorgegangen.
Es hat dabei vorn der einen Seite die staatsmännische Weisheit, den
Universalismus des [99] geistigen Lebens, von der andern die Begeisterung des
Ideals und die Glut des religiösen Empfindens in sich aufgenommen. Die
Geschichte dieses Kampfes ist die Geschichte Christi,
wie denn nach Kalthoff die Evangelien den proletarischen Grund und
Ausgang der christlichen Bewegung noch deutlich sollen erkennen lassen, z. B.
in der Verwerfung des Reichtums durch Jesus und seine Seligpreisung der Armen, in der Taufe,
Nur religiös-soziale Kräfte,
nicht ein Einzelner, wie die Evangelien es hinstellen, konnten die religiös-sozialen
Ein[100]richtungen des Judentums überwinden. Der Weltverkehr, die
Vom
sozialtheologischen Standpunkte aus ist das Christusbild nach Kalthoff der „sublimierteste
religiöse Ausdruck“ der in einem bestimmten Zeitalter wirksamen sozialen
und ethischen Ideen; in seinen Wandlungen soll sich das zeitgenössische Leben
von den Höhen seiner geistigsten Ideale .bis zu den Tiefen seiner
materiellsten Lebensvorgänge widerspiegeln. Auf die Frage, ob und inwieweit
die in dem Christus der Evangelien verkörperten sozial-religiösen
Lebensmächte noch imstande sind, eine geistige Führung im Leben der
Gegenwart zu übernehmen, antwortet er daher, daß dies nur insofern der Fall
sein werde, als in ihm die treibenden sozialen Kräfte des heutigen
Klassenkampfes ethisiert und humanisiert, d. h. in religiöser Gestalt zum
Ausdruck kommen. „Der Christus, der uns Heutigen das bedeutet, was der
Christus der Evangelien für seine Zeit gewesen ist, kann nie ein
historischer, ein vergangener Christus sein, er muß aus dem gesamten Inhalt
des modernen Lebens, aus den treibenden Kräften unserer gesellschaftlichen
Kultur geboren werden, er kann nur ein Menschenbild sein, in dem alle
gärenden, alle aufwärts und vorwärts strebenden Tendenzen der heutigen
Menschheit ihren verklärten, vergeistigten und vermenschlichten Ausdruck
finden[48]
.“
In seiner Schrift über „Die Entstehung des Christentums“ hat
Kalthoff die hier angedeuteten Ideen eingehender entwickelt und gegen
Einwände zu sichern versucht. Er bricht hier vollends den Stab über die
Leben-Jesu-Theologie: „Wenn die Geschichtsforschung die
Entstehungsgeschichte des Christentums nicht so lange als eine besondere
Domäne der Theologie von der gesamten übrigen Geschichtsforschung
ausgesondert [102] und ihre Bearbeitung den Fachmännern der Kirche
überlassen hätte, als wenn es zur Beurteilung der hier in Betracht kommenden
Fragen einer ganz besonderen, von allen übrigen Wissensgebieten sich
abhebenden, nur dem kirchlichen Theologen zugänglichen Begabung bedürfe, so
würde die Welt mit der ganzen Leben‑Jesu‑Literatur längst fertig
sein. Die Quellen, welche von dem Ursprung des Christentums Kunde geben, sind
derart, daß es bei dem heutigen Stande der Geschichtsforschung keinem
Historiker mehr einfallen würde, auf Grund derselben den Versuch zur
Abfassung der Biographie eines historischen Jesus zu unternehmen
[49]. Alle Beweise, auf die sich die Theologie für ihren
geschichtlichen Jesus beruft, sind hinfällig. Weder die Paulinischen Briefe.
noch dis außerkirchlichen Zeugnisse können der Behauptung eines solchen
Jesus als Stütze dienen.
Kalthoff schildert noch einmal die Vorgeschichte des Christentums
im römischen Reich, die dort bestehenden sozialen Zustände, die das
Evangelium unrichtiger Weise in Palästina sucht. Er fügt dem die
Vorgeschichte des Christentums in der griechischen Philosophie sowie im
Judentum hinzu und entwirft alsdann ein Bild der kommunistischen
Genossenschaften, aus denen die neue Religion entstanden sein soll. „Das
Christusbild war in allen seinen Hauptzügen fertig, ehe noch eine Zeile der
Evangelien geschrieben war. Die Philosophie hat den Rahmen einer allgemeinen
Weltanschauung, den metaphysischen Dualismus geschaffen, in den das
Christusbild eingefügt wurde. Die wirtschaftlichen Verhältnisse Roms haben
den Explosivstoff zusammengetragen, der im Christentum seine Entladung findet,
und in den religiösen Brüderschaften sind die organisatorischen Kräfte
gegeben, die alle Strömungen der Zeit zu den realen Gebilden der christlichen
Gemeinden zusammen schließen
[50]
“.
[103] Die Organisation der christlichen
Gemeinde zeigt Christus von Anfang an im Mittelpunkte des
Gemeindekultus. Diese Stellung aber hätte er als geschichtliches Individuum
nie erlangen können, das etwa religiöse Lehren verbreitet, eine christliche
Religion „gestiftet“ hätte. „Ein Verein, der von einem jüdischen Rabbi
Jesus gestiftet wäre, hätte sich nach diesem Jesus genannt, aber er wäre
damit nie eine Kultgenossenschaft zu Ehren dieses Jesus geworden, man hätte
diesem Jesus dort keine Hymnen gesungen und ihm zu Ehren keine Eucharistie,
kein Gemeindemahl gefeiert
[51]
.“ Christus ist der Patron der Gemeinde, der Genius der
Genossenschaft, nach dessen Namen diejenigen sich nennen, die sich zu seiner
Verehrung verbunden haben. Wie alle Religion, ist auch das Christentum
ursprünglich eine gesellschaftliche Lebenserscheinung. „Deshalb ist das
liberale Gerede von der Persönlichkeit als dem Träger alles religiösen
Lebens im Hinblick auf den Ursprung des Christentums so sinnlos, so
unhistorisch, weil dieses Christentum noch ganz und gar in der religiösen
Genossenschaft, der Gemeinde, wurzelt. Was der heutige Fromme Christentum
nennt, eine Religion des Individuums, ein persönliches Heilsprinzip, das ist
dem ganzen alten Christentum ein Ärgernis und eine Torheit gewesen; es war
ihm die Sünde wider den heiligen Geist, die nicht vergeben werden sollte,
denn der heilige Geist war der Geist der kirchlichen Einheit, des religiösen
Gemeindezusammenhangs, der absoluten Unterordnung der Herde unter den Hirten.
Deshalb gab es auch im alten Christentum individuelle Religion schlechterdings
nur durch Vermittlung der Genossenschaft, der Gemeinde, der Kirche. Eine
Regung der individuellen Religion auf eigene Faust war Härese, Trennung vom
Leibe Christi
[52]
.“ Wenn daher Christus der „Sohn Gottes“ heißt, so ist damit
nicht eine geschichtliche Persönlichkeit gemeint, sondern Christus ist ein
Gemeinschafts‑ und Gattungsname, der Name [104]
Diese
Christusauffassung noch einmal zu entwickeln und zu verteidigen, sollte
Kalthoff Gelegenheit erhalten, als Bousset in einem Vortrag im Bremer
Protestantenverein über die Frage „Was wissen wir von Jesus?“ sich gegen
ihn wandte und den geschichtlichen Jesus der liberalen Theologie von neuem auf
den Schild zu heben suchte. Seine Erwiderung (1904) führt den gleichen Titel,
wie der Vortrag Boussets, und wendet sich mit äußerster Schärfe gegen die
Aufstellungen seines Gegners. Mit Recht macht Kalthoff sich hier darüber
lustig, wie der liberale Theologe die Dürftigkeit und Schattenhaftigkeit
seines Jesusbildes durch Schönrednerei zu verschleiern sucht, und betont noch
einmal nachdrücklichst, wie aus diesem liberalen Jesus nie und nimmer die
Weltreligion des Christentums hätte erwachsen können. Von einem jüdischen
Rabbi Jesus aus Galiläa weist auch nicht die leiseste Spur eines historischen
Weges zu dem Christusgott der christlichen Gemeinden hin. Der Christus der
Evangelien ist kein Mensch, sondern der Gottmensch, der in den Wolken des
Himmels kommende Menschensohn; und was die historischen Theologen „Evangelienkritik“[105]
nennen, ist, sofern sie dabei das Bild eines reinen Menschen. zu gewinnen
meinen, in Wahrheit eine „Evangetientortur“, die höchstens einen „Professorenchristus“
zutage fördert, der auf jeder Universität anders aussieht als auf den
anderen.
Und das Ergebnis aller dieser Auseinandersetzungen? Kalthoff ist
zweifellos überall im Rechte, wo er sich gegen den modischen Jesuanismus
wendet und dessen geschichtliche und religiöse Unhaltbarkeit aufweist
[53]
. Allein seiner eigenen sozialen Auffassung der Entstehung des
Christentums aus den wirtschaftlichen Zuständen seiner Zeit wird man doch nur
sehr bedingter Weise zustimmen können. Kalthoff bringt die Entstehung dieser
Religion mit der Christenverfolgung unter Trajan in Verbindung. Diese Annahme
aber scheitert schon daran, daß der Brief des Plinius an Trajan, auf den er
sich hierbei beruft, ganz sicher eine Fälschung ist
[54]
. Plinius ist nie Statthalter in Bithynien gewesen, und die
Trajanische Christenverfolgung gehört, ebenso wie die Neronische, wohl nur
der „fromm men“ Legende an. Daß das Christentum aus einer proletarischen
Bewegung hervorgegangen sei, ist außer von Kalthoff auch von Kautsky in
„Der Ursprung des Christentums“ (1908) sowie von Maurenbrecher in
„Von Nazareth nach Golgatha“ (1909)
[55]
behauptet worden. Dagegen spricht jedoch allein schon der Umstand,
daß die neue Religion die Sklaverei nicht nur nicht bekämpft, sondern sie
geradezu ausdrücklich anerkannt hat (s. Paulus!), wie denn erst Papst Gregor
XIV. im Jahre 1839 ihre Verteidigung ausdrücklich verboten hat. Der
evan[106]gelische Jesus wendet sich gegen den Reichtum, weil er die Seelen
verdirbt, nicht aber aus sozialen Gründen. Er preist die Armen selig, weil
sie den Versuchungen der Welt entrückt sind und daher größere Aussicht
haben, ins Himmelreich zu kommen. Aber er bekämpft weder den Kapitalismus
noch fordert er irgendwie zu wirtschaftlichen Maßnahmen auf, weil er bei
seiner Predigt überhaupt nicht die irdischen Zustände und das Wohlsein hier
auf Erden, sondern die Seligkeit des Himmels im Auge hat, die es nicht tunlich
erscheinen läßt, hier unten Schätze zu sammeln, für die Zukunft
vorzusorgen und auf ein Glück im Diesseits zu hoffen. Die Christen sind
wohltätig nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Bruderliebe. Und
wenn in den christlichen Gemeinden die Unbegüterten und im Leben
Zurückgesetzten die Mehrzahl gebildet haben sollten, so nicht, weil die
christliche Bewegung als solche eine proletarische war, sondern nur weil einer
neuen religiösen Heilsbotschaft, die den Menschen eine Veränderung ihres
gegenwärtigen Zustandes und eine „Erlösung“ in Aussicht stellt, stets
die kleinen Leute in der Mehrzahl zuzuströmen pflegen, die am meisten dabei
glauben, gewinnen zu können. Die Versuche, die Entstehung des Christentums
aus sozialen Gründen im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung zu
erklären, sind bisher fehlgeschlagen und werden immer fehlschlagen. Das
Christentum ist eine rein religiöse Bewegung, entsprungen aus der Sehnsucht
nach innerer Erlösung, aus dem Drange nach dem Heil der Seele in einer von
der Angst vor dem Nichtsein geschüttelten Welt. Ökonomische Gründe mögen
bei dem einen oder andern mitgespielt und ihn zum Anschluß an die neue
Religion bewogen [107] haben: das Christentum als solches hat damit nichts zu
tun, und der christliche Kommunismus,
wie die Apostelgeschichte etwa ihn uns schildert, hat ganz andere als
wirtschaftliche Ursachen und entbehrt aller sozialen Bedeutung im Sinne
unserer'Gegenwart. Die immer wieder auftauchenden Versuche, Jesus zum
Vertreter und Vorkämpfer modern-sozialer Ideen zu ''. machen, wie im
sog. christlichen Sozialismus, sind daher auch j nichts als parteipolitische
Geschichtsklitterung und entbehren jeder sachlichen Unterlage. An der Frage
der Entstehung des Christentums scheitert. die Methode der materialistischen
Geschichtsauffassung
[56]
.
Kalthoff steht mit seiner Erklärung der Christusgestalt aus den
Erlebnissen der Gemeinde einem Bruno Bauer nahe, mit dem er sich auch in der
Behauptung berührt, daß nicht Palästina, sondern Rom den Boden für die
Entstehung des Christentums geliefert habe. Doch scheint er Bauer nicht zu
kennen, und was er zugunsten jener Ansicht anführt, kann sich leider nicht
entfernt mit den entsprechenden Aufstellungen seines Vorgängers messen.
Immerhin gebührt ihm das Verdienst, die Frage der Geschichtlichkeit Jesu in
Deutschland zum ersten Male entschieden aufgeworfen und damit das ganze
Problem bei uns in Fluß gebracht zu haben.
Peter Jensen
Eine
sehr eigenartige Auffassung der evangelischen Geschichte hat Peter Jensen
(geb. 1861), Professor der semitischen Sprachen und der orientalischen
Geschichte in Marburg, aufgestellt in seinem umfangreichen Werke „Das
Gilgamesch-[108]Epos in der Weltliteratur. Erster Band: Die Ursprünge der
alttestamentlichen Patriarchen-, Propheten- und Befreier-Sage und der
neutestamentlichen Jesus-Sage!“ (1906).
Das babylonische Gilgameschepos ist wohl das älteste Epos der
Weltliteratur. Es ist uns leider nur in sehr bruchstückartiger Form, auf
zwölf Tontafeln erhalten, die in Ninive in der Bibliothek des Königs
Assurbanipal (668-626 v. u. Z.) gefunden wurden. Doch sind die behandelten
Stoffe älter und gehen auf die Zeit um 2000 v. u. Z. zurück. Das Epos
handelt von den Schicksalen des Helden Gilgamesch und seines Freundes Engidu,
der bei Jensen Eabani heißt. Sein Inhalt ist kurz folgender: Gilgamesch, der
Gottmensch und Herr der Stadt Erech in Südbabylonien, bedrückt seine
Untertanen und veranlaßt diese hierdurch dazu, sich von der Göttin Aruru
einen gewaltigen Helden zu erbitten, damit er sie von ihrer Not erlöse.
Dieser Held ist der Tiermensch Eabani. Durch ein Weib aus der Wüste nach
Erech gelockt, mißt er sich im Zweikampf mit Gilgamesch, um alsdann mit
diesem Freundschaft zu schließen und mit ihm zusammen auf Abenteuer
auszuziehen. Sie töten den furchtbaren Humbaba, den Herrn des Zedernberges.
Ischtar, die Göttin, bietet sich dem Gilgamesch zur Buhlschaft an, wird aber
von diesem zurückgewiesen. Darüber ergrimmt, veranlaßt Ischtar ihren Vater
Anu, einen Stier vom Himmel herabzusenden, um Gilgamesch zu töten. Allein die
Freunde überwinden den Stier und feiern zusammen mit den Bewohnern von Erech
die von ihnen verrichteten Heldentaten. Der plötzliche Tod des Eabani
erfüllt dessen Freund mit Todesfurcht, und Gilgamesch macht sich auf den Weg
nach dem fernen Westen zu seinem Ahnherrn Xisuthros (Utnapischtim), der in den
Kreis der Götter aufgenommen ist, um von ihm Kunde [109] darüber einzuholen,
wie er die Unsterblichkeit gewinnen könne. Nach mannigfachen Gefahren und
Abenteuern kommt er zu seinem Ahn. Dieser erzählt ihm die Geschichte von den
sieben Plagen und der Sintflut, wie er auf Befehl des Gottes Ea eine Arche
gebaut, die Seinigen samt allerlei Tieren darin untergebracht habe und so
gerettet worden sei. Auf die Frage des Gilgamesch aber antwortet er nur, daß
das ewige Leben den Menschen nicht bestimmt und der Tod allein die Ewigkeit
sei. Trotzdem will er einen Versuch machen, dem Gilgamesch die Unsterblichkeit
zu verschaffen. Er soll den Schlaf überwinden und sechs Tage und sechs
Nächte wach bleiben. Allein Gilgamesch besteht die Probe nicht. Zwar gelingt
es ihm, das Lebenskraut vom Boden des Meeres heraufzuholen, aber es wird ihm
auf der Heimreise nach Erech von einer Schlange geraubt. In seine Stadt
zurückgekehrt, beschwört er den Geist des Eabani, aber nur, um von diesem zu
erfahren, welch jammervolles Schicksal den Sterblichen in der Unterwelt
erwartet. Damit bricht das Gedicht ab.
Und von diesem Gedichte behauptet nun Jensen, daß die in ihm
erzählte Sage von Gilgamesch, einer Form des Sonnengottes, das Vorbild einer
ganzen Anzahl anderer Sagen, und zwar nicht bloß israelitischer, wie der
Moses- und Eliassage, sondern auch griechischer, indischer und germanischer
Sagen und Märchen bilde, diese somit alle durch den Einfluß von Babylon
bestimmt seien und daß auch die Geschichte Jesu in derselben Weise diejenige
des babylonischen Helden widerspiegele. In seiner Schrift „Moses, Jesus,
Paulus. Drei Varianten des babylogischen Gottmenschen Gilgamesch. Eine Anklage
wider die Theologen, ein Appell auch an die Laien“ (1909) hat Jensen dann
auch den Apostel Paulus als Ableger von Gilgamesch zu erweisen unternommen und
seine Ansicht dahin formuliert, „daß der Gesamtverlauf gewisser
babyionischer Sagen in den meisten alttestamentlichen und in den
neutestamentlichen Geschichten von Jesus (und Paulus) in der Hauptsache
wieder[110]kehrt, daß die Ereignisse in jenen Sagen in wesentlich gleicher
Reihenfolge sich wiederholen, daß eine ähnliche oder doch wenigstens eine
auffällige Parallelität nun auch zwischen diesen alttestamentlichen
Geschichten und den Geschichten von Jesus untereinander nachweisbar ist. Es
handelt sich also nicht um irgendwelche einander ähnliche Einzelheiten, wie
sie in den Sagen überall auf der Erde auftreten können und müssen, ohne
miteinander verwandt zu sein, sondern um zum Teil sehr lange parallele
Episodensysteme, ja, um noch mehr, um ein System paralleler Episodensysteme
[57]
."
Wie beweist nun Jensen diese Behauptung, die den gewöhnlichen
Leser des Gilgameschepos ja allerdings sehr überraschen muß, da er von einer
Übereinstimmung der Geschichte des Gilgamesch mit derjenigen der angeführten
neutestamentlichen und alttestamentlichen Personen beim Lesen des Epos wohl
kaum etwas entdecken wird? Zwar daß die Geschichte Jesu in wesentlichen
Einzelheiten durch diejenige des Moses und Elias bestimmt sei, wird man Jensen
ohne weiteres zugeben müssen. Darüber kann ja seit Strauß kein Zweifel mehr
sein. Fragt sich nur, ob wir genötigt sind, diese Übereinstimmungen letzten
Endes wieder auf das Gilgameschepos zurückzuführen. Und hier wird man doch
seine großen Bedenken haben. Jensen stellt die verschiedenen Geschichten in
parallele Reihen nebeneinander und sucht, durch Hervorhebung ihrer
Übereinstimmungen die Abhängigkeit der einen von der andern nachzuweisen. So
wird im Anfang der Gilgameschsage Eabani auf Befehl der Götter durch ein
Wunder geschaffen. Ganz ebenso wird im Anfang der Jesusgeschichte nach
Ankündigung durch einen Engel Gottes Johannes durch ein Wunder erzeugt.
Eabani lebt fern von den Menschen in der Steppe. Johannes lebt in der Steppe
am Jordan. Eabani ist behaart und vermutlich (!) mit Fellen bekleidet, und
dasselbe gilt auch von Johannes. [111] Jener lebt, wie die Tiere der Steppe,
von Gras, Kraut und Wasser. Johannes lebt von Heuschrecken und wildem Honig.
Ein Traum offenbart dem Gilgamesch die baldige Ankunft des Eabani. Johannes
erfährt durch Offenbarung von der unmittelbaren Ankunft Jesu.
Bis hierher stimmt ja alles so ziemlich überein, bis auf die
belanglose Personenvertauschung: Gilgamesch statt Eabani, jedoch genügt es,
an den alttestamentlichen Elias zu denken, ohne daß wir darum den
babylonischen Gilgamesch zu bemühen brauchen. Schon das Folgende aber muß
uns stutzig machen. Daß die Beschwichtigung des Eabani in seinem Groll durch
den Sonnengott, die Anspielung auf köstliche Speisen (Brote) und das Küssen
seiner Füße durch die Könige der Erde auf die Geschichte von der Versuchung
Jesu abgefärbt haben sollte, erscheint doch reichlich gekünstelt, zumal auch
die Stellung jener Erzählung im Epos nicht feststeht. Daß die Bezwingung des
großen Löwen und diejenige der großen Schlange, die noch dazu ganz unsicher
ist, mit der Verkündigung des Reiches Gottes und der Austreibung des Dämons
in der Synagoge zu Kapernaum, die Fieberplage und die Fürsprache des
Xisuthros für die Menschheit mit der Heilung der Schwiegermutter des Petrus
in Übereinstimmung gesetzt wird, erscheint als eine starke Zumutung an den
Leser. Und wenn Jensen gar die Sintflutsage von Xisuthros dazu herbeizieht, um
sie der Fahrt Jesu über den See, seiner Stillung des Sturmes und der Landung
im fremden Peräa gleichzusetzen, wenn er den Tod der 2000 Schweine im Lande
der Gerasener auf den Untergang der Tiere („darunter auch die Schweine«!)
infolge der großen Flut bezieht, die erst viel später erzählte Geschichte
der Verklärung Jesu mit der Vergöttlichung des Xisuthros auf einem Berge
sieben Tage nach seiner Landung vereinerleit, die Beleidigung der Ischtar
durch Gilgamesch in der Beleidigung des Herodes durch Johannes den Täufer
wiederfindet usw., so fühlt man sich veranlaßt, den Kopf zu schütteln, und
beginnt man, an den Ta[112]bellen Jensens irre zu werden. Die Erzählungen
sind doch gar zu verschieden, die Übereinstimmungen vielfach zu äußerlich
und unbestimmt, zu sehr bei den Haaren herbeigezogen,
als daß man an einen wirklichen Zusammenhang der Berichte
glauben könnte.
Dazu kommt, daß auch die Reihenfolge der Geschichten auf den
beiden Seiten keineswegs so durchweg übereinstimmt, wie Jensen es sich
einredet. Die Stellung der verschiedenen Bruchstücke im Gilgameschepos ist
durchaus nicht immer sicher und wird von den verschiedenen Erklärern dieses
Werkes oft ganz verschieden behandelt. Man wird an nur zu vielen Stellen bei
Jensen den Eindruck des Zurechtgemachten nicht los und begreift überdies
nicht, wie oft so unbedeutende Einzelheiten des Gilgameschepos in der
Geschichte Jesu wiederkehren konnten, die in jenem doch gar keine Rolle
spielen, während Wichtiges unberücksichtigt bleibt und keinerlei
Seitenstück besitzt, so daß Jensen bei der bruchstückartigen Beschaffenheit
des Gilgameschepos sich stellenweise genötigt sieht, die Entsprechung erst
seinerseits hinzuzudichten. Der Kern des babylonischen Gedichtes ist doch wohl
die Freundschaft zwischen Gilgamesch und Eabani. Allein gerade diese hat in
der Jesusgeschichte keinerlei Entsprechung, da Jesus und Johannes hier doch
nur in einer sehr losen Verbindung stehen und nirgends zusammen handelnd
auftreten. Und was von der Geschichte Jesu gilt, das gilt ganz ebenso auch von
derjenigen des Paulus. Auch hier sind die angeblichen Übereinstimmungen
vielfach bei den Haaren herbeigezogen und lassen selbst denjenigen
unbefriedigt, der sich gerne überzeugen lassen möchte. Kurz, die Behauptung
Jensens, daß die Jesusgeschichte in den Grundzügen eine israelitische
Gilgamesch-Xisuthros-Sage sei, ist von ihm keineswegs bewiesen worden. Zum
mindesten ist die von ihm angewandte Methode der Mythenvergleichung kaum
geeignet, jemanden, der an die Geschichtlichkeit Jesu glaubt, vom Gegenteil zu
überzeugen.
[113] Jensen selbst ist der Ansicht, mit den aufgezeigten
Übereinstimmungen den rein mythischen Charakter Jesu nachgewiesen zu haben.
„Jesus von Nazareth, an den, als an Gottes Sohn und den Erlöser der Welt,
wenigstens seit bald zwei Jahrtausenden, aber vielleicht schon viel länger,
eine Christenheit glaubt, und in dem auch die fortgeschrittene Wissenschaft
unserer Tage wenigstens noch einen großen Menschen sieht, der einmal als ein
hehres Vorbild auf Erden wandelte und starb, dieser Jesus hat niemals auf
Erden gewandelt, ist niemals auf Erden gestorben, weil er nichts wie ein
israelitischer Gilgamesch ist, nichts wie ein Seitenstück zu Abraham, zu
Moses und zu unzähligen anderen Gestalten der Sage. Wie einst die Babylonier
in ihrem Gilgamesch, so verehrt daher die Christenheit in ihrem Jesus—zur
Hälfte—eine im Nebel verschwindende, für das Menschenauge erlöschende
Sonne, unsre große, herrliche Sonne nämlich, und dieselbe Sonne, die schon
vor vielen Jahrtausenden in glühender Pracht und lebendiger Majestät am
babylonischen Himmel auf- und unterging und König und Volk im babylonischen
Lande zu anbetender Verehrung und dankbarem Dienste zwang. Wir, die Kinder
einer vielgepriesenen Zeit wunderbarer Kulturerrungenschaften, die wir wohl
gerne mit mitleidigem Lächeln auf Glauben und Sitte von Völkern der Vorzeit
sehen, wir dienen in unseren Domen und Gebetshäusern, unseren Kirchen und
Schulen, in Palast und Hütte, einem babylonischen Gotte, babylonischen
Göttern ! Ja wir, ein großes, mächtiges Kulturvolk deutscher Brüder, wir
zerreißen einander selbst im Kampf wegen des Flitterstaates, den man diesem
fremden Gotte umgehängt hat; wir unterbinden die Quellen unserer Volkskraft,
weil in Rom ein Mann auf dem Throne sitzt, der durch Menschenwahn und
Menschenwillkür der Statthalter dieses babylonischen Sonnengottes ist
[58]
!“
Mit diesen
Worten schließt Jensen sein großes Werk über das Gilgameschepos. In seiner
Schrift über „Moses, Jesus und [114] Paulus“ aber weist er darauf hin,
daß das Leben Jesu nie und nirgends und von niemandem gelebt worden sei; und
also, fügt er hinzu, stammen die Reden und Aussprüche Jesu, da sie doch von
irgend jemand herrühren müssen, nicht von einem, der das „Leben Jesu“
wirklich gelebt hat
[59]
. Es hilft daher auch nichts, echte Reden Jesu von unechten zu
unterscheiden und jene als Zeugnisse von „Jesus" zu betrachten. „Denn
wo, wann und wie dieser Jesus gelebt hätte bzw. hat, wissen wir nun einmal
nicht, ganz abgesehen davon, daß der Name ‚Jesus’ höchst verdächtig
ist, lediglich den sagenhaften Träger der Jesussage bezeichnet zu haben! Und
wer sagt uns, daß wirklich alle auf diesen einen ‚Jesus’
zurückgeführten und nicht aus der Sage stammenden Reden und Worte Jesu
wirklich auf diesen Einen zurückzuführen sind? Davon wissen wir doch gar
nichts
[60]
!“ So stammen auch die sog. echten Paulinischen Briefe nicht von
dem Paulus der Apostelgeschichte; sie sind somit literarische Fälschungen
eines hochbegabten Mannes, eines Anhängers „Paulinischer“ Ideen, dessen
Nationale uns aber gänzlich unbekannt ist.
Es war
vorauszusehen, daß solche Ansichten eines Universitätsprofessors, der selbst
gewissermaßen zur theologischen Zunft gehörte, von seinen Amtsgenossen
höchst übel aufgenommen werden würden. Sie ließen es denn auch an Hohn und
Spott nicht fehlen und entrüsteten sich nicht wenig über den Mann, der ihren
Jesus mit einem babylonischen Sonnengott in Zusammenhang zu bringen wagte.
Besonders Jensens Universitätskollege Jülicher fühlte sich als Christ und
Gelehrter in seinem tiefsten Herzen beleidigt und ergriff um so lieber die
Gelegenheit, sich in einem öffentlichen Vortrage gegen den Gilgamesch-Jesus
auszusprechen und um so weiter von seinem Kollegen abzurücken, als es
zugleich die erregten Gemüter in Marburg zu beschwichtigen und sie davon zu
überzeugen galt, daß zur [115] Beunruhigung keinerlei Grund vorliege. Auf
diesen Vortrag antwortete Jensen alsdann in einem Gegenvortrag, der unter dem
Titel „Hat der Jesus der Evangelien wirklich gelebt? Eine Antwort an Prof.
Dr. Jülicher“ auch im Druck erschienen ist (1910).
Mit Recht weist Jensen hier den von Jülicher gegen ihn erhobenen
Vorwurf zurück, in die Arbeiten einer fremden Wissenschaft anmaßlich
eingegriffen zu haben. „Ich habe eingegriffen, ja. Indes seit wann ist es
anmaßlich, Beziehungen nachzugehen, die man neu zwischen seiner eigensten und
entlegeneren Wissenschaften aufgedeckt hat? Darf etwa Sven Hedin nicht in
Tibet reisen und den Transhimalaja entdecken, weil Tibet den Tibetanern
gehöre? Aber freilich wußte ich nicht, wie ich durch dieses Eingreifen
Jülichers Wissenschaft um ihren Respekt gebracht haben könnte.“ Im
übrigen lautet bei aller Entschiedenheit, mit welcher der Angegriffene die
Einwände der Theologen zerpflückt, der Ton Jensens in Bezug auf die
Hauptfrage, nämlich ob Jesus gelebt hat, doch entschieden bedeutend
vorsichtiger, als wie er in dessen bisher erwähnten Auslassungen geklungen
hatte. Er will nicht als Stürmer und Kämpfer gegen das Christentum, als ein
neuer Herostrat angesehen werden. „Nichts liegt mir ferner als dies.“ Er
bekennt sich sogar ausdrücklich zum Christentum
[61]
. „Was ich“, sagt er, „aus dem Jesusglauben eliminieren
möchte, ist einzig und allein die Mythologie des Christentums, wahrlich nicht
dessen Wesen und Kern, dessen Ideenwelt, nicht einmal die Jesusgestalt als
eine geschichtlich gewesene. Ja, ich wage, es zu glauben, dass meine Stellung
zu diesen Dingen und sogar zu der Mythologie des Christentums im Prinzip nicht
allzu verschieden ist von der vieler oder mancher evangelischer Theologen,
Geistlicher und Theologieprofessoren. Meines Erachtens ist hier der
Unterschied mehr gradueller als prinzipieller Natur
[62]
."
[116] Jensen verwahrt sich dagegen, mit denjenigen in einem Atem
genannt zu werden, die die Frage „Hat Jesus gelebt?“ mit einem glatten „Nein“
beantworten. Als ob man das so apodiktisch könnte! Als ob nicht die Reden und
Aussprüche Jesu da wären, die doch von irgend einem oder irgend welchen
lebendigen und geschichtliches Menschen gesprochen sein müßten! „Einen
irgendwie historischen Jesus, der wirklich und wahrhaftig gelebt hat, habe ich
also ausdrücklich—natürlich anerkannt
[63]
!' Dabei scheint Jensen jedoch vergessen zu haben, daß wir nach
seiner eigenen früheren Aussage von diesem Jesus schlechterdings gar nichts
wissen und möglicherweise mehrere Persönlichkeiten als Urheber der
Jesusworte angesehen werden müssen. Hebt er doch auch jetzt wieder hervor,
daß, was von dem Leben Jesu als möglicherweise historisch übrig bleibt, „höchst
unbedeutend“
[64]
sei. Möglich, daß dazu auch die Kreuzigung gehöre, obschon es
Gründe gäbe, die auch für ihre Ungeschichtlichkeit sprächen
[65]
. Trotzdem will und kann er nicht leugnen, „daß Einzelheiten des
Lebens Jesu, daß der Kern seiner Persönlichkeit möglicherweise historisch
sind und ist
[66]
“. Ja, gerne mag das Charakterbild, das Jülicher von Jesus
entworfen, in der Hauptsache oder ganz historisch sein, und ohne Frage steckt,
wie Jensen einräumt, in unserem Jesus „etwas historisches genuin-israelitisches
Menschliches“. „Es hat sich somit möglicherweise irgendwann und irgendwo
in Palästina, meinetwegen bald nach dem traditionellen Datum für Jesu Tod in
der Überlieferung, die Jesussage babylonischen Ursprungs mit einem Manne
verknüpft, auf den Jesu Reden zurückgeführt werden und meinetwegen fast
alle seine größeren Reden bei den ersten Evangelisten zurückzuführen sind,
und dieser Mann mag zu der Zeit gelebt haben, zu der Jesus gelebt haben [117]
soll
[67]
.“ Man kann es bei dem Schillernden und Schwankenden dieser
verschiedenen Redewendungen einem Jülicher nicht übel nehmen, wenn er, wie
Jensen ihm vorwirft, nicht genau weiß, was dieser eigentlich will. Jensen
selbst hat es dem Leser nicht leicht gemacht, seine wahre Meinung klar zu
erkennen. Schließlich gehört er ja wohl zu denen, die das Daß eines
geschichtlichen Jesus gelten lassen, ohne über sein Was etwas wissen zu
wollen. „Wasch' mir den Pelz, aber mach' mich nicht naß.“ Man kann sich
des Gefühles nicht erwehren, daß Jensen zu seinen Zugeständnissen
hinsichtlich jenes Daß nur durch die Angriffe der Theologen veranlaßt worden
ist, seine schließliche Annahme somit einer Art Rückzug gleichkommt, um vor
den Gegnern Ruhe zu haben, die zufrieden sind, wenn man ihnen nur überhaupt
das Dasein eines geschichtlichen Jesus zugibt.
Die
vergleichende Religionsgeschichte
Mit seiner
Behauptung einer Beeinflussung der Bibel durch babylonische Vorstellungen
stand Jensen übrigens nicht vereinzelt da. Seit Friedrich Delitzsch's Vortrag
über „Babel und Bibel“ (1903) war das Interesse für den alten Orient in
weiten Kreisen wachgerufen. Schon im folgenden Jahre gab Alfred Jeremias,
Professor der Theologie in Leipzig, sein Buch „Das Alte Testament im Lichte
des alten Orients“ heraus, in welchem er die zahlreichen Beziehungen
zwischen der altisraelitischen und babylonischen Anschauungen aufdeckte,
freilich ohne hierbei Gilgamesch eine so bedeutsame Rolle, wie Jensen,
zuzuschreiben. Und 1905 erschien seine Schrift „Babylonisches im Neuen
Testament", die die gleiche Betrachtungsweise auch auf dieses anwandte.
Jeremias steht grundsätzlich auf dem Standpunkte der kirchlichen
Rechtgläubigkeit. Er schreibt dem Christentum schlechthinige Einzigartigkeit
und absolute Vollkommenheit zu und will in ihm die Religion [118] schlechthin
erblicken, in welcher wir Gott „voll und ganz“ besitzen.
Nichtsdestoweniger ist er unbefangen genug, um die mannigfachen Beziehungen zu
würdigen, die das Neue Testament mit der Weltanschauung des alten Babylon
verbinden, und er findet sich in Bezug auf sie derartig mit seinem religiösen
Glauben ab, daß er alle vorchristlichen orientalischen Ideen zugleich mit den
israelitischen Weissagungen in der geschichtlichen Erscheinung Jesu erfüllt
sein läßt, indem in der Christologie des Christentums zur Wirklichkeit
geworden sei, was in andern Religionen nur mythologisches Schema der antiken
Erlösererwartung sei (!). Die babylonische Weltanschauung ist wesentlich
astral, durch die Beobachtung des Sternhimmels bestimmt. Und so nimmt Jeremias
in gewissem Sinne zugleich den Faden wieder auf, den Dupuis und Volney
angesponnen hatten, nachdem deren Forschungen in Deutschland einen Vertreter
höchstens nur an dem getauften Juden F. Nork
(eigentlich Korn) in seinen zahlreichen Schriften über Mythologie
und Christentum gefunden hatten
[68]
. In diesem Sinne behandelt Jeremias den Kalendermythus vom
sterbenden und siegreichen Jahrgott und der Erscheinung des Erlöserkönigs,
der nicht nur in der Geburts- und Leidensgeschichte Jesu, sondern auch in der
Offenbarung des Johannes zutage tritt. Er zeigt, wie die irdischen
Heiligtümer Abbilder himmlischer Heiligtümer sind und zahlreiche Gleichnisse
und, Redewendungen der Evangelien erst durch die astrale Weltanschauung des
Orients völlig verständlich werden. Das Weltbild des Neuen Testaments
entspricht demjenigen Babylons. Die Zwölfzahl der Apostel geht auf den
Tierkreis zurück, während die vier Evangelisten durch die. vier Weltecken
der Babylonier bestimmt sind.
Jeremias wandte sich mit alledem gegen
die sog. „religions[119]geschichtliche Schule“, die unter
dem Eindruck der neuesten Ausgrabungen und Entdeckungen während des ersten
Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts einen mächtigen Aufschwung nahm,
durch vergleichende Betrachtungsweise die Übereinstimmungen der verschiedenen
Religionen aufdeckte, die mythische Beschaffenheit immer neuer evangelischer
Züge ans Licht zog und sie damit als ungeschichtlich glaubte, erweisen zu
können. In diesem Sinne hatte auch der Theologe Otto Pfleiderer in der
zweiten Auflage seines Werkes „Das Urchristentum, seine Schriften und Lehren
im geschichtlichen Zusammenhange beschrieben“ (1942) sich sehr skeptisch
über das Leben Jesu ausgelassen und sowohl hier wie in „Das Christusbild
des urchristlichen Glaubens in religionsgeschichtlicher Beleuchtung“ (1903)
die wesentlich mythische Bedingtheit des überlieferten Christusbildes
aufgezeigt. Wenn er auch an einem geschichtlichen Jesus festgehalten hatte, so
hatte er doch bestritten, daß es möglich sei, den echt geschichtlichen Kern
der evangelischen Darstellung aus ihrer mythischen Verhüllung herauszulösen,
und davor gewarnt, mit Hinwegsehen von allem anderen und Hinzusehen von vielem
Eigenen ein Christusideal nach modernem Geschmack konstruieren zu wollen, in
der Meinung, in dem mehr oder weniger stilisierten modernen Christusbild das
Ergebnis wissenschaftlicher Forschung zu erblicken, das sich zum antiken
Christusbild wie die Wahrheit zum Irrtum verhalte. „Man sollte“, hatte er
geschrieben, „so nüchtern und ehrlich sein, zuzugestehen, daß beide, das
moderne und das antike Christusbild, gleichermaßen Schöpfungen des
religiösen Gemeingeistes ihrer Zeit sind, entsprungen aus dem natürlichen
Bedürfnis des Glaubens, sein eigentümliches Prinzip in einer typischen
Gestalt zu fixieren und zu veranschaulichen: der Unterschied beider aber
entspricht der Verschiedenheit der Zeiten: dort ein naiv-mythisches Epos, hier
eine sentimentalreflektierte Romantik
[69]
.“ Die Zahl der Vergleichungspunkte [120] zwischen
dem Christusglauben des Christentums und den religiösen Ideen der Umwelt, mit
syrischen, persischen, babylonischen, indischen, ägyptischen, griechischen
und anderen Glaubensvorstellungen ist so groß, daß das Christentum
unmöglich als etwas schlechthin Neues und Einzigartiges vorn Himmel
herabgefallen sein kann, sondern es muß aus dem geschichtlich vorbereiteten
Boden der damaligen Völkerwelt als reife Frucht einer jahrtausendalten
Entwicklung erwachsen sein.
Das ist auch die Ansicht Hermann Gunkels in seiner
vielbeachteten Schrift „Zum religionsgeschichtlichen Verständnis des Neuen
Testaments“ (1903). Auch er vertritt den Standpunkt, daß die
neutestamentliche Religion bei ihrer Entstehung und Ausbildung in wichtigen,
ja, wesentlichen Punkten unter entscheidendem Einfluß fremder Religionen
gestanden hat, und weist darauf hin, daß das Christentum, „aus dem
synkretistischen Judentum geboren, stark synkretistische Züge aufweist.“
Dabei macht er besonders, auf den Einfluß, aufmerksam, den die
altorientalische, vorjüdische und vorchristliche Gnosis, die sog. mandäische
Religion mit ihrem Dualismus, ihrer pessimistischen Betrachtung der Dinge,
ihrem Sektenwesen und ihrer sakramentalen Mystik auf die christliche
Weltanschauung ausgeübt hat. Orientalisch (babylonisch und persisch) sind vor
allem die endzeitlichen (eschatologischen) und apokalyptischen Vorstellungen
des vorchristlichen Judentums, die Engellehre, die Lehre vom Messias oder
Welterlöser nebst der hierzu gehörigen Bildersprache sowie auch die Lehre
von der Auferstehung. Besonders die Offenbarung des Johannes, die Christus nur
als vorgeburtliches Himmelswesen kennt, zeigt diesen orientalischen Einfluß.
Dabei weist Gunkel darauf hin, daß es viele solche auf Geheimüberlieferung
beruhende apokalyptische Schriften gegeben haben muß, deren mythische
Grundlagen wir nicht kennen, und er warnt davor, wozu die heutigen Forscher
nur zu leicht geneigt sind, Gedanken und Vorstellungen, die uns einstweilen in
den erhaltenen jüdischen [121] Schriften nicht bezeugt sind, als nicht
vorhanden anzusehen. Rein mythisch ist die Kindheitsgeschichte Jesu, wie denn
nach Gunkel überhaupt der Mythus in den Evangelien eine viel größere Rolle
spielt, als man bisher hat zugeben wollen. So ist besonders auch die
Geschichte des Todes und der Auferstehung Jesu durch den Mythus vom sterbenden
und auferstehenden Erlösergott der benachbarten orientalischen Völker
beeinflußt. Schon vor Jesus hat es einen Glauben an Tod und Auferstehung des
Christus in jüdisch‑synkretistischen Kreisen gegeben. Die Paulinische
Lehre von der Taufe wurzelt im orientalischen Mysterienglauben, und auch die
Christusfigur des Paulus ist nicht sowohl dem „überwältigenden Eindruck
der Person Jesu“, als vielmehr aus dieser Quelle hervorgegangen. Ist es
wirklich erlaubt, fragt Gunkel, eine geschichtliche Tatsache von so gewaltiger
Bedeutung, wie die Christologie, von dem einmaligen Erlebnis eines Einzelnen
(Paulus) herzuleiten? Ein Glaube, der die Welt erfüllt, der die Gemüter von
nunmehr zwei Jahrtausenden beherrscht, muß tiefere und umfassendere
Fundamente haben. Das Bild vom himmlischen Christus muß schon vor dem Neuen
Testament irgendwo bestanden haben, nämlich eben im jüdischen Geheimglauben.
„Die Herzen glaubten schon an einen göttlichen Offenbarer, ein göttlich‑menschliches
Tun, an eine Versicherung durch Sakramente
[70]
“. Die Vorstellung dieses himmlischen Christus, eines vom Himmel
erschienenen Gottessohnes, ist nur nachträglich von den Christen auf den
geschichtlichen Jesus übertragen worden, und Gunkel meint, so sei die
neutestamentliche Christologie doch „ein gewaltiger Hymnus, den die
Geschichte auf Jesus singt“
[71]
(!) Er ist also weit entfernt, die Geschichtlichkeit Jesu selbst
zu leugnen. Er spricht sogar mit einer gewissen Entschiedenheit in der
beliebten theologischen Manier von der „alles überragenden Größe
Jesu" und dem „Geheimnis" seiner Persönlichkeit. Aber man kann
[122] sich auch bei ihm, wie bei allen, die das Christentum
religionsgeschichtlich betrachten, des Eindrucks nicht erwehren, daß diese
Zugeständnisse doch am Ende nur dazu dienen sollen, die neue
religionsgeschichtliche Methode gegen die Einwände der Gläubigen zu
schützen und die vom Glaubensstandpunkt aus gegen sie erhobenen Bedenken zu
beschwichtigen. Nachdem man glücklich alles Geschichtliche aus den Evangelien
hinausgeschafft hat, fühlt man sich, um den theologischen Fachgenossen genug
zu tun, um so mehr veranlaßt, in überschwenglichen Redewendungen den
geschichtlichen Jesus zu feiern, von dem man doch selbst so gut wie gar nichts
mehr übrig gelassen hat.
Im Jahre 1907 trug der Jenenser Orientalist Karl Vollers (gest.
1909) in seinem Buch „Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen
Zusammenhange“ eine Ansicht über das Christentum vor, die, wofern sie nicht
geradezu auf die Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu hinauslief, doch
jedenfalls nahe an diese anstreifte. Auch Vollers läßt das Christentum aus
der Verschmelzung des jüdischen Messiasglaubens mit dem heidnischen
Auferstehungsglauben, dem Glauben an einen sterbenden und auferstehenden Gott,
hervorgehen. Er weist auf die ganz und gar unsichere Beschaffenheit des
urchristlichen Schrifttums hin. Er spricht von dem „urchristlichen Hiatus“,
der zwischen dem evangelischen Jesus und dem ältesten Berichterstatter Paulus
besteht. Zwar verneint er nicht die Möglichkeit, daß einige Nachrichten von
einem geschichtlichen Jesus in den Evangelien erhalten sein könnten, aber er
betont doch auch zugleich, daß „gewichtige Gründe“ für die radikale
Mythendeutung sprechen und räumt ein, daß keine absolut entscheidenden
Argumente für die Geschichtlichkeit der Person Jesu beigebracht werden
können
[72]
. Und für gänzlich unwahrscheinlich erklärt er es, daß, wenn
ein Jesus von Nazareth den Anstoß zur Entstehung des Christentums gegeben
habe, „ihm auch nur annähernd die [123] Stellung und Bedeutung zukommt,
welche die evangelische Überlieferung auf ihn übertragen hat“.
Hiernach war es natürlich, daß jemand, der keine theologischen
Interessen zu vertreten und sich die Unbefangenheit des Blicks bewahrt hatte,
nun auch mit dem letzten Reste eines geschichtlichen Jesus Kehraus machte und
die wahre Folgerung der religionsgeschichtlichen Betrachtungsweise zog. Dies
geschah erstmalig durch C. Promus (Deckname für eine im höheren
preußischen Schuldienst stehende Persönlichkeit) in seinem Schriftchen „Die
Entstehung des Christentums. Nach der modernen Forschung für weitere Kreise
voraussetzungslos dargestellt“ (1905). Auch hier wird das Christentum unter
Heranziehung der orientalischen Religionen und der griechischen Philosophie
als synkretistische Religion geschildert. Es wird gezeigt, inwieweit besonders
die Paulinische Gnosis durch fremde Vorstellungen beeinflußt ist, ihre
Echtheit mit Berufung auf die länder geleugnet und Kalthoff Recht gegeben,
daß die Evangelien aus der Kirche, nicht umgekehrt verstanden werden müssen.
Der Verfasser beruft sich dabei besonders auch auf Gunkel und spricht nur aus,
was dieser noch nicht zu sagen gewagt hatte, nämlich daß Jesus keine
geschichtliche Persönlichkeit sei und sein Leben, wie die Evangelien es
schildern, nur eine symbolische Dichtung darstelle.
William
Benjamin Smith
Die liberale Theologie ließ sich durch alles dies nicht
anfechten. Ja, sie trug selbst dafür Sorge, daß die Ergebnisse der
religionsgeschichtlichen Forschung, so bedenklich sie auch für ihren eigenen
Standpunkt sein mochten, in die weitesten Kreise des Volkes hineingetragen
wurden, ganz besonders auch durch die Herausgabe von Martin Brückners Schrift
„Der sterbende und auferstehende Gottheiland in den orientalischen
Religionen“ in der Sammlung der Religionsgeschichtlichen [124]
Bei dieser Sachlage konnte es Schmiedel keine Überwindung
kosten, ein Buch mit einem empfehlenden Vorwort zu versehen, das, wie nur
irgend eines, geeignet war, die Frage der Geschichtlichkeit Jesu von neuem in
Fluß zu bringen. Es war „Der, vorchristliche Jesus nebst weiteren
Vorstudien zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums“ (1906) von dem
amerikanischen Professor der Mathematik und Philosophie an der Tulane
University in New Orleans William Benjamin Smith. Schmiedel verwahrte
sich dagegen, ein Anhänger der Ideen von Smith zu sein, aber er gestand, „seine
wissenschaftliche Ausrüstung und seine Arbeitsweise seit einiger Zeit kennen
und schätzen gelernt“ zu haben, und erklärte, selbst wenn die Art der
Vertretung dieser Ideen weit weniger geschickt wäre, er es für eine Pflicht
aller auf wissenschaftlichen Sinn Anspruch machenden Theologen halten würde,
sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Handle es sich doch hierbei nicht um
Nebendinge, sondern um das, was für die meisten geradezu die Grundlage ihrer
ganzen christlichen Überzeugung bilde. Dabei betonte er, daß man nur nicht
meinen solle, über die Aufstellungen von Smith leicht hinweggehen zu können.
Ihn zu widerlegen, sei „wirklich nicht so leicht“. „Schon die
theologischen Kenntnisse dieses Mathematikers,“ schrieb er, „stehen
keineswegs jedem Theologen, auch nicht jedem streng wissenschaftlich
arbeitenden, zu Gebote. Noch überraschender jedoch wirkt die Kunst seiner
wissenschaftlichen Methode, die bei noch so kühnen Kombinationen doch immer
den Eindruck eines wohlfundierten Baus macht, der ganz nach denselben
Grundsätzen errichtet ist, wie die anerkanntesten Beweisführungen“
[74]
. Der Leser werde die Beobachtung machen, wie er anfangs nichts als
leicht zu umgehende [126] Steine aufrichten, dann aber plötzlich sie zu einer
Mauer zusammenfügen sähe, von der er vorerst absolut nicht wüßte, wie er
sie durchbrechen oder übersteigen solle.
Das Buch besteht aus fünf einzelnen Abhandlungen, von denen die
erste „Der vorchristliche Jesus“ betitelt ist. Smith nimmt hier den
Ausgangspunkt seiner Untersuchung in der Redewendung „ta peri tou Jesou“
(die Dinge betreffend den Jesus), die sich mehrfach im Neuen Testamente
findet. Gewöhnlich versteht man hierunter die geschichtlichen Tatsachen vom
Leben Jesu. Dagegen spricht jedoch vor allem Apg. 18, 24-28, wo die Rede ist
von dem alexandrinischen Juden Apollos: er verkündigte die Dinge von Jesus,
ohne etwas von der Taufe des Johannes zu wissen. Und auch einige Jünger von
Ephesus, zwölf an der Zahl, sollen nach Apg. 19, 1-7 lediglich die Taufe des
Johannes empfangen gehabt und vom heiligen Geiste nichts gewußt haben, bis
Paulus sie unterwies und taufte. Hieraus schließt Smith, daß es sich um
vorchristliche Christen handelte, die alsdann zu Paulinischen Christen wurden,
und daß die genannte Redewendung sich auf eine Lehre über Jesus, d. h. einen
Jesusgott, bezieht, die der Evangeliengeschichte vom Leben und Tode Jesu
vorherging und diese weder einschloß noch gebrauchte. So soll auch der
Samaritaner Simon Magus nur deshalb so schnell sich von Philippus haben taufen
lassen (Apg. 8, 9-13), weil er bereits einem Jesuskultus angehörte, und auch
der Magier Elymas (Apg. 13, 6 u. 8), mit welchem Paulus auf Cypern
zusammentraf, und der Bar-Jesus (Sohn Jesu) genannt wurde, ist als Anhänger
eines vorchristlichen Jesuskultus zu verstehen, wie denn Cypern ein alter Sitz
der neuen Religion war und die Ansicht, daß das Christentum in Jerusalem
entstanden sei, nur eine spätere Zurechtmachung darstellt. In Wahrheit ist
die christliche Werbetätigkeit von vielen Brennpunkten ausgegangen, und der
Pfingstbericht ist ebenso ungeschichtlich und nur zu dem Zweck erfunden, die
plötzliche Verbreitung und das tatsächlich beinahe gleichzeitige [127]
Auftreten der neuen Religion auf einem so ausgedehnten Gebiete, wie die
Geschichte vom Märtyrertode des Stephanus und die Verfolgung der ersten
Christen durch Paulus. Die Lehre von Jesus ist also vorchristlich, ein Kultus,
der an den Grenzen der Jahrhunderte (100 v. u. Z. bis 100 n. u. Z.) unter den
Juden und besonders den Hellenisten, mehr oder weniger geheim und in „Mysterien"
gehüllt, verbreitet war.
Darauf deutet nach Smith auch jener von Hippolyt Philos. V 10
angeführte Hymnus, nach welchem Gott der Vater seinen Sohn Jesus zur
Erlösung der Menschheit auf die Erde sendet, und der sicher in ein frühes
Altertum zurückreicht. Und auch der Umstand, daß der Name Jesus frühzeitig
zu Zauberzwecken verwandt wurde, gibt der Vermutung Raum, daß sein Träger
ursprünglich ein Gott gewesen ist. Vor allem aber läßt nach Smith hierauf
der Beiname Jesu als „des Nazoräers“ schließen. Dieser Beiname nämlich
bedeutet nicht „aus Nazareth“, ein Ort, der zu Beginn u. Z. noch gar nicht
bestand, sondern der Ausdruck „Nazoräer“ ist von einem hebräischen
Stanun N-S-R (Nazar, Nozer) abzuleiten und kennzeichnet seinen Träger als den
„Wächter“ oder „Hüter“. Nazoräer sind also Juden, die einen
Kultgott Jesus H’nozri: „Jesus der Hüter“ verehrten, und dieses stimmt
damit zusammen, daß auch Epiphanius (gest. 403) bei der Aufzählung der
ketzerischen jüdischen Sekten eine solche der Nazaräer oder Nasaräer
erwähnt, die schon vor Christus bestanden und von diesem nichts wußten
(Panar. Haer. 29. 6), wie denn auch der große Pariser Zauberpapyrus in einer
Beschwörungsformel Jesus als „Gott der Hebräer" anführt und damit
dessen ursprünglich göttliche Natur bestätigt.
Übrigens ist auch der Name Jesus nur
die griechische Form für Josua: Jah-Hilfe, was alsdann mit Jeschua
(Befreiung, Befreier) gleichgesetzt wurde, und so wurde Jesus „der Hüter“
oder „Wächter“ zugleich zum „Befreier“ Israels, der dann auch mit dem
Bar-nascha (Menschensohn) und zweiten Adam, dem himmlischen Menschen,
zusammenfloß, während die Griechen [128] seinem Namen das Wort iaomai:
heilen heraushörten und ihn als den großen Heiler und Erretter auffaßten.
Smith hat in einer zweiten Abhandlung seines Werkes diese Bedeutung des Wortes
Nazoräus eingehend auseinandergesetzt und dieser Untersuchung eine weitere
über den Sinn des Wortes „anastasis“ hinzugefügt, wonach dies Wort
ursprünglich nicht Auferstehung (von den Toten), sondern Einsetzung (als
Messias, Weltherrscher) bedeutete. Er hat auch das Gleichnis vom Sämann als
ein solches nachgewiesen, das ursprünglich vom Aussäen der aus dem Logos
bestehenden, die Welt erzeugenden Samenkörner durch Gott handelte, wie es die
vermeintlich christlich-gnostischen, in Wirklichkeit vorchristlichen Naaßener
besaßen, und er hat in einer eingehenden und sorgfältigen Untersuchung
dargelegt, daß der Römerbrief vor 160 unbekannt war und von einer Abfassung
dieses Briefes durch den aus der Apostelgeschichte bekannten Apostel Paulus in
keiner Weise die Rede sein kann.
Bereits im Jahre 1905 hatte Smith in einem Artikel der „Encyclopaedia
Americana“ den Beweis zu liefern versucht, daß Jesus nicht als
schöpferische Persönlichkeit an den Anfang des Christentums gestellt werden
könne. In seinem Buche „Ecce Deus. Die urchristliche Lehre des
reingöttlichen Jesus“ (1911) ist er bemüht, dies im Einzelnen genauer
nachzuweisen. Das Buch ist „den Manen des Origenes“ gewidmet, weil es,
gleich diesem, die evangelischen Erzählungen rein symbolisch glaubt,
erklären zu können. Die symbolische Erklärung ist auch bereits von anderen
vielfach unternommen worden, so von Volkmar, Loisy und Schmiedel, ohne daß es
jedoch gelungen ist, hierbei das Symbolische vom Nichtsymbolischen und
geschichtlich Beglaubigten abzugrenzen. Man hielt dabei doch stets an einem
geschichtlichen Jesus fest, obwohl es sich als immer unmöglicher
herausstellte, ein klares Bild von diesem zu gewinnen. Selbst Harnack ist es
nicht gelungen, mit seinem Jesus unsere Phantasie zu bezaubern oder unsere
Bewunderung und Liebe zu [129] erregen, viel weniger die große religiöse
Bewegung zu erklären, die von ihm ausgegangen sein soll. Vielmehr ist es eine
kaum irgendwie anziehende, eindringliche, eher eine fast abstoßende
Persönlichkeit, welche die Kritiker als Begründer des Christentums in der
Not heraufbeschworen haben. Kann doch Harnack keinen einzigen Vorfall im Leben
Jesu anführen, der ihn uns als einen besonders hervorragenden oder
liebevollen Menschen kennzeichnet. Selbst wo sich in der Darstellung Züge von
menschlicher Herzlichkeit, Zärtlichkeit, Großherzigkeit oder
Selbstentäußerung zeigen, erweist eine genauere Betrachtung, daß es sich um
rein Dogmatisches, nicht um Biographisches oder um die Erdichtung einer
späteren dramatisierenden Phantasie handelt. Der rein menschliche, engherzige
Judenprediger, wie Jesus in der Darstellung der historischen Theologie
erscheint, erklärt den Lauf der Geschichte nicht nur nicht, er macht vielmehr
alles unerklärlich und unverständlich. Er ist nur eine störende Zugabe, ein
abgesonderter Wirbel im Strome der Ereignisse. Der Mensch Jesus spielt denn
auch in der Predigt des Urchristentums und bei dessen Ausbreitung keine Rolle.
Und wenn man sagt, daß es nicht so wohl sein Leben, als vielmehr sein Tod und
seine Auferstehung gewesen sei, die diesen Propheten über alle übrigen
erhöht und die Veranlassung zu seiner Verehrung gebildet haben, so erklärt
dies doch nichts ohne die Annahme eines beispiellosen Lebens, und ein solches
wissen uns die Kritiker nicht zu schildern.
War Jesus überhaupt ein Mensch? war er nicht ursprünglich ein
Gott? Das ganze Neue Testament kennt ihn jedenfalls nur als einen solchen, und
alle Versuche, ihn als einen bloßen Menschen zu verstehen, haben bisher zu
keinem haltbaren Ergebnis geführt. Man weist auf die Notwendigkeit hin, eine
große Persönlichkeit für den Urheber des Christentums anzusehen. Und gewiß
liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß das Urchristentum reich war an
Persönlichkeiten, und zwar an solchen von ganz ausgeprägter Eigenart und
Verschiedenheit.[130] Aber war Jesus eine von diesen Persönlichkeiten? Dafür
ist bisher auch nicht der kleinste Schatten eines Beweises dargeboten worden.
Die Leugner der Geschichtlichkeit Jesu unterschätzen den historischen Faktor
der Persönlichkeit keineswegs; sie legen ihm eher eine noch viel größere
Bedeutung bei als ihre Gegner. Aber sie verlangen Beweise dafür, daß nur die
angeblich einzigartige Persönlichkeit Jesu das Christentum ins Leben gerufen
habe. Zweifellos sammeln sich Mythen und Legenden gern um eine geschichtliche
Persönlichkeit, wie Wolken um Berggipfel. Aber das Vorhandensein von Wolken
kann an sich nicht ohne weiteres das Dasein eines Berges beweisen. Ist es doch
übrigens auch nicht wahr, daß große Ereignisse in der Geschichte stets nur
durch eine einzige Persönlichkeit ins Leben gerufen wurden: es können auch
mehrere einander ziemlich ebenbürtige daran beteiligt sein, und daß dies
beim Christentum der Fall gewesen ist, dafür spricht allein schon der Mangel
an Einheitlichkeit in der christlichen Bewegung, an einem ganz unzweideutigen
Stempel dieser Persönlichkeit. Das einzige Einheitliche im ursprünglichen
Christentum ist die Verehrung Jesu als eines Gottes. Wie ist dies möglich,
wenn die Predigt in der Tat von einem einzelnen unvergleichlichen Menschen
ausging?
In Wahrheit
war die Verehrung des einen Gottes unter dem Namen, Aussehen oder der Person
Jesu, des Heilands, das Wesen der ersten Predigt und Werbearbeit, und diese
war nach Smith ein Protest und eine Erhebung des Monotheismus gegen die
polytheistische Denkungsweise. Nur so erklärt sich die Bekehrung, Tätigkeit
und Lehre des Paulus, die von der Anschauung einer rein menschlichen
Persönlichkeit Jesu nie und nimmer zu verstehen ist, nur so die seltsame
Tatsache, daß die Menschen, die von dieser Persönlichkeit in ganz
beispielloser Weise geblendet sein sollen, doch eigentlich gar nichts von ihr
'zu erzählen haben. Wenn der Jesus des Neuen Testaments eine rein menschliche
Persönlichkeit war, die während [131] ihres Lebens so tiefen Eindruck auf
ihre Gefährten ausübte, daß sie unmittelbar nach seinem Tode Gesichte sahen
und mit ungeheurem Erfolge predigten, er sei auferstanden vom Tode und
herrsche als höchster Gott im Himmel, dann müßte solch eine erstaunliche
Persönlichkeit die Gedanken und Herzen, die Vorstellung und Erinnerung der
jünger derartig erfüllt haben, daß ihre Predigt, ihre Schriften voll sein
müßten von Erinnerungen an dieses wunderbare Leben und Menschenwesen, von
Anspielungen auf seine Worte und Taten und Berufungen auf seine Autorität.
Aber davon ist nirgends etwas zu entdecken. Im Gegenteil. Je weiter wir zu
älteren und immer älteren Darstellungen zurückgehen, um so mehr schwindet
das Menschliche im Jesusbilde, um so sichtlicher tritt das Göttliche in den
Vordergrund, bis wir im Urmarkus den wirklichen Gott vor uns haben. Umgekehrt,
je weiter wir im Strom der Zeit hinabgehen, desto entschiedener tritt das
menschliche Element ans Licht und das Göttliche in den Hintergrund, bis
endlich in den modernen empfindsamen Darstellungen der göttliche Jesus, der
Unterjahwe der Juden, der Heilandgott der Heiden, zu einem milden, sanft
gearteten Rabbi oder einem wohlwollenden Derwisch verflüchtigt ist. Das aber
berechtigt uns dazu, auch die scheinbar geschichtlichen Züge im Evangelium
mit Origenes symbolisch zu erklären,
wie man dies beim Johannesevangelium längst getan hat, und Smith weist an zahlreichen
Beispielen nach, wie bei den Synoptikern eine solche Erklärung etwa zu
gestalten wäre und wie in zahlreichen Fällen die Handlungen und Worte Jesu
erst hierdurch wirklich verständlich werden.
Auf das Gleiche deutet u. a. auch die Art Jesu hin, in
Gleichnissen zu reden. Sie zeigt, daß die ursprüngliche Lehrweise eine
symbolische war. Es handelt sich um den Geheimkult einer religiösen Sekte.
Jesus spricht die für Außenstehende absichtlich unverständliche Sprache
einer Geheimgesellschaft. Oder man nehme die Heilwunder Jesu. Es handelt sich
bei ihnen nicht um wirkliche Krankheiten, die Jesus heilt, sondern die [132]
Krankheiten waren geistlich; sie bestanden in dem Glauben an eine Vielheit von
Göttern, und Jesus heilte durch die neue Lehre vom Einen Gott. So war das
Urchristentum in der Tat nichts anderes als ein Protest gegen den
Götzendienst, wie er sich vor allem in dem Glauben an Dämonen äußerte, ein
Kreuzzug für den Monotheismus. Darin beruht das Geheimnis des Urchristentums,
das sich aus Klugheitsrücksichten auch ursprünglich nur geheim ausbreiten
konnte. Das gestaltende Prinzip des Christentums war der Gedanke der Erlösung
der Menschheit von ihrer demütigenden Versklavung unter die Dämonen, d. h.
die Heidengötter, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß gewisse
mythologische Bestandteile, wie die Lehre vom leidenden, sterbenden und
wiederauferstehenden Gott, mit diesem Erlösungsgedanken verschmolzen worden
sind. Und in dieser Verkündigung des „herrlichen Monotheismus“ soll nach
Smith das einzige wertvolle Wesen des Christentums bestehen, während er den
Gedanken gänzlich abweist, daß dieses Wesen in einer Art von Morallehre
bestehen solle. Christentum ist nicht Sittlichkeit, sondern Religion, die
Verehrung des einen Gottes, dargestellt in Jesus. Dabei erscheint nur seltsam,
warum, wenn Smith hiermit Recht hat, man sich nicht mit der Verkündigung des
einen Jahwe begnügte, wie dies in der jüdischen Werbetätigkeit der Fall
war, warum man in Jesus einen neuen Gott erfand, ihn zum „Vater“ als den
mit ihm wesensgleichen Sohn hinzufügte und beiden außerdem noch den Heiligen
Geist mitsamt der jungfräulichen Mutter, den Engeln und Heiligen zur Seite
gab, in denen allen doch im Grunde nur der alte Polytheismus sich ein neues
Leben zu geben versucht hat.
Mit dem Angeführten ist der wesentliche Inhalt des Buches von
Smith erschöpft. Was noch folgt, sind Wiederholungen, Zusätze, Erweiterungen
und Ergänzungen der hier dargelegten Gedanken, die besonders die symbolische
Erklärung betreffen. Dann folgt eine ganze Reihe von „Anhängen“, deren
wichtigster [133] das sogenannte paulinische Zeugnis zu entkräften sucht. Mit
umständlicher Gründlichkeit rückt Smith den „neun Grundsäulen“
Schmiedels zu Leibe und weist deren gänzliche Unhaltbarkeit nach. Das
Stillschweigen des Josephs und Tacitus über Jesus sowie das Wesen des Reiches
Gottes und der Ruf zur Buße wird behandelt und die Bedeutung des Namens
Nazareth und Ischarioth erörtert. Man sieht, es handelt sich im „Ecce Deus“
nicht etwa um eine in sich zusammenhängende Darstellung des Problems der
Entstehung des Christentums, sondern um eine Anzahl für sich selbständiger
Einzelabhandlungen, die nur schlecht und recht zu einem Ganzen
zusammengestellt sind, gcnauer nur um Kostproben eines umfangreichen
Materials, dessen vollständige Veröffentlichung Smith in Aussicht stellt, um
sich vorerst auf Grund von Überhäufung mit anderer Arbeit mit den
vorgelegten Proben zu begnügen. Die englische Ausgabe seines Buches, die 1912
erschienen ist, weist noch eine ganze Anzahl weiterer Zusätze und Anhänge
zum Teil von erheblicher Bedeutung auf und macht dadurch einen womöglich noch
unzusammenhängenderen Eindruck als die deutsche. Aber auch so gehört „Ecce
Deus“ zu den wichtigsten und eindrucksvollsten Werken des in Frage stehenden
Schrifttums. Denn mag man nun seiner reichlich äußerlichen Auffassung der
christlichen Bewegung als eines Kreuzzuges gegen den heidnischen Götzendienst
und für den Monotheismus und seinen symbolischen Erklärungen der
evangelischen Erzählungen zustimmen oder nicht: Smith hat mit dem nüchternen
und gesunden Menschenverstande des Amerikaners auf so viele wunde Punkte der
bisherigen Auffassung von Jesus als einer geschichtlichen Persönlichkeit den
Finger gelegt, er hat den Anhängern dieses Jesus so viele Nüsse zu knacken
gegeben und, mit unleugbarer gelehrter Kenntnis ausgerüstet, auf so viele
Einzelheiten ein neues Licht geworfen, daß die kleinlaute Aufnahme seines
Buches von seiten seiner theologischen Gegner nur zu wohl verständlich ist und
man nur zu gut begreift, daß
diese [134] sich alle Mühe gegeben haben, sein Buch in der Öffentlichkeit
totzuschweigen. Hatten sie das doch vorher auch schon mit seinem „Vorchristlichen
Jesus“ getan, um erst unter dem Eindruck der „Christusmythe“ von Drews
sich alsdann um so leidenschaftlicher gegen die Aufstellungen von Smith zu
wenden.
Arthur Drews
Als „Ecce Deus" von Smith erschien, war der Kampf um die
Geschichtlichkeit Jesu in Deutschland bereits seit einem Jahr im Gange.
Hervorgerufen war derselbe, nachdem man über Kalthoff rasch zur Tagesordnung
übergegangen war, durch das Buch „Die Christusmythe“ von dem
a.o.Professor Arthur Drews geb. 1865, Privatdozent der Philosophie an der
Technischen Hochschule in Karlsruhe, das um Ostern 1909 herauskam.
Von zwei
verschiedenen Gesichtspunkten aus war der Verfasser zur Abfassung dieses
Buches gelangt: vom mythologischen und religionsgeschichtlichen bzw.
religionsphilosophischen. Den Mythologen Drews beunruhigte die große und
entscheidende Rolle, welche die Gestalt des leidenden, sterbenden und
wiederauferstehenden Gottes in den verschiedensten Religionen spielte, wie
besonders Frazer diese in seinem „The Golden Bough“ behandelt hatte. Der
Religionsgeschichtler fühlte sich unbefriedigt durch die bisherigen
theologischen Erklärungen der Entstehung des Christentums aus dem Auftreten
eines geschichtlichen Jesus, während der Religionsphilosoph an dem modischen
Jesuskultus der Liberalen Anstoß nahm, deren ganze Religion unter Harnacks
Anleitung in der überschwenglichen Verehrung des geschichtlichen Menschen
Jesus gipfeln sollte. In seinem Buch „Die Religion als Selbst-Bewußtsein
Gottes“ (1906, 2. Aufl. 1925) hatte Drews für den Grundmangel des
Christentums dessen geschichtliche Begründung durch den Jesus der Evangelien
erklärt. Und wenn er die Existenz Jesu [135] auch nicht geleugnet hatte, so
hatte er doch jedenfalls darauf hingewiesen, daß die wissenschaftliche
Forschung von diesem Jesus so gut wie nichts, zum mindesten nichts mehr übrig
gelassen habe, was für uns ein religiöses Interesse haben könnte, woraus
sich die Unmöglichkeit des Jesuskultus von selbst ergab.
Jetzt stieß ihm unter dem Einflusse der oben genannten
religionsgeschichtlichen Arbeiten von Winckler, Jeremias, Gunkel, Pfleiderer
und anderen der Gedanke auf, ob nicht auch Jesus am Ende ursprünglich ein
Gott im Sinne der übrigen leidenden, sterbenden und wiederauferstehenden
Heilandsgestalten der Mythologie und die vermeintliche Geschichte Jesu somit
ein bloßer Mythus sein könne. Und dieser Gedanke verdichtete sich ihm zur
Gewißheit, als er Smiths „Vorchristlichen Jesus“ kennen lernte, und
veranlaßte ihn dazu, einmal alle bisher aufgetauchten wichtigsten Züge
zusammenzufassen, die für die ursprüngliche Göttlichkeit Jesu zu sprechen
schienen. Er wollte das ihn selbst und andere beunruhigende Problem der
Geschichtlichkeit Jesu zu einer entscheidenden Lösung bringen, und dies nicht
nur im Interesse der geschichtlichen Wahrheit, sondern auch der Religion, die
im liberalen Jesuskultus sich immer mehr in einen bloßen seichten
Heroendienst schien verflüchtigen zu wollen. So entstand sein Buch „Die
Christusmythe
[75]
“. Er hatte es in der Stille der Studierstube ohne jede Beratung
durch einen theologischen Fachmann geschrieben und konnte daher nicht sicher
sein, wirklich alle Gesichtspunkte berücksichtigt zu haben, die zur
Begründung seiner Annahme in Frage kamen. Auch mußte er sich sagen, daß man
auf gegnerischer Seite kraft der ihr zu Gebote [136] stehenden Machtmittel
alles tun werde, um das Buch, wenn es nur irgendeinen Wert haben sollte,
totzuschweigen. So griff er es mit Freude auf, als man von freidenkerischer
und monistischer Seite mit der Aufforderung an ihn herantrat, öffentliche
Vorträge über den Gegenstand zu halten. Durfte er doch hierdurch hoffen,
seine Ansichten auf Grund der dagegen erhobenen Einwände nachprüfen,
ergänzen und gegebenen Falles berichtigen zu können und jedenfalls eine
entschiedene Stellungnahme der Jesusgläubigen zur Leugnung der
Geschichtlichkeit Jesu zu erzwingen
[76]
.
Die „Christusmythe“ beginnt ihre Darstellung mit der
Vorbereitung des Christentums im griechischen und römischen Altertume. Seneca
bringt die Sehnsucht seiner erlösungsbedürftigen Zeit in der Vorstellung des
großen und guten Menschen zum Ausdruck, der den übrigen als sittliches
Vorbild dient, und mit dessen Hilfe sie zum Frieden ihrer Seelen gelangen
sollen. In einem Kaiser, wie Augustus, verehrt man den Weltheiland. Die
Erwartung des nahen Weltendes ist weit verbreitet, und die Not der Zeit sowie
die Furcht vor Dämonen, von denen man sich überall umlauert glaubt, treibt
tiefere Geister zur Religion und läßt sie Zuflucht in den zahlreichen
Mysterienvereinen suchen. Dies trifft in höchstem Maße auch auf das Volk der
Juden zu. Messiaserwartung und Apokalyptik, die der babylonisch‑persischen
Gedankenwelt entlehnt sind, beherrschen die Gemüter. Die neue Vorstellung
einer persönlichen Unsterblichkeit und Auferstehung von den Toten führt zu
einer Vergeistigung des Gottesbegriffs und trennt das Volk in eine streng
gesetzliche und eine freie Richtung, die jede auf ihre Weise sich des
göttlichen Heiles zu versichern suchen. Philo bildet die Idee des
welterlösenden Mittlers in der Gestalt des Logos philosophisch durch,
verschmilzt die jüdische mit [137] der stoischen Gedankenwelt und gibt ihr
eine asketische Färbung. Und während die Pharisäer durch peinlich genaue
Ausführung der Gesetzesvorschriften des himmlischen Lohnes teilhaftig zu
werden streben, nehmen auch hier die freier Denkenden zu den Geheimsekten
jener Zeit ihre Zuflucht, wie sie uns u. a. in den Therapeuten und Essenern
entgegentreten, um auf magisch-sakramentalem Wege durch mystische Einswerdung
mit dem mittierischen Kultgott das ewige Leben zu gewinnen.
Die „Christusmythe“ sucht, im Anschluß an Smith,
wahrscheinlich zu machen, daß dieser Gott bereits den Namen Jesus führte und
ein und derselbe war, wie der alttestamentliche Josua und der Hohepriester
jenes Namens, der auch beim Propheten Sacharja in messianischer Beleuchtung
auftritt. Sie schließt sich an die Deutung des Namens „der Nazoräer“ als
der „Hüter“ oder „Retter“ an und erblickt in Jesus einen der
leidenden, sterbenden und wiederauferstehenden Götter Vorderasiens, wie er
sich auch hinter dem Gottesknechte des Jesaia und dem Gekreuzigten des 22.
Psalms verbirgt. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß diese Vorstellung den
Juden auch sonst nicht unbekannt war. Sie schimmert durch die Gestalt des
Sakäenkönigs hindurch und liegt der Geschichte von Esther und Mardachai
zugrunde, in die zugleich der persische Gebrauch vom Umzug des „Bartlosen“
hineinspielt. Sie erklärt die Verspottung des Carabas bei Philo und hat auf
die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem, seine Vertreibung der Wechsler
aus dem Tempel und seine Verspottung durch die römischen Soldaten sowie die
Freigabe des Barabbas eingewirkt. Das Leiden und der Tod des Messias gilt als
Sühnopfer für die Sünden des Volkes, sowie auch nach Plato der Gerechte
leiden und den Tod am Kreuze (Pfahle) sterben muß und die Weisheit Salomos
gleichfalls den Gerechten von den Bösen verfolgt werden und einem
schimpflichen Tode überantwortet werden läßt, von dem er alsdann durch Gott
erweckt und als Richter über die Abgeschiedenen in den Himmel aufgenommen
wird.
[138] Aber nicht nur die Vorstellungen vom Tode, auch die von der
Geburt des Heilands reichen in die vorchristliche Vergangenheit zurück und
sind rein mythischer Natur: seine Abstammung von einer Jungfrau, sein
Verfolgtwerden gleich nach seiner Geburt, die Huldigung des Kindes. Es handelt
sich, ebenso wie beim Tode des Messias, letztlich um einen Sonnenmythus,
dessen äußerste Spuren in den Norden weisen, und der im Feuerkultus seinen
natürlichen Ursprung genommen hat. In den vedischen Hymnen an den Feuergott
Agni erscheinen wichtige Züge bei der Geburt Jesu in Bethlehem
vorweggenommen, wie denn jene auch auf die Legende von der Geburt Buddhas
eingewirkt haben. Ja, die Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, daß
indische Einflüsse geradezu unmittelbar an dem Zustandekommen der Geschichte
Jesu in den Evangelien beteiligt sind und auch die Taufe im uralten
Feuerkultus wurzelt. Vom Abendmahle steht es fest, daß es im Zusammenhange
mit dem Kult des Agni schon im alten Indien begangen wurde, so wie Agni sich
auch selbst für die Seinigen opfert und damit deren Erlösung herbeiführt.
Endlich sind auch Lamm und Kreuz, die Sinnbilder des Messias, im vedischen
Kultus vorgebildet und weisen gleichfalls auf Agni (agnus = Lamm) und dessen
Verschmelzung mit der Sonne hin, deren Licht nach alter Vorstellung
alljährlich durch kreuzweise übereinander gelegte Hölzer neu entzündet
wird und damit das priesterliche Feuerzeug zum Sinnbild der Auferstehung und
des Lebens stempelt.
Bestand der
Jesusglaube schon längst bei zahlreichen Sekten Vorderasiens, so haben wir
das erste Zeugnis für die Jesusreligion im Unterschiede vom Judentum in den
Briefen des Apostels Paulus. Ob diese wirklich von Paulus stammen, ist
zweifelhaft. In jedem Falle ist der Jesus, von welchem die Briefe handeln, gar
keine geschichtliche Persönlichkeit, wie denn auch der Zusammenhang des
Apostels mit einer solchen nicht zu erweisen ist. Der Jesus Christus der
Paulinischen Briefe ist ein durch und durch übermenschliches Wesen, er ist
jener [139] Jesusgott, wie er auch in den angeführten Geheimsekten verehrt
wurde. Und daß Paulus mit diesem nicht unbekannt gewesen sein kann, darauf
deutet schon seine Herkunft aus Tarsus hin. Hier wurde der leidende, sterbende
und auferstehende Gott in mannigfacher Form, vor allem auch in derjenigen des
„Herrn“ Adonis verehrt, so daß das von Paulus gepredigte Evangelium
geradezu als „judaisierter Adoniskultus“ bezeichnet werden kann, beruhend
auf einer Verschmelzung des jüdischenen Messiasglaubens mit dem Glauben an
den für die Sünden der Menschen sterbenden und auferstehenden heidnischen
Erlösergott, wie er sinnbildlich durch einen sich opfernden Menschen
vertreten wurde. Paulus deutet diese Symbolik dahin um, daß Gott Mensch
geworden und der Gottmensch sich dem Opfertode unterzogen habe, und erneuert
damit nur eine alte Vorstellung, die auch derjenigen des Gottesknechtes bei
Jes.53 zugrunde liegt. In der Aufforderung zum Glauben an diesen Erlösungstod
des Gottmenschen besteht die Heilsbotschaft des Paulus, in deren näherer
Ausgestaltung er sich an die Vorstellung der mystischen Kultvereine (Taufe,
Abendmahl) anschließt und unter Vermittlung der Platonischen Vorstellung, vom
Eros auch Bestandstücke des uralten Agnikultus erneuert.
Wenn
hiernach der Jesus der Paulinischen Briefe ein ganz anderer ist als derjenige
der Evangelien und Paulus von einem geschichtlichen Menschen Jesus nichts
gewußt hat, wie steht es mit dem evangelischen Jesus? Geschichtlichen Wert
sollen nur die drei sog. Synoptiker besitzen. Von ihnen soll Markus der
älteste und zuverlässigste Zeuge für den geschichtlichen Jesus sein. Allein
die Beweise für diese Annahme sind sehr schwach. Auch spricht der ganze
Charakter des Markusevangeliums gegen die Geschichtlichkeit seines Inhalts,
und Wernles krampfhafte Bemühungen, doch wenigstens einen, wenn auch noch so
kleinen, Rest an geschichtlichem Gehalte bei den Synoptikern festzustellen,
erweisen sich als ganz und gar vergeblich und münden in die Phrase. Die
historische Theologie hat selbst die evan[140]gelischen Quellen bis zu einem
solchen Grade entwertet, daß für einen geschichtlichen Jesus nichts mehr
übrig bleibt. Aus den Evangelien ist kein Geschichtsglaube an Jesus
herauszudestillieren. Kalthoff hat zehnmal Recht, daß die Evangelienkritik zu
einem rein negativen Ergebnis geführt hat. Was die Synoptiker enthalten, ist
eine religiöse Dichtung, ein in ein geschichtliches Gewand gehüllter Mythus
von ältestem Ursprung, der sich grundsätzlich in nichts von jedem anderen
derartigen Mythus, etwa von der Teilsage, unterscheidet.
Daran kann auch alle Berufung auf die Profanzeugnisse für einen
geschichtlichen Jesus nichts ändern. Denn auch diese (Josephs, Sueton,
Tacitus) sind geschichtlich wertlos. Es bedarf auch der Annahme von wirklichen
geschichtlichen Tatsachen gar nicht, um die Lebensgeschichte Jesu in den
Evangelien zu erklären, da die wichtigsten Züge dieser Geschichte
anderweitig gegeben waren, und zwar teils im Alten Testament, teils in der
mythischen Denkweise jener Zeit und den damit zusammenhängenden kultischen
Vorstellungen. Der Hinweis auf die Anschaulichkeit der evangelischen
Erzählungen vermag deren Geschichtlichkeit ebensowenig zu begründen, wie die
Hervorhebung der „Einzigartigkeit“ des hier geschilderten Jesus und der
von ihm gesprochenen Worte. Denn abgesehen davon, daß wir keinen einzigen der
auf uns gekommenen Aussprüche des Heilands mit Sicherheit auf einen
geschichtlichen Jesus zurückführen können, wie dies von theologischer Seite
selbst zugestanden wird, hat jener Jesus auch nichts gelehrt, was über die
reinere Sittlichkeit des Judentumes seiner Zeit hinausginge, von den übrigen
Sittenlehrern des Altertumes ganz zu schweigen. „Das Leben Jesu, wie die
Synoptiker es schildern, bringt nur in historischem Gewande die metaphysischen
Vorstellungen, religiösen Hoffnungen und äußeren wie inneren Erlebnisse der
auf Jesus als Kultgott gegründeten Gemeinde zum Ausdruck. Seine Aussprüche,
Reden und Gleichnisse spiegeln nur die religiös-sittlichen Grundanschauungen,
die [141] jeweiligen Stimmungen, die Niedergeschlagenheit und die
Siegesfreudigkeit, den Haß und die Liebe der Gerneindemit glieder wieder, und
die Verschiedenheiten und Widersprüche der Evangelien erklären sich als
Entwicklungsstufen des Messiasgedankens in verschiedenen Gemeinden und zu
verschiedenen Zeiten
[77]
.“ Der Jesus der ältesten Christengemeinden ist nicht ein
vergöttlichter Mensch, sondern ein vermenschlichter Gott, wie Anis, Adonis,
Osiris, Dionysos usw. auch, und seine Lebensgeschichte in den Evangelien hat
nichts, aber auch rein gar nichts mit wirklicher Geschichte zu tun.
Aus dem
Gnostizismus, aus dem Dunkel jüdischer Geheimsekten ist das Christentum
hervorgegangen. Aber der Gnostizismus drohte je länger je mehr mit seiner
phantastischen Vorstellungswelt, seiner Askese, seinem geistlichen Hochmut und
sittlichen Zügellosigkeit die einfachen Grundlehren der neuen Religion zu
ersticken und diese einem Zusammenstoß mit den römischen Staatsgesetzen
entgegenzutreiben. Dies war, so meint die „Christusmythe“., ein Hauptgrund
für die genauere Herausarbeitung der Gestalt eines geschichtlichen Jesus und
die schriftliche Festlegung der angeblich von ihm verkündigten Sittlichkeit.
Das vierte Evangelium erstrebt eine Verschmelzung der synoptischen und
gnostischen Anschauung und sucht beide mit Hilfe der philosophischen
Logoslehre in einen höheren Standpunkt aufzuheben, ohne daß es ihm jedoch
gelungen ist, vom Standpunkte der gnostischen Phantastik aus einen wirklichen
Menschen Jesus zu zeichnen. Sein Jesus ist und bleibt trotz aller
Vermenschlichungsversuche letzten Endes doch ein göttliches Wesen; das ist
aber im Grunde der synoptische Jesus auch, so daß in dieser Hinsicht der
Unterschied zwischen Johannes und den Synoptikern nur ein gradweiser ist. Die
Betonung seines menschlichen Charakters hat viel dazu beigetragen, diesem
Jesus den Sieg über die übrigen verwandten Heilandsgestalten des Altertums
zu verschaffen. Aber sie bildet [142] auch zugleich die Quelle aller
unlösbaren Widersprüche und unüberwindlichen Schwierigkeiten, an denen die
christliche Weltanschauung krankt. Sie hat die große neue Idee des
Christentums, die Idee der Gottmenschheit, in ihrem Kern verdorben und den
Wahrheitsgehalt dieser Religion in so heilloser Weise getrübt, verbogen und
entstellt, daß es heute nicht mehr möglich ist, ohne Opfer des Verstandes
seiner Erlösungslehre zuzustimmen.
Als Anhang fügte die „Christusmythe“ dem Bisherigen einen
Abschnitt über „Die Petruslegende“ hinzu, in welchem sie im Anschluß an
Robertson die Gestalt des Apostels Petrus zu den Göttern Mithra, Janus,
Proteus, Atlas und Petra in Beziehung setzte und die rein mythische
Beschaffenheit auch dieses angeblichen Jüngers Jesu aufzeigte. Sie schloß
mit einer Erörterung des religiösen Problems der Gegenwart, indem sie unter
Hervorhebung der religiösen Unzulänglichkeit des liberalen Jesuskultus den
Rückgang auf den wesentlichen Grundgedanken der christlichen Religion, den
Gedanken der Gottmenschheit, frei von aller geschichtlichen Einkleidung
forderte und die Wahrheit der christlichen Erlösungslehre im Sinne der „Religion
als Selbst-Bewußtsein Gottes“ in einer monistischen (pantheistischen)
Auffassung des Weltprozesses erblickte, der als solcher zugleich ein
göttlicher Erlösungsprozeß ist.
Andrzei
Niemojewski
Es
empfiehlt sich, hier gleich die Darstellung zweier anderer Werke anzuknüpfen,
die 1910 erschienen und dem Problem der Geschichtlichkeit Jesu von
verschiedenen Standpunkten aus neue Seiten abzugewinnen suchten. Es sind dies
Niemojewskis „Gott Jesus“ und Lublinskis „Der urchristliche Erdkreis und
sein Mythos“.
Der Pole Andrzei Niemojewski (1864-1919) war Schriftsteller in
Warschau und Herausgeber einer
freigeistigen Zeitschrift „Mysl Niepodlegla“ (Der unabhängige Gedanke),
[143] die mit Vorliebe religionsgeschichtliche Fragen unter dem Gesichtspunkte
der Astralmythologie behandelte. Sein Buch, das in polnischer Sprache 1909
herauskam, führt den genaueren Titel: „Gott Jesus im Lichte fremder und
eigener Forschungen samt Darstellung der evangelischen Astralstoffe,
Astralszenen und Astralsysteme“.
Auch Niemojewski ist überzeugt, daß Jesus früher als Gott denn
als Mensch existierte. Die Überlieferung von ihm ist höchst unzulänglich.
Die Evangelien enthalten so viel Widersprüche schon in den sog. Worten Jesu,
nicht nur bei den verschiedenen Evangelisten, sondern auch bei jedem
einzelnen, daß jene Wörte unmöglich von einer und derselben Person
herstammen können. Hier reden die Chöre der Jahrtausende. Eine genauere
Betrachtung zeigt, daß vielfach Worte der Jünger, die sich in deren
Sendschreiben finden, zu Worten des Meisters gemacht worden sind. Für
Aphorismen suchte man den Aphoristen und fand ihn in Jesus, während
zahlreiche andere Sprüche Jesu dem Alten Testament, dem Talmud sowie dem
sonstigen Schrifttum der Zeit entlehnt sind, so u. a. auch das Vaterunser.
Neben den Sprüchen bilden den
Hauptinhalt der Evangelien die Wunder. Man darf sie nicht ausscheiden, ohne
deren ganzes Wesen zu zerstören. Sie sind Theophanien (Gottesoffenbarungen),
Beweise für die Göttlichkeit Jesu: teils übernatürliche Gesichte und
Ereignisse, teils Krankenheilungen, teils außergewöhnliche Taten eines ganz
„natürlichen“ Menschen Jesus. Niemojewski nennt dies „Zeugnisse des
Himmels“ und stellt ihnen die „Zeugnisse der Erde“, nämlich die
angeblichen Beweise der außerkirchlichen Schriftsteller zur Seite, deren
vollständiges Stillschweigen über Jesus er erörtert. Dabei bemerkt er über
die bekannte Josephusstelle, wonach das „Volk der Christen“ sich nach
Christus nennen soll, Josephus Flavius sähe in diesem naiven Einschub so
komisch aus, wie der heilige Karl Borromäus ausgesehen haben würde, wenn er
dem „Catechismus Romanus“ ebensolche feierliche Notfix von Luthers [144]
Kommen auf die Welt und von dem Bestehen bis zu dieser Zeit des „Volkes der
Lutheraner“, die sich nach ihm nennen, eingefügt hätte. Den Pilatus in der
bekannten Stelle des Tacitus aber deutet er als „Wurfspießmann“ und will
in ihm das Sternbild des Orion mit dem Lanzensterne aus dem ursprünglichen
Astralmythus von Christus sehen, der dann von dem römischen
Geschichtsschreiber irrtümlicherweise in den Prokurator Pilatus umgedeutet
sei.
Damit berühren wir den eigentlichen Grundgedanken Niemojewskis.
Er nimmt die Annahme von Dupuis und Volney wieder auf, daß die Geschichte
Jesu oder doch wenigstens ihre wichtigsten Bestandstücke vom Sternhimmel
abgelesen seien. Mondmythen und Sonnenmythen sind hierin Geschichte
umgedichtet worden. Die Symbole der vier Evangelisten (Ochse, Löwe, Adler und
Mensch) entsprechen den vier Weltecken der Babylonier, d, h. den vier
wichtigsten Punkten des Tierkreises, an denen die genannten Sternbilder sich
befinden, und welche den vier Jahreszeiten entsprechen. Dabei erinnert
Niemojewski daran, wie auch das Alte Testament und der Talmud von
Astralvorstellungen wimmeln, z. B. daß die Zwölfzahl der Söhne Jakobs und
der Stämme Israels der Zwölfzahl der Tierkreisbilder entspreche. Die
Himmelskönigin, die Mutter Jesu, ist das Sternbild der Jungfrau, die auch als
Mutter zahlreicher anderer Gottheiten des Altertums, des Osiris, Horus,
Dionysos, Ares usw., erscheint und in der Offenbarung des Johannes als Mutter
des Sonnenknäbleins auftritt, wie dies schon Dupuis gezeigt hat. In diesem
Sinne sucht Niemojewski am Lukasevangelium nachzuweisen, daß wir es hier mit
einem astralen Zwillingsmythus zutun haben, der mit dem Sternbilde der
Zwillinge am Himmel zusammenhängt, indem er, in freilich sehr gewagter Weise
und entgegen dem Wortlaute des Evangeliums, Jesus und Johannes für Zwillinge
ansieht, wie Romulus und Remus, auch ihre Mütter als ein Zwillingspaar
betrachtet und ebenso in Simeon und Anna, in den beiden Übeltätern [145] bei
der Kreuzigung Jesu sowie in der Freundschaft des Hemdes und Pilatus den
Gedanken der Zwillinge ausgedrückt findet. Demgemäß wird der ganze Anfang
des Lukasevangeliums, die Verkündigung der Geburt des Täufers durch den
Engel Gabriel, die dem Priester Zacharias im Tempel zuteil wird, aus dem
Sternbilde der Zwillinge erklärt. Und auch die Erzählung vom Besuche der vom
Engel geschwängerten Maria bei Elisabeth soll von den Sternen abgelesen sein
und mit dem Sternbilde der Jungfrau und seiner Wanderung am Himmel
zusammenhängen. Jesus wird ,nach Niemojewski in der Frühlingsgleiche, am 25.
März, im Zeichen der Zwillinge, neun Monate nach dem Überschatten des
Sternbildes der Jungfrau durch die Sonne geboren, während Johannes in den
Fischen (Asser = Glück) geboren wird, mit dem Fischgott Qannes im
Zusammenhange steht und so die Wintersonnenwende bezeichnet. Joseph ist,
worauf schon Dupuis hingewiesen hat, das Sternbild des Bootes und als solcher
der treue Begleiter der Jungfrau. Das in den Zwillingen geborene Jesuskind
befindet sich zwischen Stier (Ochse) und Esel (im Krebs). Die Hirten, die
kommen, um das Kind anzubeten, sind im Sirius und Procyon, den sog. „Wächtern“
des Himmels, zu beiden Seiten der Herde der Wildochsen, des sog. Einhorns, zu
suchen. Simeon heißt der eine der Zwillinge im Tierkreis. Die Prophetin Anna
aber ist die römische Jahresgöttin Anna Perenna, der Stern γ in den
Zwillingen.
Genauer ist
Jesus bei Lukas der Mond, der auch zugleich als Brot erscheint, wie denn ja
auch das jüdische Passahfest zur Zeit der Frühlingsgleiche mit dem Monde im
Zusammenhange stand. Daraus erklärt sich die Symbolik des Abendmahles, bei
welchem der Leib des Herrn genossen wird
[78]
. Das Kind, das in Windeln gewickelt und in die Krippe (auf den
Stern „Krippe“ [146] im Krebs) gelegt wird, also ist der Neumond. Nach
acht Tagen erscheint der Mond als halbierte Lichtscheibe; darauf soll sich die
Beschneidung beziehen, bei welcher der Zwilling Simeon den jungen Mond auf
seinen Arm nimmt. So glaubt Niemojewski, auch die Geschichte vom
zwölfjährigen Jesus im Tempel aus dem Verschwinden des Mondes und seinem
Wiederzumvorscheinkommen nach drei Tagen erklären zu müssen, während er den
Kaiser Tiberius im Regulus, dem Königsstern im Löwen, den Wurfspießmann,
Pilatus, im Orion erblickt und Herodes durch den Skorpion vertreten sein
läßt. Johannes der Täufer soll dem kämpfenden Herakles entsprechen und der
Vertreter des Sonnenlichtes im allgemeinen sein, indem er in der
Wintersonnenwende „auferweckt“ und in der Sommersonnenwende „geköpft“
wird. Und wie Jesus in der Frühlingsgleiche geboren wird, so stirbt er nach
Niemojewski auch in dieser Zeit, und zwar als Neumond in der Konstellation der
Zwillinge, die lateinisch Gemini heißen, weshalb Augustinus sagt, daß Jesus
unter dem Konsulate der beiden Gemini am 25. März den Tod erlitten habe (29
u. Z.). An seinem Grabe wachen zwei Männer in glänzenden Kleidern: die
Zwillinge.
Im
Unterschiede von Lukas ist Jesus bei Matthäus die Sonne in ihrem Gegensatze
zum Mond (Herodes). Das Astralsystem dieses Evangelisten gehört dem Zeitalter
an, wo der Frühlingspunkt im Widder lag, und die Geburt der Sonne
(Wintersonnenwende) fällt hier auf den 25. Dezember. in der astralen
Ausdeutung der Geburtsgeschichte Jesu schließt Niemojewski sich unmittelbar
an. Dupuis an und sucht den weiteren Verlauf der evangelischen Erzählung aus
dem Umkreisen des Himmels durch die Jesussonne zu erklären. Auch die dreißig
Silberlinge des Judas, dessen Beinamen Ischarioth er auf das Bild des Löwen
(Isch ke arieh: ein Mann ganz wie [147] ein Löwe) bezieht, sollen nach
Niemojewski austral bedingt sein. Das größte Gewicht aber legt er auf seine
Entdeckung der astralen Via dolorosa, die Zug für Zug am Himmel zu sehen sein
und zwischen Widder und Wage liegen soll.
Während bei Matthäus und Lukas die Astralstoffe ein
Astralsystem bilden, d. h. alle Astralszenen zu einem gewissen
Frühlingspunkte zurückgeführt werden können, soll Markus höchstens nur
Spuren eines solchen, nämlich in der Geschichte vom Abendmahl mit seinem
Obergeschoß (Anagaion) enthalten, die auf einen Frühlingspunkt im Stier
hindeutet, auch soll er ein Eklektiker und nicht der älteste, sondern der
jüngste der Evangelienschreiber sein. Und wenn Niemojewski das Evangelium des
Lukas als Brotevangelium glaubt, auffassen zu können, so soll dasjenige des
Johannes, das er an anderer Stelle auch als Adlerevangelium zu erweisen
versucht hat, im Hinblick auf die Hochzeit zu Kana ein Weinevangelium
darstellen. In jedem Falle soll die folgerichtig durchgeführte Astralform bei
Matthäus und Lukas beweisen, daß sie die Urform jener Evangelien gewesen
ist, für höhere, edlere, gebildetere Geister bestimmt, wie wir uns diese
etwa in den Essenern zu denken haben. Niemojewski ist geneigt, die astral
aufgefaßten Evangelien für deren Geheimschriften zu halten, die dann nach
der Zerstörung Jerusalems und der Vernichtung der alten Ordnung in die Hände
der Menge gerieten und hier einer völligen Umbildung im Sinne der
Vergeschichtlichung unterlagen, wie denn ja auch nach Celsus die Christen ihre
Evangelien beständig umgearbeitet haben sollen.
Das Buch
von Niemojewski hat in Deutschland verhältnismäßig nur geringe Beachtung
gefunden. Das lag wohl nicht nur an seinen ungewohnten Gedankengängen und dem
weithin herrschenden Mangel an einer genaueren Kenntnis des Sternhimmels, die
besonders auch den theologischen Kritikern abging: die Darlegungen
Niemojewskis selbst erscheinen bei ihrer trotz aller von ihm behaupteten
Systematik unzusammen[148]hängenden und bruchstückartigen Beschaffenheit
meist wenig überzeugend, gekünstelt und weit hergeholt, wo doch viel
einfachere Erklärungen der bezüglichen Erzählungen in den meisten Fällen
ungleich näher lagen. Niemojewski hat sich zu seinem eigenen Schaden von
Dupuis doch zu weit entfernt, wenn er, statt die evangelischen Geschichten nur
einfach zum Gang der Sonne durch den Tierkreis und die hierbei berührten
Sternbilder in Beziehung zu setzen, verwickelte Zusammenhänge zwischen diesen
und dem Gang der Sonne und dem Mond ersinnt und nebensächliche Dinge und
belanglose Geschehnisse, wie etwa das „Eilen“ der Maria zu Elisabeth auf
kosmischen Ursprung glaubt, zurückführen zu sollen. Das Alte Testament kommt
als Vorlage bei Niemojewski zu kurz. So aber sieht man nicht, wie aus den
abstrakten Beziehungen am Sternhimmel ohne anderweitige Unterlage die
evangelischen Geschichten sich sollten gebildet haben. So recht er daher auch
mit seiner Annahme einer astralen Urform der Evangelien haben mag und so
geistreich seine astralen Erklärungsversuche vielfach sein mögen sie
überzeugen und befriedigen nicht und scheinen zu allertetzt geeignet, die
herkömmliche Auffassung der Geschichtlichkeit Jesu zu erschüttern.
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Samuel Lublinski
Weit bedeutender und eindrucksvoller ist „Der urchristliche
Erdkreis und sein Mythos“ von dem Schriftsteller Samuel Lublinski (gest.
1910).
Das Werk
betrachtet den urchristlichen Mythus als „die erste kulturelle Großtat des
Individualismus“, als die große „Kultursynthese“ auf Grund der
damaligen individualistischen Weltanschauung, zugleich als Mahnung an die
Gegenwart, auch ihrerseits die so dringend geforderte Kultursynthese mit ihren
Mitteln in Angriff zu nehmen.
In seinem ersten Bande, der überschrieben ist „Die Entstehung
des Christentums aus der antiken Kultur" deckt es [149] zunächst in
ähnlicher, nur in viel umfassenderer und weitergehenden Weise als die „Christusmythe“,
die äußeren und inneren Bedingungen auf, die zur Entstehung des Christentums
Lublinski
legt die Widersprüche in der Seele des antiken Menschen auf politischem,
ethischem und religiösem Gebiete klar und zeigt, wie aus ihnen sich die
Vorstellung des Königs als des Welterlösers und weiterhin eines Gottkönigs
ergab, der, obschon ein überirdisches Wesen, nichtsdestoweniger irdische
Züge trug, als Wohltäter der Menschen erschien, nach dem Bilde griechischer
Philosophen und Ethiker bestimmt war und als Mittler zwischen Diesseits und
Jenseitswalten sollte. Ihre Pflege fand sie in den Geheimkulten oder
Mysterien, antiken „Kirchen“, zu denen jedermann Zutritt hatte, und die
das Ziel verfolgten, ihren Gläubigen die Gewißheit eines glückseligen
Lebens nach dem Tode zu gewährleisten. Lublinski schildert das Wesen dieser
Mysterien, ihre zauberisch wirkenden Heiltümer, um die unreines Geister
auszutreiben, den Trost; den sie erlösungsbedürftigen Gemütern spendeten,
aber auch die Angst vor der Sünde und dem Tode bei solchen, die nicht sicher
sein konnten; ihren sittlichen und zeremoniellen Forderungen zu genügen. Wir
lernen den Mythus der Mysterien kennen, die Vorstellung vom Selbstopfer eines
Gottes für die sündhaften Verfehlungen der Seinigen in den verschiedenen
Mysterienvereinen und die immer mehr sich aufdrängende Notwendigkeit, die
Vielheit der Mysterienkulte um der Gewißheit der Erlösung willen in einen
einzigen derartigen Kultus aufzuheben. Die Entwicklung des jüdischen
Monotheismus zieht an uns vorüber. Wir erfahren, wie auch hier das Problem
der persönlichen Unsterblichkeit eine neue Geisteshaltung auslöst: Lublinski
führt uns vor allem die Pharisäer als astrologisch Phantasten, Romantiker
eines Zauber- und Sternenglaubens vor, der in engstes Beziehung zu ihrem
strengen Festhalten am Gesetze steht, und bei welchem die Planetengötter der
Chal[149]däer um des Monotheismus willen zu Engeln und Dämonen herabgesetzt
erscheinen. Auch hier die Flucht in die Mysterien aus Furcht vor der Strenge
des Gerichtes, das die Menschen nach dem Tode erwarten sollte. Aber die
Verquickung der nationalen Messiaserwartung mit dem Mysterienglauben bewirkt,
daß hier der Mittler der Mysterien als eine neue und einheitliche Gestalt aus
rein jüdischen Gedankenkreisen erwächst und das jüdische Mysterium damit
eine Ausschließlichkeit gewinnt, die einen Wettbewerb anderer von Anbeginn an
unmöglich macht. Sie gestattet es so dem Judentum, in seinem Schoße das
endgültige Mysterium zu erzeugen, nach dem die Welt strebte, und das in der
Gestalt des Christentumes in die Welt trat.
Das Christentum ist aus dem Gnostizismus, dem Mysterienglauben
der jüdischen Geheimsekten, hervorgegangen; dies ist auch die Ansicht von
Lublinski. Die gnostische Bewegung, die wir kennen, ist ursprünglich durchaus
eine innere Angelegenheit des Judentums gewesen. In der sog. Gnosis des Justin
lernen wir ein solches jüdisches Mysterium kennen. Aber auch die Sekten der
Naassener und Ophiten, der Schlangengnostiker, tragen deutlich jüdischen
Charakter und waren lange vor einem amtsförmlichen Christentum da. Auch
Essener und Therapeuten gehörten diesem jüdischen Gnostizismus an und
gestatten uns den Schluß auf einen vorchristlichen Christus, der in alten
diesen Mysterien verehrt wurde. Lublinski schließt sich hier an Smith an und
erblickt mit ihm in Jesus dem Nazaräer Jesus den Beschützer, Hüter oder
Wächter. Und auch die Vorstellung des Kreuzestodes Jesu tritt bereits in der
vorchristlichen Gnosis auf. Neben Jesus muß aber auch der alttestamentliche
Joseph eine Rolle als Mysteriengott gespielt haben. Er ist der ägyptische
Osiris, und seine Mutter Mirjam-Maria ist die Isis.
Was nun
für das Emporkommen des Jesusmysteriums vor allem bedeutsam war, das war die
Zerstörung Jerusalems im [151] Jahre 70. Der Aufstand gegen Rom ging aus den
Kreisen der Mysterienanhänger hervor, und dies gab die Veranlassung dazu,
daß die Pharisäer von jetzt an und besonders nach dem Bar Kochba‑Aufstande
(132-135) sich um so heftiger gegen jene wandten und sie des Abfalls vom
wahren Judentum beschuldigten, während sie bis dahin noch freundlich mit
ihnen zusammengelebt hatten. Damals änderten die Pharisäer ihr bisheriges
Wesen: sie gaben ihren Zauber- und Sternglauben auf und widmeten sich ganz der
Rettung des gesetzesstrengen nationalen Judentums. Damals wurden sie zu jenen
Pharisäern im Gegensatte zu den Mysteriengläubigen, wie die Evangelien sie
irrtümlicherweise schon im ersten Jahrhundert beschaffen sein lassen. Die
Trennung zwischen Juden und Christen setzte ein, und während der jüdische
Monotheismus seine letzte dogmatische Ausprägung erhielt und sich in der
Hoffnung auf einen kommenden Messias verzehrte, behaupteten die Christen, daß
er schon gekommen sei, und begannen, sein Leben anekdotisch auszuschmücken
und ihn als einen geschichtlichen Menschen darzustellen. Lublinski glaubt,
diesen Vorgang genauer an den Tod des Jakobus aus der Brüderschaft des Jesus,
der von ihnen als der Messias (Christus) verehrt wurde - so deutet er die
bekannte Stelle bei Josephus (Ant. 20, 9, 1) - anknüpfen zu können.
Aus dem Umstande, daß der Hohepriester Ananas
(Hannas) und die Schriftgelehrten Jakobus, den Bruder des Herrn ermordet
hatten, glaubte man, schließen zu dürfen, daß sie auch den Herrn selbst
getötet hätten, und damit war die letzte Brücke zum Judentum abgebrochen.
Der Kampf gegen das jüdische Gesetz begann. Der Glaube, der eins war mit der
Gnosis, trat an deren Stelle. Das übernatürlich wirkende Sakrament, die
Gnade, wurde zum rettenden Heilmittel. Die Gerechtigkeit verwandelte sich in
die Liebe. Und im Kampfe gegen die Auswüchse der Gnosis und ihre alles
überwuchernde Phantastik erwuchs nunmehr die christliche Kirche, die nicht
nur gegenüber der Heidenwelt, sondern auch gegenüber den [152] Christen
selbst das Jesusmysterium zum einzigen und alleinberechtigten erhob und ihm
eine allgemeine und endgültige Ausgestaltung gab.
Mit der Abweisung der Ansicht, als ob es sich beim Christentum um
eine soziale Bewegung in unserem Sinne und nicht vielmehr um religiöse
Grunde, die Furcht vor den Dämonen, den Glauben an die erlösende Zauberkraft
des neuen Mysteriums, gehandelt hätte, einer Erörterung der Verhältnisse
des Christentums zum Kaisertum und einer Kritik des Christentums unter dem
Gesichtspunkte der Kultursynthese, die seine völlige Unvereinbarkeit mit dem
Geiste unserer Zeit hervorhebt, schließt der erste Band des Werkes von
Lublinski.
Der zweite
behandelt „Das werdende Dogma vom Leben Jesu“ und sucht das letztere aus
dem Mythus zu erklären: Die Möglichkeit, daß es sich in den Evangelien um
einen bloßen Mythus handelt, ist ohne weiteres ebenso zuzugeben, wie die,
daß wir es in ihnen mit Geschichte zu tun haben. Was jedoch für den rein
mythischen Charakter der Evangelien spricht, ist ihre offenkundig dogmatisch‑metaphysische
Absicht: Denn wo einmal Mythus, Dichtung und Dogmatik eingegriffen haben, da
läßt es sich nicht leicht feststellen, wie weit ihr umbildender Einfluß
sich ausdehnt, und das sog. Natürliche verbürgt hier noch lange nicht die
historische Wahrheit. Lublinski weist an einigender „Grundsäulen“
Schmiedels nach, wie selbstverständlich sie sich aus dem dogmatischen
Jesusbild ergeben und eine wie „verblüffend naive“ Methode es ist, aus
den im Dogma enthaltenen Widersprüchen geschichtliche Wirklichkeit
abzuleiten. Nicht weniger verfehlt ist es auch, die Anschaulichkeit der
evangelischen Darstellung, den Inhalt der evangelisches Moral, die Glut der
religiösen Empfindung oder die bekannten Bismarck- oder Alexanderparodien
für die geschichtliche Existenz des Zimmermannssohnes Jesus zu verwenden
[79]
.
[153] Ist es doch schlechterdings nicht einzusehen, wie der
Mensch Jesus, der Sohn des Zimmermanns, zum zweiten Gott; zum Logos, zum vom
Himmel herabgestiegenen Sündenerlöser hätte werden können—eine völlige
religiöse Unmöglichkeit, zumal auf dem Boden des damaligen jüdischen
Monotheismus, und mit der sonstigen Vergötterung von Menschen in keinerlei
Vergleich zu bringen. Es fehlt der profane Historiker für die evangelische
„Geschichte“. Aber auch Papias und der Apostel Paulus können als solche
nicht in Frage kommen, zumal die Existenz eines Menschen Paulus Lublinski
ebenso zweifelhaft erscheint, wie diejenige eines Menschen Jesus, und er in
dem Heidenapostel nur einen Doppelgänger des Stephanus und Christus erblicken
will. Dazu kommt nun ferner die geschichtliche Unmöglichkeit der Evangelien.
Über den Einzug Jesu in Jerusalem konnten Philo und Josephus unmöglich
schweigen, wenn er sich dem Berichte der Evangelien entsprechend abgespielt
hätte. Der evangelische Pilatus ist nicht derjenige der Geschichte. Der
Hintergrund der Jesusgeschichte entspricht nicht den tatsächlichen Zuständen
der ersten dreißig Jahre des ersten, wohl aber in geradezu verblüffender
Weise denen aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts. Noch einmal kommt
Lublinski in diesem Zusammenbange auf die große Bedeutung zurück, welche die
Zerstörung Jerusalems für die Entstehung des Christentums gehabt hat. Dieses
Ereignis spiegelt sich nicht [154] bloß in der Johannesoffenbarung und dem
jüdischen apokalyptischen Schrifttum, sondern auch in den Evangelien wieder.
Er nennt es demnach das Kopernikanische System der Christologie, die Sonne des
Mythus sich nicht mehr, wie bisher, um die Erde der geschichtlichen Ereignisse
kreisen und den Gottmenschen vom Menschen Jesus abhängig sein zu lassen,
sondern den Mythus für den Ausgangspunkt anzusehen, um den herum sich nicht
nur die Geschichte Jesu, sondern auch diejenige des Urchristentums
kristallisiert hat. In Maurenbrecher aber erblickt er den „theologischen
Tycho de Brahe“, der zwischen dem alten Irrtum und der neuen Erkenntnis eine
mittlere Linie herausgegrübelt und es damit wenigstens denjenigen recht
gemacht hat, die ohne die Annahme eines geschichtlichen Jesus nicht glauben,
leben zu können.
Es erübrigt sich, näher darauf einzugehen, wie Lublinski sich
das Leben Jesu aus dem Mythus hervorgegangen denkt. Auch er erblickt in Petrus
einen ursprünglichen Gott, den Kultgott einer mystischen Sekte, und will, wie
gesagt, einen solchen auch in Paulus sehen. In jedem Fall, so betont er am
Schlusse noch einmal, hat das Christentum nichts mit Sozialismus zu tun, mit
dem man es heute so gern in Verbindung bringen möchte. Seine Grundlage ist
eine magische und moralische, keine soziale. Von einem Klassenhaß im modernen
Sinne ist in ihm nichts zu entdecken. Der Tadel gegen die Reichen bezieht sich
nur darauf, daß seine moralischen Ideale Askese und Demut waren, diese aber
durch den Reichtum beeinträchtigt wurden. Und wenn Matthäus das Lukanische
„Selig sind die Armen“ in „Selig sind die Armen am Geiste“ umsetzt, so
ist das keine Verleugnung oder Abschwächung des ursprünglich sozialen
Charakters des Christentums, sondern es richtet sich gegen den Hochmut der
Gnostiker, die mit ihren höheren Erkenntnissen, ihrem „Geiste“ protzten.
Auch Lublinskis Werk hat im Kampfe um die Geschichtlichkeit Jesu
nicht die Anerkennung gefunden, die es seinem [155] Werte und seiner
prächtigen Darstellung nach verdiente, vielleicht weil man sich in bestimmte
Dinge bereits zu festgebissen hatte und neuen Gesichtspunkten keine
Aufmerksamkeit mehr schenken wollte. Seine Auffassung von der Entstehung des
Christentums ist stark durch die wertvollen Arbeiten von Moriz Friedländer
über Judentum und Christentum beeinflußt, die von der christlichen Theologie
mit Unrecht bisher zu wenig beachtet worden sind, und es kann wohl nicht daran
gezweifelt werden, daß er mit seinen Ausführungen über die Entstehung des
Christentums im wesentlichen das Richtige getroffen hat.
Der
Kampf um die Geschichtlichkeit Jesu
Man hätte nach dem Angriffe Kalthoffs gegen ihre Aufstellungen
erwarten dürfen, daß die Leben-Jesu-Theologie auf derartiges vorbereitet
sein und sich rechtzeitig dagegen zu sichern gesucht haben würde, zumal
nachdem auch der Straßburger Theologe Albert Schweitzer in seinem Buch „Von
Reimarus zu Wrede“ (1906) dem „Irrewerden an dem historischen Jesus, wie
ihn die moderne Theologie zeichnet“, Ausdruck gegeben und in seiner
Schlußbetrachtung den rein negativen Ertrag der Leben-Jesu-Forschung
festgestellt hatte: „Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, die
Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete, das Himmelreich auf Erden
gründete und starb, um seinem Werke die Weihe zu geben, hat nie existiert. Es
ist eine Gestalt, die vom Rationalismus entworfen, vom Liberalismus belebt und
von der modernen Theologie in ein geschichtliches Gewand gekleidet wurde.“
„Das historische Fundament des Christentums, wie es die rationalistische,
die liberale und die moderne Theologie aufgeführt haben, existiert nichtmehr.“
„Dieses Bild ist nicht von außen zerstört worden, sondern in sich selbst
zusammengefallen, erschüttert und gespalten durch die tatsächlichen
historischen Probleme, die eines nach dem anderen auftauchten und sich trotz
aller [156] darauf verwendeten Zeit, Kunst, Künstlichkeit und Gewalt in der
Gesamtanschauung, welche den Jesus der Theologie der letzten hundertdreißig
Jahre hervorgebracht hatte, nicht einebnen lassen wollten und jedesmal, kaum
begraben, in neuer Form auferstanden.« Was Schweitzer an Stelle des liberalen
Jesus setzte, den Jesus der von ihm sog. „konsequenten Eschatologie",
einen Jesus, der alles das wirklich getan und gesagt haben sollte, was die
Evangelien von ihm berichten, sah freilich einer Verzweiflungstat so ähnlich,
daß es für die religiöse Praxis einer gänzlichen Leugnung Jesu gleichkam:
mußte doch sein Entdecker selbst von diesem Jesus gestehen, er könne bei der
durch und durch zeitlich bestimmten Art seiner Vorstellungen und seines
Handelns der modernen Theologie nicht mehr die Dienste leisten, die sie von
dem ihren, halb historischen, halb modernen in Anspruch nahm, und werde für
unsere Zeit immer etwas Fremdes und Rätselhaftes behalten. „Es ist der
Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen. Sie zog aus, um den historischen
Jesus zu finden, und meinte, sie könnte ihn dann, wie er ist, als Lehrer und
Heiland in unsere Zeit hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit
Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich,
als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen
Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging
an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück.“
Nichtsdestoweniger
rief die „Christusmythe“ starke Überraschung und einen ungeheuren Sturm
der Entrüstung hervor, nicht so sehr freilich wohl das Buch als die
Vorträge, die sein Verfasser auf Grund desselben über die Geschichtlichkeit
Jesu zu halten sich unterfing. Denn damit war der Theologie die Möglichkeit
genommen, über die heikle Frage, wie man es gern getan hätte, mit
Stillschweigen hinwegzugehen, damit sah man sich genötigt, öffentlich
Stellung zu nehmen, zumal nachdem das erste sog. Berliner Religionsgespräch
am 31. Januar und [157] 1. Februar 1910, das der Monistenbund veranstaltete
[80]
, und bei welchem an zwei aufeinander folgenden Abenden der
Gegenstand von Fachmännern und dem Verfasser der „Christusmythe“ nach
allen Regeln der Kunst erörtert wurde, einen so mächtigen Widerhall gefunden
und die breitesten Kreise auf den Gegenstand gelenkt hatte. Zwar die
Rechtgläubigen machten es sich leicht, mit der ganzen Frage fertig zu werden:
sie beriefen eine Protestversammlung ihrer Anhänger in den Zirkus Busch und
den Dom zu Berlin und stellten hier in Anwesenheit des preußischen
Kultusministers mit allen Mitteln der ihnen zu Gebote stehenden Suggestion und
unter völliger Verschiebung des in Frage stehenden Problems die Tatsache
fest, daß „Jesus lebt“. Das wurde alsdann von der gesamten orthodoxen
Presse als „Wahrhaft befreiende und herzerfreuende christliche Tat“
gefeiert, war jedoch im Grunde nur ein sophistischer Kunstgriff und höchstens
nur eine Beschwichtigung der Gemüter, aber keine Widerlegung. Schwerer hatten
es die Liberalen, der Beunruhigung, die durch die Christusmythe hervorgerufen
war, entgegenzutreten. Sie konnten nicht mit einem volkstümlichen Schlagwort
arbeiten. Sie mußten sich auf Gründe zur Verteidigung ihres geschichtlichen
Jesus einlassen, und deren Darlegung konnte unter allen Umständen nicht so
mit einem Schlage wirksam sein, wie die religiöse Fanatisierung einer
gedankenlosen gläubigen Menge. Die Art, wie sie sich dieser Aufgabe
entledigten, wird für immer ein beachtliches, wenn auch nicht gerade
erfreuliches Kapitel in der Geschichte der Theologie des zwanzigsten
Jahrhunderts darstellen.
Zum Glück
für die liberale Theologie hatte bereits kein Geringerer als Harnack in
Vorlesungen, die er 1904 an der Universität Berlin über „Vorfragen, die
Glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte betreffend“, gehalten hatte,
und die im Februar und April 1905 in der „Christlichen Welt“
er[158]schienen waren
[81]
, ihr die nötigen Fingerzeige an die Hand gegeben, um sich solcher
Gegner, wie Kalthoff und seinesgleichen, zu erwehren. Hier finden sich denn
auch bereits alle Hauptgesichtspunkte, besonders auch die angeblichen
Zeugnisse des Paulus, zusammengestellt, die nur irgendetwas zur Widerlegung
der Jesusleugner sollten leisten können; und man muß gestehen, daß die
Anhänger Harnacks im Kampfe um die „Christusmythe“ sich ihrer in
ausgiebigster Weise bedient und sie mit wahrhaft rührender Treuherzigkeit
wiederholt haben und noch immer wiederholen. Harnack selbst hatte es
abgelehnt, sich am Berliner Religionsgespräch zu beteiligen, da er es unter
seiner Würde erklärte, sich mit einem „Dilettanten“ über eine Frage
herumzuschlagen, die für ihn überhaupt keine Frage war, und er hat auch nur
ein einziges Mal entschieden öffentlich in den Kampf eingegriffen, als er im
Mai 1910 in der „Wiener Freien Presse“ jene berühmten „sechs Fragen“
veröffentlichte, die, wie er meinte, schlechterdings nicht oder doch
jedenfalls nicht befriedigend beantwortet werden könnten, wenn es wahr wäre,
daß Jesus nicht gelebt habe. Im übrigen hat der große Theologe sich auf die
„gewaltige, die Herzen bezwingende, unerfindbare Persönlichkeit“ berufen
und sich darauf beschränkt, demjenigen die Fähigkeit abzusprechen,
geschichtliches und persönliches Leben aus Urkunden aufzunehmen und von
Dichtungen zu unterscheiden, der die Unerfindbarkeit der Evangelien nicht
anerkenne und ihnen die Glaubwürdigkeit abspräche, eine Behauptung, die er
übrigens einer ähnlich lautenden und ebenso törichten Äußerung von
Wendland nachsprach.
Es
erübrigt sich, auf die zahlreichen Streitschriften und Widerlegungen
einzugehen, die jetzt von liberaler wie von orthodoxer Seite in Wort und
Schrift gegen die „Christusmythe" und ihren Verfasser gerichtet wurden.
Ihre Verfasser selbst [159] dürften heute bei ruhiger Überlegung wohl kaum
etwas dagegen einzuwenden haben, wenn man sie mit dem Mantel der christlichen
Liebe zudeckt, auch solche, die ein Harnack als „treffliche Widerlegungen“
gerühmt hat. Selbst ein Theologe, wie Albert Schweitzer, muß zugeben,
daß ihre wissenschaftliche Bedeutung im allgemeinen „nicht besonders
hervorragend und zuweilen, in Anbetracht der zeichnenden Verfasser,
überraschend gering“ gewesen sei. Er erklärt dies daraus, daß sie „gewöhnlich
etwas rasch geschrieben und auf die Auffassungskraft weiterer und weitester
Kreise berechnet“ gewesen seien
[82]
. Sollte es nicht aber z. T. auch daran liegen, daß man sich in
der bisherigen Sicherheit seines Glaubens an den geschichtlichen Jesus durch
den Gegner vollkommen überrascht sah, in aller Eile eine Handvoll
Gegengründe zusammenraffte und dabei im Grunde das Gefühl hatte, eine von
vornherein verlorene Sache zu verteidigen? Verteidigt aber mußte sie werden,
so gut oder so schlecht es eben ging, und wenn dabei auch nicht selten
verwerfliche Mittel angewendet wurden; man glaubte sich hierzu dadurch
berechtigt, daß die Gegner ja selbst nicht immer den beliebten „vornehmen“
Ton angeschlagen hätten, z. B. indem sie in ihrem wilden Draufgängertum an
der Wahrhaftigkeit der Leben-Jesu-Theologie zu zweifeln sich
erlaubt und über ihre naive Vertrauensseligkeit gegenüber den Zeugnissen
für die Geschichtlichkeit Jesus gespottet hatten. Ob dabei die zur Schau
getragene sittliche Entrüstung immer echt war? Es mutet doch ein wenig
komisch an, wenn Schweitzer in beweglichen Worten darüber jammert, warum es
gar noch zwei deutsche Hochschullehrer (Jensen, Drews) hätten sein müssen,
„die den aristokratischen Charakter der Wissenschaft mißachteten und auf
billige Sensation (so!) hinarbeiteten“
[83]
. Als ob die liberalen Theologen nicht selbst dadurch, daß sie die
Ergebnisse ihrer Wissenschaft in den billigen und leicht ver[160]ständlich
geschriebenen Heften der „Religionsgeschichtlichen Volksbücher“ den
weitesten Kreisen zugänglich zu machen suchten, den „aristokratischen“
Charakter der Wissenschaft verleugnet hätten!
Hier soll nur von einigen jener Streitschriften gegen die
Jesusleugner kurz gesprochen werden, nämlich solchen, die eine besondere
Rolle gespielt und zu Gegenäußerungen die Veranlassung gegeben haben, vor
allem also von der Schrift „Hat Jesus gelebt? aus den geschichtlichen
Urkunden beantwortet“ von Prof. Dr. Hermann v. Soden. In ihr fand
sich alles zusammengestellt, was gelegentlich des Religionsgesprächs an
Haupteinwänden gegen die „Christusmythe“, genauer gegen den Vortrag ihres
Verfassers vorgebracht war, belebt durch die eigenen Zutaten des Herrn v.
Soden, die dem Ganzen einen prickelnden Geschmack verleihen sollten. Alle
Schlagwörter und Hauptgesichtspunkte sind hier auf einem Haufen beisammen,
die alsdann in der Erörterung des Jesusproblems bis zum Überdrusse oft
wiederholt werden sollten: der Vergleich der Lebensgeschichte Jesu mit
derjenigen des Sokrates und Alexander, die Berufung auf die Überlieferung,
durch den Zweifel an welche „die Vernunft in der Geschichte aufs tiefste
erschüttert“ werden sollte, die Wiederaufwärmung der außerchristlichen
Zeugnisse, die doch bereits Harnack an der erwähnten Stelle als belanglos
hingestellt hatte, nebst der wunderbaren Erklärung des Schweigens des
Josephus über Jesus, die Betonung der „guten evangelischen Überlieferung“,
Hervorhebung der Einzigartigkeit, Anschaulichkeit, Unerfindlichkeit und
Originalität des Jesusbildes und der „Schlichtheit“ der evangelischen
Darstellung, der „palästinensische Erdgeruch“, die Berufung auf das
Paulinische Zeugnis mit seinem „vom Weibe geboren“ und den famosen „Brüdern
des Herrn“, die „Grundsäulen“, kurz, der ganze Waffenvorrat der
Bekämpfung der „Christusmythe“, der alsdann die Streiter für die
Geschichtlichkeit Jesu in so angenehmer Weise der Mühe enthob,[161] sich
eingehender mit der Sache zu befassen, ja, die „Christusmythe“ auch nur
selbst zu lesen.
Schlimmer als durch dieses leichtgeschürzte Machwerk eines ihrer
wissenschaftlichen Hauptvertreter mit seinen phrasenhaften Allgemeinheiten,
seiner billigen „Wissenschaftlichkeit“ und seinen plumpen Späßen, das
mit ungeheurer Stimmungsmache unter die Menge gebracht und von ihr selbst als
eine „Glanzleistung“ gefeiert wurde, konnte die liberale Theologie sich
nicht bloßstellen, und so durfte sie sich nicht beklagen, wenn der Bremer
Pastor Friedrich Steudel, ein Freund des verstorbenen Kalthoff, in
seiner Streitschrift „Wir Gelehrten vom Fach!“ der Schrift v. Sodens in
unbarmherzigster Weise zu Leibe ging und ihre gänzliche wissenschaftliche
Wertlosigkeit aufzeigte. Der Titel der Schrift bezog sich darauf, daß v.
Soden in der Berliner Aussprache seine Rede mit den Worten geschlossen hatte:
„Wir Theologen, d. h. wir Gelehrten vom Fach, die das Ganze überschauen,
können schlechterdings keine andere Erklärung des literarischen
Niederschlags jener Tage in unserm Neuen Testament und der geschichtlichen
Wirkungen bis zum heutigen Tage finden, die irgendwie wissenschaftlich
durchführbar und haltbar ist, als: dieser Jesus hat gelebt.“ In seiner
Schrift über „Das Christusproblem und die Zukunft des Protestantismus“
(1909) hatte Steudel schon vorher auf die geschichtliche und religiöse
Unhaltbarkeit der liberalen Auffassung von Christus hingewiesen und
geschrieben: „Von der ganzen apologetischen Kunst, mit der die moderne
Jesustheologie das Christentum für unsere zeit zu retten übernimmt, ist zu
urteilen, daß es überhaupt keine geschichtliche Religion gibt, die sich,
unter Anwendung derselben Methode, nicht ebenso gut in Einklang mit dem
modernen Bewußtsein bringen ließe, wie die des Neuen Testaments
[84]
“.
Viel
ernster als die Schrift v. Sodens, die in ihrer naiven Selbstsicherheit dem
Eingeweihten höchstens ein Lächeln abge[162]winnen konnte, nahm der Jenaer
Theologieprofessor Heinrich Weinel den Kampf gegen die Leugnung des
geschichtlichen Jesus auf. Seine Schrift führte den Titel: „Ist das
,liberale’ Jesusbild widerlegt?
Eine Antwort an seine ,positiven’ und seine radikalen Gegner mit bes.
Rücksicht auf A. Drews. Die Christusmythe“ (1910). Diese Schrift richtete
sich nicht bloß gegen die „frechen Anfälle“ von Drews, sondern auch
gegen die positiven Gegner der liberalen Theologie, die, wie Grützmacher
[85]
, deren Jesusbild für widerlegt erklärt hatten, und suchte dessen
unerschütterte Vortrefflichkeit ebenso gegen allzu fürwitzige Bestreiter der
Leben-Jesu-Theologie, (Wellhausen, Wrede, Schweitzer), wie gegen
den „Dilettantismus“ von Smith zu verteidigen. Auf die hochfahrende Art
der Kampfesweise dieses Gottesstreiters soll hier nicht eingegangen werden.
Ernst Krieck ist ihm in seiner Schrift „Die neueste Orthodoxie und das
Christusproblem“ (1910) die Antwort hierauf nicht schuldig geblieben, einer
Schrift, die sich auch gegen eine Anzahl anderer inzwischen hervorgetretener
Gegner der „Christusmythe“, wie Jülicher, Bornemann, Beth und Kurt
Delbrück wandte.
Wodurch
Weinels Ausführungen besonders interessant erschienen, das waren nicht so
sehr seine kritischen Bemerkungen gegen die Jesusleugner als vielmehr seine
Ausführungen über die Methode der „wissenschaftlichen“ Theologie und das
offene Eingeständnis, daß diese bisher selbst nicht auf der Höhe gewesen,
ja, daß eigentlich die ganze bisherige Leben-Jesu-Forschung im Grunde über
den Dilettantismus nicht hinausgelangt sei. Gunkel, Wellhausen,Schweitzer,
Wrede und ihresgleichen werden hart angefahren, durch ihre „unvorsichtige“
Ausdrucksweise den Gegnern selbst die Waffen in die Hand geliefert zu haben.
Ja, es klingt schon fast wie Jesuitismus, wenn Weinel seinen Fachgenossen
Ratschläge erteilt, wie sie es anfangen müßten, um die liberale Theologie
nicht durch
Weinel
fürchtete nicht, durch Abtragung der verschiedenen Schichten der
Überlieferung schließlich keinen geschichtlichen Kern mehr übrig zu
behalten. „Das Christliche“, schrieb er, „muß abgestreift werden von
dem Bilde Jesu, ehe man ihn selber findet.“ Aber doch das Christliche nur in
einem bestimmten Sinne, nämlich insofern, als es sich um Gedanken,
Vorstellungen und Tendenzen handelt, die erst die spätere Gemeinde haben
konnte. Und dabei warf Weinel seinen Gegnern Unterschätzung der
Überlieferung vor! Immerhin gestand er ein, daß die liberale Theologie sich
schwere Fehler habe zuschulden kommen lassen. Sie habe, meinte er,
augenscheinlich den Maßstab noch nicht gefunden, um Echtes und Unechtes an
der Überlieferung zu scheiden (!), ihn jedenfalls nicht so deutlich gemacht,
daß er immer ganz sicher zu erkennen wäre. Und er klagte sich selbst und
seine Gesinnungsgenossen an, meistens von ihr in sehr ungenauen, wenn nicht
irreführenden Ausdrücken gesprochen zu haben. Man fragte sich, mit welchem
Rechte Weinel den „Dilettanten“ alsdann ihren Mangel an Methode vorwarf.
Aber er glaubte, auch zugleich den Grundsatz aufstellen zu dürfen, nur solche
Züge der Überlieferung als unecht auszuschalten, die nicht aus einem
Interesse Jesu, sondern nur aus einem solchen der Gemeinde herstammen könnten—als
ob das nur so einfach zu bestimmen wäre!
Vor allem, meinte er, gälte es, Jesu Religion und seine
Sittlichkeit festzustellen, da in ihnen das Wesen des Christentums liege (!).
Der Vorwurf, daß seine Ethik auf Lohn und Strafe aufgebaut sei, sei völlig
unberechtigt, und Weinel gab sich verzweifelte Mühe, das Neue und Bedeutsame
an der Lehre Jesu so unabweislich herauszuheben, daß auch wir es als
maßgebend für unser eigenes religiöses Leben betrachten müßten. Er
höhnte über Hartmann als „Philister“ und wies v. Sehsehens Vorwurf eines
liberalen „Jesuskultus“ mit Worten der Ent[164]rüstung zurück. Das Neue,
ganz Außerordentliche an Jesus, das uns berechtige, uns verehrungsvoll an ihn
zu halten,
so erklärte er, sei dessen Liebespredigt. „Das Ideal des
Evangeliums ist unüberbietbar“, versicherte Weinet, unbekümmert um die
geschichtlichen Tatsachen, die er offenbar entweder nicht kannte oder nicht
kennen wollte. Nur die Liebesgesinnung Jesu sei das wahrhaft Religiöse und
könne allein uns retten. Und hierauf nicht genügend den Nachdruck gelegt, zu
viel von der Geschichte, zu wenig von den naturwissenschaftlichen Fragen
gesprochen zu haben, und daß sie von der „Begeisterung“ für Jesus sich
hier und dort zu allzu großen Worten habe hinreißen lassen, das vor allem
machte Weinel der liberalen Theologie zum Vorwurf. Das Volk bedürfe keiner
Metaphysik, keiner neuen Weltanschauung. Allein auf das „schlichte
Bild" des evangelischen Jesus und die von diesem ausgehende suggestive
Kraft komme es an, wenn freilich eine einheitliche religiöse Weltanschauung
doch am Ende unentbehrlich sei, nur daß eine solche nicht, wie Drews es
wolle, bei E. v. Hartmann, sondern eher bei Wundt (!)und noch lieber bei
Eucken gefunden werden könne.
Weinel glaubte, in seiner Verkündigung vom geschichtlichen Jesus
ausgehen zu müssen; er setzte also diesen voraus, während es sich doch darum
handelte, ihn vielmehr erst zu suchen. Er sprach von dem „überwältigenden
Eindruck“, den die Sache und die Person Jesu auf ihn und seinesgleichen
gemacht hätten, eines Jesus, von dem sie selbst durch ihre Kritik kaum noch
den Schatten eines Schattens übrig gelassen hatten! Er wies es zwar ab, wie
manche Liberale in ihrer philosophischen Ahnungslosigkeit meinten, Jesus zum
Gottesbeweis machen zu können, aber er behauptete nichtsdestoweniger, wer in
jenem das ideal seines Lebens erfaßt habe, der erlebe an ihm auch Gott (!).
Damit enthüllte er den tiefsten Grund, warum die liberale Theologie an den
geschichtlichen Jesus glaubt und sich diesen Glauben nicht erschüttern lassen
will,[165]nicht etwa aus geschichtlichen und wissenschaftlichen, sondern bloß
aus religiösen Gründen, weil sie, von aller Philosophie verlassen, der
herkömmlichen Gottesbeweise überdrüssig, voll= kommen ins Nichts fallen
würde ohne die Voraussetzung, daß Gott in Jesus wirklich geworden sei und
die Geschichtlichkeit dieses Jesus die Wirklichkeit Gottes verbürgen könne.
Das Schönste an der Schrift von Weinel aber war ihr Nachwort, in welchem der
Verfasser seine Leser darüber aufzuklären suchte, mit welchen Gründen
Arthur Drews kämpfe, und wie man ihm entgegentreten könne. Hier wurden die
üblichen liberalen „Beweise“ für den geschichtlichen Jesus noch einmal
in Reinkultur vorgesetzt, dabei besonders auch Smith wegen seines „Vorchristlichen
Jesus“ in Grund und Boden verdonnert und ihm mangelhafte Kenntnis der
Quellen und der Sprache vorgeworfen. Hier wurde mit allen Mitteln der
Sophistik versucht, die außerchristlichen Zeugnisse für Jesus wieder in Kurs
zu bringen, offenbar weil sie auf manche doch immer noch Eindruck machten.
Hier trat abermals Paulus als der unverfänglichste Zeuge für den
geschichtlichen Jesus auf, der nach Weinet nicht bloß von Brüdern und
Schwestern, sondern sogar von „Schwägerinnen“ Jesu gesprochen haben
sollte (!)—warum auch nicht? Die „schlichten“ Tatsachen der christlichen
Überlieferung sprachen ja nach Weinel so stark, daß auch eine
Volksversammlung sie verstehen könne, nämlich nachdem man sie zuvor zu „schlichten“
Tatsachen gemacht hatte und sich wohlweislich hütete, der Versammlung
mitzuteilen, wie viele bisher ungelöste und unlösbare Fragen sich für den
Eingeweihten an jede dieser „Tatsachen“ knüpften.
Die „innerlich unwahre Haltung“ der liberalen Theologie, die
auch in jenen Schlußworten Weinels zum Ausdruck gelangte, indem dieser der
urteilslosen Menge einzureden suchte, als ob bei den Evangelien von
schwerwiegenden Problemen überhaupt nicht die Rede sein könne, veranlaßte
Steudel, noch einmal in einer Schrift „Im Kampf um die Christusmythe“[166]
(1910) für die Ungeschichtlichkeit. Jesu auf den Plan zu treten, und zwar
diesmal besonders gegen den Heidelberger Theologen Johannes Weiß.
Dieser hatte in einem Berliner Ferienkurse am 31. März und I. April 1910,
worin er die Frage der Geschichtlichkeit Jesu behandelt hatte, sich in so
herabsetzender und schnoddriger Weise über die Jesusleugner geäußert, daß
es selbst den Unwillen seiner Berliner Zuhörer hervorgerufen, und er hatte
seine im mündlichen Vortrage gebrauchten Ausdrücke dann auch noch in der
Drucklegung dieser Vorträge wiederholt, die im selben Jahre unter dem Titel
„Jesus von Nazareth, Mythus oder Geschichte. Eine Auseinandersetzung mit
Kalthoff, Drews, Jensen“ herauskam. Eben diese Schrift, aber wurde von
theologischer Seite als das Beste gegen die Jesusleugner Vorgebrachte
gerühmt.
Es hat heute keinen Wert mehr, auf die Einwände von Weiß, die
mit dem Anspruch höchster Wissenschaftlichkeit und strengster Methodik
vorgebracht wurden, genauer einzugehen. Sie decken sich in der Kritik der
liberalen Methode teilweise mit den Vorwürfen, die auch Weinel gegen diese
erhoben hatte, und wiederholen im Grunde nur mit größerer Ausführlichkeit
die bekannten auch bisher schon vorgebrachten Dinge. Weiß beklagte sich im
Eingang seiner Schrift in beweglichen Worten über die „unedlen Formen, die
der radikale Fanatismus neuerdings angenommen“ habe, und versprach, selbst
den Ton der „ruhigen wissenschaftlichen Erörterung“ anzuschlagen, sich
nicht zu entrüsten, sondern nur zu urteilen, Aber die Art, wie er sich seiner
Aufgabe entledigte, war alles andere, als diejenige vornehmer
Wissenschaftlichkeit und wurde an Bösartigkeit höchstens noch durch die
groben Formen übertroffen, in die der Wiener Theologe
Beth seine Ausfälle gegen die „Christusmythe“ gekleidet
hatte. Auch Weiß suchte, wie so viele andere, die „Christusmythe“ als „quantité
négligeable“ hinzustellen und ihr jede wissenschaftliche Bedeutung
abzusprechen. Allein er sah sich doch am Schiesse seiner Aus[167]führungen zu
dem Zugeständnisse genötigt, daß die theologische Forschung unter ihrem
Einfluß gegenwärtig ihre „Schicksalsstunde“ erlebe, und gab sich alle
Mühe trotz aller Bedenken, die er selbst gegen die Überlieferung nicht zu
unterdrücken vermochte, einen geschichtlichen Jesus für die Theologie zu
retten. Daß auch ihm bei aller zur Schau getragenen Gelehrsamkeit
dies nicht gelungen ist und naturgemäß auch nicht gelingen konnte, ist ihm
ebenso von Steudel wie von Drews selbst bescheinigt worden.
Steudel wandte sich in seiner Schrift zugleich gegen die in der
mündlichen und schriftlichen Erörterung his zum Überdresse wiederholte
Berufung auf die „Grundsäulen“ Schmiedels und nahm sich auch den Angriff
des russischen Orientalisten Chwo1son gegen die Leugnung der
Geschichtlichkeit Jesu vor. Dieser hatte mit 91 Jahren gemeint, seinen
einstmals vollzogenen Übertritt vom Judentum zum Christentum durch ein
erneutes Bekenntnis zu Jesus auf Grund dem Talmud entnommener Beweise
rechtfertigen zu müssen. Sein Bekenntnis war am Ende psychologisch
verständlich, schwerer verständlich, daß unter den Gegnern der „Christusmythe“
sich auch sonst zahlreiche Juden befanden, obschon man doch hätte meinen
sollen, daß gerade sie das allergeringste Interesse an der Geschichtlichkeit
des christlichen Heilandes hätten haben müssen: hat doch die Beschuldigung,
daß die Juden den Tod Jesu verschuldet hätten, seit 2000 Jahren wie ein
Fluch auf ihnen gelastet und sie in den Augen ihrer Gegner zu „Feinden des
menschlichen Geschlechtes“ gestempelt! Ob sie sich am Ende den angeblich „größten
Sohn“ ihres Volkes nicht rauben lassen wollten? Fast hatte es den Anschein,
wenn man sah, mit welcher Entschiedenheit sogar ein jüdischer Geistlicher,
der Stockholmer Rabbiner Gottlieb Klein'
[86]
, für die Geschichtlichkeit Jesu in die Schranken ritt und dabei
nicht bloß die wunderliche Ansicht vertrat,[168] daß Jesus wegen unerlaubten
Aussprechens des heiligen Gottesnamens verurteilt worden sei, sondern auch die
Geschichtlichkeit Johannes' des Täufers durch den Hinweis darauf meinte
erweisen zu können, daß Rabbi Hillel einen Schädel habe auf dem Wasser
schwimmen sehen, was natürlich nur der Schädel des Johannes gewesen sein
könne(!)—ob Schädel überhaupt schwimmen können?
Genug hiervon. Wenn man die großen Worte, mit welchen die
Theologen wider die Gegner des geschichtlichen Jesus loszogen, mit der
geradezu kläglichen Armseligkeit ihrer eigenen Gegenbeweise verglich, so
wunderte man sich über gar nichts mehr, auch nicht darüber, daß ein Mann,
wie Wilhelm Bousset auf dem „Weltkongress für Freies Christentum und
religiösen Fortschritt“ im August 1910 die Behauptung aufstellte, der
Versuch, die Gestalt Jesu von Nazareth als ungeschichtlich zu erweisen, sei
„mit den Mitteln der Wissenschaft(!) als Utopie abgeschlagen“, und dabei
zugleich das Zugeständnis machte „Was wir vom pragmatischen Zusammenhang
seines Lebens wissen, ist so wenig, daß es auf einem Blättchen Papier Raum
fände. Die Predigt oder das Evangelium Jesu ist ein oft unlösliches Gewebe
von Gemeindetradition und eventuell echten Worten des Meisters“
[87]
. Immerhin kündigte sich in ihm das Bewußtsein der Unmöglichkeit
an, den religiösen Glauben, wie die liberale Theologie es wollte, rein auf
die Geschichte zu gründen. Bousset verwies ihn statt dessen auf die ratio,
die von jener Theologie bisher ängstlich gemieden worden war aus Furcht,
hiermit der im Zeitbewußtsein geächteten Metaphysik zu verfallen; er wollte
in Jesus nur mehr das Symbol für den Inhalt des christlichen Glaubens sehen.
Dabei vermied er es jedoch wohlweislich, diesen Inhalt selbst genauer zu
bestimmen. Und ähnlich äußerte sich auch Boussets Kollege Ernst [169]
Tröltsch in einem Vortrag, gehalten vor der Schweizer christlichen
Studentenkonferenz in Aarau
[88]
.
Es war
jedenfalls kein erfreulicher Anblick, zwei so ausgezeichnete Forscher und
ernste Männer, wie Tröltsch und Bousset, vor ihren Aarauer und Berliner
Zuhörern einen so tollen Eiertanz aufführen zu sehen, indem sie einerseits
die Frage, ob Jesus überhaupt gelebt habe, für „töricht“ und eine
zweifellose „Ungeheuerlichkeit“ (!) erklärten—dies zur Beruhigung der
gläubigen Seelen—dann aber von der Geschichte in das Reich des Symbols
flüchteten, um sofort hinzuzufügen, dass das Christussymbol um der
Auffassungskraft der großen Menge willen und um dieser einen Halt und
Mittelpunkt ihres religiösen Lebens zu geben, doch irgendwie geschichtlich
festgelegt und auf einen historischen Jesus als ideale Persönlichkeit bezogen
werden müsse, einen Jesus, den sie auf der einen Seite zwar für
geschichtlich unerkennbar erklärten, in Bezug auf welchen sie auf der anderen
jedoch nichtsdestoweniger hinzufügten, daß die strenge geschichtliche
Wissenschaft „zweifellos einen Kern“ von Tatsachen feststelle, auf den
sich dessen Deutung und Schätzung als Verkörperung des Glaubens gründen
ließe(!). Auch Bousset und Tröltsch verrieten hiermit nur den wahren Grund,
warum die Theologie auf ihren Jesus bestand, nicht geschichtliche, sondern
sozialpsychologische Notwendigkeiten veranlaßten sie zu ihrer Jesusverehrung
und zwangen sie, sich an die Geschichte als Grundlage ihres Glaubens zu
klammern. Daher ihr Zorn auf die Jesusleugner, weil sie als christliche
Theologen, gar nicht imstande waren, die Frage, ob Jesus gelebt habe, für
eine rein geschichtliche anzusehen. Daher auch die bedenkenlose Art der
Mittel, mit denen man auf theologischer Seite die Leugner der
Geschichtlichkeit Jesu bekämpfte: dies ganze System von Verächtlichmachung,
Herabsetzung, Ehrabschneidung, Verhöhnung und Verleumdung der Gegner,
bos[170]hafter Witzelei, Verdrehung der Tatsachen und Verschweigen unliebsamer
Wahrheiten—der fromme Zweck heiligte die Mittel, und wo die eigenen Kräfte
nicht zureichten, da fand man an einer nur zu gefügigen Presse, die, als „liberale“,
der liberalen Theologie meinte, unter die Arme greifen zu müssen, einen
Verbündeten, um den „Sieg“ der Leben-Jesu-Theologie herbeizuführen
[89]
. Arthur Böhtlingk hat in seiner kleinen [171] Schrift „Zur
Aufhellung der Christusmythologie" (1910), worin er einen kurzen
Überblick über die ganze Frage der Bestreitung eines geschichtlichen Jesus
gab, auch die Taktik der Gegner niedriger gehängt, und Steudel hat mit Recht
die sämtlichen im Gewande strengster Wissenschaftlichkeit auftretenden
Versuche der Theologen, die Geschichtlichkeit ihres Jesus zu retten, „einen
mit raffinierter Kunst bewerkstelligten Beschwichtigungsversuch“ genannt
[90]
.
Es verdient, hervorgehoben zu werden, daß im Kampfe um die „Christusmythe“
die Widerlegungen von orthodoxer Seite im allgemeinen nicht bloß in der
religiösen Auffassung gediegener, sondern auch im Tone um mehr als einen Grad
sachlicher und vornehmer waren, als diejenigen der Liberalen. Jene hatten
tieferen religiösen Grund unter ihren Füssen, konnten daher größere
Zugeständnisse machen und fühlten sich im Grunde mit Drews einig in der
Zurückweisung der liberalen Geschichtsreligion. Und auch auf katholischer
Seite gönnte man der Leben-Jesu-Theologie die Bloßstellung durch die „Christusmythe“,
wennschon eine Gegenschrift, wie diejenige des katholischen Theologen Franz
Meffert „Die geschichtliche Existenz Christi“ (1910) mit ihrer
sophistischen Beweisführung und ihrer offensichtlichen Verdrehung und
Zurechtmachung der Tatsachen zu den schlimmsten Auswüchsen des „furor
theologicus“ gehört
[91]
. Bedeutsam war, daß die Philosophie in den Kampf um die
Geschichtlichkeit Jesu einzugreifen, keinerlei Veranlassung nahm. Und doch war
es einer der ihrigen; der den Kampf entfesselt hatte, und waren es nicht
zuletzt auch philosophische und religionsphilosophische Fragen, die in den
[173] ganzen Streit mit hineinspielten. Die Philosophie aber schien jede
Fühlung mit den Fragen der Gegenwart verloren zu haben. Sie quälte sich mit
erkenntnistheoretischen und methodologischen Doktorfragen ab, vermied
ängstlich jedes Eingehen auf religiöse Dinge, wie denn die deutsche
Religionsphilosophie auch noch gegenwärtig ganz unter theologischem Einfluß
steht, und nur Deussen fand in der Einleitung zu seiner „Philosophie der
Bibel« das Kraftwort: „An der Geschichtlichkeit Jesu kann nur ein Narr
zweifeln“, wofür er sich alsdann von seinem Freunde, dem Dichter Karl
Gjellerup, energisch die Wahrheit sagen lassen mußte
[92]
.
|
Der
zweite Teil der „Christusmythe“ und die weiteren Arbeiten von Drews über
die Jesusfrage
Im Ganzen liefen die Widerlegungen der „Christusmythe“ darauf
hinaus, ihren Verfasser mürbe zu machen und ihn damit zum Schweigen zu
bringen, wie man es mit Strauß, Loman, Jensen und anderen gemacht hatte.
Allein damit hatte man diesmal kein Glück. Im Gegenteil, die Angriffe seiner
Gegner veranlaßten Drews nur dazu, sich immer eingehender mit dem Gegenstande
zu befassen und sich um immer neue Beweise für seine Aufstellungen zu
bemühen.
Inzwischen nämlich hatte die „Christusmythe“, besonders
nachdem das Berliner Religionsgespräch das Interesse für sie geweckt hatte,
eine Auflage nach der anderen erlebt. Die Zeit zwischen den verschiedenen
Auflagen war zu kurz, um wesentliche Veränderungen im Texte vornehmen zu
können. Immerhin hatte doch der letztere von Auflage zu Auflage manche
Verbesserungen, Erweiterungen und Zusätze erfahren, die es bald nicht mehr
angängig erscheinen liessen, sich bei der Kritik [173] des Buches immer noch
auf die ursprüngliche Fassung zu berufen. So war u. a. auch das Kapitel über
Petrus vom Ganzen abgetrennt und in erweiterter Form unter dem Titel „Die
Petruslegende“ 1910 veröffentlicht worden. Schon war der Text in der
vierten Auflage der „Christusmythe“ von 190 auf 262 Seiten angewachsen,
als Drews sich dazu entschloß, einen zweiten Teil des Buches zu schreiben und
darin selbst mit den Gegnern abzurechnen, die sich immer übermütiger
gebärdeten. Dieser zweite Teil erschien im März 1911 unter dem Titel: „Die
Zeugnisse für die Geschichtlichkeit Jesu. Eine Antwort an die
Schriftgelehrten, mit besonderer Berücksichtigung der theologischen Methode“
und dem Motto: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten, daß ihr den Schlüssel der
Erkenntnis weggenommen habt ! Ihr seid nicht hineingekommen und habt
gehindert, die hineingehen wollten“ (Luk. 11, 52).
Die zweite Christusmythe bestreitet den Theologen das Recht, sich
selbst für „Geschichtsforscher“ auszugeben, da es sich doch für sie nur
um den religiösen Glauben handelt, und
Was das Zeugnis des Paulus anbetrifft, so hatte Drews im [174]
ersten Teil der „Christusmythe“ die. Möglichkeit, vielleicht sogar die
Wahrscheinlichkeit der Unechtheit der Paulusbriefe zugestanden, selbst jedoch
die Stellung des Paulus zu Jesus unabhängig von dieser Möglichkeit
behandelt, und er hatte geglaubt, dies tun zu können, weil Paulus so oder so
überhaupt keinen geschichtlichen Jesus kennt. Dies suchte er nun noch einmal
gegenüber den teils „einfältigen“, teils vom christlichen Vorurteil
eingegebenen und bestimmten Einwänden der Gegner darzutun und damit das
Haupthindernis aus dem Wege zu räumen, das die deutsche Theologie bisher
davon abgehalten hat, der Frage nach der Unechtheit der Paulinischen Briefe
überhaupt auch nur ernsthaft näher zu treten. Was von theologischer Seite
hiergegen vorgebracht wird, sind Gefühlsgründe ohne realen Untergrund, da
auch der Echtheitsbeweis aus den Zeitverhältnissen des Paulus bis jetzt
vollkommen mißlungen ist und es schlechterdings keine Möglichkeit gibt, die
Echtheit der ihm zugeschriebenen Briefe wirklich zu begründen. Aber auch die
Evangelien bleiben als Quellen des Lebens eines geschichtlichen Jesus so gut
wie alles schuldig: zweifelhaft, wie ihr Ursprung, ist ihre Überlieferung,
und die Methoden der Kritik, den „historischen Granit“ in ihnen
festzustellen, versagen, wie besonders an dem Beispiel von J. Weiß gezeigt
wird, bei der unbestimmten Beschaffenheit ihrer Zeit- und Ortsangaben geradezu
an allen Punkten, ganz besonders auch diejenige der neun Grundsäulen
Schmiedels, die nur als Merkwürdigkeit und Musterbeispiel theologischer
Spitzfindigkeit ein Interesse bietet.
Demgegenüber weist die ganze Beschaffenheit der Evangelien auf
ihren mythischen Ursprung hin. Und hier ist es vor allem Jes. 53, der 22.
Psalm und die Weisheit Salomos, die auf ihre Entstehung eingewirkt haben.
Mythus ist die Erzählung von der Taufe, vielleicht sogar die Gestalt des
Täufers selbst, mythisch der Name des Messias, und auch die Ortsbezeichnungen
wie Nazareth, Jerusalem, Galiläa haben ebenso nur eine mythi[175]sche
Bedeutung, wie die Zeitbestimmung ihrer Erzählungen nicht geschichtlich,
sondern mythisch und ideal bedingt ist. Der vorchristliche Jesus ist keine
bloße Erfindung von Smith, die Umsetzung des mythischen in den
geschichtlichen Jesus kein psychologisches Rätsel, wie die Gegner behaupten,
sondern durch die Zeitverhältnisse hervorgerufen, die freilich, wie vor allem
die Darstellung der Pharisäer zeigt, keineswegs mit der in den Evangelien von
ihnen gegebenen Schilderung übereinstimmen. An zahlreichen Beispielen wird
gezeigt, wie das, was die Evangelien enthalten, nur Umbildung prophetischer
und sonstiger Stellen des Alten Testamentes ist. Und dasselbe gilt von den
sog. Herrnworten : sie stellen etwas ganz anderes dar, als Worte eines
geschichtlichen Jesus. Der Gottvaterglaube Jesu entstammt dem Alten Testament.
Seine Sittensprüche und Gleichnisse sind aus der gleichen Quelle geflossen
und haben zum Teil ihr Seitenstück im Talmud. Die Bergpredigt ist ein
Flickwerk aus dem zeitgenössischen jüdischen Schrifttum. Die Ethik Jesu ist
nichts weniger als „unüberbietbar“. Und alle Versuche, die Entstehung und
Ausbreitung des Christentums aus dem Eindruck der „gewaltigen“
Persönlichkeit Jesu abzuleiten, sind hinfällig und bleiben in der Phrase
stecken. Das wirklich „Neue und Bedeutsame“ im Christentum ist nicht die
geschichtliche Persönlichkeit Jesu, sondern die Idee des Gottmenschen, mit
der freilich die heutige unspekulative Theologie nichts anzufangen weiß; und
wenn die Jesusgläubigen darauf verweisen, daß nicht Ideen, sondern
Persönlichkeiten die Geschichte machen, so kann daraus doch nie die
Geschichtlichkeit des evangelischen Jesus gefolgert werden. Der rein
geschichtlich aufgefaßte Jesus vermag das heutige religiöse Bewußtsein zu
allerletzt zu befriedigen. Die religiöse Not der Gegenwart drängt zu einer
monistischen (pantheistischen) Auffassung des religiösen Verhältnisses hin.
Hier aber bildet die angeblich geschichtliche Persönlichkeit Jesu das
Haupthindernis des religiösen Fortschritts, und insofern ist die Frage seiner
Geschichtlichkeit schließlich doch [176] nicht eine rein geschichtliche,
sondern eine hervorragend philosophisch‑religiöse Frage. Ein Nachtrag,
der dem zweiten Teil der Christusmythe angehängt war, enthielt eine
Auseinandersetzung von Smith mit Weinet und wies dessen unberechtigte
Einwände zurück.
Der zweite Teil der „Christusmythe“ schien äußerlich auf
die Vertreter der Theologie nur geringen Eindruck zu machen; sie schenkten ihm
kaum irgendwelche nähere Beachtung. Immerhin verstummten doch von jetzt an
ihre allzu lauten Angriffe gegen die Leugner der Geschichtlichkeit Jesu mehr
und mehr, vielleicht auch weil sie inzwischen zur Einsicht gekommen waren,
daß sie sich im Übereifer der Abwehr allzu weit vorgewagt, sich zu sehr
entblößt hatten, und daß es klüger sei, die Dinge möglichst ihren eignen
Gang gehen und Gras über die ganze Angelegenheit wachsen zu lassen. Schon
gestand der Straßburger Theologe Klostermann in einer Rede über „Die
neuesten Angriffe auf die Geschichtlichkeit Jesu" auf der Straßburger
Pastoralkonferenz 1912, daß man die Stärke des Angriffes von Drews „bisher
meist unterschätzt" und dieser sogar „seine Verdienste um die
Theologie" habe: „Einige alte Waffen, auf die mancher bei uns sich
verließ, werden infolge seiner Kritik in die Ecke gestellt werden müssen,
wie die Phrasen (so!) von der Einzigartigkeit und Unerfindbarkeit der
evangelischen Geschichte. Neue, tauglichere Waffen werden geschmiedet werden
müssen". Ja, sogar die neun Grundsäulen Schmierfels, dieses
Hauptbollwerk aller Jesusgläubigen, wurde von jenem Theologen preisgegeben.
Hingegen Ließen Werke, wie Boussets "Kyrios Christos" (1913) und J.
Weiß' „Urchristentum" (1913) bei aller teilweisen Annäherung an die
„Christusmythe" nur zu ,. deutlich erkennen, daß ihre Verfasser jeder
Auseinandersetzung mit den Leugnern der Geschichtlichkeit Jesu aus dem Wege
gehen wollten, während den Bergh von Eysingas Schrift über „Die
holländische radiale Kritik des Neuen Testaments" (1912), die in so
klärender Weise in den Streit um die [177] Geschichtlichkeit Jesu eingriff,
von der deutschen Theologie so gut wie gänzlich unbeachtet blieb. Die „Christusmythe"
war ursprünglich als eine Frage an die Wissenschaft gemeint gewesen. Die
Theologie hatte die Antwort erteilt, aber dabei nur ihre eigenen Mängel
enthüllt, gezeigt, auf wie schwachen Füßen ihre Behauptung der
Geschichtlichkeit Jesu ruhte, und nachdem sie im Übereifer des Kampfes ihre
Pfeile sämtlich verschossen hatte, dem Gegner selbst die Waffen gegen sie in
die Hände gespielt.
Was Drews betraf, so hatten die aufgeworfenen Probleme ihn
mittlerweile zu tief gepackt, als daß er sich bei der bloßen Verneinung der
Geschichtlichkeit Jesu zu beruhigen vermochte. Eingehende theologische Studien
drängten ihm die Frage auf, wie denn unter der Voraussetzung, daß es keinen
geschichtlichen Jesus gegeben habe, das Zustandekommen dieser Gestalt und die
Entstehung des Christentums zu erklären sein möchten. Dabei hatte besonders
auch die astralmythologische Seite des Problems sein Interesse erweckt.
Vereinzelte Hinweise auf astralmythische Zusammenhänge in den Evangelien
hatte Drews im Anschluß an Dupuis, Volney, Nork, Winckler und Jeremias
bereits in den beiden Christusmythen gegeben. Jetzt veranlaßte ihn ein
genaueres Studium Dupuis' der Frage grundsätzlich näher zu treten und zu
untersuchen, inwieweit etwa die Evangelien im einzelnen durch Beziehungen auf
den Sternhimmel bestimmt sein möchten. Starke Aufmunterung und Unterstützung
empfing er hierbei durch den persönlichen Umgang mit einem jungen deutschen
Offizier Gilardone, der für den Gegenstand aufs Höchste entflammt war und in
seinen Mußestunden sich eifrig astralmythologischen Studien hingab. Sein Buch
„Der Astralmythos von Christus. Die Lösung der Christussage durch
Astrologie“, das dieser 1912 in einer beschränkten Anzahl von Exemplaren
unter dem Decknamen Christian Fuhrmann nur für Freunde und Bekannte
drucken ließ, überschritt zwar weit die Grenzen der wissenschaftlichen [178]
Zurückhaltung und Besonnenheit und litt trotz verblüffender Einzelheiten an
der Freude an unmöglichen Wortspielereien und der Sucht, zu viel beweisen zu
wollen. Aber es wirkte doch anregend auf den Verfasser der „Christusmythe“
ein und bestärkte ihn in seinen eigenen verwandten Bestrebungen.
Dann brach der Weltkrieg aus und lenkte das allgemeine Interesse
auf ganz andere Dinge. Drews schrieb während dieser Zeit an einem
umfangreichen Werke über „Die Ungeschichtlichkeit Jesu“. Inzwischen war
Albert Schweitzers „Geschichte der Paulinischen Forschung von der
Reformation bis zur Gegenwart“ (1911) und die zweite Auflage von dessen Buch
„Von Reimaras zu Wrede“ (1913) unter dem Titel „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“
erschienen. Diese zweite Auflage enthielt auch ein umfangreiches Kapitel über
„die neueste Bestreitung der Geschichtlichkeit Jesu“ und bestärkte Drews
in der Überzeugung, mit seinen Annahmen über Jesus und die historische
Theologie sich auf dem richtigen Wege zu befinden. Wenn jene Theologie sich so
stark über die an ihr geübte Kritik der „Christusmythe“ erregt hatte, so
bestätigte hier einer der Ihrigen nicht bloß alles, was Drews gegen sie
vorgebracht hatte, er unterstrich dies sogar noch und bediente sich dabei
womöglich noch weit schärferer Worte, als je ein Leugner der
Geschichtlichkeit Jesu sie vorgebracht hatte
[93]
. Seine Kritik der Jesusleugner, so viele Zugeständnisse sie
diesen auch machte, war leider doch zu sehr vom theologischen Vorurteil
eingegeben, um der Sache wirklich gerecht zu werden. Sie zeigte nur zu
deutlich, daß ein Theologe, und sei er selbst noch so freisinnig, gar nicht
imstande ist, sich in den Standpunkt der Leugnung eines geschichtlichen Jesus
hineinzufinden; und wenn schon ihr vielfach spöttischer Ton den Jesusleugnern
gegenüber unangebracht war, so war seine Behandlung, etwa Lublinskis, eines
Albert Schweitzer ganz und gar unwürdig.
[179] 1921 erschien ein Teil des neuen Werkes von Drews unter dem
Titel „Das Markusevangelium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu“.
Markus galt ja noch immer nicht bloß für den ältesten, sondern auch für
den zuverlässigsten evangelischen Berichterstatter. Solange daher sein
Evangelium noch irgendwie als Geschichtsquelle angesehen wurde, konnten die
Anhänger des geschichtlichen Jesus sich auf ihn berufen. Nun zeigte Drews,
wie auch bei diesem Evangelisten der gesamte Stoff seiner Erzählung teils dem
Mythus, teils dem Alten Testament entlehnt sei; dies ist als das „Urevangelium“
anzusehen, aus welchem alle Evangelisten letztlich ihren Stoff geschöpft
haben. Und nicht nur die Grundzüge des Messiasbildes, auch der Charakter
Jesu, seine Wundertaten, sein Kampf mit seinen Gegnern, alles hat seinen
Ursprung vor allem im Propheten Jesaia sowie der Weisheit Salomos; es ist nur
in Geschichte umgesetzte messianische Weissagung, wobei Drews zugleich eine
ganze Reihe von Gründen abführt, welche die Veranlassung dazu gegeben haben,
seine Geschichte sich gerade zu der Zeit und unter den Umständen abspielen zu
lassen, wie wir dies im Evangelium finden.
Das wesentlich Bedeutsame in dem Buche von Drews war der von ihm
versuchte Nachweis, daß die Anordnung der ursprünglich für sich bestehenden
evangelischen Erzählungen, ihre Reihenfolge astral bestimmt sei, nämlich im
Sinne Dupuis' durch den Gang der Sonne durch den Tierkreis und die hierbei
aufeinander bezogenen Fixsternbilder. Schon W. Erbt hatte 1911 in seiner
Schrift „Das Markusevangelium. Eine Untersuchung über die Form der
Petruserinnerungen und die Geschichte der Urgemeinde“ die gleiche
Betrachtungsart, wenn auch in unzulänglicher und phantastischer Weise,
angewendet. Jetzt nahm Drews Zug für Zug die Erzählungen des Markus vor, und
Zug für Zug bestätigte sich durch eine sorgfältige Untersuchung der
Herkunft jedes einzelnen Geschehnisses, jeder Redewendung deren mythischer und
alttestamentlicher [180] Ursprung. Nichts, schlechterdings nichts, nicht eine
Zeile, nicht ein Wort in jenem Evangelium, das auf Geschichtlichkeit auch nur
entfernt Anspruch erheben könnte! Markus ist kein naiver Berichterstatter,
wie man sich dies gerne einreden möchte, sondern ein Gelehrter, ein
Astraldichter, ein Gnostiker, der bewußt im Dienste der Werbetätigkeit für
den Jesusglauben arbeitet; und nichts, aber auch gar nichts spricht dafür,
daß sein Werk schon um die Mitte des ersten und nicht vielmehr erst des
zweiten Jahrhunderts zustande gekommen ist, da es uns jedenfalls nicht vor 180
sicher bezeugt ist. Markus ist somit kein Zeuge für, sondern gegen die
Geschichtlichkeit Jesu. Und da die übrigen Evangelisten von Markus abhängig
sind und das angebliche Zeugnis des Paulus zum mindesten dunkel, mehrdeutig
und unbestimmt ist, Profanxeugnisse aber fehlen, so hängt in der Tat die
Behauptung der Geschichtlichkeit Jesu vollkommen in der Luft.
Die theologische Kritik des Buches klammerte sich, wie
vorauszusehen war, vor allem an dessen astrale Ausführungen und tat, als ob
durch deren Ablehnung das Ganze widerlegt sei. Sie jammerte über die Willkür
und Phantastik der astralmythologischen Methode, bestritt deren sonstiges
Vorkommen im Altertum und machte dem Verfasser das „Gesuchte“ und „Welthergeholte“
seiner astralmythischen Darlegungen zum Vorwurf. Aber damit bewies sie am Ende
doch nur ihre Unkenntnis des Gegenstandes, wie es denn auch entschieden nicht
den Tatsachen entspricht, daß die Beziehungen der Erzählungen zum
Sternhimmel gewaltsam und sozusagen bei den Haaren herbeigezogen seien. Zum
mindesten sind sie bei den ersten beiden der drei vom Verfasser
unterschiedenen Rundgängen der Sonne um den Sternhimmel so ungezwungen und
stimmt hier alles so merkwürdig zusammen, daß von Zufall und Willkür
jedenfalls nicht die Rede sein kann; dies ist dem Verfasser auch vielfach von
unbefangener Seite zugestanden worden. Wenn aber jene Beziehungen beim dritten
Rundgang weniger klar auf der Hand [181] liegen und vielleicht auf den einen
oder anderen den Eindruck des Gewollten machen, so ist zu bedenken, daß die
Leidensgeschichte Jesu, um die es sich hierbei handelt, von allen Teilen des
Evangeliums zuerst festgestanden hat und bereits zu einer gewissen Form
gelangt war, bevor sie vom Evangelisten ins astrale Schema eingeordnet wurde,
wobei es dann wohl hier und da nicht ohne eine gewisse Gewaltsamkeit
abgegangen sein mag.
Der Hauptgrund, weswegen man sich gegen die Anerkennung der
astralmythischen Zusammenhänge des Evangeliums sträubte, war die mangelnde
Vertrautheit mit dem Sternhimmel und die Ungewöhnlichkeit des Gegenstandes.
Um diesem abzuhelfen, ließ Drews im Jahre 1923 sein Buch „Der Sternhimmel
in der Dichtung und Religion der alten Völker und des Christentums, Eine
Einführung in die Astralmythologie“ erscheinen. Hier entwickelte er im
Hinblick auf das astronomische Weltbild der Alten die Grundzüge der
Astralmythologie und wies an zahlreichen Mythen, Sagen und Erzählungen der
Babylonier (Gilgamesch) Perser, Juden (Paradies, Sündenfall und Erlösung,
Simson), Griechen (Herakles) und Germanen nach, wie sie ihre Entstehung dem
Sternhimmel verdanken und wie es nicht zuletzt gerade die Mythen der in den
Mysterien verehrten Erlösergottheiten bei den verschiedenen Völkern sind,
die in solcher Weise ihren Ursprung vom Gang der Sonne und ihrer jeweiligen
Stellung zu den Fixsternen abgelesen sind. Das gilt ganz besonders auch vom
Mithraismus, jener dem Christentum so nahe stehenden persischen
Erlösungsreligion, die ihre Ähnlichkeit mit dem Christentum am Ende nur der
gleichen astralen Grundlage verdankt. Verhält es sich aber so, dann liegt es
nahe, auch die Evangelien, als Kuhlegende des Christus Jesus, astral zu
deuten, und es zeigt sich, daß nicht nur das Markusevangelium, sondern auch
die Evangelien des Matthäus und Johannes in der gleichen Weise durch den
Anblick des Sternhimmels oder viel mehr eines Globus bedingt sind, von welchem
man das Schicksal des Sonnenhelden (Jesus) ablas.
[182] An den theologischen Fachmännern ist diese neue
Betrachtungsweise bisher eindruckslos vorübergegangen. Sie sind zu tief in
ihre literarkritische Methode eingesponnen. Sie glauben zu sehr, durch
philologische Wortklauberei und Silbenstecherei den Dingen auf den Grund
kommen zu können, um einer anderen Erklärungsweise überhaupt auch nur
zugänglich zu sein, am wenigsten der astralen, die sie nötigt, ihre ganze
bisherige Auffassung der antiken Weltanschauung abzuändern und die Dinge mit
neuen Augen zu sehen. Nur der Leidener Theologe H. Windisch hat in
seiner Schrift „De Tegenwoordige Stand van Het Christusprobleem“ (1925)
zur astralmythischen Auffassung der Evangelien ausführlicher Stellung
genommen, aber in so unzulänglicher Weise, indem er dabei von so vielen
falschen Voraussetzungen ausgeht und die Sache sowenig ernst nimmt, daß eine
wirkliche Widerlegung in seinen Ausführungen nicht erblickt werden kann
[94]
.
Endlich konnte Drews im Jahre 1924 auch den Rest seines Werkes
über die Ungeschichtlichkeit Jesu unter dem Titel [183] „Die Entstehung des
Christentums aus dem Gnostizismus" herausgeben. Im Vorworte nahm er auf
Eduard Meyers „Ursprung und Anfänge des Christentums“ (1921 ff.) Bezug,
ein Werk, das noch einmal versuchte, die geltende Ansicht von der Entstehung
des Christentums aus einem geschichtlichen Jesus, und zwar diesmal vom
Standpunkte der reinen Geschichtswissenschaft aus zu entwickeln. Es war das
erste Mal, daß ein Geschichtsforscher, noch dazu ein solcher vom Range eines
Meyer, sich hier an das heikle Problem heranwagte, vielleicht unter dem
Eindruck des Vorwurfes, den der zweite Teil der „Christusmythe“ in seinem
Vorworte den Historikern gemacht hatte, nämlich die Darstellung der
Entstehung des Christentums bisher ausschließlich den Theologen überlassen
zu haben, nachdem selbst ein so freidenkender Mann, wie der
Geschichtsschreiber Otto Seeck, in seiner „Entwicklungsgeschichte des
Christentums“ (1921) sich um den Gegenstand herumgedrückt hatte. Drews
vermochte in den Bemühungen Meyers nur den vergeblichen Rettungsversuch einer
verlorenen Sache zu erblicken. Meyer steht ganz unter theologischem Einfluß,
wiederholt im Grunde nur längst widerlegte Dinge, ohne vielfach die
Schwierigkeiten der üblichen Auffassung überhaupt auch nur zu sehen, und hat
trotz aller Gelehrsamkeit nur Wasser auf die Mühle der Reaktion geliefert.
Worin die eigentliche Größe Jesu bestanden, was er Neues gebracht haben
soll, und inwiefern das Christentum sich aus den persönlichen Anregungen des
von ihm geschilderten Jesus entwickeln konnte, darauf weiß Meyer keine [184]
Antwort. Was er hierüber vorbringt, ist ganz unbefriedigend, und so
bestätigt sein Unternehmen nur die Notwendigkeit, das ganze problem in
völlig anderer als der bisherigen Weise anzufassen. Dies aber geschieht,
indem man von der Bewegung des Gnostizismus ausgeht.
Daß der Gnostizismus vorchristlich und ebenso eine jüdische wie
heidnische Angelegenheit ist, kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen.
Schon die Weisheit Salomos ist in ihrem Wesen gnostisch und sie enthält
bereits alle Hauptzüge des späteren Jesusbildes der Evangelien. Der
Gnostizismus lehrt die Erlösung des Menschen durch die Erkenntnis (gnosis),
genauer die Erkenntnis Gottes, und sucht seinen Anhängern die Heilsgewißheit
durch den Mythus des vom Himmel herabgekommenen Gotterlösers und seiner
Offenbarung in Menschengestalt zu vermitteln. Dabei verschmilzt ihm die
Gestalt des gnostischen Heilsvermittlers mit derjenigen des Messias, den die
Juden als ihren Retter erwarteten, mit dem Heiland des apokalyptischen
Schrifttums; und die Vorstellung, daß der Messias erst noch kommen werde,
verbindet sich mit der anderen, daß er schon dagewesen sei und wiederkommen
werde, um das Gericht an der Welt zu vollziehen, und daß man mit ihm in eine
geheimnisvolle innere Verbindung treten müsse, um an seinem Erlösungswerke
teilzunehmen. Aus dieser Verbindung erwächst eine neue Frömmigkeit, die in
Gott nicht mehr bloß den gerechten, sondern den lieben Gott erblickt, wie er
sich als solchen in der Sendung seines „Sohnes“ offenbart haben soll. Sie
gipfelt in dem Gedanken, daß der Fromme auch ohne strenge
Gesetzeserfüllung.durch die göttliche Liebe zur Seligkeit des ewigen Lebens
gelangen könne, und sie vertieft sich durch die von heidnischen Kulten
angeregten Überzeugung vom Leiden, Sterben und der Auferstehung des
Erlösergottes, die man aus Jes. 53, Weisheit 2 und Psalm 22 schöpft und
dabei selbst den Namen des Gottesknechtes und Erlösers, Jesus, dem Alten
Testament entlehnt.
Es
gab demnach nicht bloß, wie Gunkel zugibt, einen [185] Christuskult, es gab
auch einen Jesuskult vor dem Christus Jesus, wie die Evangelien uns diesen
schildern. In der Gnosis des Justin, dem Judasbrief (in seiner ursprünglichen
Fassung), dem Hebräer- und Jakobusbrief, der Offenbarung des Johannes, der
Zwölfapostellehre, sowie vor allem in den Oden Salomos, die nach Harnack
soviel Christliches vorwegnehmen, daß durch sie „die Geschichtlichkeit Jesu
in höchstem Maße bedroht erscheint“, haben wir die Zeugnisse eines solchen
vorchristlichen Christentumes vor uns. Die Hauptzeugnisse für dieses aber
bilden die Briefe des Apostels Paulus. Ihre Anschauung ist diejenige eines
vorevangelischen Gnostizismus, ihr Jesus keine geschichtliche Persönlichkeit.
Drews untersucht noch einmal eingehend das vielberufene Zeugnis des Paulus und
gelangt zu dem Ergebnis, daß nichts, aber auch gar nichts daut berechtigt, in
dem Jesus Christus des Paulus mehr als den gnostischen Erlöser der vorher
genannten Schriften zu erblicken. Die Annahme eines geschichtlichen Jesus
würde die Paulinische Lehre völlig unbegreiflich machen, sie bildet den
Hauptgrund dafür, warum diese bisher so wenig verstanden ist. Es muß ein
ewiges Rätsel bleiben, wie der bloße geschichtliche Mensch Jesus, der
gekreuzigte Rabbi und Freund der Armen, und noch dazu in verhältnismäßig so
kurzer Zeit, sich in den vorweltlichen Gottessohn und himmlischen Messias des
Apostels verwandeln konnte. Hier hilft auch die Bekehrungsgeschichte des
Paulus nichts. Denn diese ist ganz offensichtlich selbst nur Legende und aus
alttestamentlichen Geschichten (Saul, Heliodor) und Paulinischen Briefstellen
zusammengedichtet worden, kann folglich auch nicht zur Erklärung der
Gedankenwelt des Apostels dienen.
Stammen
die Briefe überhaupt von dem Paulus der Apostelgeschichte? Der Gegensatz
zweier ganz verschiedener Anschauungen, der sich durch die Hauptbriefe
hindurchzieht, der jüdisch-juridischen und der hellenistisch-ethischen oder
mystischen, schließt es aus, daß sie das Werk einer und derselben [186]
Persönlichkeit sein können. Geht hier wirklich etwas auf einen
geschichtlichen Apostel Paulus zurück, so höchstens die Gedanken, die sich
auf die erstgenannte Anschauung beziehen. Alles übrige hingegen ist die
Anschauung eines Mystikers aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts, so
besonders auch der Galaterbrief, der, weit entfernt, wofür er gewöhnlich
angesehen wird, die älteste Schrift des Paulus zu sein, ein ganz spätes
Machwerk, zusammengestoppelt aus dem Römer- und den beiden
Korintherbriefen, darstellt, eine Ansicht, die auch allein den Gegensatz
zwischen dem Paulus der Briefe und demjenigen der Apostelgeschichte erklärt.
So ist auch Paulus kein Zeuge für die Geschichtlichkeit Jesu,
sondern der stärkste Zeuge gegen diese.
Was nun die Evangelien anbetrifft, so beruhen sie auf der
Umsetzung des ursprünglich mythischen in den geschichtlichen Jesus. Die
Veranlassung hierzu war durch die Zeitverhältnisse gegeben. Die Evangelien
dienen dem wesentlichen Zweck, einerseits gegenüber der gnostischen
Phantastik und der Verwerfung des Gesetzes von Seiten ketzerischer Sekten
dessen Geltung durch die Autorität des Messias sicherzustellen, und sodann
den Glauben an die Liebe Gottes, von welcher allein die Hoffnung auf Erlösung
auch der ungelehrten Leute abhing, durch die anschauliche Vorführung der
Heilandsgestalt zu begründen und zu befestigen. Sie sollen den von Paulus
verlangten „Glauben“ an Jesus erwecken und stützen diesen nicht, wie die
übrigen Gnostiker, auf einen Akt mystischer Erkenntnis, sondern auf die
einfache angebliche Tatsache, daß der Heilsvermittler wirklich als
geschichtliche Persönlichkeit auf Erden gelebt und durch Wort und Tat sich
als den Messias erwiesen habe.
Der Wunsch, etwas Näheres über den Heiland, sein Leben und
seinen Tod, zu erfahren, gab die Veranlassung zur nähern Ausmalung seines
Erdenlebens. Und das Alte Testament in Gemeinschaft mit dem Sternhimmel
lieferte die Quelle, aus [187] der man die wesentlichen Züge dieses Lebens
entnahm und sie so unter „himmlischem Einfluß“ zu einem scheinbaren
Ganzen aneinanderfügte. Bei Markus schimmert der gnostische Ursprung des
Jesusbildes noch deutlich hindurch. Aber auch bei Matthäus läßt er sich
noch gut erkennen, während Lukas geflissentlich den Eindruck geschichtlicher
Berichterstattung zu erwecken sucht, obschon auch seine Erzählung von aller
geschichtlichen Wirklichkeit ganz und gar verlassen ist. Bei ihm ist die
Reihenfolge der Geschichten nicht, wie bei Markus und Matthäus, astral
bestimmt, ohne darum jedoch der historischen Tatsächlichkeit irgendwie näher
zu kommen. Sicher ist auch das Jesusbild der Synoptiker in jedem seiner Züge
rein erdichtet. Inbezug auf das johannesevangelium pflegt dies auch gar nicht
geleugnet zu werden. Es zeigt am unverkennbarsten seinen Ursprung aus dem
Gnostizismus und strebt eine Verschmelzung des gnostischen Heilsvermittlers,
der bei ihm in der Gestalt des philonischen Logos auftritt, mit dem „geschichtlichen“
Jesus der Synoptiker an. Sein Zweck ist, den Gedanken der Liebe Gottes auf
mystischem Wege zur unerschütterlichen Überzeugung der Gläubigen zu machen.
Damit enthüllt es den Grundgedanken, das Wesen des gesamten Christentumes
überhaupt. Denn dieses liegt in der metaphysischen und geschichtlichen
Begründung des „lieben“ im Gegensatze zum „gerechten“ Gotte des
Judentumes und der damit hervorgerufenen Heilsgewißheit. Daß das vierte
Evangelium trotz seines offensichtlich gnostischen Charakters und seines
Gegensatzes zur Darstellung der Synoptiker im Kanon seine Stelle neben den
letzteren erhielt, ist als Zugeständnis der Kirche an ihre geistige Mutter,
den Gnostizismus, aufzufassen. Es beweist nur, wie wenig genau die alten
Christen es mit dem Begriffe der Geschichte nahmen, und war überhaupt nur
möglich, weil es sich doch schließlich auch in den synoptischen Evangelien
nicht um Geschichte im heutigen Sinne des Wortes handelt.
[188]Hermann
Raschke
Der zuletzt ausgesprochene Gedanke berührt sich mit der
Auffassung, wie sie dem kurz vor der Drews'schen „Entstehung des
Christentums“ erschienenen Werke des Bremerhavener Pastors Hermann
Raschke „Die Werkstatt des Markusevangelisten. Eine neue
Evangelientheorie“ (1924) zu Grunde liegt.
Auch dieses
Werk ist aus einer tiefen Unbefriedigtheit seines Verfassers an den bisherigen
Lösungsversuchen der Evangelienprobleme entstanden. „Ich sah auf meinem
Wege auf Schritt und Tritt übersehene Probleme; Fragen, die mich zur
Verzweiflung brachten, waren unbeachtet liegen geblieben.“ Auch Raschke will
beweisen, daß der Evangelist in seinem Markusbuche nicht Geschichte im Sinne
des Wirklichkeitsbegriffes unserer Gegenwart vorträgt. Dieser Begriff war dem
ganzen Altertum überhaupt gänzlich unbekannt. Das antike Bewußtsein ist ein
mythisches. Weniger beobachtend, ist es dafür stark konstruktiv und
spekulativ. Es baut aus wenig Daten vorschnell ein Gebäude, das sich mit
seltsamer Zähigkeit auch einer widersprechenden Erfahrung gegenüber
aufrechterhält, wie ja übrigens noch heute das religiöse Bewußtsein der
überwiegenden Zahl der Menschen. Es ist, sagt Raschke mit Spengler, „stark
magisch“. Da es von unserer kritischen Naturforschung durchaus noch keine
Vorstellung hat, den Begriff des Naturgesetzes noch gar nicht kennt, so
stößt es sich auch nicht an dem Begriff des Wunders; und was uns völlig
unglaublich vorkommt, daß Götter zu Menschen werden oder solche sind und
umgekehrt, erscheint ihm als etwas ganz Alltägliches. „Nach antikem
Bewußtsein kann Jesus gelebt haben, auch wenn er nicht Mensch, sondern Gott
war, weil es im Möglichkeitsbereich des antiken Wirklichkeitsbewußtseins
liegt, daß Gott als Mensch wirklich ist und lebt, während unser
Wirklichkeitsbewußtsein diese Möglichkeit nicht kennt
[95]
.“
[189] Es ist daher auch ganz falsch,
hier etwa rationalisieren und gar zu widerstrebende Erzählungen der
Fabulierkunst der Erzähler zuweisen zu wollen, um alsdann das Mögliche oder
Brauchbare als Beweis für eine irgendwie bedeutende Menschengestalt gelten zu
lassen. Auch der Gegensatz zwischen Historisch und Nichthistorisch existierte
für das urchristliche Bewußtsein noch gar nicht. „Die historische Existenz
Jesu,“ sagt Raschke, braucht nicht geleugnet zu werden, weil sie in
Wirklichkeit gar nicht behauptet werden konnte. Denn das, was das christliche
Altertum von Jesus Christus behauptet, ist zwar eine Wirklichkeit überhaupt,
aber nicht eine historische Wirklichkeit in unserem heutigen Sinne, und es ist
eine philosophische Fahrlässigkeit und Unterlassungssünde der sog.
historischen und kritischen Schule, unkritisch dem altchristlichen
Wirklichkeitsbegriff unseren Sinn und unsere Bedeutung unterzuschieben und zu
meinen, als ob damit alles in bester Ordnung wäre. Der christliche
Historismus ist in die Behauptung der historischen Existenz Jesu geradezu mit
verbundenen Augen hineingetaumelt, ohne überhaupt die Möglichkeit zu
erwägen, ob es sich hier nicht um eine ganz andere Wirklichkeit, etwa nur
eine postulative und metaphysische im Sinne des naiven
Wirklichkeitsbewußtseins der Antike handelt. Die Ursünde ist das Übersehen
des gegen damals veränderten und entwickelten Wirklichkeitsbewußtseins. Was
nach damaligen Begriffen durchaus möglich war, d. h. innerhalb der Grenzen
der Wirklichkeit lag, liegt nach heutigem Wirklichkeitsbewußtsein außerhalb
der Wirklichkeitsgrenzen
[96]
:
Wenn nun aber Markus keine Geschichte im heutigen Sinne des
Wartes vorträgt, woher hat er alsdann den Inhalt seines Evangeliums?
Raschke geht von dem Gedanken aus, daß unsere Evangelien zwar
sämtlich in griechischer Sprache geschrieben sind, daß aber ihre Geschichten
in dem syrischen Heimatlande des [190] jungen Christentumes spielen, wo um die
Wende unserer Zeitrechnung das Aramäische die allgemeine Volks- und
Verkehrssprache war. Sind doch auch fast alle Ortsnamen und die meisten in
ihnen vorkommenden Personennamen aramäischen Ursprungs. Nun gibt es
bekanntlich nichts Vieldeutigeres als die alten semitischen Handschriften, die
schon deshalb zu mehr oder weniger geistreichen Bildern und Wortspielen
geradezu herausfordern, weil sie früher ohne Vokale geschrieben wurden. Und
so wundern wir uns nicht, wenn im Alten Testament zahlreiche Erzählungen
vorkommen, die rein unter dem Zwange des hebräischen Wortspiels zustande
gekommen und als solche auch von den Forschern längst durchschaut sind. So
lesen wir z. B., daß die Juden bei ihrer Wanderung durch die Wüste in Mara
das Wasser nicht trinken konnten, weil es bitter war: Mara aber heißt „Bitterwasser“.
Num. 12, 2ff. wird Mirjam, weil sie gegen Moses gemurrt hatte, aussätzig;
dies Ereignis spielt sich in Hazeroth ab: Hazeroth (Hazaraath) bedeutet „Aussatz“.
Jos. 8, 1 ff. heißt es, daß Josua Ha-Aj niederbrennen und zu einem
Ruinenhügel machen ließ; Ha-Aj ist „die Ruine“, der
Trümmerhaufen. Wir beobachten also, daß der neue Name einer Stadt, eines
Berges, eines Tals, einer Quelle u. dgl. eine bestimmte Geschichte auslöst
und Grund ist, warum ein Erzählungsmotiv gerade in diesen örtlichen
Zusammenhang gerückt ist
[97]
.
Ganz das Gleiche zeigt sich nun aber im Neuen Testament. Schon
der Kirchenvater Hieronymus hat den Beinamen des Verräters Judas „Iskarioth“
als Issachar, d. h. „der Mann des Lohnes“ gedeutet. Und Smith hat mit
Recht darauf hingewiesen, daß in dem fraglichen Namen die syrische Wurzel S-K-R,
d. h. „überliefern“, steckt, woher es kommt, daß Judas stets als
derjenige bezeichnet wird, „der Jesus überlieferte“. [191] So hat auch
Nestle die Wunderspeisung in Bethsaida bei Lukas 9, 12 aus dem Namen des
Ortes, der Speisehaus bedeutet, abgeleitet, die in Bethania sich plagende
Martha mit Smith in dem Umstande begründet gefunden, daß Bethania das „Haus
einer sich Plagenden“ ist, und Jair (Jairus) den Vater des angeblich vom
Tode erweckten Mägdleins mit einem Zeitwort „er wird erwecken“ in
Zusammenhang gebracht. Es ist die kühne Tat Raschkes, diese Erklärungsart
auf das ganze Evangelium des Markus ausgedehnt, einen großen Teil der hier
vorhandenen Erzählungen aus dem aramäischen Wortspiel abgeleitet und so das
Aramäische als schöpferisches Prinzip der Evangelienerzählung erwiesen zu
haben. Er hat damit eine genauere Erklärung jener Geschichten bis oft in die
kleinsten Einzelheiten geliefert, die „Das Markusevangelium“ von Drews bei
der bloßen Ableitung aus dem Sternhimmel und dem Alten Testament noch offen
lassen mußte.
Indem nun Raschke auf Grund dieser Methode zeigt, wie jedes Mal
ein Ortsname den Stoff zu dem in dieser Gegend sich abspielenden Ereignis
liefert und wir umgekehrt aus den Ereignissen den zu ihnen gehörigen
Ortsnamen herauszulesen imstande sind, glaubt er sich zu der Behauptung
ermächtigt, daß der ganze Grundriß des Markusevangeliums von der Landkarte
abzulesen ist, indem die Aufeinanderfolge seiner Geschichten, nicht nur der
Wunder, durch die Örtlichkeiten in Palästina bestimmt ist. Genauer handelt
es sich hierbei um einen Bericht über sechs Reisen, die ihren Ausgangspunkt
und Endpunkt immer in Kapernaum haben, und über eine siebente von Kapernaum
nach Jerusalem durch Peräa. Alle auf diesen Reisen berührten Stationen,
Städte und Landschaften haben mit ihren Namen den Anlaß und den Stoff zu den
verschiedenen Wundergeschichten und die Themata zu den Gesprächen, Reden und
übrigen Handlungen gegeben. Unter dem Bilde dieser sieben Bekehrungsreisen
Jesu aber schildert Markus die sieghafte Ausbreitung des Jesusglaubens in
seinem Heimat[192]lande Syrien und Palästina und läßt die jeweils
berührten Städte und Landschaften als leidende und heilungsuchende Personen
auftreten, die von Jesus „geheilt“ oder „gespeist“ werden: geheilt
durch die Wunderkraft des neuen Glaubens, gespeist mit dem Brote der rechten
Lehre, so zwar, daß die besondere Art ihres Leidens sich ihm allemal aus den
Ortsnamen oder gewissen an diese anklingenden Worten ergibt. Und nicht nur die
Taten, auch die Worte und Reden Jesu, seine Auseinandersetzungen mit seinen
Gegnern sind in dieser Weise zum größten Teile örtlich bedingt und stehen
mit den Namen einer bestimmten Stadt oder Landschaft in Beziehung, so, wenn
die Fastenfrage in Bethsaida : „Speisehaus“, die Ehescheidungsfrage im
Gebiete jenseits des Jordan, in der Landschaft der Gerasener behandelt wird,
deren Name gerasin an gerusin, d. h. die Ehescheidung, anklingt. Ihr Zweck
aber ist die Klarstellung und Rechtfertigung der eigenen Lehren des
Verfassers.
Und wer ist dieser Verfasser des Markusevangeliums? Es ist, so
lautet die überraschende Antwort Raschkes, kein anderer als Markion, jener
große gnostische „Ketzer“ um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, „die
bedeutendste kirchengeschichtliche Erscheinung zwischen Paulas und Augustin“,
wie Harnack ihn genannt hat, der den katholischen Vätern noch solange mit
seiner „Irrlehre“ zu schaffen gemacht hat—er selbst oder doch jedenfalls
eine seinem Kreise angehörige Persönlichkeit. Dem Alten Testament, als der
maßgebenden Richtschnur des jüdischen Glaubens, soll Markion zuerst einen
neutestamentlichen Kanon, bestehend aus einem Evangelium und mehreren
Paulinischen Briefen, entgegengestellt haben. Jenes soll nach der kirchlichen
Überlieferung, wie auch Harnack sie in seinem Werke über „Markion, das
Evangelium vom fremden Gott“ (1921) vertritt, ein beschnittenes oder
verstümmeltes Lukasevangelium gewesen sein. Allein Raschke macht darauf
aufmerksam, daß Justin, der Gegner des Markion, der um 150 mit ihm zugleich
in Rom war, hiervon noch nichts weiß und dass [193] erst Irenäus, dreißig
Jahre später, jene Behauptung,
jedoch ohne nähere Begründung, ausgesprochen hat. Dasselbe ist auch
der Fall mit Tertullian um 200, der noch dazu jene Behauptung auch nur als
eine Vermutung hinstellt. Eine genauere Betrachtung deckt die Tatsache auf,
daß der angebliche „Lukasstummel“ des Markion, so wie Irenäus diesen
beschreibt, auffallende Ähnlichkeit mit unserm Markusevangelium aufweist. Und
auch die uns vorliegenden Anmerkungen oder Scholien des Epiphanias zum Text
des Markion werden erst dann verständlich, wenn dieser Text eben derjenige
des Markus war. Zum Überfluß bezeugt Hippolyt, um 235 Bischof zu Rom, in dem
1842 aufgefundenen Bruchstück seiner „Philosophumena“ ausdrücklich, daß
Markion sich für seine Lehren auf Markus, den „Stummelfinger“, berufen
habe, während wir aus Irenäus wissen, daß die doketischen Ketzer das
Evangelium nach Markus vorzogen. Das anerkannte Haupt dieser Ketzer aber, die
nach Irenäus Jesus von Christus trennen und diesen leidenslos geblieben sein
lassen, indem sie ihm einen bloßen Scheinleib zuschrieben, war Markion.
In der Tat ist, worauf auch schon von anderer Seite (de
Wette, Schwegler, Hilgenfeld) hingewiesen worden ist, die Hinneigung des
Markus zum Doketismus unverkennbar. Sein Jesus ist der Jesus Markions. Ein
rein göttliches Wesen mit einem Geistleib und einem menschenähnlichen
Engelleib, hat er keinen Fleischesleib und ist nur scheinbar ein Mensch. Er
ist ungeboren, ohne menschliche Mutter und Verwandtschaft
[98]
, nur von den Dämonen, aber nicht von den Menschen in seinem
göttlichen Wesen erkannt und im Augenblicke der Verhaftung von seinem
göttlichen Selbst in Gestalt des rätselhaften Jünglings in weißem
Linnengewand verlassen (14, 51). Markus leugnet die Auferstehung des
Fleisches, wie der Jesus Markions,[194]und seine Stellung zum Alten Testament
und dem Mosaischen Gesetz, die er beide vom Standpunkte des Paulus aus
bekämpft, entspricht ebenso der Denkweise des großen Ketzers, wie seine
verächtliche Behandlung der Großkirche in Gestalt der Jünger und besonders
des Petrus. Das Evangelium nach Markus ist das Evangelium nach Markion. Das
sagt der Verfasser jenes Evangeliums selbst, wenn er Kap. 14, 13 Jesus zwei
von seinen Jüngern den Auftrag geben läßt, beim Gang in die Stadt einem
Mann mit einem Wasserkrug zu folgen. Der Krug heißt auf Aramäisch markos.
Der Krugträger also ist der Evangelist selbst. Und dieser ist kein anderer
als Markion. Denn das ungewöhnliche Wort keramion, das der Verfasser für den
Wasserkrug gebraucht, ist eine deutliche Wortanspielung an Markion! Die Stelle
bezieht sich darauf, daß Markion, im Gegensatze zur Großkirche, sich beim
Abendmahle nicht des Weines, sondern des Wassers bediente. Daß aber das
Markusevangelium nicht vor dem Jahre 140 entstanden sein kann, das bezeugen
auch die zahlreichen von Raschke aufgedeckten zeitgeschichtlichen Anspielungen
in jenem Evangelium, die sämtlich mehr oder weniger bestimmt auf die Zeit
nach dem zweiten jüdischen Rufstande (132‑135) unter Hadrian hinweisen.
So bezeugt auch das Evangelium des Markus unzweideutig, daß der
Gottessohn der christlichen Kirche ursprünglich der gnostischen Mythologie
entstammt und erst später, dank den gröberen Bedürfnissen einer nach
Auferstehung ihres Fleisches verlangenden Masse, einen Menschenleib und eine
menschliche Natur angedichtet bekommen hat, oder, wie es bei Raschke heißt:
„Der evangelische Christus ist nur ein geschichtlich gekleideter
Paulinischer Christus. Der Paulinische Christus ist ein katholisch frisierter
gnostischer Christus. Der gnostische Christus ist nur eine metaphysische
Wirklichkeit. Von dieser zu behaupten, daß sie geschichtliche Wirklichkeit
sein müsse, wenn sie überhaupt Wirklichkeit sein solle, das ist nur ein
Ausfluß der modernen Unfähigkeit, metaphysisch zu denken oder gar den
Ideenrealismus der Antike nachzuempfinden
[99]
.“
Das Werk Raschkes, das seine neue Auffassung, ebenso wie das
Markusevangelium von Drews, fortlaufend am Text des Evangeliums nachzuweisen
sucht, ist unter allen Umständen dasjenige eines Mannes, dem kein Gegner den
beliebten anmaßlichen Vorwurf des „Dilettantismus“ machen kann. Es ist in
derselben Weise, nach den gleichen philologischen oder literarkritischen
Methoden gearbeitet, wie die Arbeiten der anerkannten Theologen. Daß es
trotzdem bei diesen keine Gnade gefunden hat, sondern nur zu oft auf
spöttische Ablehnung gestoßen ist, ist selbstverständlich. Der Theologe darf
eben die Geschichtlichkeit Jesu nicht preisgeben, ohne damit sich selbst
aufzugeben. Raschkes gnostischer Jesus ohne alle geschichtliche Wirklichkeit
ist für die kirchliche Praxis nicht zu gebrauchen; die Theologie hat aber
nicht sowohl ein Interesse an der geschichtlichen Wahrheit als vielmehr daran,
angehende Geistliche für ihr Amt vorzubereiten, und zu diesem Zwecke muß
Jesus, wie Bousset und Tröltsch verraten haben?
[100]
, eine geschichtliche Persönlichkeit sein. „Wissen ist Macht“,
hat Baco von Verulam gesagt. Aber ebenso oft ist auch umgekehrt Macht Wissen
oder gilt wenigstens dafür, wenn auch nur die Macht der Vorurteile. Dies aber
trifft durchaus inbezug auf die Geschichtlichkeit Jesu zu: man bedarf ihrer
aus „sozialpsychologischen“, aus Machtgründen : so darf an ihr auch nicht
gerüttelt werden, und wenn ein Engel vom Himmel das Gegenteil verkünden
würde.—
Übrigens tröstet sich die gegenwärtige Theologie, in der sog.
modernen „formkritischen Schule“ eines Bultmann , Dibelius, Karl Ludwig
Schmidt, Bertram und anderer die Schutztruppe zu besitzen, die schon
dafür sorgen wird, daß der Glaube an den geschichtlichen Jesus allen
Zweifeln gegen[196]über neu gefestigt und unzweifelbar begründet wird. Durch
textkritische Erwägungen, wie Gunkel sie auf das Alte Testament angewendet
hat, glaubt diese Schule, in den Evangelien Einzelanekdoten, auf sich selbst
stehende Geschichten und Einzelworte unterscheiden zu können, die
ursprünglich über die Person Jesu umliefen und erst nachträglich zu einem
Ganzen zusammengesetzt sind. Man kann die Wahrheit ihrer Aufstellungen
zugeben, nur ist nicht einzusehen, was damit für die Geschichtlichkeit Jesu
gewonnen sein soll, da jene Bestandstücke sich ja ebenso gut auf eine
erdichtete Persönlichkeit bezogen haben können. Übrigens ist es dieser
Methode bis jetzt noch nicht gelungen, auch nur eine einzige sichere Tatsache
aus dem Leben Jesu festzustellen. Auch sind nicht alle Theologen von ihrer
Güte überzeugt. Schon hat Fascher in seiner Schrift „Die
formgeschichtliche Methode“
[101]
sich gegen diese gewandt, und theologische Autoritäten, wie
Jülicher, zucken über sie die Achseln und prophezeien ihr ein baldiges Ende
[102]
. Dabei zeigt wohl nichts deutlicher die Verwirrung, die über die
ganze Frage der Geschichtlichkeit Jesu bei den Theologen herrscht, als die
Tatsache, daß schon im Jahre 1910 die Theologen Weidel [103]
und Feigel in seiner Schrift „Der Einfluß des
Weissagungsbeweises und anderer Motive auf die Leidensgeschichte Jesu"
die vollständige Abhängigkeit der Leidensgeschichte Jesu vom Alten Testament
aufgezeigt haben, und ein anderer Theologe, Martin Brückner, in „Das Leben
Jesu in Galiläa" (1919) das Gleiche für das übrige Leben Jesu
nachgewiesen hat, und dies in der Sammlung Religionsgeschichtlicher
Volksbücher, die für die weitesten Kreise der Gebildeten [197] bestimmt
sind! Darf man sich unter solchen Umständen wundern, daß das Pochen der
Theologie auf die Geschichtlichkeit Jesu von Eingeweihten überhaupt nicht
mehr ernst genommen wird, und manche schon deshalb an jener Geschichtlichkeit
verzweifeln, weil die Theologie selbst keinen Glauben mehr an sie zu haben
scheint, so entschieden sie dies auch mit Worten abstreitet?
Inzwischen erschien im Herbst 1924 das zwölfte bis vierzehnte
Tausend der Christusmythe, — dies Buch in völlig umgearbeiteter Gestalt.
Hier ist der Hauptinhalt der beiden vorherigen Christusmythen in gedrängter
und möglichst volkstümlicher Weise zusammengefaßt, da der zweite Teil der
„Christusmythe“ nicht wieder aufgelegt werden soll, nachdem er seinen
polemischen Zweck erfüllt hat. Hinzugekommen ist hauptsächlich ein Nachweis
der gänzlichen geschichtlichen Wertlosigkeit der sog. Apostelgeschichte. Und
auch „Die Petruslegende“ erlebte, nachdem sie lange aus dem Buchhandel
verschwunden war, eine Auferstehung, auch sie auf den heutigen Stand der Frage
gebracht und mannigfach verändert und erweitert.
Gilb
|
[199]
Milesbo
In Italien hat schon im Jahre 1904 Milesbo (Emilio Bossi) in
seinem Buche „Gesù non è mai esistito" die Geschichtlichkeit Jesu
bestritten. Er schildert das Stillschweigen der Geschichte über die Existenz
des Christus, untersucht die angeblichen außerkirchlichen
Zeugnisse für diese Existenz, die geschichtlichen Gründe, die dagegen
sprechen, und kommt auf Grund hiervon zu dem Ergebnis, daß Jesus keine
geschicktlicht Persönlichkeit ist. Kann doch auch die Bibel den Beweis des
Gegenteils nicht liefern. Ihr Jesus Christus ist eine vollkommen
übernatürliche Persönlichkeit, die bloße Verkörperung eines göttlichen
Wesens. Sie schreibt von Christus nur in symbolischem Sinne, und was sie über
ihn vorbringt, ist wesentlich dem Alten Testament entnommen. Ihr Jesus ist ein
den Allegorien des Alten Testaments angepaßter Mythus, er hat kein eigenes
Leben, ist eine rein theologische, dogmatische und mythologische Schöpfung.
Dafür sprechen auch die grundsätzlichen Widersprüche sowie die
Ungeheuerlichkeiten, die sich über ihn in der Bibel finden. Seine wesentlich
passive Ethik ist nicht das Werk eines Menschen, sondern einer theologischen
Sekte, nicht durch die Wirklichkeit des Lebens, sondern durch das Interesse
der Kirche und die Rücksicht auf das Heil der Seele bestimmt. Die
mythologische Betrachtung zeigt, daß es schon vor Christus zahllose
Christasse gegeben hat, wie Krishna, Buddha, Zoroaster, Serapis, Dionysos,
Adonis, Mithra usw. Es handelt sich dabei um Sonnengötter, wobei auch Milesbo
mit Emile Burnouf, Hochart und Malvert auf die Ähnlichkeit Christi mit dem
vedischen Agni und die von den deutschen Gelehrten so arg verspottete
Gleichung agnus dei = Agni deus aufmerksam macht.
Milesbo
wendet sich alsdann demjenigen zu, was er die „christliche Täuschung“
nennt, nämlich dem Nachweis, daß die christliche Ethik nicht urtümlich ist,
sondern in ihrem [200] Wesentlichen mit derjenigen anderer Religionsstifter
und der Moral der antiken Philosophen (Seneca) übereinstimmt, sowie auch die
christliche Lehre, insbesondere diejenige von der Unsterblichkeit der Seele,
der Auferstehung, und das Dogma vom Worte (Logos) sich ebenso auch in anderen
Religionen findet. Und da nun auch der christliche Kult mit demjenigen der
übrigen vorchristlichen Religionen übereinstimmt, so schließt er mit
Stefanoni
[104]
, daß das Christentum nicht das Werk eines einzigen Menschen, auch
nicht weniger Jahre, sondern langer Arbeit verschiedener Völker ist, die
Zusammenfassung ihrer edelsten Gedanken, und daß es schon vor Jesus existiert
hat, um alsdann zu zeigen, aus welchen psychologischen Tatsachen heraus sich
die neue Religion gebildet hat.
Dabei weist
Milesbo entschieden die Ansicht ab, als ob das Christentum einen sittlichen
Fortschritt gebracht und der angeblichen Entartung des Heidentums Einhalt
geboten habe
[105]
. War es doch selbst ein Prinzip der Entartung und nicht des
Fortschritts. Hervorgegangen aus der Begegnung von Juden und Griechen in
Ägypten, wo Morgen- und Abendland sich mischten, eine Mischung, die
sich vollständig erst in Rom vollzog, trat es in die Welt, als Juden,
Griechen und Römer den Glauben an Freiheit und Glück verloren hatten und
daran verzweifelten, sie auf dieser Welt wiederzugewinnen, als die dem
Altertum natürliche Lebensfreude durch die Besinnung auf die schmerzvolle
Seite des Lebens zerstört war und die allgemeine Verzweiflung die Blicke auf
eine jenseitige Welt gelenkt hatte. Das Christentum war das Ergebnis jener
Zeit, als die Welt mehr als je von einer ungeheuren Sehnsucht nach Glauben,
besonders einem neuen, wunderbaren, mystischen erfüllt war, in welchem der
Verstand ausgeschaltet und die Sinne verleugnet wurden, als die Geister
ermüdet, überdrüssig des Denkens und nur nach [201] Ruhe begierig waren.
Die Einheit der Welt, wie Alexander sie vorbereitet, Rom sie vollendet hatte,
in welcher sich der altgemeine Friede bei der allgemeinen Knechtschaft
verwirklichte, sowie die Weltherrschaft der griechischen Sprache wurden das
Bindemittel und der moralische Berührungspunkt zwischen den verschiedenen
Nationen, während Rom den Mittelpunkt der materiellen Berührung der
verschiedenen Völker bildete und der religiöse Zustand der Zeit, die
zahlreichen Mysterienkulte (Serapis, Isis, Mithra) und nicht zuletzt die
modische Hinneigung zum Judentum, seinem Glauben an das nahe Weltende und der
Auferstehung von den Toten, seinen eindrucksvollen großen Persönlichkeiten
dem Siege des Christentums zu statten kamen. Huldigten doch auch die damaligen
Juden dem Kultus eines Erlösergottes, wahrscheinlich ursprünglich des
ägyptischen Serapis, des verkörperten Wortes, der auch Chrestus, d. h. der
Gute, hieß, um alsdann in Rom zur Unterscheidung von jenem und im Interesse
der Herrschaftsansprüche der römischen Kirche in den Jesus der Evangelien
umgewandelt zu werden.
Soviel ist jedenfalls unbestreitbar, die christliche Kirche
existierte vor den Evangelien und war schon vom Beginn der neuen Sekte an nach
dem Vorbilde der jüdischen Theokratie und dem Schema des griechischen
Vereinswesens und des römischen Kollegiums hierarchisch, dem sie auch ihre
Hauptbezeichnungen (Klerus, Bischof, Presbyter, Diakon usw.) entlehnt hat.
Ihre kluge Politik und ihre Vereinigung mit der weltlichen Macht unter
Konstantin vollendeten ihre Herrschaft über die Seelen. Und da sie trotz
aller Verfolgungen mit dem Heidentum nicht anders fertig werden konnte, so
verwandelte sie deren Götter in Heilige, wofür Milesbo eine Menge von
Beispielen anführt, und dies alles ganz unabhängig von der angeblichen
Persönlichkeit ihres Christus, der nie existiert hat und der ihr lediglich
dazu diente, für die christlichen Vorstellungen zu werben. Gab er doch der
leichtgläubigen Menge einen neuen Gegenstand ihrer Verehrung in
Menschengestalt, eine den Sinnen zugängliche [202] Gottheit, an die sie
glauben konnte, weil sie gleichsam mit Händen greifbar erschien. Allein die
Kraft ihrer Ausbreitung stammt nicht von Christus, sondern aus dem
volkstümlichen Wahn, in jenem das Sinnbild der in diesem Leben verworfenen
Unglücklichen zu erblicken, die in ihm verherrlicht werden würden. Mit dem
Glauben an die Geschichtlichkeit dieses Christus bricht auch das Christentum
zusammen.
Der
Radikalismus in Frankreich
Die Gleichsetzung von Christus mit Chrestus-Serapis, der Milesbo
zugeneigt ist, stammt von dem Franzosen L.Ganeval und ist von diesem in
seiner Schrift: „Jesus dans l’histoire n’ a jamais vécu“ (1875)
besonders zur Erklärung von Tacitus' Annalen 15, 44 vertreten worden, indem
dieser hiermit gleichfalls die Geschichtlichkeit Jesu meinte, bestreiten zu
können. Die Schrift beweise, daß man auch in Frankreich begonnen hatte, an
dem Jesus der Evangelien irre zu werden. Und dieser Zweifel wurde noch
verstärkt durch das umfangreiche und bedeutende Werk von Ernest‑Havet
„Le Christianisme et ses Origines“ (1883), das in seiner Kritik des
Lebens Jesu von dem geschichtlichen Jesus kaum nach den Schatten übrig ließ:
„Nicht nur die äußeren Tatsachen, auch sogar die Seele Jesu entwischt uns“
[106]
.
Mit voller
Entschiedenheit ist die Geschichtlichkeit Jesu neuerdings durch Moutier-Rousset
in „Le Christ a-t-il existé ?“ (1922) bestritten worden. Er zeigt
zunächst die allgemeine. Unglaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte auf
„Die Gewißheit der Persönlichkeit des Ulysses ist uns durch die Ilias und
Odyssee besser bezeugt als diejenige Jesu durch die Evangelien. Wer würde es
trotzdem wagen, den schlauen König von Ithaka nicht für eine erdichtete
Gestalt anzusehen? Und trotzdem enthalten die Gedichte Homers weniger
Unmöglichkeiten und Wunder als die Erzählungen des Markus, Matthäus, [203]
Lukas und Johannes, und die Verfasserschaft der Gesänge vom Zorne des
Achilleus und den Mißgeschicken des Gatten der Penelope, obschon sie aufs
Entschiedenste dem blinden Sänger von Chios abgesprochen worden sind, ist
weniger bestreitbar als
diejenige
der Werke der Evangelisten". Die gesamte übrige Geschichte weiß nichts
von Jesus, weder Josephus, Philo, Justus von Tiberias, Plutarch, Tacitus,
Sueton, Plinius der Jüngere, Juvenal, Persius, Martial, noch die kirchlichen
Schriftsteller (Paulus, die Apostelgeschichte, die Verfasser der apokryphen
Sendschreiben, Sibyllinen u.s.w.).
Und die Evangelien? Sie sind als geschichtliche Urkunden
gänzlich unzureichend. „Keine Persönlichkeit der Weltgeschichte oder der
Legende ist nebelhafter und weniger greifbar als der Jesus der Evangelien:
Mars, Ceres sind uns nahe stehende Gestalten im Vergleich mit derjenigen des
Messias. Wir wissen, daß Athene blaue Augen hatte und Venus blond war; die
Akten der Thekla geben uns ein eindrucksvolles Bild des Paulus. Jesus hingegen
ist viel mehr eine hieratische Gestalt, ein Sinnbild, eine künstliche
Personifikation des herkömmlichen Typus des Messias; wie er im Alten
Testament verkündigt ist, als eine wirkliche Persönlichkeit.“ Er ist dies
auch selbst in den apostolischen Zeiten der Apostel nicht gewesen, sondern
blieb beständig eine immaterielles Geschöpf der Legende, wie man denn auch
niemals anders über ihn als wie über ein übernatürliches Wesen gesprochen
hat, dessen Schicksale so erfunden sind, daß sie mit den Prophezeiungen des
Alten Testamentes übereinstimmten. Die evangelischen Schriftsteller halten
sich nicht an die üblichere
Zeitbestimmungen, die wirkliche Geschichte ist ihnen un bekannt.
Es verhält sich so, wie der Abbé Loriaux sagt: „Biedere Leute glauben an
die Göttlichkeit Jesu auf Grund überarbeiteter Abschriften, verloren
gegangener Urschriften, durchgesehen, man weiß nicht wo noch wann, durch
unbekannte Verfasser, die sich widersprechen und die .keine Zeugen der
Ereignisse sind; von denen sie berichten.“ Mit Recht hat daher auch Augustin
[204]gesagt: „Ich wahrlich würde dem Evangelium keinen Glauben schenken,
wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche hierzu nötigte.“ Er
vergißt dabei nur, daß ja die Autorität der Kirche sich auf die Evangelien
gründet, er sonach mit seinen Worten sich offenbar in einem fehlerhaften
Kreise herumbewegt. Die Existenz des Gargantua beruht, wie schon Voltaire
bemerkt hat, auf genau so sicheren Grundlagen, wie die Legende von Jesus, und
der Glaube an ihn ist von keiner anderen Art, als wenn man den Helden des
Rabelais für eine geschichtliche Persönlichkeit halten wollte.
Aber nicht bloß die Personen, wie sie in den Evangelien
auftreten, sind angreifbar und widerspruchsvoll gezeichnet, auch die
Ortschaften, in denen sie sich bewegen, die in den Evangelien geschilderte
Geographie Palästinas geben nicht weniger zu Bedenken Anlaß. Die Verfasser
der Evangelien haben augenscheinlich keinerlei genauere Kenntnis des heiligen
Landes. Was sie uns von dessen Fauna und seiner Flora mitteilen, entbehrt
aller sonderartigen Bedeutung, wofern es nicht dem Charakter von Palästina
geradezu widerspricht. Sie kennen die näheren Verhältnisse der Gegenden
offenbar gar nicht, in denen sie ihre Geschichte sich abspielen lassen. Und
ebenso bestätigen die Namen der Münzen, die Gewichte und Maße, die von
ihnen erwähnt werden, den Schluß, daß sie Palästina nie gesehen haben, wie
denn z. B. auch die Kleider der galiläischen Bauern durch einen hellenischen
Schneider angefertigt sind.
Was bleibt
sonach übrig von einer Legende, deren Held ein angreifbares Phantom ist, und
dessen ganze Umgebung, Menschen und Sachen falsch, grundfalsch sind? Wir
brauchen uns nicht zu wundern, daß auch der Hauptbericht der Evangelien,
derjenige über das Leiden Jesu, aller psychologischen und geschichtlichen
Wahrscheinlichkeit ins Gesicht schlägt und nur eine künstliche
Zurechtmachung auf Grand der alttestamentlichen Vorlage darstellt. Schon Havel
hat geurteilt, daß aus dem ganzen Leben Jesu nichts sicher sei als die
alleinige [205] Tatsache seiner Kreuzigung durch Pontius Pilatus. Indessen
selbst diese steht nicht einmal fest, und so kann das Endurteil über die
Evangelien nur lauten, daß die Legende von Christus eine unzulässige Fabel
darstellt.
Mit Montier Rousset stimmt Paul Louis Couchoud in seiner
Schrift „Le mystére de Jesus“ (1924) überein.
Das Evangelium, die Frohbotschaft von Jesus dem Heiland, auch das
„Geheimnis des Jesus“ genannt, ist keine Geschichtserzählung in unserm
Sinne—geschichtliche Zeugnisse für Jesus gibt es nicht. Es ist auch keine
philosophische Lehre, sondern eine Offenbarung Gottes, wenigstens bei Paulus.
Ein Evangelist ist ein Prophet, der diese Frohbotschaft durch eine geistige
Gnadengabe verkündigt, so auch Markus, der älteste Evangelist. Sein
Evangelium zerfällt in zwei Teile. Der erste dieser Teile beruht auf
geschichtlichen Erinnerungen, aber diese handelten ursprünglich nicht von
Jesus. Markus war der Dolmetschet des Petrus und hat die Taten und Wunder, die
dieser unter dem Einflusse des Heiligen Geistes, d. h. Jesu, vollzogen haben
wollte, als solche Jesu selbst erzählt. Daher die Übereinstimmung zwischen
den Wundern Jesu und denen des Petrus in der Apostelgeschichte. Aber auch der
zweite Teil des Markusevangeliums ist außer durch Prophetenstellen, wie vor
allem Jes. 53, durch den Tod des Steppanus beeinflußt, dessen Prozeß sich in
demjenigen Jesu widerspiegelt. Der Tod des Steppanus war das große tragische
Ereignis der ersten Zeiten des Christentums, Es hat wesentliche Züge zum
mystischen Tode Jesu geliefert.
Diese Annahme des französischen Forschers scheitert freilich
leider an der Tatsache der Unglaubwürdigkeit der Apostelgeschichte, deren
Erzählungen vielmehr umgekehrt denjenigen der Evangelien nachgebildet sind
[107]
. Die Apostelgeschichte ist ganz sicher eine reine Dichtung. Daß
Markus seine Kunde von [206] Jesus durch Petrus empfangen haben sollte, diese
Nachricht des Eusebius, ist mehr als zweifelhaft. Die Leidens- und
Todesgeschiehte Jesu läßt sich restlos aus dem Alten Testament und dem
Sternhimmel
[108]
verstehen. Es ist überflüssig, zu ihrem Verständnis auch die
angeblichen Petruserzählungen hinzuzuziehen, dieWunder Jesu aus
mißverstandenen Wundern des Petrus herzuleiten und die höchst anfechtbare
Geschichte von der Steinigung des Stephanus für das Vorbild der Verurteilung
Jesu anzusehen. Das heißt, ein Unbekanntes durch ein anderes ebenso
Unbekanntes erklären. Aber darin hat Couchoud recht, das Evangelium als einen
jüdischen Midrasch, eine Gleichniserzählung über das christliche Geheimnis,
zu betrachten. Seine Absicht ist nicht, geschichtliche Tatsachen zu erzählen,
sondern das Mysterium des für uns gestorbenen Gottes zu entwickeln. Es zeigt,
wie man dieses in Rom zur Zeit des Domitian (?) auffaßte, so wie die
Offenbarung des Johannes zeigt, wie man es um dieselbe Zeit in Ephesus ansah.
Beide Werke, so verschieden sie aussehen, haben im Grunde doch den gleichen
Gegenstand, die gleiche Methode. Sie betreffen das übernatürliche Wesen, von
dem sie inspiriert sind. Als Geschichte aufgefaßt, bricht das
Markusevangelium vollkommen in sich zusammen. Jesus ist als geschichtliche
Persönlichkeit gänzlich unbekannt. Man kann nicht einmal, wie gewisse
Kritiker, sagen: Wir wissen nichts von ihm, außer daß er gelebt hat. Man
muß den Mut haben, zu sagen: Wir wissen nichts vonihm, nicht einmal, daß er
gelebt hat. Und hier nun beginnt dasRätsel. Wie konnte man aus einem
Menschen, dessen Existenz sogar zweifelhaft ist, den großen Gott des
Abendlandes machen? Renan hat einen rein menschlichen Jesus zu zeichnen
versucht. Aber er hat die Züge zu diesem Bilde lediglich sich selbst und
Lamenais entnommen. Loisy, der größte französische Bibelkritiker der
Gegenwart, weiß als einzige sichere Tatsache aus dem Leben Jesu nur dessen
Verurteilung anzuführen. Oder [207] erklärt sich vielleicht die Entstehung
des Christentums besser gut als ohne einen geschichtlichen Jesus?
Die ersten Zeugen des Christentums sind die Briefe des Paulus.
Couchoud läßt ihre Echtheit mit Ausnahme des zweiten Briefes an die
Thessalonicher, des Epheserbriefes sowie der Briefe an Titos und Timotheus
gelten. So erscheint nach ihm der Paulinische Jesus mit Jahwe geradezu
derselbe trotz der von ihm behaupteten Verschiedenheit. Allein eben deshalb
ist es auch unmöglich, daß Paulus seine Auffassung von Jesus der Erinnerung
an einen galiläischen Wanderprediger entnommen habe, der als Aufrührer zu
Jerusalem hingerichtet wurde. Gewiß kennt das Altertum zahlreiche
vergöttlichte Menschen (Kaiser Claudius, Apollonius von Thyana, Alexander von
Abonoteichos). Aber in einer Nation wenigstens war eine solche Vergöttlichung
unmöglich, bei den Juden. Sie verehrten Jahwe, den einzigen, übersinnlichen,
wahren Gott, von dem man sich kein Bild machte, dessen Namen man nicht einreal
aussprach, der durch Abgründe über Abgründe von der geschöpflichen Welt
geschieden war. Die Juden verehrten den Kaiser, aber sie würden sich lieber
haben totschlagen lassen, als jenen als Gott anzuerkennen. Sie würden dies
auch getan haben, selbst wenn es sich um Moses gehandelt hätte. Und der erste
Christ, dessen Stimme wir vernehmen, ein Hebräer, Sohn eines Hebräers,
sollte ohne Bedenken einen bloßen Menschen Jahwe unmittelbar zur Seite
gestellt haben? „Das ist“, sagt Couchoud, „das Wunder, wogegen ich mich
sträube. Die Wunder der Evangelien würden keine Schwierigkeit bereiten. Sie
könnten hundert mal zahlreicher sein: ich würde um einer solchen Kleinigkeit
willen nicht an der Geschichtlichkeit Jesu zweifeln. Das unüberwindliche
Hindernis ist der Jesuskultus, die christliche Religion. Die Existenz des
Christentums, weit entfernt, diejenige Jesu zu beweisen, schließt sie aus.“
Je wahrscheinlicher man uns Jesus macht, um so unwahrscheinlicher wird Paulus.
Das Christentum ist nicht die Vergöttlichung eines Menschen. [208] Nirgends
beruft sich Paulus auf einen geschichtlichen Bericht. Für ihn ist die
Existenz Jesu nicht überliefert, sondern offenbart. Seine Zeugen sind die
heiligen Schriften und die Innenerfahrung, der Buchstabe und der Geist. David,
Jesaia und Daniel beweisen Jesus. Die Gnadengaben und, Wunder in den Gemeinden
bezeugen seine Gegenwart und Kraft. Am Anfang des Christentums steht eint
theologische Erfindung. Der Kyrios (Herr) der alten Bibel hat sich verdoppelt
in Gott den Schöpfer und Kyrios Christos. Die Vorstellung von Jesus ist nicht
einer geschichtlichen Tatsache, sondern einer neuen Auslegung des alten Wortes
Gottes entnommen. Eine mystische und neuartige Erläuterung ist der Anstoß
zur Entstehung des Christentums gewesen. Die Visionen, Wunder und
Offenbarungen des Geistes haben die Bestätigung hierzu geliefert. Hier ist
der wahre Ursprung der Paulinischen Auffassung von Christus. Die Legende in
der geschichtlichen Form ist erst nach ihm zustande gekommen. Allein im
eigentlichen Sinne begonnen hat das Christentum doch erst an dem Tage, an
welchem jenes aus der Schrift entstandene Wesen Christus jemandem in einer
Vision erschien. Als diesen Jemand betrachtet Couchoud den Apostel Petrus. Die
Vision des Petrus bildet die geschichtliche Unterlage des Christenglaubens.
Jesus ist hiernach kein zunehmend vergöttlichter Mensch, sondern
ein nach und nach vermenschlichter Gatt. Die Evangelien sind nur auf Grund der
Theologie des Paulus zu verstehen. Löst man sie von dieser los, so verlieren
sie alle tiefere Bedeutung. Für sich allein würden sie den Glauben nicht ins
Leben gerufen haben. Sie haben das Jesusbild des Paulus nur vollendet, indem
sie den himmlischen Menschen des Apostels in ein geschichtliches Individuum
umgedichtet haben.
Das Rätsel von Jesus löst sich auf in ein Mysterium. Seine
Geschichte ist eine dem Herzen zu teil gewordene Offenbarung, das Leben eines
Wesens, dem sich nur die Seele nähert, eine Sammlung von eindrucksvollen
Handlungen und lebendigen [208] Worten, die das Heil verschaffen, eine
Sammelvorstellung der geheiligten Natur. Nur so ist es der Gegenstand eines
exaktes Studiums, eine der größten Angelegenheiten der Weltgeschichte, und
Couchoud zweifelt nicht daran, daß um 1940 (?) Jesus ganz aus dem Umkreise
der geschichtlichen Tatsachen verschwunden sein und sich in eine bloße
Sammelvorstellung verwandelt haben wird. Der geschichtliche Jesus ist
vollständig annehmbar nur den Gläubigen und kann nur von ihnen wirklich
verstanden werden. Sie allein haben den Schlüssel jener alten Texte. Für sie
gibt es kein Jesusrätsel. Die Göttlichkeit Jesu, wie Paulus sie versteht,
und seine Geschichtlichkeit verbinden sich nur in einem Herzen, das schon
glaubt. „Wenn ihr aus Gemütsgründen an den Menschgott glaubt, so glaubt
ihr an den geschichtlichen Jesus auf Grund einer einfachen Entsprechung. Alle
Texte bezeugen euren Glauben, sie sind für euch geschrieben. Aber wenn ihr
nicht an den Gottmenschen glauben könnt, hofft nicht, aus den gleichen Texten
den geschichtlichen Menschen herauslesen zu können. Er ist nicht darin“"
Der Gottmensch erklärt alles, aber er ist ungreifbar. Der gewöhnliche Mensch
ist klar, aber er macht alles unbegreiflich.
Und
wie steht es mit dem Jesusbild des Paulus? Es ist rein metaphysisch,
gnostisch, aus Stellen des Alten Testaments gewonnen worden. Sein Jesus ist
der Held einer Offenbarung, nicht der Geschichte, der Gegenstand einer
mystischen Erfahrung, ein Mysteriengott ohne jegliche sinnliche Greifbarkeit.
Und nicht anders ist es auch mit den übrigen Jesusgestalten, wie sie uns in
den Briefen des Neuen Testaments entgegentreten. Aber auch der Clemensbrief,
den Couchoud merkwürdigerweise für echt zu halten scheint, die Didache
(Lehre der zwölf Apostel), der Hirt des Hermas wissen nichts von einem
geschichtlichen Jesus. Erst der Glaube an einen lebendigen Jesus hat den
Glauben an einen Jesus geschaffen, der gelebt hat. Die Weissagungen,
Gleichnisse und Oden, die man bei den christlichen Zusammenkünften
hervorsprudelte, haben den [210] Stoff zu den Worten Jesu geliefert, während
seine Taten auf Wundern, Sinnbildern und Visionen beruhen und das Alte
Testament die Einzelheiten hierzu beigesteuert hat. Markion hat mit Recht in
den Evangelien nur einen geistigen, aber keinen Jesus von Fleisch und Blut
gefunden. Diejenigen, die Markion verdammt haben, sind Schuld an der
Dunkelheit, die über dem Ursprung des Christentums liegt, und haben diesen
undurchdringlich gemacht. Ohne es zu wollen, haben sie alles getan, um den
Glauben hervorzurufen, das junge Christentum sei dieser alte Plunder ohne
religiösen Wert, diese Torheit: die Vergöttlichung eines Menschen gewesen.
Lassen wir den Menschen fahren, halten wir uns an den Gott! Jesus gehört
nicht in die allgemeine Geschichte, sondern in die Religionsgeschichte und die
Soziologie. Er ist nicht der Sohn des Joseph und der Maria gewesen, sondern
seine Erzeuger sind: Glaube, Hoffnung und Liebe.
Georg Brandes
Die jüngste Auslassung über die Jesusfrage stammt von keinem
Geringeren als dem berühmten dänischen Literaturforscher Georg Brandes.
Wie er immer in erster Reihe gestanden hat, wenn es galt, alte Vorurteile zu
brechen und einem Neuen die Bahn zu öffnen, so hat er auch trotz unzünftiger
Beschaffenheit sich veranlaßt gesehen, in den Kampf um die Geschichtlichkeit
Jesu einzugreifen. Seine Schrift trägt den Titel „Die Jesus-Sage",
1925.
„Wer eine Wahrheit ausspricht, die die teuersten Vorstellungen
eines Volkes auf den Kopf stellt“, sagt Brandes an einer Stelle seiner
Darlegungen, „muß auf Verfolgung und vieles Schimpfen vorbereitet sein.“
So ist es dem Berner Geistlichen Uriel Freudenberger ergangen, der im Jahre
1752 zuerst die Geschichtlichkeit Wilhelm Tells anfocht, und Brandes hat die
Wahrheit seines Ausspruchs inzwischen auch schon an sich [210] selbst
erfahren. Wilhelm Tell hat nie existiert. Aber das tut ihm keinen Abbruch. Er
ist und bleibt ein wirksames Ideal und beherrscht als Vorbild die Gemüter.
Nicht anders steht es auch mit Jesus.
Die älteste neutestamentliche Fassung dieser Gestalt liegt uns
in der Offenbarung des Johannes vor; sie ist sonach mit Unrecht an den Schluß
dieses Werkes gestellt, während sie von Rechts wegen an dessen Anfang
gehörte. Ebenso sollten die Briefe des Paulus vor den Evangelien stehen. „Dieses
Verhältnis hat nicht wieder gutzumachenden Schaden angerichtet, eine
Mannigfaltigkeit unüberwindlicher Vorurteile verbreitet, es einer wahreren
als der gewohnten Auffassung geschichtlicher und seelischer Tatsachen fast
rotmöglich gemacht, sogar bei dem verständigeren Teil der Menschheit
durchzudringen.“
Einst waren es die Wunder Jesu, an denen man vor allem Anstoß
nahm; von ihnen ist die Kritik der Evangelien ausgegangen. Heute steht die
Existenz des geschichtlichen Jesus selbst in Frage. Daß die Darstellung
seines Lebens in den Evangelien in weitgehendem Maße durch Geschichten und
Worte des Alten Testaments bestimmt ist, leugnet niemand. Das gilt vor allem
auch von seiner Leidensgeschichte und der Darstellung seines Todes; sie sind
in ihren Einzelheiten aus lauter solchen Stellen zusammengestoppelt (Jes.53,
Ps.22!) und enthalten keinerlei wirkliche Geschichte. Heidnische Zeugnisse
für Jesus gibt es nicht. Die Stelle bei Tacitus ist unecht. Paulus, von dem
Brandes ein ausgezeichnetes Charakterbild entwirft, kennt nur einen
himmlischen Christus, nicht den Jesus der Evangelien. Jener bildet den
Ausgangspunkt der sog. evangelischen Geschichte. „Das Christentum existierte
in seinem Keim und seinem Wesen von dem Augenblicke an, da der Messias der
Propheten, der Diener des Herrn bei Jesaia der verfolgte Gerechte der Psalmen
und Weisheitsbücher zu einer einzigen Gestalt, zu Jahwe selbst verschmolzen,
in einen Gott verwandelt [212] wurde, der starb, wieder aufstand und sich
wiederum offenbare wollte, um die Welt zu richten. Später haben dann die
Frage his und Wißbegier des gemeinen Volkes, sein Mangel an Fähigkeit sich
in solche geistigen Höhen zu heben, verursacht, daß man überlieferte
Anekdoten, eine mystische oder mythische Erzählung von der Entstehung Jesu,
eine Nachstellung des Neugeborenen durch Herodes, nachgeahmt der des
neugeborenen Moses durch Pharao (auch ihm ist nachgestellt worden, und er hat
wohl nie gelebt), eine Mythe von seiner Versuchung durch den Teufel, eine
Menge treffender Aussagen und Gleichnisse, die von damaligen Weisen stammten,
die Erzählungen von einem hochsinnigen, überlegenen Manne aus dem Volke,
eine Menge Heilungsmirakel, Wunder, Symbole, Visionen zusammengescharrt und
daraus das aus zahlreichen Elementen bestehende Gebräu gekocht, das Markus
zufolge das Evangelium genannt wird.“
Das ist dieselbe Anschauung, die Drews in seiner „Christusmythe“
vertreten hat. Auch Brandes zieht zur weiteren Erklärung die Vorstellung der
leidenden, sterbenden und auferstehenden Götter des Altertums herbei. Auch er
macht auf die Tatsache aufmerksam, eine wie unbestimmte und verschwommene
Gestalt trotz alles Geredes von Anschaulichkeit der evangelische Jesus ist und
eine wie wenig feste Form die schönsten uns von Jesus berichteten
Erzählungen in der Phantasie der Evangelisten angenommen haben. „Wie
vieles, was von dem nicht denkenden Leser als Geschichte aufgefaßt wird,
Allegorie ist, so muß in dem scheinbar Historischen auch viel
Astrologie stecken.“ Man hat geglaubt, um zu ihrem historischen Kern
vorzudringen, nur einfach alles von der evangelischen Darstellung abziehen zu
können, was unmöglich geschichtlich sein kann. „Es dürfte,“ meint
Brandes, „einem dann gehen, wie Peer Gynt, wenn er die Zwiebel schält und
Lage auf Lage abwickelt. Er findet eine unbändige Menge Lagen, hofft, daß
der Kern doch schließlich zutage kommen soll, und entdeckt [213] dann zu
seinem Unbehagen, daß bis ins Innerste nichts als Lagen sind.“ Eine nähere Betrachtung der evangelischen Geschichten bestätigt ihren rein mythischen und erdichteten Charakter. Das gilt vor allem auch von der Geschichte vom Verrat des Judas. „Daß man sie geglaubt hat, macht dem Scharfsinn der Menschheit keine Ehre!“ Besonders haben Moses, Josua, Elias und Elisa den Evangelisten zu ihrer Jesusgestalt Modell gestanden, und diese ist, wie gesagt, keineswegs eine deutliche und gleichartige Gestalt aus einem Guß geworden. Sie ist voller Widersprüche, nichts weniger als durchaus vorbildlich und lehrt im Grunde genommen nichts, was nicht längst Allgemeingut seiner Zeit war. Die griechisch-römische Moral stand hoch über derjenigen, wie die Evangelien sie Jesus in den Munde legen. Und was die Gleichnisse Jesu anbetrifft, so sind sie vielfach mehr als anfechtbar. „Schnurrig“ nennt Brandes z. B. mit Recht die Gleichnisse, in denen der Jesus der Evangelien auffordert, Gott unverdrossen mit Gebeten zu überlaufen: das helfe immer, er werde nämlich der Quälerei so satt, daß er alles bewillige. Der Gegensatz zwischen der Lehre Jesu und der der Thora oder der Rabbinen vor ihm ist ganz künstlich errichtet. Jesu Kampf gegen die Pharisäer ist vollkommen ungeschichtlich. Ein Blick auf die Apokalypse und das vierte Evangelium bestätigt den mythischen Charakter der Evangelien. Daran ändern auch die Stellen nichts, die scheinbar etwas Herabsetzendes von Jesus berichten (Schmiedels „neun Grundsäulen“ !). Sie schaffen nur eine Gegensatzwirkung, etwa wie wenn jemand Beethoven, um einen Eindruck von seiner Größe zu geben, in seiner Jugend in einem Dorfe Geige spielen und neben dem örtlichen Lieblingsgeiger durchfallen ließe. „Es ist hoffnungslos, bei den Synoptikern historischen Boden erreichen zu wollen.“ Auch Osiris, Prometheus, Apollon u, a. sollen der Menschheit unschätzbare Dienste geleistet haben und wurden in zahlreichen Tempeln verehrt. Daß sie je existiert haben sollten, glaubt heute nicht ein [214] einziger mehr, daß sie aber nicht existiert haben, verringert sie so wenig, wie es Achilles, Odysseus, Hamlet oder Faust verringert. Schon Kierkegaard hat bestritten, daß man aus der Geschichte etwas über Christus erfahren könne. „Das heißt in den Gedankengang und die Sprache unserer Tage übertragen: Es ficht göttliche Wesen nicht an, daß sie ihr wahres Leben, ihr einziges Leben im Gemüt des Menschen haben."
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[215]
Die Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu und die religiöse Lage der Gegenwart
Überblickt man die Schriften gegen die
Geschichtlichkeit Jesu, so hat man zunächst den Eindruck, daß die Leugner
seiner Existenz nur in diesem einen Punkte übereinstimmen, im übrigen jedoch
die allerverschiedensten Behauptungen vertreten. Das ist ja auch nur
selbstverständlich, da die Frage nach der wahren Entstehung des Christentums,
die mit derjenigen nach der Geschichtlichkeit Jesu in auerengstem
Zusammenhange steht, nur vermutungsweise beantwortet werden kann und hier die verschiedensten Möglichkeiten von den
verschiedenen Standpunkten der Betrachtung aus sich darbieten. Hat doch die
christliche Kirche selbst alles getan, um ihren wahren Ursprung in einen Nebel
von erdichteten Erzählungen zu hüllen, und dadurch die Spuren ihres
Eintritts in die Weltgeschichte den Blicken der Nachwelt so gut wie
vollständig zu entziehen gewußt. So kann der unbeeinflußte Forscher nur mit
äußerster Mühe, nachdem er den Schutt der kirchlichen Überlieferung nach
Möglichkeit hinweggeräumt hat, bis zu den Quellen des Christentumes
vordringen oder vielmehr die letzteren nur mittelbar erschließen und durch
Abwägen der verschiedenen Möglichkeiten eine Hypothese über die Entstehung
der christlichen Religion aufstellen. Und dies ruft dann nur allzu leicht den
Eindruck hervor, als ob die Geschichtlichkeit Jesu selbst nicht so zweifelhaft
sei, wie deren Leugner dies behaupten.
Demgegenüber ist zu sagen, daß die Ungeschichtlichkeit Jesu wissenschaftlich so gut feststeht, wie diejenige etwa des Lykurg, des Romulus und Remus, der sieben Könige Roms, [216] des Horatius Codes oder Wilhelm Tells. Und auch daran kann kein Zweifel sein, daß, wenn es sich nicht eben um Jesus, den Heiland des christlichen Glaubens, handelte, kein wissenschaftlich geschulter Forscher noch eine Lanze für sie einlegen würde. Es ist wirklich nur das christliche Vorurteil und die Furcht vor den praktischen Folgen einer Leugnung Jesu, die, wie sie die Geschichtsforscher, mit wenigen Ausnahmen, bisher daran verhindert haben, sich ernsthaft um die Frage der Entstehung des Christentums zu bemühen, die Theologen, auch wenn sie sich „geschichtliche“ nennen, so krampfhaft an ihrem Jesus festhalten läßt. Ist doch die Geschichte für den Glauben, wie zu Anfang dieser Schrift bereits hervorgehoben wurde, eben nur das Mittel zur Begründung der Wahrheit der christlichen Erlösungslehre: Christus „muß” gelebt haben, wenn Erlösung im Sinne des Christentumes möglich sein soll, und er „hat” gelebt, weil andernfalls das Christentum die unerschütterliche Sicherheit seiner Überzeugung, die Begründung, Verbürgung und Bestätigung seines Glaubens einb |