Der falsche Paulus
Ein Berliner Theologe behauptet, die Gestalt des
Heidenapostels Paulus sei eine literarische Erfindung aus dem zweiten
Jahrhundert
Er
ist der berühmteste Reisende des Altertums. Er arbeitete als Zeltmacher
Wunderheiler und Weltrevolutionär. Sein Leben war eine Kette von Abenteuern,
Folter, Prozesse, Schiffbrüche und Steinigungen inbegriffen. In
Ephesus verurteilte man ihn einmal zum Tierkampf, aber auf Befehl des Himmels
verbrüderte sich der hungrige Löwe
mit dem ihm zugedachten Opfer. Erwischt hat es den kahlköpfigen Mann mit dem
spitzen Bart deshalb erst Jahre später, vielleicht anno 67 in Rom: Exekution
auf Befehl Neros. Als der Henker ihm den Kopf abschlug (so eine alte Legende),
spritzte Milch aus der Wunde des Märtyrers...
Wer
war‘s? Mit solchen Anekdoten kann man den Völkerapostel Paulus
schnell skizzieren. Andererseits ist der Missionar mit seinem Weg
„von den Juden zu den Heiden“ eine geschichtliche Kolossalfigur von kaum
zu überschätzender Bedeutung. Universalhistoriker zählen ihn zu den Top ten der einflußreichsten Personen der Welt. Der
Grund:
Paulus
überhöhte die Weltuntergangslehre des historischen Jesus zu einem
geheimnisvollen Erlöserkult; vielen gilt er deswegen gar als eigentlicher
„Erfinder des Christentums“.
Sein
Mysterium predigte er nicht etwa — wie die ersten Jünger Jesu — der jüdischen Bevölkerung rund um Jerusalem
oder in der Diaspora. Paulus hieß ausdrücklich die ganze griechisch-römische
Welt willkommen, sofern sie sich zum Christusglauben bekannte.
Beides
hat dem Heiligen nicht nur Freunde gemacht. Im Gegenteil: Heute hat er
mindestens so viele Hasser wie Bewunderer. Eines allerdings setzen beide
Parteien voraus: Daß die ehrwürdige Paulus-Geschichte — wie sie das Neue
Testament in den angeblich von Paulus diktierten „Briefen“ und zusätzlich
in der sogenannten „Apostelgeschichte“ erzählt — auch wahr sei.
Ist
sie es? „Ne“, sagt der Buchautor Hermann Detering, 41, trocken. Fast
gegen die gesamte Zunft ist der Berliner überzeugt, daß in den
neutestamentlichen Pauluspassagen nicht wirklich die ganz frischen Probleme
des frühen Christentums zehn, zwanzig Jahre nach Jesu Tod zu Wort kommen. Für
Detering sehen die Polemiken— auch die Differenzen zwischen Briefwerk und
Apostelgeschichte—eher nach den überaus komplizierten Kirchenstreitereien
aus dem mittleren zweiten Jahrhundert aus. Damals kämpften in den zahlreichen
Mittelmeermetropolen viele Gruppen und Grüppchen gleichzeitig um die Macht im
Namen Christi; Judenchristen gegen Heidenchristen, Weltfreunde gegen Asketen,
Obrigkeitsanhänger gegen Revolutionäre.
Der ehrwürdige Heldenapostel Paulus—keine historische Figur? Seine
Briefe, Kernbestand des neuen Testaments, vielmehr ursprünglich von dem 144
unserer Zeitrechnung exkommunizierten Griechen namens Marcion geschrieben?
Die Apostelgeschichte — gar eine Gegenfälschung? Wer je daran gescheitert ist, sich durch die unvoreingenommene Bibellektüre
ein psychologisch irgend stimmiges Bild des Apostels zu machen, kann sich nun
trösten. Es war—jedenfalls
nach Ansicht dieses Fachmanns—ein unmögliches Unterfangen.
Das wichtigste Argument in Sachen
unhistorischer Paulus besteht in der Tatsache, daß seine angeblich so überragende
Persönlichkeit inklusive der welthistorischen Wirkungen den Zeitgenossen außerhalb
der christlichen Welt offenbar keine Silbe wert war. Niemand aus der profanen
Welt bezeugt ihn, nicht einmal jene griechischen oder römischen
Schriftsteller bzw. Politiker, die dem Wundermann an den vielen Stätten
seines angeblichen Wirkens doch zwangsläufig hätten begegnen müssen.
Deterings
250-Seiten-Buch ist erst seit ein paar Tagen im Handel. Wie die Öffentlichkeit
auf sein Werk reagieren wird, würde der Autor natürlich jetzt schon gern
wissen. Immerhin spricht es seine gewagte These schon im Titel aus. Er lautet:
„Der gefälschte Paulus“, darunter ist vom „Urchristentum im
Zwielicht“ die Rede.
Das
alles könnte starker Tobak sein, Vielleicht hätte sich vor 30 Jahren niemand
um solche Publikationen gekümmert. Heute aber bergen sie Sprengkraft.
Kirchenverdrossenheit, Verschwörungstheorien, Sensationsgier:
Wer das zusammenrührt, kann durchaus mit einem großen Publikum rechnen.
Detering behauptet immerhin ganz explizit, die größte Weitreigion beruhe
objektiv auf einer literarischen Fälschung. Hinzu kommt noch die Pikanterie,
daß der Verfasser im Hauptberuf als evangelischer Pfarrer amtiert. Da fragen
die Leute schnell: „Darf der das?“
Er
darf es wohl. Nehmen wir Hermann Detering vorläufig ab, daß sein für
gebildete Laien geschriebenes Werk nicht auf Sensationsmache, sondern auf
Information
aus ist. Rechnen wir gleichzeitig damit, daß dem Außenseiter der geballte
Zorn der Zunft ins Haus steht. Immerhin hat er die Methoden der
wissenschaftlichen Bibelkritik bei Walter Schmithals gelernt, einem Doyen der
protestantischen Theologie. Der renommierte Gelehrte ließ seinem Doktoranden
offenbar trotz inhaltlicher Bedenken jahrelang Freiraum genug, den Tabus der
etablierten Paulus-Kritik nachzuforschen.
Bienenfleißig
trug Detering damals die stärksten Argumente für die These zusammen, die
seit den Anfängen der historischen Bibelkritik im 18. Jahrhundert immer
wieder diskutiert, aber vom Establishment auch immer wieder verworfen wurde:
Daß nicht nur die bereits als Fälschungen erkannten Episteln an Titus oder
die Kolosser unecht sind, sondern alle! Daß auch die „Apostelgeschichte“
erst im zweiten Jahrhundert geschrieben sein kann—mit eindeutig
kirchenpolitischer Tendenz.
Vielleicht
aber ist die ganze Aufregung übertrieben. Paulus ist schließlich seit langem
Kummer gewohnt. Man hat ihm in den letzten Jahren abwechselnd
Frauenfeindlichkeit, die Etablierung von Fegefeuer, Trinität und Eucharistie
und nicht zuletzt den Satan und die Erbsünde vorgeworfen. Da wird ihn die
Bestreitung seiner Existenz kaum noch aus der Ruhe bringen.
Roger
Thiede