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Bauers Tod und Bestattung
Von Emil
Fischer
Aus dem Archiv des Neuköllner Heimatvereins

Eingang des St. Jakoby-Kirchhofs an der Hermannstraße
in Berlin-.Neukölln - Juni 2001
Bauer
erfreute sich bis in sein hohes Alter körperlicher und
geistiger Gesundheit. 72 Jahre alt, wurde er von einer
Lungenentzündung heimgesucht, an der er auch am 13. April
1882 starb. Nachdem die sterbliche Hülle des Philosophen in
dem Familienzimmer aufgebahrt und seine Totenmaske
abgenommen worden war, wurde der Sarg auf den Hof
hinübergetragen und hier, unter freiem Himmel, im Angesicht
der Mauern, zwischen denen der Verstorbene seine letzten
Lebensjahre in unermüdlichen Studien und Arbeiten
zugebracht hatte, niedergesetzt. Die Trauerversammlung, etwa
vierzig bis fünfzig Personen, Schriftsteller, darunter Guido
Maiß und Ernst Dohen, Buchhändler, Freunde und Anhänger des
Dahingeschiedenen, sammelten sich um die Bahre. Der Sarg, in
würdiger Einfachheit und eichenfarbigem Holze, ist mit
einigen Kränzen geschmückt. Am Kopfende des Sarges steht ein
kleiner, wettergebräunter Greis, der Bruder des
Verstorbenen mit seiner bejahrten Gattin und tränenden
Auges halten sich die beiden Alten umfangen. Der
Ortspfarrer Joh. Schröder, der dem Todkranken Trost spenden
wollte, war nicht angenommen. Auf vorangegangene
Aufforderung von Seiten der Familie und Freunde Bauers
spricht der Prediger Schäfer (von der freireligiösen
Gemeinde) dem Toten ein schlichtes, doch stimmungsvolles
Abschiedswort: Seine geringste Sorge – sagt er u.a. – war um
sich selbst - in der Selbstverleugnung hat Bruno Bauer, der
große Reformator theologischer Prinzipien gelebt, und so
ist er auch dahingegangen. Und wenn kein Grabstein seinen
Namen nennt, spätere Geschlechter werden ihn höher
würdigen, als seine Zeitgenossen: die Geschichte wird in
spätern Tagen sich seiner erinnern, und dessen, was er
lehrte und schrieb. Er tat, was er tat, und ließ, was er
ließ – nur so können wir seiner gedenken. Die kräftigen
Strahlen der Nachmittagssonne fielen auf das greise,
lockenumwallte Haupt des Sprechers, der mit seinem kräftigen
und warmen Organ einen tiefen Eindruck auf die feierlich
bewegt Trauerversammlung hervorbrachte. Darauf hoben die
Träger den Sarg auf, und der Zug der Leidtragenden schloß
sich an. Auf dem nahen Kirchhof der Jacobigemeinde wurde die
irdische Hülle des Verstorbenen in einem Reihengrab
beigesetzt. Da zugleich ländlich gekleidete Bewohner
Rixdorfs, sowie die Dorfjugend des Ortes der Beisetzung
beiwohnten, so hatte der ganze Trauerakt von der Rede bis zu
dem Moment, da die Erdschollen mit dumpfem Klang auf den
Sarg niederfielen, fast den Charakter eines großen, tief
einschneidenden Familienereignisses.
Der
Grabstein:
Hier ruht
Dr. phil.
Bruno Bauer
* 6. 9. 1809 + 13.4.1882
Er war ein Bürger Rixdorfs


Nekrolog
auf Bauer
Börsen-Courier - 18.4.1882
(aus
Ernst Barnikol: Bruno Bauer, Studien und Materialien, Assen,
1972)
Von einem
gelehrten Mitarbeiter geht uns die folgende fesselnde
Charakteristik des jüngst verstorbenen Philosophen Bruno
Bauers zu: Zwar konnte er in seinen letzten Jahrzehnten nur
noch ein pathologisches Interesse in Anspruch nehmen, der
Einsiedler von Rixdorf, der einst die Welt aus den Angeln zu
heben drohte und dabei die begabtesten und gescheitesten
Leute, die zum Teil nachmals Bedeutendes leisteten, zu
gläubigen Verehrern, ja zu Anbetern hatte, und der zuletzt
als — Gärtner wenigstens einige, als Schriftsteller fast
keine Anerkennung mehr fand. Der Beherrscher der „souveränen
Kritik“,
der kühnlich alle biblischen Bücher, alle kirchlichen
Bekenntnisse, alle religiösen Satzungen in den Abgrund des
Nichts warf, war Amanuensis des übergläubigen
Irvingianer-Engels, emeritierten Kreuzzeitungs-Redacteurs
und Gründers Geheimrat Wagener, famosen Andenkens geworden.
Der Revolutionär par excellence, dem die gigantischen
Gestalten des Convents kaum genug taten für
Menschenbeglückung, wetteiferte schließlich mit den vom
Reptilienfonds bezahlten Leuten für das bekannte „praktische
Christentum“. Das Alles tat die „Logik“, die Hegel'sche Logik, von der der Philosoph selber
gesagt hatte: „Die Logik ist Gott!“ Und vielleicht hatte Karl Schwarz nicht Unrecht,
wenn er schon vor fünfundzwanzig Jahren Bruno Bauer „die
tollgewordene Logik“
nannte, denn diese „Logik“,
die unausgesetzt wie ein böser Geist ihn beherrschte, hat
ihm Alles genommen — den Frieden seines Innern, jedes äußere
Glück, jede Ehrenstellung in Wissenschaft und Leben und sie
hat nichts gegeben: er hat arm gelebt und ist arm gestorben.
Verkauft hat er sich mindestens nie!
Bruno
Bauer stammte aus Eisenberg im Altenburgischen, dem
Geburtsort des Märtyrer-Philosophen Krause; sein Vater war
ein kleiner Porzellanmaler, der, weil er seine Familie in
dem Landstädtchen nicht durchzubringen vermochte, nach
Berlin übersiedelte und sich in einem Häuschen bei der
Dreifaltigkeitskirche an der Mauerkirche ehrlich nährte. Er
wendete alle seine Ersparnisse an seine Kinder. Bruno mußte
studieren. Der junge Mann tat sich zeitig hervor, — wie's in
der Zeit lag, wurde er als Student — seit 1827 — ein
rasender Hegelianer. Hegel und Marheineke hofften Großes von
ihm; seine ersten Aufsätze in den „Jahrbüchern für
wissenschaftliche Kritik“ schafften ihm die Beachtung, bald das entschiedene Wohlwollen des
Cultusministers von Altenstein zu. Als Theolog und Philosoph
auf der Kanzel wie auf“
dem Katheder winkte ihm eine glänzende Zukunft. Er war ein
kräftiger Redner und ein markiger Schriftsteller, durch
mustergültige Diction allen sonstigen Hegelianern überlegen.
Als Anhänger des absoluten Staates und der unionistischen
Orthodoxie, die er beide — ganz nach der Hegel'schen Logik —
als in Preußen allein berechtigt erklärte, war er der Mann,
wie man ihn verlangte, ein Schoßkind der Regierung. Da
erschien 1835 das „Leben Jesu“
von David Friedrich Strauß. Bruno Bauer hielt über dieses
Werk von seinem orthodox-scholastischen Standpunkt aus in
den „Jahrbüchern“ ein furchtbares Gericht, aber die öffentliche Meinung hebt Strauß auf
den Schild, der, trotzdem er die Hegel'sche Schule nach
obenhin in Mißkredit setzt, die Bewunderung der halben Welt
auf lsich zieht und seine
Gegner, soweit er sie nicht zu ignorieren vorzicht,
siegreich widerlegt. Auch die bedeutendsten Hegelianer
Berlins, wie Gans, Vatke, Benary, Michelet, in der Stille
selbst der Minister von Altenstein fallen Strauß zu. Da
wirft sich Bruno Bauer auf denselben Stoff, und, die
Unhaltbarkeit der orthodoxen Überlieferung erkennend, sucht
er in wuchtigen Werken Strauß zu überbieten. Nicht aus
Mythen, sondern aus der freien schriftstellerischen
Production der einzelnen Evangelisten, auf der des Marcus
als des ältesten, dem die anderen mehr oder weniger folgen,
läßt er die Evangelien entstehen. Seine Behauptungen, von
eminentem Scharfsinn zeugend, erregten durch die unerhörte
Dreistigkeit, mit der sie selbst dann vorgetragen wurden,
wenn alle Beweise fehlten, und durch die gewaltsame
Konstruktion des Stoffes, auf der sie beruhten, nicht nur
ungeheures Aufsehen, sondern auch schwere Bedenken, ja
selbst höchliche Entrüstung. Fast alle Theologen, die sich
mit der Entstehungsgeschichte des Christentums
beschäftigten, griffen ihn an, der junge Mann antwortete,
selbst den anerkanntesten Autoritäten seiner Wissenschaft
mit Hohn und Verachtung. Besonders fiel er über Hengstenberg
her, aber auch seinem eigenen Meister Hegel sagte er
triumphierend in seiner „Posaune des jüngsten Gerichts“
Nichtchristentum und Atheismus nach. Vergebens suchte der
Cultusminister von Altenstein den jungen Privatdocenten, dem
er eine Professur zu verleihen im Begriff war, in den
Schranken zu erhalten. Bald darauf starb Altenstein, sein
Nachfolger Eichhorn war dem jungen Gelehrten gegenüber von
ganz anderer Auffassung. Er entzog Bruno Bauer die Erlaubnis
an einer Universität zu lehren. Trotzig bot dieser dem
Ministerium, der ganzen Regierung, der gesamten Wissenschaft
die Spitze. Er sammelte in Berlin einen großen Kreis von
Anhängern, — Männlein und Weiblein — um sich, die bei Hippel
in der Dorotheenstraße täglich oder wöchentlich ihre
Sitzungen abhielten. Schonungslos geißelte da der Meister,
der an die Stelle der „Metaphysik" die „souveräne Kritik"
erhob, alles Bestehende, „Alles, was besteht, ist wert, daß
es zu Grunde geht“
war mit Mephisto seine Devise. So gründete er eine radikale
Schule in Berlin, die 1848 sich in ihren ganzen Bedeutung
zeigte. Seine Werke über die französische Revolution und
über die Cultur des achtzehnten Jahrhunderts, so schnell
geschrieben, als wären sie aus dem Ärmel geschüttelt und
doch genial, gehören diesem Stadium an. Er war Bettinens
Apostel in der socialen Frage und predigte Cobdens
Evangelium vom Freihandel. Die radikalen Junghegelianer
priesen ihn als den Messias der neuen religionslosen Zeit,
bis dann Karl Marx, der allbekannte Socialist, in seinem
prächtigen Pamphlet „die heilige Familie“
Bruno Bauer's Gebahren der Welt vorführte und es dem Fluch
der Lächerlichkeit preisgab. Bald erlebte der „kritische
Prophet“
, dem außer seinem Bruder Edgar nur wenige treu blieben,
allgemeinen Beifall. Tief erbost über die „Philister“ , wie über die „Juden“ , erging er sich in lautem Hohn über den Liberalismus der Zeit, den
kirchlichen, wie den politischen. Er redete unverhohlen den
schroffsten feudalen, wie hierarchischen Bestrebungen das
Wort, nicht aus Sympathie, sondern lediglich, weil er dem
mittelmäßigen Liberalismus, der ihn, den Propheten, den
Logiker verkannte, jedwede Niederlage gönnte. Zwar 1848 kam
die vulkanisch-radikale Natur des Mannes in akuter Form zum
Vorschein, aber man wußte, woran man mit ihm war: er hat von
der Revolution nichts gewonnen, als — Prügel, die ihm bei
jenem bösen Exzeß in Charlottenburg einmal reichlich zu Teil
wurden. Sein Haß gegen die Liberalen stieg nun bis zum
Siedepunkt. Dabei suchte er, dem nichts daran gelegen war,
daß er überall anstieß, in seinem frechen Werke über die paulinischen Briefe auch die Theologen womöglich zu
zermalmen. Er hatte nunmehr die Schiffe hinter sich
verbrannt und — konnte verhungern.
Von den
deutschen Zeitgenossen fast durchgängig ignoriert, wo nicht
gemieden, der Reaktion jeden Triumph gönnend und doch ihre
Schwäche klar erkennend, voll Groll gegen Philister,
Gelehrte, Kaufleute, erfüllte ihn ein Ekel vor dem damaligen
Treiben, der ihm die Schrift eingab: „Rußland und das
Germanenthum“
(1853). Seine Logik inspirierte ihn dahin, daß es mit dem
Germanentum eben aus sei, daß Goethe, Hegel, Beethoven die
Schlußpunkte deutscher Kultur bildeten, daß die Zukunft
Rußland gehöre — Rußland und den Vereinigten Staaten von
Nordamerika. Sein Lob Rußlands brachte den Atheisten und
Kirchenverspotter doch den preußischen Konservativen näher.
Er wurde Mitarbeiter der „Zeit“
und später Gehilfe bei der Redaktion von Wagener's „Staats-
und Gesellschaftslexikon“.
Sein Ziel
war, eine Geschichte der römischen Kaiserzeit zu schreiben,
aber dazu gewann er die Muße nicht. Er lebte armselig, war
sehr unscheinbar gekleidet, war mäßig, und verschmähte jeden
Genuß. Es tat ihm wehe, daß er keinen eigenen Hausstand
hatte und daß er sich nicht einmal ausreichendes
literarisches Material zu verschaffen vermochte. Er
projektierte ein Werk über neuere und neueste
Kulturgeschichte,—aber dergleichen zu liefern war in seiner
Lage unmöglich.
Und
unabhängig wollte er leben. Der Dämon, der ihn immer wieder
auf das ihm so gefährliche Gebiet der Theologie trieb,
machte es ihm von vornherein unmöglich, mit den herrschenden
Mächten Frieden zu schließen. Unberechenbar war er und blieb
er, denn er gehorchte nur der „Logik“ und zu dieser führte eine einzige enge
Wendeltreppe, — die durch das Gehirn Bruno Bauers.
So hat er
seit dem Jahre 1862 den konservativen Ultras viele Dienste
erwiesen, ohne daß diese ihn je näher herangezogen hätten.
Sie benutzten ihn, und er, „der Unabhängigste der
Unabhängigen“
, ließ sich benutzen; ihn bestimmte vielleicht die Sorge um
das liebe Brot, vor allem aber der Haß gegen die Liberalen,
gegen die Philister, gegen das Bürgertum, das ihn nicht ganz
und voll anerkennen wollte, das einen Widerwillen gegen
gewaltsame Naturen, wie die seine, nicht los zu werden
vermochte. Und hierin begegnete er sich mit dem Fürsten
Bismarck, der ihm, dem Freunde jeglicher Kühnheit, mächtig
imponierte und den er dennoch mehr wie einmal seiner
souveränen Kritik unterwarf.
Als sein
Bruder gestorben war und sein Häuschen in Rixdorf voll
unmündiger Kinder gelassen hatte, nahm sich Bruno Bauer der
Hinterbliebenen an und betrieb auf dem kleinen Grundstück
mit unermüdlichem Eifer Landwirtschaft und Gärtnerei. In
dieser Sorge erschien er höchst ehrenwert, er war, das sah
man deutlich, nicht liebeleer. Hat doch beispielsweise
selten ein deutscher Schriftsteller die deutsche Frau mehr
gefeiert als Bruno Bauer.
Aber auch
sein Haß verließ ihn nicht, das bezeugte seine
Schriftstellerei. Glück hat er mit den Büchern seines
Lebensabends nicht gehabt, mochten sie das Urchristentum,
mochten sie die neuere Zeit, die Strikes oder die Quäker
betreffen. An den literarischen Vorbereitungen der
Judenhetze hatte er sein wohlgemessenes Teil. Disraeli war
seit dreißig Jahren der Gegenstand seiner Spähkraft, auch
nach seinem Tode verfiel der englische Staatsmann und
Schriftsteller erst recht dem Seziermesser des „souveränen
Kritikers — von Rixdorf“
.
Zu
bewundern bleibt immerhin, daß dem Einsiedler von Rixdorf,
um den sich nur noch wenige kümmerten, kein Zug der
Zeitgeschichte entging.
Es geht
ein tragischer Zug durch die Erscheinung dieses Mannes. Zu
etwas Großem geboren, von gewaltigen Geistesanlagen mußte er
sich früh in eine bestimmte Methode des Denkens verrennen,
von der er sich nicht wieder los zu machen vermochte. Von
all den guten Köpfen, die durch die Hegelsche Philosophie
verbildet oder gar zerrüttet wurden, ist Bruno Bauer der
beklagenswerteste.

Die
Grabstätte Bruno Bauers mit Grabstein, siehe Pfeil
(Aufnahmen vom Januar 2005).
Sie befindet sich auf dem Neuen St. Jakobi-Kirchhof in
Berlin-Neukölln.
©
Photos H. . Detering
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